Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 4 (28.9.1932)
- Date
- 1932-09-28
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 8 — Abg. Dr. Seligsohn: Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wenn ich hier als erster Fraktionsredner im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden das Wort ergreife, so bewegen sowohl preußische wie jüdische Empfindungen mein Herz, und es hat zunächst den Anschein, als ob die preußischen die Oberhand gewinnen. ®ti stehen zwischen der ersten und zweiten Reichspräsidentenwahl, wir stehen unmittelbar vor den preußischen Landtagswahlen, wir tagen hier in dem Hause des preußischen Landtags. Und wenn wir so zunächst die schuksalhaftr Entscheidung des deutschen Volkes, di« uns unmittelbar bevorsteht, betrachten, so ist es doch auch «in tieferer Grund, wenn hier in unserer jüdischen Arbeit sich der Blick auf unser preußisch-deutsches Vaterland richtet. Wir Juden leben ja nicht auf einer einsamen Insel für uns. Wenn es erst ein« Zeit hätte geben müssen, um uns klarzumachen, wie untrennbar wir Juden verquickt und verwurzelt sind mit dem politischen und wirtschaftlichen Geschick unserer Vaterländer, in denen wir leben, so wäre unsere Zeit wahrlich dazu angetan. Wir deutschen Juden sind geradezu ein Barometer für die Entwicklung unseres deutschen und preußischen Vaterlandes. Denken Eie an die Zeit vor dem Krieg, an den großen Aufstieg Deutschlands im 19. Jahrhundert in politischer und wirtschaftlicher Beziehung! Der deutsche Jude hat in materieller, geistiger und kultureller Beziehung stark von diesem Aufstieg profitiert, wenn auch vielleicht die religiösen Belange, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, darüber zu kurz gekommen sein mögen. Wenn wir seit dem Krieg und seit der Inflation einen wirtschaftlichen Tiefstand erreichten, von dem wir immer glauben, ganz unten angekommen zu sein, um dann zu sehen, daß man noch tiefer sinken kann, so trifft kein« Bevölkerungsschicht des preußisch-deutschen Volles diese Not der Zeit schwerer als uns Juden; denn wir tragen, abgesehen von der Bedrängnis unseres Volkes und unseres Vaterlandes, noch stets die eigene Not und die Schwere des jüdischen Schicksals. Aber wir wären nicht Juden, wenn wir nicht gewillt wären, dieses Schicksal, das unser« Bestimmung ist, mit Würde zu tragen. Was aber, und was besonders in dieser Stunde gesagt werden muß, wir nicht zu tragen gewillt sind, das ist, daß die größte politische Partei Deutschlands, deren Anhänger noch stets im Anschwellen begriffen sind, die Not des Vaterlandes dazu benutzt, um erneut den Judenhaß zu entfachen und damit eigene politische Geschäfte zu treiben. Was wir in dieser Beziehung an Hetze und Verleumdung erleben, ist zum Teil von einer solchen Nwdrigkeit, von so perverser Krankhaftigkeit des Hasses, daß wir innerlich nur schaudern können. Wir haben die Empfindung, als ob wir in das tieffte Mttelalter abgleiten, wenn wir die nationalsozialistischen Blätter lesen, ihre blutrünstigen Kriegslieder hören, ihre Zeichnungen ansehen, einen Blick auf unsere Friedhöft und geschändeftn und besudelten Tempel werfen. Allerdings, so oft wir darüber auch erschauern mögen, vor Angst erschrecken darüber tun wir nicht. Mögen wir auch an den Säulen lesen: »Deutschland erwache, Juda erzittere." Das jüdische Herz erzittert nicht so leicht. Der Sabbath Sochaur liegt gerade hinftr uns, der uns daran gemahnt hat, was Amalek, was Rom und Griechenland uns angetan haben. Das waren Menschen und Zeiten, denen noch andere Machtmittel für ihren Haß und ihre Verttlgungswut zur Verfügung standen, als den Verkündern des Dritten Reiches. Und doch sind wir übriggeblieben, das Judentum und der jüdische Stamm, und nicht jene, die glaubten, uns mit barbarischen Mitteln ausrotten zu können. Angst ist es also nicht, die unsere jüdische Seele erzittern läßt, wohl bebt sie, aber vor Empörung über diese barbarische Derwilderung zu einer Zeit und in einem Jahr, wo unser deutsches Volk den hundertsftn Todestag seines edelsten Kulturttägers feiert. Dir bangen darum, daß unftr deutsches Volk diese Hetze nicht wird länger ertragen können, ohne dauernden Schaden an seinem Bestand und seiner Seele zu nehmen. Wft sind uns dabei klar darüber, daß unser Volk von Fftberdelirien geschüttelt wird, und daß man in solchen Zeiten nicht jedes Dort auf die Wagschale legen kann. Aber was wir in unserem Vaterland« an Verleumdung gegen uns jetzt erleben müssen, hätten wft doch nicht für möglich gehalten. Dank, doppelter Dank gebührt allen jenen, die sich dieser Flut des Hasses entgegenstellen. Der Dank gebührt zunächst unseren jüdischen Orgamsattonen, er gebührt unserem Rat und seinem Präsidenten des Landesverbandes, welche dieser Frage ihre vollste Aufmerksamkeit zugewandt haben. Der Dank gebührt unseren jüdischen Geineiichen, di« jetzt ebenfalls angefangen haben, sich mit dftftm wichtigsten Problem