Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 19 — bei bet Verteidigung der Rechte der 3uben werden. Wenn Kodas Ergebnis ist, so sage ich, find wir mit dieser Art der VertetdigungspolMk auf einem völlig falschen Wege. Meine Damen und Herren! Die Lauen find in solch stürmischen gelten nicht an der Spitze von großen verantwortlichen Verbänden zu dulden und zu decken. E» ist mit Laichest in dieser Zeit des Bürgerkrieges Überhaupt nicht» auszurichten. Im Bürgerkrieg muß Partei genommen werden, und wer nicht Partei nimmt, gerät zwischen die kämpfenden Fronten und wird zermalmt. Und wenn Sie nicht im Lande Partei nehmen können und die Meinung durchsetzen, daß es fich hier um die Verteidigung der primitivsten Menschenrechte handelt, müssen Sie das Ausland in Bewegung setzen, müssen der Welt zeigen, daß e» in Deutschland etwas gibt, was man Kultur und Gesittung nennt. Wenn Sie eine preußische Seele haben, meine Damen und Herren, und die ist hier von Herrn Dr. Selig, sich» und ich glaube auch von Herrn Wolfs reklamiert worden, denken Sie an das altpreußische Wort des Königs Friedrich: Hundsfott wehr dich! Und wenn sie sich nicht wehrt, wird die deutsche Iudenheit zermalmt und zerrissen werden in dem Kampf, in dem sie steht, und der ihr in diesem und im kommenden Icchr nicht erspart wird. Abg. Dr. Holländer: Es hat zu unserem Bedauern in der bisherigen Debatte auch die Persönlichkeit unseres verehrten Herrn Vorsitzenden de» Landesverbandes, Herrn Kammergerichtsrats Wolff, eine Rolle gespielt. Wir find der Auffassung, daß die Angriffe, die gegen ihn gerichtet worden sind, nach keiner Richtung hin berechtigt sind, und daß infolgedessen alle» das, was hier gesagt worden ist, auf irrtümlichen Informationen beruhen muß. Wir nehmen auf Grund dieser Angriffe ausdrücklich Anlaß zu der Erklärung, daß Herr Wolff bei unseren Freunden in seiner Tätigkeit und in seiner Persönlichkeit nicht nur Verstauen genießt, sondern fich auch unseren Dank und unsere vollste Anerkeimung für seine Tätigkeit erworben hat. (Händeklatschen bei den Liberalen.) Und nun noch eine halb persönliche Angelegenheit. Herr Blumenfeld hat in seiner Erörterung einen Borstill andeutungsweise erwähnt, den die meisten von Ihnen nicht verstanden haben werden. Er hat von einem törichten System und von törichten Menschen gesprochen. Mit dieser Anspielung hat er offenbar mich gemeint. Wenn ich auch die zugrunde liegende Angelegenheit nicht in Ausführlichkeit hier erörtern kann, muß ich doch erklären, daß Herr Blumenfeld völlig falsche Vorstellungen von dieser Angelegenheit gehabt hat. Der richtige Sachverhalt ist, daß zu mst ein amerikanischer zionistischer Journalist kam, um von mir einen Bericht über die deutschen Verhältnisse zu erbitten; aber nicht für eine Zeitung, sondern ausdrücklich für einige jüdische Organisattonen, von denen er beauftragtworden sei, und deren Ramen er mir nannte. Ich habe den gewünschstn Bericht gegeben, den er dann in vollkommen entstellstr Form, unter ganz anderen Voraussetzungen, mit einem ganz anderen Inhatt wiedergegeben hat. (Hört, hört!) Ich bin der Auffassung, wenn Herr Blumenfeld über die wahren Tatsachen genau unterrichtet gewesen wäre, würde er hier bei seiner persönlichen Stellungnahme, die ich sonst als loyal kenne, derartige Vorwürfe nicht in versteckter Form erhoben haben. Ich möchte nun zu den säckUchen Fragen kommen, die natürlich wichtiger sind als alle persönlichen. Gerade bei den Ausführungen von Herrn Blumenfeld habe ich immer gesehen, wie wir uns auf vollkommen verschiedenen Ebenen bewegen. Sie sagen: Gott sei Dank! Ich weiß nicht, ob es im Gesamtintereffe des Judentums nicht nötig ist, nicht Gott fei Dank, sondern leider zu sagen. Es handelt fich darum, endlich entweder unter einem zukünftigen Aspektzionismus der gesamten Iudenheit die Dinge zu betrachten, oder aber die heute vorliegenden Verhältnisse zugrunde zu legen. Wenn ich mir das Judentum in einigen hundert Jahren vorstelle, wie ich es mir vorstellen kann, wist» sicher manche», von dem heute Herr Blumenfeld ausgeht, vollkommen richtig sein. Jetzt muß ich oder mtt den gegebenen Tatsachen rechnen, ich muß damit reckpien, daß wir in Deutschland leben, in Deutschland geboren sind, daß unsere Seele und unsere Existenz mit deutschen Werten gesättigt find, und daß wir alle den Wunsch haben, diese deutschen Werte in un» zu eichalten. E» hat einmal ein hervorragender, der jüdtsch-nattonale« Partei angevörender Führer in diesem Hause gesagt, und ich habe damals die Ausführungen als richtig bezeichnet: In jüdischen Dingen jüdisch, in deutschen Dingen deutsch. Das ist das, was wir immer zu unserem Grundsatz erhoben haben, und ist das gleiche, was Herr Dr. Oskar Cohn heute direkt als Torheit und als Charakterlosigkeit bezeichnet hat. Gegenüber solchen