Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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— 18 — dagegen ist und diesen jüdischen jungen Leuten ihre Ausbildung versagt, da sie etwa ihre Kenntnisse auch in Palästina verwerten könnten, und ihnen somit auch die Möglichkeit der Ausbildung für Deutschland unmöglich macht. Dieser Borwurf trifft auch den Etat des Landesverbandes. Es fehlt die Einsicht, daß aus den realen Tatsachen der Umschichtung der jüdischen Bevölkerung auch etatsmäßig und verwaltungsmäßig die Folgerungen gezogen werden müssen. Wir dürfen die Augen dagegen nicht verschließen, daß eine neue Art deutscher Juden aufwächst. Wir müssen alles tun, sie an das Judentum zu fesseln, sie mit jüdischen Inhalten zu erfüllen und sie nicht der teils deutschen, teils roten Assimilation verfallen zu lassen. Alter jüdischer Inhalt muß in neuen Formen geboten, neuer jüdischer Inhalt, wie er sich aus der neuen Stellung der jüdischen Jugend im Gesamtprozeß der Entwicklung bildet, muß geformt werden. Das kostet Geld. Und für die Erhaltung des Bestandes, sowohl des körperlichen, wie seelischen Bestandes der Juden, für die nackte Existenzfrage der Juden, müssen Mittel aufgewendet werden, und müssen, wenn sie nicht so beigebracht werden können, durch neue Beiträge der Gemeinden aufgebracht werden. Wir haben heute schon viele Klagen darüber gehört, -aß das nicht geschehen kann. Im vorliegenden Etat müssen diese Mittel durch entsprechende Streichungen oder Umstellungen bei weniger wichtigen Ausgaben erreicht werden. Ich finde auch nicht im Etat, daß die Personen, die für die Aufstellung des Etats verantwortlich sind, die Verpflichtung anerkannt hätten, eine politische Schutzarbeit zu leisten, die auch Geld kostet, ich finde nichts an Mitteln für die politische Schutzarbeit. Der Sprecher der Liberalen hat es sich leicht gemacht, diese Verpflichtung zu erfüllen, er hat gemeint, der Landesverband haoe eine solche Verpflichtung nicht, das besorge der CV. weit besser, dem Dr. Seligsohn auch noch besondere Lobsprüche gewidmet hat. Ich habe den Eindruck gehabt, als ob Dr. Seligsohn den EV. sozusagen als Schabbesgoj für die politische Arbeit der deutschen Juden ansieht, für eine Arbeit, die vom Standpunkt einer religiösen Gemeinde das ist, was -er Russe eine Schwarzarbeit nennt. Herr Blumenfeld hat mit vollem Recht auseinandergesetzt, wie wesenlos diese Auffassung und die Arbeit des EV. ist. Sie ist gewiß auch nützlich, ich verkenne die Bedeutung der Dinge nicht. Es ist nützlich, wenn nian in den CD-Blättern, z. B. eine Sammlung von zurückgewiesenen Strafanträgen anlegt, wie etwa die des Reichsgerichts, die andere Personengemeinschaften für Beleidigungsanträge berechtigt erklärt hat, die Juden aber nicht. Es ist nützlich, wenn man Urteilssprüch« über Boykottverbote von deutschen Gerichten sammelt. Aber wogegen ich mich wende, ist, daß man, indem man die Spalten des EV-Blattes mit solchen Berichten füllt, ein Rühmen von der Bedeutung und dem Umfang der Abwehrarbeit macht, daß man die Leser und die deutschen Juden, soweit sie in die EV-Versammlungen gehen, zu der unrichtigen Meinung bringt, als ob mit solchen Dingen etwas Ernsteres für das Schicksal der deutschen Juden geschehe. Das ist das verhängnisvolle am EV, daß er der Meinung ist, es komme in dieser schwersten Situation noch auf ein Boytotturteil und auf einen umgcstürzten