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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1932-09-28 · 4 (28.9.1932) · p. Seite 3

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
10 (1932)
Issue
4 (28.9.1932)
Date
1932-09-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — Erster BerhanUungstag. Präsident Stern eröffnet die Sitzung um 2.20 Uhr. Rabbiner Dr. Warschauer: Hochansehnliche Versammlung! Diese unsere Tagung soll gleich ihren Vorgängerinnen durch «in dem Geiste der Religion entstammendes Wort eröffnet werden. Geist der Religion, das ist nicht zuletzt Geist der Veront» wortung. Indem wir unsere Arbeit beginnen, wollen wir uns erneut und in voller Tiefe der Verantwortung bewußt werden, die in ihr uns gegeben ist, der Verantwortung gegen unser« Auf. gaben, die, so suhlen wir als religiöse Juden, von Gott uns gestellt sind. Daß diese Verantwortung wahrlich schwer und groß genug ist, schon dank den geitverhältnissen, in denen wir an der Zukunst unseres Judentums bauen müssen und bauen wollen, das bedarf keiner langen Erörterung. Wir bauen unser Werk hinein in eine in mehrfachem Sinne feindliche, uns hemmende Zeit. Seit unserer letzten Tagung sind die wirtschaftlichen Voraussetzungen unserer Arbeit von Monat zu Monat, votr Tag zu Tag schwieriger geworden. Die Welle des Hasses gegemlunfere Gemeinschaft zeigt schwerlich ein Abebben, und auf olleJpälle hat sie für viele Jahre und weithin eine Vergiftung S^Lweelen erzeugt, die notwendig unseren Zielen äußere und innere Hemmnisse bereiten muß. Schwerer aber rwch wiegen und höher noch steigern unsere Beantwortung Faktoren, die unser eigenes, unser inneres Leben angehen. Wir haben unsere jüdischen Lebenswerte zu verteidigen, zu festigen, zu vertiefen in einer Zeit schwerster Krisen des sozialen und geistigen Lebens, in einer Zeit der Gärung, die auch in unseren Reihen und nicht zuletzt in denen der Jugend nicht wenige Gemüter verwirrt. Mit all dem aber, was uns so an Hemmungen und Röten entgegensteht, hängt zusammen eine gewisse Zersetzung des jüdischen Lebenswillens, wie sie in den bekannten Erscheinungen des Geburtenrückgangs, der Mischehe, des Abfalles von Judentum und Gemeinde uns bedrohlich und damit beunruhigend genug entgegentritt. Und steht dieser Schwächung des jüdischen Lebenswillens, Gott sei es gedankt, auch ein erneutes Erwachen desselben gegenüber, wie es sich kundtut im Kampfe um die Auffassung des Judentums, seiner religiösen Ideen, seines Wesens, des Sinnes seines geschichtlichen Daseins und damit im Kampfe um seine Zukunftsgestaltung, so wissen wir alle, daß diese so heftig entbrannten inneren Auseinandersetzungen, notwendig und heilsam wie sie sind, doch gewiß auch ihre Gefahren und damit auch ihre Verantwortung in sich bergen. Dies alles weiß, fühlt ein jeder von uns und erkennt darin die Gründe unserer erhöhten Verantwortung gegen unser Judentum, gegen unser deutsches Judentum. Ja, dieses Wort: deutsches Judentum mag heute mit einigen Hinweisen unterstrichen werden. Wohl gilt die Arbeit unseres Verbandes zunächst dem Judentum unseres engeren preußischen Voterlcmdes. Aber dieser Bezirk ist groß und wichtig genug, daß unsere Arbeit zuletzt auf das deutsche Judentum zielt und ihm zugute kommt. Ist es doch unser Streben wie unsere Hoffnung, daß zuletzt, früher oder später aus diesem unserem Verband die das Reich umfassende Organisation, der Reichsverband deutscher Juden, erwachsen möge. Dieser Ausblick aber auf das gesamte deutsche Judentum, scheint mir, eröffnet uns auch den Blick auf eine besondere geschichtliche Verantwortung. Unser deutsches Judentum ist ein besonderer und ein hoher Wert in der Geschichte des jüdischen Volkes in der Zerstreuung. Es hat, als vor etwa tausend Jahren das geistige Zentrum der Iudenheit in Babylon versank, dessen großes Erbe angetreten, es hat die talmudifch-vabbintsche Entwicklung ausgenommen und zu chrer Höhe emporgeführt. Inmitten eines Jahrhunderte langen Martyriums, eingespannt in eine Kette von Leiden und Derfolgungen, hat es der jüdischen Frömmigkeit, dem jüdischen Leben, der jüdischen Seel« ihren endgültigen Ehavakter ausgeprägt. Das spanische Judentum war universaler und hat glänzendere Namen aufzuweisen, aber daß bis heute ein Judentum eigener und kraftvoller Art gelebt hat, das ist dem deutschen Judentum zu danken, von dem ja doch auch das große östlich« Judentum leiblich und geistig ausgegangen ist. Und als dann für uns die neue Zeit kam, da hat auf feinem Boden und durch feine besten Kräfte sich die notwendige Auseinandersetzung und Verschmelzung zwischen jüdischem und europäischem Geiste voltzogen. Sie denken in diesem Zusammenhang, meine Damen und