Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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UN» parteipolitisch «tnkapselt und die Juden dazu bringt, über- Haupt nicht mehr zu wissen, was mit ihnen los ist. Sie haben geklagt, die Zeit fei sehr schlecht, wir leben in einer schweren Zeit. Denn Sie Las tun, müssen Sie sich fragen: was geschieht jetzt, wie stehen wir zu dieser ge t? Wa» ist die Ausgabe dieses Landesverbandes? Rach Dr. Seltgsohn, die Konstituierung einer preußisch ab- Gekapselten deutschen Seele, die noch landespolitisch in «in« märkische erlinische usw. geteilt werden tonn. Seine deutsche Seele zittert, aber die jüdische nicht. Ich stelle mir vor, das ist ein« vertikale Teilung, di« hier vorgenommen wird. Ich verstehe die Sache nicht. Es ist alles eine leblos«, rein begriffliche Konstruktion. Es handelt sich nicht um Menschen, sondern wirklich um Abstraktionen, in einem solchen Grade, daß di« Beispiele von Dr. Seligsohn eigentlich alles nur Beispiel« für un» und unseren Standpunkt sind. Er zitierte Amalek. Ich habe mich gefreut, wie immer, wenn wirklich einmal aus unserer Vergangenheit zitiert wird. Dir wissen, wie wir damal» gelitten haben. Wir haben damals «inen furchtbar schweren Kampf gekämpft; die Iudenheit siegte nur, solange Moscheh die Hände hochhielt und er gläubige und vertraute Diener fand, die ihm di« Arme stützten; ein Symbol für die Einheit eines Volkes, das keinen Dualismus kennt! Seine Einheit und Kraft findet er dort, einen Kampf führt er, von dem es heißt: Und wir haben durch alle Geschlechter mit Amalek gekämpft. Das ist die merkwürdige Erinnerung, nämlich Amalek ist ein Symbol des ewigen Kampfes zwischen einer jüdischen und einer anderen Welt. Ich weiß nicht, ob damals schon diese Juden existierten, an die Herr Dr. Seligsohn denkt, die unsere Stellung erschwerten. Ich weiß nicht, wie sie alle heißen, Kutisker, Solinger usw., aber es gab genug dieser Art. Der Kampf wurde damals so geführt, daß von dem Lebenswillen der jüdischen Welt eine Weihe ausqing; und wie die Erinnerung an jenen Kampf bewahrt wird, das hätten Sie erleben können, wenn Sie in Ihrer Darstellung von Peßach nicht sofort zu Schwuauß gekommen wären. Sie haben sich wenig dabei auf. gehalten und den weiteren Ablauf dieses Seders, an dem Sie so starke Erinnerungen an dieses Gefühl hatten, nicht geschildert. Vielleicht sind es nur Stellen, die Sie auslassen, die aber jedenfalls von der Iudenheit der Welt für entscheidend gehalten werden, bei denen der Jude seine Position in der Welt sieht. Wenn man zitiert, muß da» Zitat seinen vollen Sinn haben. Ich verstand Ihr Zitat auch als «ine Art Abstraktion. Man nimmt nur gewisse Dinge heraus: ich glaube, alle Ihre Irrtümer kommen daher, daß Sie nicht gewöhnt find, die jüdische Welt als eine lebendige zu sehen, sondern nur als eine von Ihnen gewollte und konstruierte, die Sie nach Ihrem Willen formen können, weil sie im wirklichen Leben gar nicht existiert. Ich möchte jetzt auf einige Grundfragen eingehen. Bei diesen kann man niemanden überzeugen. Wir kennen uns zu bnige und zu gut und schätzen uns sogar. Umso wichtiger ist, daß Sie sich diese Darlegungen durch den Kopf gehen lassen. Hier repräsentiert man eine Meinung, und für Sie kann es sich nur darum handeln, zu sshen: Welche Lebenskräfte stehen hinter dieser Meinung? Das