Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn Herr Blnmenfeld »»eint, das sei eine Lächerlichkeit, denn selbst wenn Goethe Antisemnt gewesen wäre, wäre er «n» nicht weniger wert — so trifft das nicht den Kernpnntt. Denn davon spreche« Mt nicht, sondern wir sprechen davon, daß er es nicht gewesen ist. (Zwischenruf Mnmenfeld: dos ift nrchistrwisch. Wir wehren uns aber dagegen, daß Goethe nur unter diese« Gefichtspmckt betrachtet wird. Das ist der Hegensatz »wische» uns./ Der Gegensatz ift ein ganz anderer, e» ift der Hegensatz zwischen den Notwendigkeiten des politischen Augenblick» im Togeötampf und einer Beurteilung, die in vorherigen Zeiten am Platze ist. Ich komme nun »eilet zurück auf die Frage: Ist denn das, was sowohl von Herrn Blumenfeld, wie von Herrn Lohn vorgetragen worden ist, irgendetwas anderes als die Beschreibung dessen, war eine Organisation leisten kann, mag sie Gemeindc oder Landesverband heißen, die in den stampf gegen den Judenhaß eintritt und die nun einmal einen gefinnungsmäßio festgelegten Standpunkt haben muß, um im politischen Stampf überhaupt eine Position einnehmen zu können? Hier ift der anzugreifende Punkt, der verkannt wird. In all den vielen Reden und Schriften, die von der sogenannten Uebernahme der Abwehr durch die Gemeinden oder den Landesverband handeln, wird immer anerkannt, daß für eine solche Uebernahme eine geistig gefestigte Auffassung über die Hrundftagen unsere» Dasein» Boraussetzung ist. Siebe, ich auf dem Standpunkt: Wir Juden find eine nationale Minderheit, dann iverde ich diese Debatte ganz ander» einrichten müssen, als.wenn ick auf dem Standpunkt stehe: Bir find Deutsche und Juden' gleichzeitig. Ls läßt sich bei den ganz«» Problemen de» Tage», ich könnte sie hundertfach aufzählen, nicht eine Linhettsfront zugrunde legen, so sehr ich sie auch wünsche. In gewissen Fragen natürlich, aber nicht in entscheidenden Lebensfragen (Zuruf von der Bolkspartei: Mit welchem Recht sprechen Eie für die ganze Iudenheit?) Ich habe da» nie getan, ich habe immer mit Hochachtung von denen gesprochen, die auf jüdisch-nationalem Boden stehen. Ich habe immer gesagt, man kann den Standpunkt durchaus verstehen und würdigen, er geht von anderen Lntwicklüngsreihen au». Ich Hab« aber auch stets betont, daß ich einen anderen Standpunkt einnehme. Don diesem Standpuntt aus sehe ich die Dinge, wie sie gesehen werden können: Ich habe immer gesagt, Ich bedauere, daß Sie manche bösen Erfahrungen in Pa. lästina gemacht haben, ick habe mich nie darüber gefreut. Was heute in Palästina vor sich geht (Zwischenruf von der Bolkspartei: Herr Dr. Holländer, Sie rühmen doch auch nicht unsere Erfolge und kennen nicht die ungeheuren Fortschrittel) — lesen Sie sich doch die Protokolle vom letzten Zionistenkongreß durch, was heute in Palästina geschieht. Hier wird mit ungleichem Maße gemessen, hier wird gesprochen, daß der LB keinen Erfolg hat. Genau mit demselben Recht und genau mit demselben Unrecht kann man sagen, der Zionismus hat keinen Erfolg. Säkulare Erscheinungen lassen sich nicht nach Monaten abmessen. Wenn Herr Dr. Oskar Lohn sagt, der Impetus, die innere Geschlossenheit de» preußischen Judentum» zum Kampf gegen den Judenhaß müssen erneuert werden und stärker um sich greffen, so findet er unseren Beifall. Mer die Berroirklichung ist nach unserer Meinung nur durch die Stellen möglich, die im öffentlichen Leben noch etwa» zu denken und zu sagen haben, und unter der Voraussetzuna: Wir sind nickt nur voll berechtigte Glieder de» Staates, sondern haben unser« Staatszugehürigkeit, unser Gefühl für die deutsche Allgemeinheit un» durch Jahrtausende genau so erworben, wie Herr Hitler und' seine Kumpane. Wenn wir auch nur ein Atom einer Konzession, sei e» nach innen oder außen, machen, gl würden wir die Gefühle verraten, die un» erfüllen, und den tandpunkt aufaeben, der bi» zum letzten Augenblick der unsere sein muß. (HändeNatschen bei den Liberalen.) Berger: Me me Sfeaaa »ab Herr«»! Es ift «cherarbentkich erfrealich, daß rratz der eWeäeafce* Worte des Herr» Borfitzeabe» des Rate» hier eine Debatte ftattgeftmbe« hat. Me einen größeve» Aspekt anfteigt, »ab baß trotz dieser für »ei» Sefiihl — rmb ich will varfichtig sein »nd will Me Vizepräsidenten »icht reize» — außerordentlich kleinlichen Ansprache, die heute diese Tagnng eingeleitel hat, es trotzdem möglich mar, eine Debatte zn führen, von der ich glaube, daß sie das preußische