Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1932-09-28 · 4 (28.9.1932) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
10 (1932)
Issue
4 (28.9.1932)
Date
1932-09-28
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3980048-10021647-10021615--716-3980699
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 15 — ehrten Damen und Herren, Ich will auch gerne berichten, daß Shnliche Gedanken heute ja nicht mehr nur von uns gefttzestreuen Juden allein dargelegt werden, Zu meiner Freude habe ich, in der jüngsten Nummer des EB-Blattes, glaube ich, war es, einen Bericht über die Rede eines liberalen Rabbiners gelesen, in dem es wie folgt lautete: Durch Rückkehr zur Tradition werden wir den Sinn für das Irrationale, Feierliche, Symbolhafte, der uns früher immer eigen war, zurückgewinnen und der Umwelt eine Waffe gegen uns aus der Hand nehmen. Den letzteren Gedanken halte ich für abwegig, der nutzt nichts. Diese Umwelt wird diese Waffe gegen uns führen, wenn sie das tun will. Aber w i r werden wirklich unserer Vergangenheit und ihrer Größe gerecht, wenn wir in dieser Weise das Judentum verwirklichen. Vorhin ist gesagt worden: der Landesverband, der Etat, und was wir hier dazu tun, das ist an sich ganz gleichgültig und belanglos. Das einzige, was bleibt und was notwendig ist, ist, daß unsere jüdische Gemeinschaft lebt. Auch das unterschreibe ich, aber ich fetze noch eines hinzu: Mag der Kampf zwischen dem kollektivistischen Ideal auch in geistigen Dingen und zwischen dem individualistischen Ideal abschließen wie immer, wir Juden werden nicht nur nach den Worten großer Männer aller Zeiten auch deshalb von Bedeutung bleiben, weil wir Individualisten sind, sondern ich bin auch der Heberzeugung, daß wir durch das Leben eines jeden jüdischen, einzelnen Individuums, das sich wirklich von den Gedanken der Lehre durchdrangen fühlt, zum Bestand der Welt, einer lebenswerten Welt, mit beitragen. Mein« Damen und Herren! Alle Herren, die hier gesprochen haben, ob von Ratsseite, ob aus dem Saale selbst, haben mit Recht gegen den Haß Front gemacht, der sich überall und allerorten gegen uns regt. Und dazu möchte ich nur noch eines hinzufügen, was an Ausgezeichnetem hier gesagt worden ist. Daß dieser Haß nicht uns begräbt, das zeigt unsere ganze Geschichte. Wir müssen aber auch gerecht genug sein, das eine zu berücksichtigen und anzuerkennen, daß unsere Gemeinschaft den großen Vorzug eben hat, durch Jahrtausende der Leiden und der Bedrückung hindurch sozusagen die Erziehungsgewalt dieser Leiden bereits an sich erlebt zu haben, und daß andere Gemeinschaften diesen Leidensweg noch nicht in dieser Weise gegangen sind und daher anders reagieren als wir. Und ich möchte anknüpfen an das Wort, das wir gestern gehört haben in der Schrift: »An denen, die mir nahe sind, werde ich geheiligt, und vor allem Volk will ich verherrlicht werden", und ich möchte die Hoffnung ausdrücken, daß diese Verfolgungen unseren Kern nicht verändern werden, im Gegenteil zur Befestigung des Kerns beitragen werden, den wir in uns tragen. Wir haben gestern den sogenannten Sabbatb Hachaudesch begangen, und die Einschaltung, die dem Gebet bergefügt wird, schließt mit dem Gedanken: Vier große Zimmerer, so hat es der Dichter gesehen, werden an unserer Erlösung arbeiten, und er nennt da als diese großen Zimmerer, die an unserer Erlösung arbeiten, den Messias, dmr Sohn Davids, den Messias, den Sohn Josefs, Eliehu den Propheten und Malkizedek, den fremden Priester. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wenn wir hoffen dürfen, daß uns die Weifen begleiten, die unsere königlichen Sänger besungen haben, wenn wir glauben dürfen, daß die Gerechtigkeit uns erlösen wird, die unseren großen Josef ausgezeichnet hat, wenn wir den Elijahu erhoffen, der die Geschlechter verbinden wird und dem es möglich fein wird, Väter und Söhne und Generationen zu einem einmütigen Tun zusammenzubringen, so wird auch in diesem Kreise derer, die uns helfen,'das fremde Gute und Große nicht fehlen, das uns befruchten kann. Wir wollen aber hoffen und wünschen, daß wir nicht nur angesichts der politischen Ereignisse, die uns in unserem Vaterland und Staat bevorstchen, mit Frieden gesegnet werden, sondern daß unsere Gemeinschaft hier, ein Abbild der streitenden und entzweiten Iudenheit Deutschlands, ein Abbild leider auch der streitenden und entzweiten Iudenheit der ganzen Welt, mit Frieden gesegnet wird und einer glückhaften Zukunst entgegengeht. (Beifall.) Abg.Dr. Freund: Meine Domen und Herren! Der Bericht, den der Rat erstattet hat, und die Reden, die bisher in der Diskusston gehalten worden sind, waren alle von einem außerordentlichen Ernst getragen. Sie unterstrichen die ungewöhnliche Lage, in der wir uns befinden. Ich glaube, daß man das gar nicht unterstrichen genug wiederholen kann, und wenn hier die Frage aufgeworfen worden ist, ob man in Pessimismus machen soll, und davor gewarnt wurde, die Dinge zu übertreiben, möchte ich grundsätzllch dem zustimmen und sagen, daß e» immer verkehrt und verfehlt ist, eine