Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 12 — griffen der Gesamtheit offenzulegrn, und wir Juden sind die, die am meisten gezwungen werden sollen, auf die eigene Vergangenheit zu verzichten. Und heute tritt ein substanzloseres Judentum diesen neuen Kräften gegenüber; da müßte man sich vorstellen, daß sich heute selbst Liberale ftagen: Welche Idee ist imstande, den Juden die innere Kraft zu geben, die geil zu ertragen? Ihre Mittel nützen nichts, wenn nicht zugleich ein Judentum von Einigkeit und Kraft da ist, von Totalität und Unbekümmertheit, das gefeit ist gegen die Welt, das imstande ist, die neuen Kräfte organisch aufzunehmcn, zu verarbeiten und seinen Zielen nutzbar zu machen. Und ich de- Haupte, daß die zionistische Bewegung die einzige Kraft ist, die heut« eine neue Iudenheit dazu bringen kann, innerlich die Zeit zu ertragen. Was können Sie der Iudenheit mit Ihrem ganzen lächerlichen Etat geben, in dem Sie alle wichtigen Mnge streichen! Sie könnten ihr das Größte geben, dieser ganze Landesverband könnte der preußischen Iudenheit Kraft geben, wenn er ihr Rückgrat gibt, Mut, inner« Sicherheit und Hoffnungen auf einheitliches Werk und einheitliche Tat. Ich glaube, daß alles, was hier geschieht, nur dann Sinn hat, wenn solche Vorstellungen wach werden. Zeigen Sie Ihr« Hoffnungen, ich möchte sie sehen! Sie sagen. Sie hoffen, es wird schon mal besser werden. Man erwartet alles nur vom Fortschritt -er anderen. Hoffentlich kommt mal eine Zeit, wo wir, wie vor 40 Jahren, nicht nötig haben, als Juden zusammenzusitzen, wir hoffen, es wird schon mal besser werden. W i r hoffen, es wird durch innere Tat besser werden, wenn Sie/sich auf jenes alte Judentum berufen und auf die großen Ereignisse unseres jüdischen Lebens. Seine Kraft lag nicht darin, daß es äußerlich gut war, sondern daß es imstande war, aus sich heraus so Außerordentliches zu produzieren, daß sogar die Gegner jener realen Welten heute noch davon sprechen. Warum müssen wir heute all dem, was hier geschieht, mit schärfster Ablehnung gegenüberstehen? Es gab bessere Zeiten. In jenen Zeiten h^ben wir gesagt, jetzt müsse man mit aller Kraft alles tun, um der jüdischen Welt neuen Inhalt zu geben. Schulen für die Erziehung der Lehrer, dafür sorgen, daß jüdische Kinder den vertikalen Zusammenhang mit ihrer eigenen Welt bekommen. Damals hat man die Mnge gleichgültig behandelt, man sträubte sich gegen Exzesse. Jetzt klagt man in der Zeit der Not. Sie erkennen jetzt die falschen Prognosen, das war die Politik dieser Majorität, die dies« Zeit der Rot nie geahnt hat. Und nun kommt es nicht auf die richtige politische Einsicht an. Auch wir hätten ja politisch irren können. Aber dies« Majorität, die nicht gewußt hat, daß jede Zeit uns dazu zwingt, das Maximum zur Vereinheitlichung der jüdischen Welt zu erstreben, müßte wissen, wenn ein Landesverband übrig bleibt, der nur durch Subsidien gekennzeichnet ist, er keinen Sinn mehr hat. Wenn aber eine Plattform da ist, auf der ehrlich und männlich die Fragen des jüdischen Lebens heute ausgekämpft werden, dann hat er einen Sinn, dann rettet er die kleinen Gemeinden und gibt den Juden die Kraft zum Opferbringen und dazu, ihr Schicksal zu erkennen, das heute durch das Weltgeschehen eindeutig bestimmt ist. Wenn Sie an die Vergangenheit denken und sich ansehen, wie Juden zur jüdischen Frage standen — sie schlossen ihre Reden mit dem Wort: Jabel Zion Goel. Sie wissen sehr gut. wie ernst und wie innerlich das gemeint war. Dir bereiten Menschen dazu vor, und Sie lehnen den Ehaluz ab und alauben, durch Beschlüsse, nämlich durch Mißbrauch der Demokratie. Ideen eindämmen zu können, indem Sie den stärksten Ausdruck des neuen Geistes ablehnen. Aber, meine Herren, dies« Sache gibt uns heute das Recht und die Pfticht, in diesem Landesverband bei jeder Gelegenheit der Iudenheit zu sagen, wenn sie sich retten will, kann sie sich nur retten .... (Zwischenrufe.), daß wir uns nicht verständigen können. Es ist ausgeschlossen, Herr M. Weil, daß hier eine Verständiguna erfolgt. Mit dieser Generation erfolgt sie nicht. Wir find ein Wüsftngeschlecht, wir wandern. Sie haben gesagt. Sie vergleichen die Zeit. Sie lachen über die Auswanderung, Sie kamen gleich zur Gesetzgebung. Wir wandern durch diese Wüste dem neuen Leben zu, das eine Iudenheit aufzubauen versucht, und ich glaube, da vollziehen sich ähnliche Vorgänge, wie damals als Teile wirklich ausgeschaltet und schließlich ausqeschieden wurden. Wenn wir uns hier in, Goethejahr Umsehen und an die Verwirklichung der Hoffnung glauben, dann sollten wir