Herren, an Moses Mendelssohn'» verehrungswürdige Gestalt. Mit Recht. Doch, so scheint mir, muß in diesem Zusammenhang hingewiefen werden auf eine andere mindestens gleich bedeutsame Erscheinung. In diesem Jahre, in dem di« hundertste Wiederkehr des Todestages eines Goethe begangen wurde, ist auch ein Jahrhundert verflossen feit dem Erscheinen von Leopold Zunz' bahnbrechendem Werke „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden". Vielleicht mahnt nichts so sehr wie dieses Werk uns an das, was damals das deutsche Judentum bedeutete. Hier entstand in der Berührung mit der deutschen Kultur die jüdische Mssenschaft, Mutter einer vertieften Erkenntnis des Judentums und eines erhöhten jüdisch-geschichtlichen Selbstbvwußtseins. Hier ward der Kampf begönnen um die Neugestaltung des religiösen Lebens, der doch zuletzt allen Lagern im Judentum eine Vertiefung ihrer Auffassung gebracht und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bis in die Neue Welt sich ausgewirkt hat. Da stand neben einem Abraham Geiger ein Samson Raphael Hirsch, zwischen beiden Zacharias Fvankel. Da folgte auf die Pioniere der jüdischen Mssenschaft wie Zunz der große Meister, der erste, der ihre Arbeit zusammenfaßte in einem stolzen Geschichtswerke, das selber der Quell neuen jüdischen Stolzes wurde, Heinrich Graetz. Welche Fülle von Kräften, von Bewegung, von Leben — damals. Aber wenn gewiß im deutschen Judentum seitdem ein unleugbarer Verfall eingetreten und ihm die geistige Führung entglitten ist, die es damals im Gesamtjudentum gehabt hat, so ist es doch bis heute eine Stätte jüdischen Lebens geblieben in dem Sinne vor allem, daß hier alle jüdische Bewegung ihre Resonanz und ihre Förderung gefunden hat. Daß grade hier auch die letzte große Bewegung im Judentum unserer Tage, die nationale, erst ihre Vorbereiter und dann ihren starken Wiederhall und ihre führenden Mitarbeiter gefunden hat, kann eine objektive Betrachtung nur werten als ein Zeichen wacher, jüdischer LÄenskraft. So war und so ist das deutsche Judentum ein eigner hoher geschichtlicher Wert. Daß es nicht, wie man ihm immer wieder prophezeit, untergehe, daß dieser Wert, den es darstellt, nicht verschwinde aus der Geschichte des Gesamtjudentums, dafür tragen wir die Verantwortung. Von dieser Verantwortung soll unsere Arbeit getragen sein und ihr gerecht werden, von ihr wollen wir uns erfüllt und ihrer'wollen wir uns würdig zeigen. Der Gott aber, der sie uns auferlegt hat und vor, dem wir sie tragen. Er erfülle und segne uns mit dem rechten Geiste, Er lasse auf unserer Versammlung ruhen den Geist, von dem ein Iesaia gesprochen: Es ruhe auf ihr der Geist des Ewigen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist klugen Rates, aber auch selbstbewußter stolrer Kraft, der Geist der Erkenntnis und Ehrfurcht des Ewigen, der Geist der Religion, das ist der Geist der Verantwortung. Amen. Präsident Stern: Die Landesversammlung des Preußischeu Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist eröffnet. Verehrte Damen und Herren! In einer Zeit, deren Ernst und Verantwortung soeben aus berufenem Munde in unser Gewissen geprägt wurde, eröffne ich als der Präsident die diesjährige Landesversammlung. Es wäre nach meinem Dafürhalten eine Geringschätzung Ihres Verantwortungsbewußtseins, wenn ich in einer Zeit, wie sie das deutsche Judentum in Ernst und innerer Erschütterung kaum je erlebt hat, darauf Hinweisen müßte, daß das, was wir hier tun, Dienst an der Allgemeinheit, Dienst am Judentum und Dienst am Vaterland zugleich ist, daß wir daher die Verpflichtung haben, in dieser Zeit besonders abzuwägen und zu werten unser Wort und unsere Tat, daß wir in einer Zeit, da die Brandung um uns hochschlägt, nach meinem Dafürhalten und nach dem Dafürhalten jedes unter Ihnen bei aller geistigen Verschiedenheit der Auffassungen das Verbindende und Einigende stärker als je erkennen und in die Tat umsetzen müssen. Von diesem Geiste allein, glaube ich, muß die Versammlung getragen sein, wenn sie sich des Ernstes, der Verantwortlichkeit der Jetztzeit würdig erweisen soll. Bevor ich in die Tagesordnung eintrete, muß ich leider auch in diesem Jahre mein Amt damit drinnen, daß ich zweier Männer gedenke, die seit der letzten Versammlung aus unserer Mitte genommen worben sind. Es sind aus unserem Kreise verstorben der ehrwürdige, uns allen wichlbekannte Abgeordnete Oberschlestens, rr Emanuel Pinczower-Beuthen, und Herr Siegfried osenbaum-Pasewalk. Beide Herren sind vielleicht in der Allgemeinheit nicht oft hervorgetreten, dienten aber ihrer Fraktion al» wertvoll Mitarbeiter. Vor allem aber in ihrer Heimat haben

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