Gedankengängen und Aeußerungen muß ich im Romen weiter Kreise, ich glaube, auch im Ramen mancher Kreise, die der Bolkspartei angehören, meine Entrüstung aussprechen. Die deutschen Werte find für uns genau solche Werte wie die jüdischen Werte. Gerade in der Synthese zwischen den deutschen und den jüdischen Werten haben wir unsere innere Existenz ausgebaut und stehen nach wie vor auf dem Standpmckt, daß der letzte Mann und das letzte Blut geopfert werden mutz um diese beiden Wertarten innerhalb der deutschen Gemeinschaft aufrecht zu halten und zu erhalten. (Bravo! bei den Liberalen.) So wenig wir jemals ein Atom von unserem Deutschtum aufgeben werden, so wenig werden wir un» vom Rationalsoz-ialismus, und wenn zwanzig Millionen Rattonalsozialisten in Deutschland sein werden, irgendetwas von der wahren Erkenntnis des Judentums so wie es ist und nicht, wie es von jener Sette aufgesaßt wird, nchmen lassen. (Bravo! und Händ^iatschen.) Ich gebe Ihnen ohne weiteres zu, daß es heute außerordentlich viel bequemer wäre, wenn wir sagen würden, Deutschland ist uns Hekuba, wir bezahlen unsere Sttuern, erfüllen die Gesetze, im übrigen find wir eine nattonale Minderheit und wollen lediglich als solche gewürdigt werden. Das wäre bequem. Ich will hier aussprechen, daß ich weiß, daß die Ausführungen von Dr. Lohn nicht Gemeingut der Jüdischen Volks- Partei find. Die Jüdische Bolkspartei wird erklären, daß sie mit seinen Ausführungen nicht einverstanden ist. Ader schließlich führt auch da» Programm von Herrn Blumenfeld, wenn man es nur konsequent zu Ende denkt, zum gleichen Ergebnis wie die Ge danken führung von Dr. Lohn, nämlich dazu, daß. die Stellung der jüdischen Bolkspartei zu nattonalen Fragen zum Begriff einer jüdischen nattonalen Minderheit in Deutschland führt. Wenn man sich zu dieser Konsequenz nicht bekennt, so geschieht das mehr aus opportunistischen Erwägungen, als unter dem Zwcmge logischen Denkens. Und nun komme ich zu der Frage: Hat der Lenttalverein in seiner Tätigkeit Erfolg gehabt oder nicht? Ich möchte zunächst einmal fragen: Hat die preußische Regierung Erfolg gehabt in ihrer Tätigkeit gegen den Rationalsozialismus? Haben Männer wie der von mir verehrte Herr Ministerialrat Goslar und Ministerialdirektor Badt, die sicherlich das beste getan haben, um vom preußischen Standpunkt aus den Rationalsozialismus zu bekämpfen, Erfolg gehabt? Hat das Zentrum Erfolg gehabt? Rein, niemand hat Erfolg gehabt und hat keinen, weil diese Krankheit der deutschen Volksseele nicht erledigt werden kann in einer Kur von ganz wenigen Monaten. Niemand hat Erfolg haben können, weil hier ökonomische, biologische und außenpolitische Kräfte zusammengekommen find, die es unmöglich machen, gegenüber diesem Maffeiuvahn, dieser Psychose in der sich ein großer Teil des deutschen Bolkes befindet, in kurzer geit einen Erfolg zu erringen. Rein, meine verehrten Herren, Sie sagen, die Gefahr ist zu spät erkannt worden. Ich will den Nachweis liefern, daß ich bereits feit 18 Jahren, seit dem Wort, das seinerzeit von unserem Botschafter in Kopenhagen gesprochen worden ist, es werde noch dem Krieg ein furchtbarer Judenhaß einsetzen, mit allen Mittel» dagegen gekämpft habe, daß man Über die Raffenfrage und die biologischen Dinge, die heute in gebildeten Kreisen eine solche Rolle spielen, mit der Behauptung zur Tagesordnung übergeht, das würde ein vernünftiger Mensch nicht glauben. Ich habe die Forderung aufgestellt, daß im jüdischen Unterricht eine Art Apologettkkunde eingeführt werden soll, um den Menschen, die indiesen Rassen» fragen so furchtbar ungebildet find, entgegentreten zu können. Ich habe von der Tribüne des Landesverbandes bei der ersten Gelegeicheit, bei der ich zu sprechen genötigt gewesen dm, darauf hingewiesen, daß gerade diese Arbeit ebenso wie die religiösapologetische Arbeit Gemeingut nickt einer Organisatton, nicht eines Landesverbandes, sondern eines jeden Heranwachsenden Juden sein muß, und daß wir dahin streben müssen, baß auch im Unterricht jjebet gewisse Elementarkenntnisse bekommt. Das ist leider unterblieben, und jetzt rächt sich das. Wir haben, wenn ich einmal vom Lenttalverein sprechen darf, ständig auf die unbedingte Notwendigkeit des Selbstschutzes durch Selbstbitdung hingmviesen. Run weiß ich ganz genau, daß Herr Blumenfeld auf dem Standpunkt sicht, daß das alles keinen Sinn habe. Ich verstehe feinen Gedankengang ganz genau. Er meint, wenn nicht eine vollkommene innere Umstelmng, Umorganisation der gesamten Iudenheit, die von ganz anderen Doraussetzungen zukünftig ausgeht, erfolgt, wird diese ganze Arbeit umsonst sein, und es wird, auch unsir preußischer Landesverband nicht» leisten können. Ich kann da» verstehen, aber ich bezeichne das als eine Auffassung, die uns heute aus unserer Rot absolut nicht helfen