uns an das Goethewort erinnern: „Jedes Leben ist zu führen, wenn man sich nicht selbst vergißt, alles kann man selbst verlieren, wenn man bleibt nur, was man ist." Mefe Rückkehr zur eigenen Ursprünglichkeit zu ermöglichen, ist Aufgabe der Zeit. Cs wäre vielleicht das Einzige, von den Methoden dieser Welt, dieses Landesverbandes, etwas zu sagen. Da möchte ich mit einem Wort aus einer anderen Sphäre schließen. Sie sprechen über staatliche Beiträge und sagen, sie sollen verlangt werden. Sie werden sie niemals erringen, unsere Leute vielleicht auch nicht, sondern nur «ine kämpfende jüdische Welt. Aber am wenigsten der Präsident des Rates. Und ich würde einen Antrag mit Bezug darauf stellen — (Zuruf: Und was hat Herr Dr. Klee getan?). Wir machen nicht Halt vor den eigenen Leuten, wir sind sehr für formale Verantwortlichkeit. Ich glaube, daß man alles erreichen kann, wenn man imstande ist, die Totalität einer Welt herzustellen, einer jüdischen Welt, mit ihren Bedürf. nissen. Nicht aber wenn man glaubt, daß sie eigentlich gar keine Bedürfnisse hat, oder außer den äußerlichsten, betreffend die Auf. rechterhaltung dieses Landesverbandes. Jetzt kann dieser Landesverband nur dazu beitragen, daß wir wieder deutlich sehen: hier kämpfen zwei jiwische Prinzipien miteinander. Das von uns vertretene Prinzip ist das Prinzip des Lebens, das sich anknüpst an die Vorstellung von einem jüdischen Volksleben. (Beifall bei der -^Dolkspartei.) Ratsmitglied LGR. Dr. L i l i e n t h a l: Ls ist ungewöhnlich, daß inmitten der Generaldebatte ein Mitglied des Rates das Wort ergreift. Es ist aber auch ein ungewGnlicher Vorgang, der mich zu dieser Wortergreifung veranlaßt. Der Redner der Volkspartei hat Kritik an der Person des Päsidenten des Rates geübt. Das ist sein gutes Recht. Er hat aber diese Kritik in Formen gekleidet, die persönlich verletzen- und beleidigend waren, und die dazu bestimmt gewesen sind, den Präsidenten des Rates in der jüdischen Oeffentlichkeit herabzusetzen. Auf die sachlichen Angriffe wird der Prästdent des Rates selbst zurückkommen. Ich halte mich aber als Vizepräsident des Rates für verpflichtet, gegen die Art der Angrifft schärfsten Protest zu erheben. (Bravo! bei den Liberalen.) Ich muß die Art, in der von dem Präsidenten des Rates gesprochen wurde, entschieden zurückweisen. (Blumenfeld ruft dazwischen: Der Präsident der Versammlung hat mich nicht zur Ordnung gerufen und hat mich nicht rektffiziert. Ich muß es auf das entschiedenste zurückweisen, wenn hier gesagt wird, daß ich meine Kritik in persönlich verletzender, beleidigender Form geübt habe. Ich verlange eine Entscheidung des Präsidiums, ob ich mich unparlamentarisch benommen habe.) Präsident Stern: Wie Sie das Recht haben, Kritik zu üben, müssen Sie auch die Pflicht auf sich nehmen, diese Kritik zu ertragen. Blumenfeld: Das müssen Sie mir überlassen. L i l i e n t h a l: Herr Blumenfeld, Sie zeigen durch Ihre Auf. regung nur, daß Sie keine Kritik vertragen können. (Dauernd anhaltender Lärm.) Lilienthal: Ich muß die Behauptung zurückweisen, daß der Präsident des Rates auf jeden Fall auf seinem Posten zu bleiben wünscht. (Neue Unterbrechungen.) Präsident Stern: Ich kann für den Vertreftr des Rates das Recht beanspruchen wie für jeden Redner, daß er hftr angehört wird, um so mehr, als er hier Angriffe abwehrt. Ich war nicht anwesend, als gegen die Person des Herrn Präsidenftn des Rafts des LandesverbarHes Angriffe vovgebracht wurden. Herr Lilienthal ist weder berechtigt, noch ist es seine Aufgabe, noch tut er es, einen Redner des Hauses zu zensurftren. Aber Angriffe zurückzuweisen, die gegen t«n Präsidenten des Rates erfolgt find, hat jedes Mitglied des Rates und jedes Mitglied des Präsidiums das Recht. Dr. Weil: Es ist unerträglich, daß auch die Zuhörer sich in aktiver Weift in die Debatten mischen, wie das jetzt geschehen ist. Präsident Stern: Me Ordnung im Saal obliegt ausschlftßlich dem Präsidenftn. Wenn dft Zuhörer sich nicht ruhig verhallen, wird die Folge davon sein, daß ich künftig die Rückwand des Saales überhaupt nicht besetzen lassen werde. Wenn die Damen und Herren auf den hinteren Sitzen sich an der Debatte durch Zwischenrufe etwa beterligen sollten, werde ich den Saal räumen lassen. Ich fordere alle Mitglieder der Versammlung auf, sich auf eine Diskussion mit den Zuhörern nicht einzulafftn. - ES ist erfreulich. daß die Damen und Herren di« Warft des Herrn Blumenftld, daß das jüdische Volk lebt, so aktiv hier mttmachen, ich bitte aber, das in einer Form zu tun, dft mich nicht dazu verpflichftt, hftr einzugreifen.