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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1932-09-28 · 4 (28.9.1932) · p. Seite 9

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
10 (1932)
Issue
4 (28.9.1932)
Date
1932-09-28
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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— 9 — promiß, das wir bier vereinbart haben. Wenn nicht ein künftiger Landtag anders beschließen wird, werden wir dieses Kompromiß nach Möglichkeit zum Gesetz zu dringen versuchen. Uns jetzt schon auf weitere Beschlüsse festzulegen, erscheint verfehlt; denn es kommt hier vor allem auf den anderen Verhandlungspartner an. Wir würden uns schwächen, wenn wir jetzt unsere Perhandlungsfrei, heit irgendwie beschränken wollten. Fällt in dieser Beziehung unser Dank an den Bat stark platonisch aus, so begrüßen wir es um so rnehr, daß endlich ein Entwurf für den Reichsverband vorgelegt wird. Sie wissen, zweimal ist der Reichsverband an unserem Widerspruch gescheitert. Es ist deshalb eine Ehrenpflicht unseres preußischen Berbandes gewesen, von uns aus nun einen Entwurf den Süddeutschen vorzulegen. Es wird im einzelnen darüber noch genauer gesprochen werden. Grundsätzlich sind wir der Auffassung, daß hier eine brauchbare Unterlage für die Verhandlungen mit den süddeutschen Verbänden oorliegt. In Einzclpunkten brauchen wir uns heute nicht festzulegen. Wie ich hörte, haben die bayrischen Vertreter ausdrücklich darum gebeten, daß wir bindende und entscheidende Beschlüsse zurücksetzen. Es scheint uns, daß dieser uns im Entwurf vorliegende Reichsvevband ausbaufähig ist. Wir werden uns überlegen müssen, welchen Namen wir u»m geben. Meine Freunde werden dafür sein, „Reichsbund jüdischer Landesverbände" zu sagen. Ich bin mir klar darüber, daß es schönere, populärere, schlagkräftigere Namen gibt. Aber dieser Name ist treffend, und wir halten es nicht für richtig, den Reichsverband unter einer Flagge segeln zu lassen, die nicht zutrifft. Wir wollen hoffen, daß das neue Schiff bald vom Stapel laufen möge. Ebenso wünschen wir, daß unsere Pensionskasse nun bald zustande kommt. Wir haben uns hier viel mit den jüdischen „Kulturträgern" zu befassen gehabt, darunter verstanden wir meist die Rabbiner und Lehrer. Unsere jüdischen Beamten und Angestellten sind indessen, wenn man diesen Ausdruck überhaupt gebrauchen will, auch jüdische Kulturträger in diesem Sinne. Ihnen gegenüber haben wir mit der Pensionskasse eine Ehrenpflicht zu erfüllen. Der uns vorgelegte Entwurf enthält eine bahnbrechende Leistung. Hoffen wir, daß der Name der Versicherungsgesellschaft „Viktoria" ein gutes Omen für den sieghaften Anstieg dieser Einrichtung sein werde. Nun bin ich aber schon bei der Not der Zeit angelangt, der auch diese Pensionskasse ihr Entstehen verdankt. Da ist noch eine weitere neu geschaffene Einrichtung, die wir begrüßen können, der inzwischen gegründete Wirtschaftsausschuß. Wir sind uns klar darüber, daß dieser Wirtschaftsausschuß nicht die Weltkrise und nicht die deutsche Krise maßgeblich beheben wird. Mr sind aber mit den Gründern des Wirtschaftsausschusses der Auffassung, daß zunächst einmal Erhebungen zu unserer eigenen Unterrichtung über die spezifisch jüdische Not vorzunehmen sind. Erst muß die Diagnose erkannt werden, dann erst kann die Therapeutik einsetzen. Wir sehen eine bemerkenswerte Enquete über die Berufe und ihre Erwerbsmöglichkeiten als hoffnungsvollen Anfang. Auf diesem Gebiete wird der Wirtschaftsausschuß beratend tätig sein müssen. Wenn jährlich 10 060 junge Juden in das Erwerbsleben eintreten, so wird es seine Sache sein zu untersuchen, wie es möglich ist, hiervon wenigstens einen Teil noch in aussichtsreichen Berufen unterzubringen wie in der Radioindustrie usw. Hier wird ein Zusammenarbeiten mit den jüdischen Arbeitsnachweisen notwendig sein. Sie wissen, daß meine Freunde diese Nachweise an sich nicht besonders lieben, sie vom grundsätzlichen Standpunkt aus nur als einen vorübergehenden dtotbehelf anfehen können. Immerhin sind wir uns darüber vollkommen klar, i»ß sie in der Gegenwart absolut notwendig sind. Hier sind «rfteuliche Anfänge gemacht worden, wenn auch noch viel zu tun übrig bleibt. Aber natürlich stehen alle diese einzelnen Punkte unter dem gebieterischen Zwang der Zeit, und diesem unterliegt unser ganzer Etat, der ein Etat der Not ist. Ueberall sehen wir Abstriche an Geld aus Mangel an Mitteln. Wir hörten soeben von Herrn Direktor Kareski, daß auch die Staatsbeihilfen noch geringer werden. Damit müssen wir uns bei der Not des preußischen Staates adfinden., Dir hörten aber weiter, daß die ungerecht« Verteilung nach wie vor andauert. Erst war es, glaube ich, Herr Dr. Freund, der als Dezernent Jahr für Jahr über diesen Punkt Klage geführt hat, nun ist es Herr Dr. Kl«. Es hat sich da nichts geändert, und, soweit