Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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-14- Zu der Frage de» Reichsverbandes will ich mich in diesem Augenblick nicht genauer äuhern, das kann «in« Spezialberatung ergeben. Ein Dort will ich aber der Frage des Iudengesetzes hier widmen. Wir alle haben stets nach dem Iudengefetz gerufen. Es läßt sich nicht sagen, ob der Augenblick, wo die Maßnahmen ergossen wurden, das Iudengefetz unter Dach und Fach zu bringen, der richtige war. Für eine unwesentliche Verbesserung der bestehenden Iudengesetze Hütte man die Klinke der Gesetzgebung nicht anzurühren brauchen. Ader ich kann nicht in den Ruf «rer einstimmen, die behaupten, unbedingt und unter allen Umständen war es der größte Fehler, überhaupt den einen oder anderen Schritt bei der einen oder anderen Behörde getan zu haben, und die nun bittere Vorwürfe erheben. Ich glaube nicht, daß da grundsätzliche Anschauungen dermaßen wesentlich sind als Gründe der Opportunität. Alle waren sich darüber einig, daß das Iudengefetz in der Entwurfsform unseren Wünschen in keiner Weise entspricht. Die Frage war: Will man lieber dies« ganze Frage vielleicht zwei Sessionen oder zwei Gesetzgebungsabschnitte des Landtags ganz ruhen lassen, oderwill man jetzt das zu erreichen versuchen, was eben zu erreichen ist? Die schwerste Frage, mit der wir uns zu befassen haben, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist die Wirtschastsnot und das. was wir mit unseren schwachen Mitteln auf diesem Gebiet erreichen können. Ich nehme an, daß auch über diese Frage speziell gesprochen wird und dann auch die Anträge im einzelnen behandelt werden können, die hierzu von verschiedenen Seiten geäußert und vorgebracht worden sind. Ich möchte hier nur allgemein sagen, daß angesichts der Seelennot, die mehr und mehr sich auch in unseren Reihen bemerkbar macht, angesichts der Hoffnungslosigkeit auch unserer jüdischen Jugend bei der Wahl des Berufes, es Aufgabe einer zentralen Instanz wie des Landesverbandes sein muß und kann, mit anderen geeigneten Gremien wirklich etwas zu tun, und daß di« kleinste Tat, die wir tun, mehr bedeutet als die an sich sicher wichtigen und manchmal auch wünschenswerten grundsätzlichen Auseinandersetzungen. Unsere Arbeitslosen und Erwerbslosen leiden besonders unter der Schwere der Zeit, weil sie großenteils selbständige Existenzen waren und daher keine staatliche Unterstützung bis jetzt erhalten. Unsere Jugendlichen — von überallher zurückgewiesen — fallen in ihrer Verzweiflung an der bestehenden Wirtschaftsordnung und in ihrer durch die Beschäftigungs- und Aussichtslosigkeit erzeugten seelischen Rot in Scharen der radikalen Ägitatton von links her zum Opfer. Und deÄ>alb müssen auch wir uns eingehend, nicht etwa hier in der Versammlung, aber in den Gremien des Verbandes, also im Rat, damit befassen und ebenso in den einzelnen Organisationen, die gesinnungsmäßig zusammengehören: Wie kann die Hinneigung der jüdischen Jugend zum Kommunismus wirksam bekämpft werden? Ich war im vorigen Jahre der erste, der auf diese große Gefahr hingewiesen hat, die, wie mir scheint, bei zahlreichen hochbegabten und für unsere jüdische Arbeit geschaffenen Persönlichkeiten heute die furchtbarsten Verheerungen anrichtet. Größtenteils wendet sich unsere Jugend schon wegen der Arbeitslosigkeit dem Kommunismus zu. Da müssen wir, die wir aus einem Zeitalter stammen, das auf bourgeoise Gedankengänge eingestellt war, einzugreifen versuchen und müssen darauf Hinweisen, daß die heuttge Wirtschafisordnung an sich nichts ist, was mit dem Judentum» auf Gedeih und Verderb verbunden ist. Auch wir innerhalb des Landesverbandes und der gesinnungsmäßig verbundenen Organisationen müssen alles tun, um diese Jugend mit jüdischen Idealen zu erfüllen, damit sie dem Ansturm der Wirtschastsnot, der Verzweiflung und der kommunistischen Ägitatton Herr werden kann. Wie sehr die Besonderhett unserer jüdischen Art und unserer jüdischen Lebensauffassung gegenüber dieser kommunistischen Auffassung hervorzuheben ist, haben vor allen Dingen auch Personlichkeiten erfaßt, die auf dem Standpunkt der sozialistischen Wirtschaftsordnung stehen. Ich erinnere mich an eine bezeichnende kurze Skizze, die ich neulich von Alfred Döblin in einem Blatt fand, wo er mit Recht sagte, diese Wahrheiten, die uns da gepredigt werden, können für unsere Jugend keine Belehrung und keinen Fortschritt bringen. Wir haben andere Rotzeiten durchgemacht, und haben unter diesen anderen Rotzeiten unser Lebenselement nicht verlassen. Die einzelnen Maßnahmen, die auf dem Gebiet der Wirtschastsnot zu treffen wären, und die meiner Ansicht nach immer wieder auch ohne zu große «osten für uns aufgenommen werden können, will ich bei Gelegenheit der Besprechung der Wirffchastskrise selbst zur Erörterung stellen, möchte aber jetzt als allgemeinen Sesichtspuntt sagen: Unsere jüdischen Organisattonen und Gemeinden sowie Einzeln« haben noch immer