Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 — Ist so, meine Damen und Herren, das Bild für unsere Zukunft gewiß nicht rosig, so wollen wir uns aber doch nicht vom Pessimismus Niederdrücken lassen. Stand unsere preußische Seele jetzt zwischen all den Wahlen, so steht unser jüdisches Herz jetzt zwischen Purim und Peßach; Purim, das zeigt uns, wie die Hamans dieser Welt vergehen und wie das Judentum in Ewigkeit besteht, wenn wir alle Zusammenhalten und jeder sich seiner Verantwortung bewußt ist. Und Peßach (Zuruf von der Bolkspartei: Was zeigt Peßach, wo Eie Leschono Habo Biruscholajim fortlassen?). Die Zeit ist wirklich zu traurig für solche Scherze. Es gibt viele von uns, die das Peßachfest unter den niederdrückendsten Verhältnissen Erleben werden, die mit ihren eigenen Tränen das Salzwasserschälchen, das auf dem Seder-Tisch steht, mehr als zur Genüge füllen könnten. Unsere Zeit ist wahrhaft nicht minder schwer als die Fron unserer Väter. Aber auf das Peßach von einst ist der Aufstieg zum Sinai gefolgt, von wo aus sich der religiöse Genius des Judentums die Welt erobert hat. Und so vertrauen wir auch heute voll inniger Zuversicht auf unsere Zukunft, auf die Erfüllung aller jetzt notgedrungen zurückgestellten religiösen und sozialen Aufgaben. Wenn wir auch heut das Brot der Armut essen, so winkt uns doch ewig und unverlierbar feman cherußenu, die Zeit unserer Freiheit. (Lebhafter Beifall bei den Liberalen.) Abg. Blumenfeld: Meine Damen und Herren! Im Gegensatz zu früherer Hebung, hat der erste Etatsredner der Liberalen sich den Grundsätzen angeschlossen, die wir für wichtig hielten, hat eine politische RÄ>e gehalten und mit Recht darauf hingewiesen, daß die Tagung des Preußischen Landesverbandes da ist, um ein politisches Forum für die preußische Iudenheit zu sein. Ich erinnere Sie daran, daß bei früheren Gelegenheiten in jedem Augenblick, wo grundsätzliche Fragen angeschnitten wurden, gerufen wurde: »Etat, zur Sache!" Ich halte diese Rede für «ine sachliche, allerdings für eine mit aller Sachlichkeit leidenschaftlich zu bekämpfende. (Heiterkeit.) Meine Damen und Herren, es handelt sich ja hier bei einer solchen politischen Auseinandersetzung darum, ob die Repräsentanten einer Richtung die Situation richtig beurteilen und richtige Prognosen stellen. Was Sie in Ihrer Rede taten, war ein Bilanzziehen. Ich möchte vielleicht an der Rede des Präsidenten des Rates vorübergehen, ich weiß nicht, ob sie für eine Gruppe repräsentativ war, ich kann es mir nicht vorstellen. (Heiterkeit.) Und wie sie eine mit der Sprache Goethes nur in losem Zusammenhang stehende Schilderung der Goethefeier in Weimar gab und sonst nur unrichtige Dinge über gewisse mit dem Iudengesetz zusammenhängende Vorgänge mitteilte, wird an anderer Stelle beleuchtet werden. Sie erinnerte vielleicht daran, daß es ziemlich zwecklos ist, Beschlüsse zu fassen, daß die Reden noch fast wichtiger sind als die Beschlüsse. Denn werden Beschlüsse gefaßt, so werden sie nicht ausgeführt und von der Stelle sabotiert, die dazu da ist, sie Lurchzuführen, sie sogar mit allen Mitteln durchzuführen. Wir protestieren dagegen, daß dieser Präsident jemals wieder Präsident des Rates wird, der das schwerste Unrecht begangen hat, das der Präsident einer Behörde begehen kann, daß er sich nicht durch Beschlüsse einer Körperschaft