Judentum interessieren kann. Da» ist deshalb geschehe«, weil die liberalen Jude» zwar langsam, aber sicher lernen, daß in diesen Saal Politik htneingehört. (Zurufe von den Liberalen: Wir lernen eben »och zu, da» tun Sie nicht!) Sie werden mich durch Zwischenrufe nicht stören, aber ich bitte den Borfitzenden, mir das nicht auf meine Redezeit anzurechnen. Meine Damen und Herren! Ben» wir uns zunächst gerade unter dem Gesichtspunkt der wesentlichen Aufgaben diesem Etat zuwenden und dem, u»as die Herren Bertreter des Rates hierzu geäußert haben, ist eines der wesentlichsten Kennzeichen der Pessimismus, von dem man hier gesprochen hat, und der in der Tat berechtigt ist. Denn wenn man dem preußischen und dem deutschen Judentum nicht» Neues zu sagen hat, und wenn man nicht versteht, in dieser Zeit, die nicht nur Reden, sondern wirklich Handeln erfordert, dieser Forderung zu entsprechen, werden meine Freunde nach wie vor an diesem Landesverband nicht das Interesse haben, das sie haben würden, (Zuruf von den Liberalen: Wenn er zionistisch wäre.) wenn der Landesverband sich neue Ziele setzen würde. Dazu gehört zum Beispiel, — und so etwas hätte bei einer Eröffnung von der führenden Persönlichkeit hier gesagt werden müssen, — dasjenige, worüber mein Freund Dr. Lohn gesprochen hat, daß wir es heute mit einem anderen Judentum zu tun haben, einem veränderten Judentum, als zu der Zeit, da wir zum ersten Male in diesem Raum zusammenttaten. Wir erleben eine Umschichtung, die eine außerordentliche Bedeutung hat. Während früher der jüdische Angestellte damit rechnen konnte, daß es ihm, wenn er geschickt, tüchtig und klug war, gelingen würde, in die allgemeine Bourgeois- Sphäre hineinzurücken, die das Judentum kennzeichnet, ist es heute dem Angestellten klar und deutlich, er bleibt ein kleiner, verhältnismäßig schlecht bezahlter Angestellter. Diesem ständig wachsenden neuen jüdischen Proletariat müßten die jüdischen Gemeinden gerecht werden. Hier erwachsen neue Aufgaben, wirtschaftliche und geistige, uni wir hätten von dieser Stelle etwas darüber hören müssen. Was gedenkt der Rat diesen neuen Zeichen der Zeit gegenüber zu tun? Wie will er diese Mensch«» an die Gemeinden fesseln? Hier find wirklich positive, lebendige Aufgaben. - Wir haben die Verrichtung und das Recht, wenn der Rat sebst nicht darauf tounnt, ihn darauf hinzuweisen, daß hier ein Feld ist, das beackert werden muß, wenn das preußische Judentum lebendig bleiben soll. Lin kleines Mittel zum Beispiel, wenn wir versuchen wollen, den Wohlfahrtsetat, den Etat für Sozialpolitik besser auszubauen, und auf den Antrag der Bolkspartei hin, die Selbsthilfebestrebungen jüdischer Erwerbsloser zu unterstützen. Wir können von unseren Juden selbst lernen, welche Wege gegangen werden müssen, sie warten nicht darauf, bis ihnen der Rat von oben kommt. Aber wir haben dann wenigstens die Verpflichtung, diese Anregungen aufzunehinen und sorgsam zu beachten, was im preußischen Judentum selbst vor sich geht. Und wir können heute feststellen, daß gerade bei den deutschen Juden z. B. in Berlin, bei denen die Arbeitslosigkeit, wie Sie wissen, in manchen Teilen schlimmer ist als bet Richtftchen, Bestrebungen im Gange find, dies« unerhörten Gefahr durch Selbsthilfeunternehmungen gerecht zu werden. Hier sind neue Aufgaben gestellt, wenn man für lebendiges Judentum Verständnis hat. Daß man diese Größe nicht spürt, merkt man aber auch, und darauf hat Dr. Freund bereits hingewiesen, aus dem völligen Versagen in Bezug auf die Einnahmeseite des Etats. Der Herr Vorsitzende des Rates hat sich ausdrücklich die polttifchen Verhandlungen Vorbehalten. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich auch auf diesem Gebiet mit der Tätigkeit unseres Vertreters keineswegs zufrieden bin. Hier scheint der Rat im ganzen, versagt zu haben. Eg wäre seine Verpflichtung gewesen, wenn Dr. Klee öfter verreist war, rechtzeittg einen Ersatz zu stellen. Jetzt rennt man zwei Tage vor Toresschluß zum Minister und fragt: Was ist nun mit den Staatsbeihilfen? E» gab politische Aufgaben, bei denen sich die Herren vom Rat mehr Mühe gegeben haben. Hier aber war eine Lebensaufgabe. Wichtiger, als die Gemeinde gegen einen einmütigen Beschluß des Rates aufzuputschen, wäre es gewesen, Pofittves für das preußische Judentum zu erreichen. Meine Damen und Herren! Der ganze Etat, der Ihnen vorliegt, ist ja falsche Sie bekommen keine 22b 000, Sie bekommen leider