Leichenstein an. Rein, diese falsche Auffassung, und ' sie ist auch heute hier von Herrn Dr. Eeligsohn, namentlich aber auch von dem Vorsitzenden des Rates zum Ausdruck gebracht worden, rührt von der unrichttgen Meinung her, daß der deutsche Jude in allererster Linie seine deutsche Seele zu pflegen habe. Das mag theoretisch so gemeint sein, daß man zuerst seine jüdische und dann seine deutsche Seele pflegt, in der Praxis aber stellt sich das dann so dar, daß man mit den Wölfen heult und auch heulen will. Die Verfasser der EV-Zeitung unterscheiden sich nicht in ihrer Ideologie und Ausdrucksweise von Leuten wie Hans Grimm und Schriftstellern des Berliner Lokalanzeigers, nur daß hier und da noch das Wort jüdisch drin steht. Die Grundlage für alles, was in der EV-Zeitung und der ganzen Literatur publiziert wird, ist das „Rings um die deutsche Seele". Ich muß Ihnen sagen, ich habe kein Verständnis dafür und auch nicht den Ehrgeiz, ein« deutsche Seele zu besitzen. Ich hoffe, daß ich die Verpflichtung vor meinem Volk und der Geschichte erfülle, eine jüdische Seele zu haben. (Zuruf: Das ist eine Verkümmerung!) Ich weiß, daß das brünstige Verlangen von Generattonen, sich mit den Deutschen im Geiste und in der Seele zu verschmelzen, zu immer heftigerer Abwehr auf der anderen Seite geführt hat, und ich muß offen sagen, mir verbietet es mein Stolz und meine Würde, in Häusern zu verkehren, in denen man mich beschimpft. Da bleibe ich lieber draußen. Ich halte mich an das Rezept vom Großonkel Eli in „Iettchen Gebert", der seinen Standpunkt zu dem damals neumi^ischen Ringen um die deutsche Seele damit gekennzeichnet hat: Bin ich Käse, so stinke ich. Ist man Jude, so soll man sich dazu bekennen und nicht sich und anderen etwas vormachen, als ob man ein inneres Verhältnis zur deutschen Seele und zum deutschen Leben hätte und von der Gegenseite geduldet und geschätzt sei. Ich habe einmal in einer anderen öffentlichen Körperschaft den Antrag gestellt, die deutschen Juden sollen sich als nattonal« Minderheit konstituieren und sollten auch in der Gesetzgebung so behandelt werden. Das hat mir in der Repräsentantenversammlung Herr Woyda sehr Übel genommen. Wenn ich jetzt diesen Antrag vom Jahve 1919 im Lichte der Ereignisse von 1982 betrachte, so, glaube ich, darf ich sagen, wie wohl wäre uns (Zuruf von den Liberalen: O nein! Lachen bei den Liberalen.), wenn wir jetzt die polittfchr und internattonale Stellung einer nationalen Minderheit hätten (Zuruf von den Liberalen: Gott hewohre uns davor!); wie viel stärker wäre die deutsche Judenheit, wenn sie mit -der deuffchen Regierung nötigenfalls über Genf und eine europäische und Weltöffentlichteit verhandeln könnte, von Macht zu Macht. (Zuruf Weil: Das sehen wir an der Lage der Polen und Rumänen!) Herr Dr. Weil, der polnische Staat und die Stellung der polnischen Juden im polnischen Staat ist genau 14 Jahre alt, nein 13. Verlangen Sie doch nicht, daß in diesen 13 Jahren sich die Kräfte schon so ausgependelt haben, wie es bei anderen nattonalen Minderheiten in anderen Staaten längst geschehen ist. Sie sagen, es wäre uns nicht wohler, wenn wir diese Rechte hätten. Ja, ich behaupte irach wie vor, die deutschen Juden hätten eine viel bessere nationale und internationale Stellung, wenn sie von Macht zu Macht als nattonale Minderheit mit einem nationalen Staat verhandeln könnten. Daran halte ich fest. Aber