gebunden fühlt, denen er selbst zugestimmt hat. Er hätte sein Amt niederlegen können. Wem aber daran liegt, ein solches Amt unter allen Umständen zu behalten, der ist dann auch durch die Beschlüsse der Körperschaft gebunden. Das hat nichts zu tun mit der fteien Mannesüberzeugung. Aber es sei auch darauf hingewiesen, daß diese Art der Sabotage der Beschlüsse besonders peinlich ist. Ls war ein Zurückweichen, Konzessionen gegenüber äußerer Gewalt, nicht Konzessionen gegenüber Dingen, die mit jüdischen Angelegenheiten zusammenhängen. Das ist das größte Verbrechen, daß es geben kann, die Angst vor dem Büttel, vor der Gesetzgebungsmaschine und dem Unrecht, das mit ihr verbunden ist. Wenn Sie wissen wollen, wie Liberale dazu stehen, mochte ich bei dieser Gelegenheit Ihnen ein ganz interessantes Wort eines großen Liberalen vorlesen. »Bei eurer Scheu vor jeder Kollision mit den Staatsbehörden haltet ihr euch für ganze Kerle und Wahrheitshelden. Ich ertrage lieber eine zu weit getriebene gutmütig-schwache Schonung gegen die Irrtümer von Juden, als jene zu jeder Konzession entschlossene Schonung der Gewaltsanmaßung gegenüber, wie ich auch einen Mann immer mehr achten werde, der Angst hat vor seiner Gwßmutter, als einen, der Angst vor dem Stock des Büttels hat." Das stammt von Gabriel Rießer und ist bei einer ganz ähnlichen Gelegenheit gesagt, 1880 veröffentlicht in der Zeitschrift für die Geschichte des Judentums, geschrieben im November 1842 in dem sehr interessanten Brief, der sich damit beschäftigt, ob man mit Rücksicht auf Staatsbehörden etwas Jüdisches tun darf, und der sagte, das darf nie geschehen; aber aus innerem jüdischen Grund kann man alles tun. Die Vermischung der Rücksichten auf äußere Gewalt mit Bedürfnissen des jüdischen Leben« darf nicht erfolgen. Sr billigt viel lieber die extremsten Vorschläge der Reform, wenn sie Anstoß erregen, wenn sie mit der inneren Wahrheit in Zusammenhang stehen, und er mißbilligt jedes Vorgehen, bei dem man auf außerjüdische Instanzen Rücksicht nimmt. Es würde sich für heutige Liberale verlohnen, diese Sache einmal neu kennenzulernen, da sie sich inhaltlich mir vielem Heutigem deckt; was aber das Entscheidende ist, sie sollten das aufrechte Verhalten gegenüber einer nichtjüdischen Welt lernen. (Zuruf Weil: Das ist die Rede, die Iabotinfty jedes Jahr gegen Sie hält.) Herr Dr. Weil, ich freue mich, daß Sie sich inzwischen bei der Vielseitigkeit Ihrer Interessen auch für dieses Gebiet interessiert haben. Aber auch dort dürste gründliches Studium am Platz sein. Selbst bei diesen Prozessen gibt es viele Revisionen. Auch Ihr Prozeß ist gerade im Stadium einer Revision. Gehen wir auf den sachlichen Inhalt dieser Rede ein. Sie ziehen Bilanz. Ich erinnere mich daran, daß wir früher Prognosen gestellt haben, die Sie leidenschaftlich ablehnten. Ich habe gestern die Protokolle des Preußischen Landesverbandes durchgelesen und gesehen, wie Sie reagiert haben. Wir waren bekanntlich die Schwarzseher, hatten in keinem Punkte recht. Ich weiß, wie leidenschaftlich man es ablehnte, als wir davon sprachen, man solle als Iudenheit sich zur Wirtschaftshilfe zusammenschließen, zu gemeinsamer politischer Vertretung. Man hat das alles abgelehnt. Ich kenne die schönen Artikel, die in der CB. - Zeitung von Holländer geschrieben wurden. Ich habe den beruhigenden