Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 32 (sequence 32)
- Language
- German
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konservativ« Einstellung — ich halte sie für borniert — wenn sie nicht allmählich, sogar recht schnell schwindet, für unsere Alhzemeinheit auberordentlich traurige Folgen haben wird. Das letzte, was in diesem Zusammenhang von der subjektiven Seite zu sagen ist. ist die Frage über den Wert der Sied^ng- Sie muh leidenschaftslos betrachtet werden. All dies« Ding«. Darlehenskassen, Siedlung usw. sind an sich wertvolle Erperimente, die man fördern muh, aber sie führen nicht zu einer irgendwie gearteten deutschen Judenfrage oder der deutschen Judeimot. (Sehr richtig!) Man muh sich darüber klar sein, daß man allen Männern und Frauen, die in dieser Beziehung tätig sind, die größte Verehrung und Zustimmung rollen muh. Aber der Glaube, daß damit alles gelöst ist, ist ein Irrglaube. (Zuruf: Sagt auch niemand mehr!) Aber es gibt immer noch Kreise, di« sich einreden, wenn wir in dieser Beziehung mehr leisten würden, würden größere Hoffnungen erfüllt werden. Und noch eins: Herr Kareski hat sich darüber gewundert, dab ich in meinen Aussätzen den Optimismus sehr stark habe hervortreten lassen: ich bin auch heute noch der Auffassung, nachdem ich alles ausgenommen habe, was gesagt worden ist, daß, wenn wir uns subjektiv stark wandeln und di« geiftige Wendigkeit unserer Väter annehmen würden, die Rot keineswegs so grob zu sein brauchte, wie sie ist. (Sehr richtig!) Ich habe vor Monaten mit Herrn Prof. Hirsch über die Probleme gesprochen, und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, daß die Gründung einer Zentralstelle von Sachverständigen wünschenswert wäre, die di« entstehenden Lücken der Wirtschaft feststellt und die Arbeitssuchenden in sie «infügt. Aus diese Weise würde ein« große Anzahl von neuen Barufen erschlossen werden und die Schwierigkeit der Berufswahl und der Berufsausübung könnt« nicht nur gemildert, sondern vielleicht sogar in gewissem Umfange behoben werden. Denn ich verkenne gar nicht und habe das in aller Oeffentlichkeit ausgesprochen, daß wir ein Kapital mitbringen, in dem wir den übrigen Volksgenossen in Deutschland überlegen sind: das ist eine viele Jahrhundert« lang grob gezogene Routine und ein gewisser Blick für die Notwendigkeiten des Wirtschaftslebens. Und nun noch ein Wort zur Frag« der Proletarisierung. Es gibt hier ein« Perversität, die darin besteht, dab einzelne Höhergestellte die Verproletarisierung wünschen (Für die anderen!) und sich auf den Standpunkt stellen, es wäre sehr gut. wenn wir mehr jüdisches Proletariat haben würden. Diese Dinge sollt« man auch einmal so kennzeichnen, wie sie gekennzeichnet werden müsien. Wenn heute die Armen in der Welt gelzählt werden, würden wir an der Spitze marschieren. Wenn in einem Settor der Jahrhunderte sich aber einmal bessere Verhältnisse angebahnt haben, so ist es ein perverses Verlangen, dab möglichst viele Juden wieder zu Proletariern werden sollen. Es müsien Berufe gewählt werden, in denen di« einmal vorhandene Anlage zur Selbständigkeit nach Tunlichkeit erhalten bleibt. Und da lasien sich in mittleren Gemeinden Möglichkeiten schaffen durch all die Mittel, die erörtert worden sind, die aber in groben Gemeinden nicht zum Ziele führen. Es wäre sehr wichtig, dies« angedeuteten Gedanken, die alle Redner irgendwie berührt haben, einmal, soweit