ich höre, sollen auch die Bemühungen des Herrn Präsidenten des Rates vergeblich gewesen sein. Ob der Name freundlich, lieblich oder reißend, es scheint bei der preußischen Regierung in dieser Beziehung wenig zu erreichen zu sein. Ich fürchte, wir werden hier resignieren müssen, obwohl wir weiter um eine gerechte Verteilung zu kämpfen haben. Ebenso müssen wir selbstverständlich mit den verringerten Eingängen der Gemeinden rechnen, und infolgedessen ist es selbstverständlich, daß wir überall die Ausgaben drosseln müssen. Von dieser Beschneidung werden auch die Kulturaufgaben des Landesverbandes betroffen werden. In dieser Beziehung stimmen wir der Ratsvorlage restlos zu. Insbesondere sind wir damit einverstanden, daß die Zuschüsse für Lehrerausbildung und Stipendien für künftige Lehrer beseitigt werden. Denn nicht darum geht heute die Sorge, Lehrer für die Kinder zu schaffen, sondern Schüler für die bereits vorhandenen Lehrer zu gewinnen. Ähnliches ist bei den Kultusbeamten, Kantoren und Schächtern der Fall, wo ein Ueberangebot besteht. Ebenfalls möchte ich -bei dieser Gelegenheit Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, ob es wirklich notwendig ist, daß wir in Preußen nicht weniger als drei Rabbinerlehranstalten haben. Ich bin mir bewußt, wie diese historisch entstanden sind, und daß jede einzelne in sich ihre Berechtigung trägt. Es ist aber in dieser Zeit der Not ein Luxus, drei Anstalten zu halten, und wir werden untersuchen müssen, ob wir nicht auch hier durch Zusammenlegung oder Konzentrierung wesentliche Ersparnisse erzielen können. Bon -den Abstrichen werden naturgemäß auch betroffen Wohlfahrt und Sport. Aber andererseits möchte ich die Aufmerksamkeit des Rates darauf lenken, ob nicht auch die Verwaltungsausgaben im kommenden Etatsjahr noch weit mehr gedrosselt werden könnten. Daß die Verwaltungsspefen 9 Prozent des Etats ausmachen, erscheint mir viel zu hoch. Wir billigen infolgedessen jede Verwaltungsvereinfachung, die Verkleinerung des Perbandstages, die Kürzung der Reisekosten und Diäten, um auf diesem Gebiet Ersparnisse zu erzielen. Im Etat steht die Miete statt mit 9000 jetzt mit 3000 RM. Mr wird gesagt, daß die Berliner jüdische Gemeinde über Räume verfüge, wo wir erheblich billiger Unterkommen könnten. Selbstverständlich wird auch das Verwaltungsblatt, dem wir zu seinem zehnjährigen Erscheinen gratulieren, von den Ersparnismaßnahmen nicht ausgenommen werden können. Mt diesen Sparmaßnahmen braucht aber nicht das verknüpft zu fein, worüber sich der Verbandst«« mit Recht beschwert, daß der Rechnungsabschluß nicht nur für das vergangene Jahr, sondern auch für das vorvergangene Rechnungsjahr bis jetzt uns nicht vorgelegt worden ist. Als wir in diesen Saal traten, war noch nicht einmal die Verteilung des Abschlusses vorgenommen worden. Ich bitte, hier für Ordnung zu sorgen, um wilden und imlontrollierbaren Gerüchten entgegenzutreten. Bei allem Hang zur Sparsamkeit begrüßen wir es, daß ein .. Punkt des Etats sogar erhöht worden ist, das sind die Zuschüsse an die leistungsschwachen Gemeinden. Wir sind der Auffassung, daß, wenn diese Zuschüsse jetzt insgesamt mit 425 000 RM. eingesetzt worden sind, dieser Posten auf keinen Fall unterschritten werden darf. Hier liegen die Hauptaufgaben des Landesverbandes. Das wichtigste ist, dem Schrumpfungsprozeß der Juden auf dem Lande, in den kleinen Gemeinden und kleinen Städten oorzubeugen. Wir liberalen Juden sehen die Mssion des Judentums gerade darin, in der Iersrreuung zu leben. Wir lehnen deshalb, wie unsere Freunde von der Volkspartei wissen, trotz aller Romantik ein« Konzentration der Juden im Lande der Väter ab. Ganz gewiß wollen wir aber nicht den jüdischen Stamm in den Steinwüsten unserer Großstädte konzentrieren. Kein Volk ist so naturfroh und naturstark gewesen wie das Judentum. In der Poesie keines Volkes leben Sonne, Mond und Sterne, Berge, Ströme und Tiere lebendiger als in unseren Psalmen und Gebeten. Kein Volk hat schon vom Turmbau von Babel her «ine solche Adneigung gegen Wolkenkratzer wie wir Juden. Wir fürchten, daß unser Judentum einen unheilbaren Schaden erlebt, wenn wir diesem Schrumpfungsprozeß auf dem Lande, dieser Abwanderung in die Großstadt nicht Ginhalt tun. Mr wollen alles unterstützen, was diese Entwicklung aufhält. Wir unterstützen daher di« Bezirksrabbinate, wir stimmen den Siedlungsbestrebungen zu, wie sie in den Anträgen der Konservativen vorliegen. Dem Land must mit Tat wie mit Rat geholfen werden. Mr bitten hier um Plan- — wirffchost. Die Versorgung mit koscherem Fleffch kann heut im Wege des Krastwagenverkehrs für die kleinen Gemeinden sichergestellt werden. Alles kommt darauf an, die Großgemeinden mit dem Geist der Verantwortung für die Kleingemeinden zu erfüllen, damit jene diesen zur Seite stehen. ~

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