Optimismus, in der Politik muß man nachprüfen können, wer recht gehabt hat, und ich glaube. Sie haben eine gute Gelegenheit zur Nachprüfung. Das heißt, wenn heute Ihre Beurteilung richtig ist, dann war damals unsere richtig, oder Sie glauben, wovon ich überzeugt bin, daß die Ereignisse und Tatsachen keine Rolle spielen. Sie sagten ja, der Centralverein hat den Antisemitismus mit Erfolg bekämpft. Ich muß sagen, nun begreife ich durchaus, warum wir uns nicht verständigen können. Man muß sich erst einmal über den Begriff des Wortes Erfolg klar werden. Sic verstehen unter Erfolg etwas völlig anderes, als was wir politisch damit meinen. Sie halten es für einen Erfolg, daß man die Friedhofsschändungen zwar nicht verhindert, dafür aber registriert hat, daß man in der allgemeinen Politik alle möglichen Versuche gemacht hat, die dazu geführt haben, daß wir heute eine steigende antisemitische Welle haben. Sie müßten sich doch sagen, diese Methode hat jedenfalls nicht das erbracht, was wir rein äußerlich zur Verbesserung der politischen Situation erwarten sollten. Sie nennen das Erfolg. Handelte es sich nicht um einen Werkvertrag, sondern um einen Dienstvertrag, dann wäre ich mit Ihnen einer Meinung! Sie wollen Fleißzeugnisse — warum nicht? Aber im politischen Leben kommt es darauf an, welctier Effekt erzielt wird, und unter Umständen können größter Fleiß, Millionen von Flugblättern und zahllose Reden zwecklos und wertlos fein, und eine einzige Aktion, die vielleicht sogar nichts kostet, kann etwas hervorbringen. (Zwischenruf von den Liberalen: Haben Sie die unternommen?) Ich werde Ihnen darauf eine Antwort geben. Publikationen erlassen, politische Aktionen unternehmen, tut nur jene Gruppe, der Sie den Erfolg attestieren, und zwar haben wir dafür ein sehr schönes Beispiel gehabt. Man geht auf das bisher immer verschmähte Gebiet der internationalen Politik ein und sagt: Wir müssen die Weltjudenheit, die plötzlich existiert, in die politische Arbeit und das politische Leben einspannen. Und wir erleben dann die peinlich wirkende Tragikomödie, daß eines Tages ein amerikanischer Zionist zu einer jüdischen Instanz geht und dort vertrauliche Mitteilungen erhält, die er sofort pflichtgemäß publiziert. Man muß international-politisch geschult sein. Ihnen ist es bekannt, daß Bismarck mit einem Journalisten, der eine vertrauliche Mitteilung vertraulich behandelte, nichts mehr zu tun haben wollte. Er sagte: »Ich bin nicht dazu da, um Journalisten vertrauliche Mitteilungen zu machen, deren Beruf es ist. Vertrauliches zu veröffentlichen." Wenn ein führender Polittker das tut, dann hat er damit den vollen Beweis erbracht, daß nicht er, sondern das ihm bisher anvertraute System ungeeignet ist. Und dieser Mann ließ etwas erklären; Sie wissen, was er erklären ließ, und dann kam ein Dementt, und dann hat derselbe hervorragende jüdische Polittker, der das Dementi gab, in öffentlichen jüdischen Versammlungen gesagt, »ich bins gewesen". Es handelt sich nicht um Personen, sondern darum, daß Sie hier sehen müssen: Wem vertraut man dos politische Geschick der deutschen Juden an? Eine solche Sache kann ausreichen, um bei dieser Methode des deutsche Judentum allerdings auf das schwerste zu diskreditieren. Ich behaupte, daß diese ganze optima fide geführte Politik unsere Stellung auf das schwerste schädigt.