es möglich ist. wissenschaftlich zu erforschen. Mit der Statistik allein kommt man nicht wetter (Sehr richtig!), sondern nur mit der GnquSte. In einem neuen Werk über die Soziologie der Juden ist «in Anfang mit dieser Bearbeitung gemacht worden. So ist der Weg dazu gezeigt, wie die grobe Aufgabe im einzelnen für das einzelne Land gelöst werden kann. Der Rat der Landesverbandes sollte zu diesem Zwecke zum mindesten seine einberufend« und leitende Aufgabe — nicht etwa zweck» Vorlage «ine» Gesetzes zur Aufhebung der Judennot, das würde unmöglich fein. — aber im Dienste von Anregungen, die hier erarbeitet werden und von hier in die Gemeinden dringen sollen, möglichst bald erfüllen. (Beifall.). Abg. Blumenseid: Es ist mir «ine Freude, dab diese, Problem jetzt endlich auf unserer Tagung behandelt wird. Mein Freund Holländer sagt, dab «r schon vor dem Krieg« diese Frage behandelt hätte. Ich habe schon im Jahre 1905 über da» Wirtschaftsproblem der Juden gesprochen, damals sind mein« Ausführungen aber aNgemein abgelehnt worden. Heute sieht es so aus, als ob wir uns schon über diese Frage verständigen können. Ich glaub«, wir sind erst am Anfang der Untersuchung. Und »enn Dü. Holländer verlangt, dab man ein Institut für Wirtschaftsforschung gründen sollte, so haben wir das schon fett Monaten verlangt. Wir wußten. dab alles, was hier gesagt werden kann/ sehr dilettantisch sein mutz. Man kommt auberdem nicht mit der Statistik oder mit Enauäten aus. sondern man kann di« Grundfragen de, jüdische» Lebens nur richtig beantworten, wenn man den Mut hat, aus der Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen, und Sie können sehen, wie z. Zt. Nebenbemerkungen in der Red« von Dr. Holländer «inen tiefen Sinn bekommen im Zusammenhang mit der g««e» Lntwicklang: Holländer sagt, wir Juden haben uns »och spezifisch« Aulagen und Fähigkeiten erhalten, wobei er gleichem, festftellen muh und all« Redner deuten e» an, ohne die Kons«««« zu ziehqn: Wir haben durch eine allzu starke Eingliederung und Assimilation diese Fähigkeiten verloren, di« wir einmal hatten, und die un, «ine bestimmte Position in der Welt gegeben haben. Wir fasse» nach dieser Debatte keine Beschlüsse^ daher will ich einige gewagte Bemerdingen, die Ihnen vielleicht gegen den Strich gehen, machen. Da, Wort von den spezifischen wirtschaftliche» Anlagen erhält sein« Sinn immer in einer klimmten Wirtschastssituatioa. Für den heutigen Juden kann e, nicht denselben Sinn habe» wie für unsere Väter und Grobväter, die unter andere« wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen die Kraft fanden, sich durchzusetzen. Da» jüdisch« Wirtschaftsproblem ist, wie übri^n» in gewissem Umfang jede» Wirtschaftsproblem, nur z. T. «in Mrtfchaftsproblem und zum andern Teil ein politische» Problem. Wenn Sie sagen, Eingliederung der Juden in die umgeben-»« Well und Wirtschaft, so müsse» Sie sich gleichzeitig darüber klar werden, ob und inwieweit heute «ine solch« Eingliederung überhaupt möglich ist. Eingliederungstendenzen und wirtschaftlicher.Abstieg, Proletarisierung und Entjudung gehören eng zusammen. Eingliederung der Juden in da» Wirtschaftsleben durch normale Schichtung der jüdischen Bevölkerung ist hier in Deutschland unmöglich. Da» Ziel jüdischer Wirtschaststendenzen mühte «in normale, jüdisches Wirtschaftsleben sein, in dem der jüdische Proletarier, der jüdische Bauer ebenso sehr seinen Sinn