Situatton schwmzer anzusehen, als sie in Mrklichkeit ist. Aber noch verfehlter scheint e» mir, zu verkennen, daß wir uns in einer Lage befinden, wie sie die gesamte neuere Geschichte des deutschen Judentums feit dem Wendepuntt, den die Emanzipation bracht«, noch nicht aufgewiesen hat. Polittsch befinden wir uns in einer Situation von unerhörter Schwierigkeit. Wirtschaftlich sind die Röte so groß, wie sie hier nur angedeutet zu werden brauchen. Darüber hinaus ober haben wir in diesem Kreise zu betonen, daß, solange der Landesverband besteht, er sich noch nie in einer ähnlichen Lage befunden hat, und daß man mit allem Nachdruck darauf Hinweisen muß, baß die Gefahr eines Zusammenbruches des Landesverbandes nicht etwas ist, was erst als Gespenst an die Wand gemalt zu werden braucht. Auf di« polittsche Lage ausführlich einzugehen, versage ich mir. Alle, die wir hier weilen, sind genügend im Bilde, um allein zu wissen, was hier noch einmal vorgebracht werden könnte. Ich beschränke mich darauf, mich dem Protest anzuschließen, der bereits ausgesprochen worden ist, und zwar nicht nur vom jübischen, nicht nur vom deutschen, sondern vom allgemein menschlichen Standpuntt, gegen Erstheinungen psychischer Art innerhalb des deutschen Volkes, die schlechterdings unvereinbar sind mit einer Kulturgemeinfchast. Wir eicheben Protest dagegen, baß polittsche Programme gegen uns aufgestellt werden, die in einem Rechts- und Kulturstaat unerhört sind. Und wir wenden uns dagegen, daß eine geistige und seelische Vergiftung betrieben wird, von deren Umfang man in unseren jüdischen Kreisen vielfach offenbar noch keine rechte Vorstellung hat. Ich weiß nicht, ob vielen von Ihnen bekannt ist, daß in Hunderttaufenden von Exemplaren ein Liederbuch im deutschen Volk verbreitet .ist, dazu bestimmt, an ungezählten Stellen an jedem Abend im Kreise der Jugend gesungen zu werden, und daß durch sdiese Lieder nicht nur der ^>ß, sondern geradezu blutrünstige Gewaltättgkeit geschürt wird. Wir protestieren nicht nur als Juden, wir protestieren als deutsche Kulturmenschen und als Menschen überhaupt dagegen, daß bie Dolksnot ausgenutzt wird, um eine derartige Vergiftung in die Jugend zu ttagen, und eine Saat zu säen, deren Früchte unheilvoll aufgehen müssen für alle, nicht nur für uns Juden. Wenn wir uns klar werden wollen, was die Aus- Wirkung der allgemeinen Wirtschaftslage auf die jüdischen Gemeinden und auf das Judentum bedeutet, so nenne ich nur wenige Zahlen, die schlaglichtarttg die Lage erhellen. Don 700 Gemeinden, die dem Preußischen Landesverband angeschlossen sind, fmd 260 Gemeinden, bie eine Steuerbelastung von Uber 40 Prozent aufweifen, unter diesen 260 befinden sich 175, die über 150 Prozent und 76 Gemeinden, die mit über 100 Prozent an Steuern belastet sind. Herr Kareski hat schon vorhin gezeigt, daß es mit diesen Zahlen nicht getan ist. Wenn in einer Gemeinde zwei oder drei Leute in der Hauptsache die Steuerträger sind und diese die Konsequenzen aus den Tatsachen ziehen, so bedeutet das unter Umständen ein automatisches Anschwellen der Steuerlast auf den doppelten Betrag. Aber das bedeutet automattsch den Zusammenbruch der Gemeinde. Die 260 Gemeinden mit der Belastung, die ich voraetragen habe, sind fast ausnahmslos solche, die am Rande des Abgrunds stehen und unausbleiblich dem Untergang ausgeliefert werden, wenn nicht radikal eingegriffen und Abhilfe geschaffen wird. Herr Kareski hat in seinem Rechenschaftsbericht ausgeführt, daß das Einkommen der deutschen Juden bis zur Hälfte heruntergegangen ist. Was es für die Möglichkeit, den notleidenden Gemeinden zu helfen, bedeutet, wenn sich das Gesamteinkommen um die Hälfte verringert hat, ist nicht schwer zu sagen. Wir sehen uns einer Entwicklung gegenüber, die auf der einen Seite ein ungeheuerliches Ansteigen der Belastungen und damit der Hilf», dedürfttgkeit auf der anderen Seite im gleichen Ausmaße ein Abnehmen der Hilfsmöglichkeiten aufweist. Diese Mögllchkeiten fehlen von innen und, wie wir an der Frage der Staatsbeihilfen sehen werden, von außen. Wenn wir uns unter diesem Gefichtspuntt die Lage des deutschen Judentums ansehen, so müssen wir feststellen, daß es keine Einzelfvage gibt, bie man für sich allem betrachten könnte. Me münden vielmehr in denselben leitenden Gesichtspunkt. Sie können da oder dort anknüpfen und werden sehen, wie überall bestimmte zenttal« Grundfaktoren sich auswirken. Ich habe nicht di« Absicht, mich in diesem Zusammenhang eingehend über das Problem des Iudengesetzes auszulaffen, muß aber zeigen, wie die Fäden ineinanderaehen, welche Gefahren aus einer falschen Orientierung unserer Politik in dieser Frage auch in finanzieller Hinsicht den Gemeinden drohen. Dir schwerste Gefahr für die Gemeinden ist der Austritt, der sie mit dem Zusammenbruch bedroht, und es gibt für den Landesverband zwei Möglichkeiten, ihnen au» innerer Kraft heraus zu helfen. Die eine ist, den Austritt zu verhüten, die andere, die finanzielle Hilfe mit au» den Mitteln der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.