kehren wir zum Etat des Landesverbandes zurück. (Vorsitzender Stern: Sie haben noch zwei Minuten.) Die zwei Minuten werde ich ausnützen. Was will der Landesverband in dieser schwersten Situatton tun? Die Frage beantwortet sich nach dem, was Herr Wolff, der Vorsitzende des Rates, uns heute nicht gesagt, was er aber wenigstens im vorigen Jahr noch gesagt hat; bei der Eröffnung der Landesveickandstagung vom 22. März sagte Herr Wolff: Diese Stellung, die der Landesverband nun hat, man mag sie auffassen wie man will, als die eines Schützers vor Gefahren, die erst im Anzuge sind, oder eines Verteidigers gegenüber Angriffen, von denen wir ja nicht verschont werden, diese Stellung als getreuer Eckehart der deuffchen Juden hat der Landesverband auch im abgelaufenen Berichtsjahr häufig genug einnehmen müssen. Das war damals schon eine Uebertreibung, aber Herr Kammergerichtsrat Wolff hat wenigstens eine Forderung an sich selbst und den Landesverband aufgestellt, indem er das sagte. Heute hat er nicht einmal den Mut und den Weitblick gehabt, um auch nur diese Forderung zu erheben. Er hat sich damit begnügt, in Weimar so etwas wie eine deutsche Volksgemeinschaft zu entdecken und sich von dem Kummer zu erholen, den ihm die Opposition in der jüdischen Gemeinde und im Landesverband offenbar bereitet. Ich halt« Herrn Kammergerichtsrat Wolff — und teile damit die Auffassung von Herrn Blumenfeld — nicht für geeignet, in dieser Situation an der Spitze des wichtigsten und einzigen politischen Instruments der preußischen und damit der deutschen Judenheit zu stehen. Herr Landgerichtsrat Dr. Lilienthal hat bei seiner Verteidigungsrede zugunsten von Herrn Wolff in Abrede gestellt, daß Herr Wolff irgendwelche ihn am Amte festhaltenden Gründe habe. Ich will annehmen, daß Herr Wolff dem Weggang von seinen: Amt nichts entgegenzusetzen hat. Ich behalte mir vor, bei der Spezialberatung den Antrag zu stellen, daß die Ausgabe, die der Landesverband für die Amtsführung des Herrn Wolff macht, gespart und einem wichttgeren und geeigneteren Zweck zugeführt wird. Was kann der Landesverband tun — und damit bin ich am Ende — um in seiner Tätigkeit als polittsches Instrument, als wichtigstes politisches Instrument der preußischen, der deutschen Juden, die jüdische Polittk, die jetzt ein« Abwehrpolitik in erster Linie sein muß, wirksam zu gestalten? Die jüdischen, aber auch die nichtjüdischen Blassen müssen vom Landesverband aus, nicht von irgendeinem CV, einer Privatorganisatton, in Bewegung gesetzt werden in Wort und Schrift, in Versammlungen, die von Gemeinde wegen oder vom Landesverband aus einzuberufen sind, nicht in Audienzen, über die nachher Berichte in der EV-Zeitung erscheinen, ist auf die Staatsbehörden «inzuwirken. Die Staatsbehörden müssen erkennen, daß die deutschen Juden ein Machtelement sind, daß sie, gestützt auf weiteste Kreise der' deuffchen Bevölkerung, die in Bewegung zu setzen die politisch« Aufgabe des Landesverbandes und der großen Gemeinden ist, etwas ausrichten können. Im CV können Sie das nicht erreichen, Herr Dr.Weil, denn die EV-Zeitung und di« übrige jüdffche Presse kommt nicht an andere Kreise als an jüdische. Sie erreichen die große Masse der Bevölkerung nicht mit dieser Presse. Dagegen erreichen Sie es leider mit Hrer Agitation, daß die großen Blätter, die doch auch in jiidffchen Händen sind, immer lauer und zurückhaltender