möchte ich Ihnen an einigen Beispielen klar machen. Sie sprachen von den jüdischen Verbrechern. Jeder Jude muß sich doppelt zusammennehmen, und wir müssen selbst Kritik üben. Auf sehr viele machte das Eindruck. Nun handelt es sich doch darum: In welcher Situation kann man volle Selbstkritik üben? In welcher Situation können Sie es oder können wir es? Die ganz« Frage ist di«: Die steht es mit unserem Anspruch und unserem Recht auf unsere Verbrecher? Da möchte ich mal ganz grundsätzlich sagen: Sehen Sie, da» Judentum leistet sehr viel, t>b«t Juden leisten sehr vielen, würden Sie sagen. Wenn ein Jude etwas Außerordmrtliches leistet, dann kommt er mit Ihrem Willen bei Ihrer Teilung auf die preußische oder auf die deutsche Seite, er wird «in Repräsentant dieser allgemeinen Welt, oder, wie es Einstein einmal gesagt hat: Leiste ich was, bin ich der große Deutsche, begehe ich «ine Schweine«!, bin ich der gemeine Jude. Das heißt, unser« Welt hat ihre Firma verloren, oder, wa» noch schlimmer ist, wir haben sie behalten, aber nur die Passivseite. Di« Aktivseite ist alchanden gekommen. Das heißt, bei jedem jüdischen Verbrecher empfinden Sie die jüdische Solidarität, für den sind Sie verantwortlich. Sie leben in dauernder Angst und werden zu einem Verhalten geführt, das im Grund« in einer Art von Heuchelei und einem Kaschieren besteht, di« Angst, es könnte wieder jemand dabei sein, um Gotte» willen! Das heißt, die ganze Rächtseit« muß dauernd durchleuchtet werden. Es wird dauernd aller Unrat gegen uns geworfen. Jedem etnzelnen geht es so. Da fühlt man plötzlich mit einem Mal, wir find alle verantwortlich. Aber die Aktivseite ist verloren geangen. Wir find bereit, alle» in Kauf zu nehmen, allein dieses Inkaufnehmen kann nur mit einer vollen Solidarität verbunden sein, nämlich auch mit der Uebernahme aller Leistungen auf das eigene Konto. Mit dieser Totalität de» Judentum», bei der sich die Einheit jüdischen Lebens offenbart, ist alle Leistung und gewiß auch die Nachtseite des Lebens ver- Kunden^ Und deshalb erregt es eine solch« Empörung, wenn mit einem Mal Verantwortung für Menschen entsteht, für die man sonst keine übernimmt. Vir kommen zu einer Grundfrage. Dir behandeln das Iudenprodlem seit Jahren als preußisches Problem isoliert, wenn S« wollen, als deutsch-jüdifches Problem und gleich, zeitig merken wir nicht, daß gegen uns Weltpropleme «»gehen, daß alles, womit wir uns in der Welt auseinanderzusetzen haben, über alle Grenzen hinweggeht, daß Einheiten gegen uns auftreten, denen kein einheitliches Judentum gegenübersteht, sondern ein mit Ihrem Willen in seine partikulären Einzelheiten aufgelöstes Judentum, ein begrenztes, ein limitiertes Judentum, «in Judentum, das heute die Anstürme des Nationalsozialismus und des Kommunismus auchalten muß. Eie sehen außerdem eine neue Form des Antisemitismus. Ich verstehe, daß Ihnen das nichts macht. Da Ei« nicht Parteigenossen dieser Parteien sein können, retten Eie sich, vergolden Sie vergangen« Zeiten und benchmen sich, als ob Sie noch im Ich« 1880 lebten. Die Aufgabe des Preußischen Landesverbandes im Ich« 1932 ist allerdings, sich mit der Judenfrag« zu beschäftigen und hier eins zu erkennen: Wir Juden sind zwangsmäßig zusammengeschlossen, zum größten Teil gegen unseren Willen, «ine jüdische Welt, «präsentiert durch den Landesverband. Die Welten, die gegen uns anstürmen, sind uns ausschließende Welten. Wir verhalten uns aber im Grund« immer noch apologetisch. In der EP.