nicht gelernt, sich richttg an den allgemeinen Mithin von Staat, Reich und Gemeinden, die für solche Zwecke bereit gestellt werden, beteiligen zu lassen. Sehen Sie, wie andere, auch rein religiöse und charitative Gemeinschaften es verstehen, von den zuständigen Organen immer staatliche Mittel für -ihre Zweck« zu bekommen, die eben im Sinne der Staatszweck« selbst liegen. Gerade auf dem Gebiet der Stadtrandsiedlung haben wir gesehen, daß jede Anregung z. B. bei den einzelnen städtischen Behörden, etwa «ine jüdisch-kameradschaftliche Siedlung innerhalb der allgemeinen Stadtrandsiedlung zu bilden, auf die größte Förderung rechnen kann. Aber wer sind die, die Rein sagen? Das find unsere jüdischen Erwerbslosen, und zwar deshalb, weil sie als Erwerbslose von vornherein mit dem größten Mißtrauen an dies« Stadtrandsiedlungen, für die der Staat fast 3000 RM. für jeden Siedler zur Verfügung stellt, Herangehen, weil sie fürchten, daß bei Beteiligung an der Stadtrandsiedlung ein Abbau der Evwerbslosenunterstützung eintreten könnte, «ine Befürchtung, die nach der Gesetzgebung jedenfalls zur Zeit nicht aufrechtechalten werden kann. Es wird unsere Aufgabe sein, weit stärker als bisher positiv« jüdische Gedanken auch zur seelischen Stärkung der leidenden Schichten des deutschen Judentums auszustreuen, vor allem aber mit Hand anzulegen, um wirtschaftlich ein« Erleichterung und Besserung der Lage der deutschen Iudenheit zu ermöglichen. Bor dem Haß, der sich allerorten breit macht, wie vor der Verarmung, die in unseren Kreisen eingetteten ist, dürfen wir nicht kapitulieren; auch die Rot der Zeit braucht uns keige Aengste um unseren Bestand einzuflößen. Auch dit deutsche Iudenheit hat schon schwerere Zeiten erlebt, und vielleicht ist etwas Wahres daran, daß wir deutschen Juden dem Eaoua der Vorkriegsentwicklung aus sittlichen Gründen entrinnen mutzten. Ich decke meine Ansicht mit denen, die sagen: Das Judentum l<bt, und das Judentum muß leben. Bezüglich der Erhaltung der personellen Unterlagen des Judentums wird auch eine Verständigung unter den verschiedenen Anschauungen möglich sein. Meine Anschauung vom Judentum trennt sich himmelweit von der Anschauung zahlreicher anderer hier im Hause, aber ich denke doch: Jeder, der in diesem Hause sitzt, will — und ich habe nichts Gegenteiliges aus den Worten hier entnehmen können —, daß das personelle Substrat dieses Judentums sowohl hier in unseren Landen wie über die Grenzen hinaus erhalten bleibt. Und wir müssen in einer Zeit, wo wir von so vielen Seiten angegriffen werden und der gielvunkt konzentrierter Angriffe von rechts und links sind, alle dafür eintreten, dieses personelle Substrat zu erhalten, dann ist auch für spätere Zeiten allein die Verwirklichung des Judentums ermöglicht. Buber hat neulich in einem großen Vortrag gefordert, daß wir Juden, wir schwachen und späten RocPommen einer großen Vergangenheit, das Judentum in uns selbst verwirklichen, und hat gesagt: Was heißt Derwirllichung des Judentums? Da» heißt die Verwirklichung Gottes im ganzen Lebenswerk ohne jede Grenzziehung. Das unterschreiben wir, die wir der gesetzestreuen Richtung angehören, die die Traditton erhalten haben und als verpflichtend empftnden, mit jedem Wort und Werk. Aber wir setzen hinzu: Dies« Verwirklichung des Judentums kann sich nicht darauf beschränken und allein dann bestehen, daß wir die große religiöse Idee als die befruchtende Grundlage unseres Wesens anerkennen und aus ihr heraus die jüdische Gemeinschaft erhalten wollen, sondern darin, daß wir alle und «in jeder uns ständig als Angehörige eines Gottesvolkes anlehen, fühlen und führen. Wenn wir die Vevwirtlichung des Judentums wollen, so denken Sie daran, was im Schulchan Aruch steht, daß wir uns an jedem Morgen wie ein Löwe erheben sollen, um die Gebote des Herrn zu erfüllen und sie mit Kraft durchznfiihren. Das jüdische Gesetz regelt den Verlauf des ganzen Tages und verlangt von uns bei allen menschlichen Handlungen einen Segenssvruch. Alles, was wir tun, soll dadurch geadelt werden. Diese Eigenheit des Judentums ist von einem der größten ethischen Schriftsteller unserer Zeit richttg gekennzeichnet worden, indem er sagte: Ein mittelalterlicher jüdischer Arzt hat darauf hingewiesen, daß er jeden Morgen seine Tätigkeit mit dem Spruch begann: Herr der Welt, laß es mir vergönnt sein, daß ich mich bei jedem Kranken, zu dem ich trete, als Dein Werkzeug und Diener fühle. Und den Gedanken, Diener zu sein im Wirken und Helfen, das hat Förster als ein herrliches Lebensdokument eines Berufsethikers gestiert. Wenn wir unter uns Juden eine große Gemeinschaft, eine große Zahl hätten, vke so ihr Judentum verwirkttchen und auffassen, der Antisemitismus wäre nicht fort, der niedrige Haß der Riedrigen bleibt; aber wir hätten zumindest die Gewißheit, daß wir das Judentum so verwirtlicht hätten, wie es edel und groß nach seiner Auffassung in den Augen der ganzen Menscheit dastehen soll. Meine sehr ver-