zu befassen. Aber ich möchte vor allem auch Dank an dftftr Stelle den privaten Organisattonen sagen, dft mit Erfolg sich bemühen, diese Arbeit sowohl im Lftinen wie im großen zu leisten. Und ich würde es für ungerecht halten. wenn ich nicht in diesem Zusammenhang des Tentralvereins ganz besonders gedächte. (Bvavo!) Seine unermüdlich« Kftinarbeit, unbekümmert um Fehlschläge und um Rückschläge verdient unseren aufrichtigen Dank und unsere volle Unterstützung. Infolgedessen möchte ich auch gleich gegenüber einem uns vorliegenden volksparteilichen Anftag betonen: Wir sind nicht gewillt, in diesem ernstesten Augenblick Experimente zu machen, wir sind nicht gewillt, diese Abwehrarbeit den Organffattonen, di« sich bisher mit Erfolg darin betätigt haben, abzunehmen, auch nicht, um sie dem Landesverband zu übertragen, der kraft seiner bürokratischen Organisation und der Beschneidung seines Etats im nächsten Jahre gar nicht in der Läge sein kann, dfts« Aufgaben restlos zu erfüllen. Mitten in der Abwehrschlacht nimmt man keinen Wechsel des Kommandos vor! Infolgedessen werden wir den privaten Organisationen ihr Tätigkeitsgebiet in keiner Weift einschränken. Wir sind aber damit einverstanden, daß Landesverband und Rat in Uebereinstimmung mit den privaten Orgamsattonen oller Richtungen sich bemühen, diesen Abwehrkampf auch ihrerseits zu unterstützen und zu fördern. (Bravo!) Wenn wir in dieser Weise schärft Worft gegen unsere Gegner und Hasser sinden müssen, so ist es doch in dieser Stunde ein Gebot jüdischer Wahrhaftigkeit anzuerkennen, daß wir und unsere Gemeinschaft an dieser Hetze nicht ganz schuldlos sind. Wir müssen selbst bekennen, daß wir mit ttefster Wehmut und ttefster Beschämung im letzten Jahrzehnt erlebt haben, daß an den großen Skandalprozessen der deutschen Wirtschaftsgeschichte auch Männer mit jüdischen Namen in hervoragendem Maße beftiligt gewesen sind. (Unruhe bei der Dolkspartei, Oho-Rufe.) Wir wissen, daß dies nicht dft jüdische Hetze entfesselt hat, wir wissen, daß es ungerecht ist, sie auszubeuftn, wir wissen, daß diese Männer jüdischer Abstammung nicht die allein Schuldigen sind. Wir wollen aber der Traditton unseres Judentums folgen, und uns auch an die eigene Brust schlagen und sagen: Jeder Jude, der in dieser Beziehung in und an der tiefsten Not des deutschen Vaterlandes sündigt, wiegt für uns zehnmal schwerer als Hunderte oder tausende Andersgläubiger. (Sehr richtig! bei den Liberalen. Händeklatschens Wir müssen in unseren eigenen Reihen sfteng sein. Dir müssen mit größter Entschftdenheit auch von denen abrücken, die um schnöden Gewinnes willen zwar nicht gerade mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen, die aber immerhin nahe dieser Grenze stehen. Jeder weiß wahrlich am allerbesten, wo die Linft des Anstandes, der Sauberkeit, der Wahrhaftigkeit, der Ehrlichkeit verläuft, nmg auch nicht gerade der Staatsanwalt zum Eingreiftn Anlaß finden. (Zuruf von den Liberalen: Ausgezeichnet! Protest bei der Volkspartei.) Wenn wir unseren jüdischen Stellen den Dank für ihre Abwehrarbeit ausgesprochen haben, so verlangt die Gerechttgkeit, auch der staatlichen Abwehr des Nationalsozialismus zu gedenken. Wir stehen am Ende der preußischen Londtagssession, vielleicht auch am Ende der jetzigen preußischen Regierung. Da wollen wir dies in unserem Kreise anerkennen: Wenn wir auch manches in unserer Arbeit an den preußischen Minisftrien und der preußischen Regierung auszusetzen hatten, so verdanken wir wie alle preußischen StaatMürger der staatsmännischen Aera Braun-Severing doch viel. Indem sie die nationalsozialistische Flut zu bekämpfen bemüht war, hat sie den Willen zur allgemeinen Befriedigung und zur Gerechttgkeit gezeigt. Viel bleibt noch zu tun übttg. Insbesondere ist es für uns wichtig, ein Werbemittel für das wahre Wesen des Judentums in der Oeffentlichkeit zu erhalten und auch Andersgläubigen zu Gehör zu bringen. Wir begrüßen die Bestrebungen des Landesverbandes und der Gemeinden, daß auch in das Rundfunkprogramm jüdische Darbietungen ausgenommen werden sollen, wie bereits evangelische oder katholische ausgenommen worden sind. Wir bitten den Rat, in dftftr Hinsicht nicht zu ermatten und zu versuchen, daß wir auf diesem Wege zu unseren christlichen Mitbürgern sprechen können. Ein Gebftt, das wir mit der jetzigen preußischen Regierung gemeinsam zu bearbeiten hatten, fällt jetzt weg. Das ist dft Frage des preußischen Iudengesetzes. Der Landtag geht auseinander, das Iudengefttz wird nicht erledigt, während dft Gesetze für die katholische und evangelische Kirche vom Landtag verabschiedet worden sind. Rach meinem Dafürhalten ist es daher für uns in dieser Stunde vollkommen müßig, über das Vergangene nachzudenken, ob richtig operiert worden ist und ob man es nicht hätte anders machen können. Das sind vergangene Sachen. Der Standpunkt meiner Freunde ist klar. Wft stehen nach wie vor zu dem Kom-