-Zeitung gehts durcheinander, manchmal schon fortschrittlich, manchmal noch anders. Sehen die d«k wie Juden aus? Das ist ein Argument, das ist ein« Sache, von der man sich etwas verspricht. Oder etwa die Goethe-Rummer, die ich für den deutlichsten Beweis der deutschen und jüdischen Unzulänolichkeit des ED. halte, wo man untersuchte: »War Goeche Antisemit? Für Goethe war das Iudenproblem kein zentrales. Viele halten ihn fiir distanziert."' Es war beschämend und entsetzlich, genau so, wie hier gesagt wurde: »von der erhebenden Feier in Weimar". An so einem Ereignis kann man das Aeußerliche all dieser Beziehungen erkennen. Ich hätte mich überzeugen lassen, wenn man bei dieser Gelegenheit produktiv, wirklich die inneren Beziehungen zu der außerordentlichsten Gestalt der deutschen Welt gesehen hätte. Sie können, ohne zu erröten, das lesen, was in der »Jüdischen Rundschau" geschrieben stand, es war wenigstens der Dersuch einer Würdigung einer einzigartigen Erscheinung und eines besonde«n Lebens. Ich finde, daß gerade solch ein Moment geeignet ist, um zu zeigen, wie es wirklich um die innere Wahrhaftigkeit der jüdischen Welt bestellt ist. Sie können gene«ll heut« sagen, was Sie im Laufe der Jahre allmählich anerkennen, es gcht nicht mehr um den einzelnen Juden, sondern um die Iudenheit. Und nun haben Sie manches ausgenommen. Sie sagen auch schon Wirtschaftshilfe und ähnliche Dinge und versuchen, die» und jenes zu tun, Großgaglow gegen Palästina auszuspielen und dabei Ehaluz abzulehnen. Sie anerkennen begrifflich eine Sache, ober ziehen nicht die Konsequenzen, fürchten sich, die ganz« Realität zu sehen, und schädigen di« Dinge, die vielleicht an sich gut find, die Sie mit Recht unterstützen, dadurch, daß Ihnen das Gefühl für die Dimensionen abgeht., Run glauben Sie, daß das, was dieser Landesverband tut, irgendwie dazu beiträgt, das Judentum zu erneuern, fortzusehen und diesen neuen Problemen gewachsen zu sein. Sie verstehen eins: Gegen den Zionismus zu «den. Aber ich sage Ihnen, selbst der beste Antizionismus ist «in dürftiges jüdisches Verhalten. Damit kann man allein als Jude nicht leben, wenn man di« Sache noch so gut beherrscht. Die neuen Welten, di« heute kommen und in der van Ihnen charakterisierten Situation ein« zusammengeschlossene Iudenheit vorfinden, von denen müssen Eie wissen, daß die nationalsozialistische in Bezug auf das Judentum die ungefährliche« ist. (Sehr richtig!) Und daß ein« Welt heran» wächst, di« wieder in dieselbe Situation kommt, die Ihnen schon einmal vertraut war, nämlich wie die in der französischen Revolution, wo man von einer neuen Welt bezaubert war und von einer Entjudung di« Rettung erhoffte, erst einmal km LSeralismus, dann später im Sozialismus. Und es handelt sich hier nicht um eine Auseinandersetzung mit den Ideen jener Belten, sondern um das Verhalten der Juden gegenüber jenen Welten. Sie sehen ein« vierte Welle in dem Versuch, dem Iudenschicksal zu entgehen, gefährlicher als alle früheren. Der Liberalismus ließ die staatsfreie Persönlichkeit gewähren, und der Mensch konnte sich in sein privates Leben zurückziehen. Die neuen Formen anerkennen da» nicht und zwingen den Menschen, sein ganze» Besen gegenüber den Ein-