und seinen Wert hat wie die Juden in anderen Berufen. An di« Möglichkett, eine solch« Normalisierung der tstdischen Wirtschaft hier zu erreiche», glauben weder wir noch Sie^Auch Sie fühle» schon, dah da» Schicksal der Juden in der Wirtschaft einen Sondersall darfteltt und anerkennen bewußt oder unbewußt unsere Galutheriftenz in der von un» oft untersuchten eigentümlichen Form. Auch bei Ihnen mischen sich bei der Entscheidung über jüdische Wirtschastsfragen wirtschaftliche und politische Erkenntnisse mit jüdischen Bedürsnisien. Es wäre sonst nicht zu verstehen, warum die vielfältige» Versuche, eine Berufsumschichtung herbeizuführen, bei jüdischen Eltern so wenig Förderung finden, auch wenn e» sich um den wirtschaftlichen Vorteil ihrer Kinder handelt. Die in der Vorkriegszeit unter der Herrschaft des liberal« Judentums bewährten Instinkte ferner sträuben sich gegen die Anerkennung einer neuen jüdischen Lebenslage. So ist es kein Wunder, daß manch« unserer großen Bankdirettoren dem Gedanken der jüdischen Selbsthilfe, der einer neuen Wirtschaftrsttuation gerecht werden wUl. mit Mißtrauen gegenüber stehen, da sie in ihr ein deutliche» Sympton für eine grundsätzlich von ihnen nicht gewollte, heute aber erforderliche Solidarisierung der Jud« im Wirtschastskampf« erblicken. (Die Konsequenz der Ausführungen des Herrn Staatssettetär» Dr. Hirsch, de» Herr» Dr. Holländer und de» Herrn Berger ist eine Form de» Zusammenschluffe» der Juden, den Sie früher so gem als neues Ghetto bezeichnet haben. Die Entwicklungen in der Wirtschaft haben die Galuthsituation der Juden offenbar gemacht und erzwingen unzweifelhaft allmählich in dem Kampf um die Selbstbehauptung eine interterritorial« Verbindung der Juden aller Länder^Jm Zusammenhang mit dieser Entwicklung gewinnt auch Palästina eine erhöhte Bedeutung. Den rusiischen Juden ist nach dem großen Zusammenbruch vielfach nur da» geblieben, wa» sie in Palästina besaßen und die amerikanischen Juden hätten gut daran getan, wenn sie sich rechtzettig eine wirtschaftliche Reserveftelkung in Palästina geschaffen hätten. Für sie wie für di« eurvpäisch« Judenbeit kommt eine solche Neuorientierung nicht z» spät. Tote» Kapital, das heute in Schweizer Banken lagert, kann in Pajästina in der Orangenindustrie, produttiv die jüdische Wettsituatio« verbesiernd und zugleich die deutsche Wittschaft fördernd, arbeiten. Palästina mit seinen Pflanzungen, dem Aufbau und den neuen Ordnungen jüdisch«! Leben» hat sein« nicht mehr zu überßchend« Stellung bei dem Versuch der Judenheit, sich in Zeilen rückläufiger Konjunkturen zu behaupten, erworben. Die objektive Bedeutung Paläftina» wird wachs«. Wenn Dr. Holländer mit dazu bellragen wird, da» jüdische Problem ernsthaft zu durchforschen, dann wird er mit un, zu der Erkenntnis kommen, daß die Sonderlage der Juden, d. h. die ausgesprochen« Galuthsituation zu alle» Zeiten, auch in den Zeiten wittschaftllchm Aufstieg», bestanden hat und bestehen wird. Auch im 19. Jahrhundett. in dem die Juden die legitimen Nutznießer der ihnen günstigen individualistischen Wirtschaftsform wäre», bestand diese damal» naturgemäß nicht anerkannte und heute für jene Zeit geleugnete Judenftage auf allen Gebiete». Eine Erforsch«- de» jüdisch« Wittschast,Problem» wird zeigen, daß mau ohne ein« Revision der Grundhaltung gegenüber der jüdisch« Gemeinschaft uft gegenüber dem jüdischen Gesamtproblem nicht auskomm« kan». Da