Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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sagt —; aber wir wollen nur doch darüber klar sein, bafc die Herren »war von Wirtschaft sehr viel verstehen mögen, dah sie aber an den Dingen, die wir heute hier behandeln, de»interessiert sind. Um hier mitberaten zu können, muh man nicht üb« di« Wirtschaft allein, sondern auch üb« Judentum und jüdische« Leben etwa» sagen können, muh man wissen, wie e» den Juden in den Städten und kleinen Gemeinden geht. Reich dies« Richtung hin bleiben un, di« jüdischen Wittschaftsführer di« Antwort schuldig, und er ist kein Zufall, dah keiner dieser Herren es bi» heut« für nötig befunden hat. stch grundlegend und wesentlich ru diesen Fragen zu Suchern. Wir finden die Namen uns«« Wirtschastsführer dort, wo e» ihnen in gewissem Umfang« notwendig scheint, dah jüdische Namen dabei sind. Wir finden sie auch bei gröberen jüdischen Avionen, die geplant werden, aber doch wirklich nur insofern, al» sie ihren Namen geben, ohne sich weiter darum zu kümmern, wa» aus diesen Aktionen wird. Und eine dieser Aktionen, di« die Anerkennung unser« Wirtschastsführer und unserer Theoretiker gefunden hat, ist von Herrn Prof. Hirsch hi« erwähnt worden. Jene Bewegung, mit der man glaubt, heute dem deutschen Judentum wirtschaftlich helfen zu können auf dem Wege der Berufsumschichtung nach der Seit« der landwirtschaftlichen Betäfigung hin. Es mag gut und vernünftig sein, einigen jungen Menschen, di« diesen Beruf «lernt haben und nun ohne Stellung sind, in «ine gute Position ru bringen: — aber in einer Zeit, in der alles aus der Landwirtschaft davonläuft« Menschen dazu zu bewegen, in die Landwirtschaft zu gehen, —' daraus eine Bewegung für das deutsch« Judentum zu machen, ist unvernünftig. Wir wissen, dah es der Landwirtschaft schlecht geht. Bauern, die seit Jahrhunderten mit der Scholle verwurzelt sind, können sich nicht mehr halten, und gerade jetzt soll unsere Jugend plötzlich versuchen, in der Landwirtschaft erfolgreich zu wirtschaften und zeigen, dah der Siedlungsgedanke d« preuhisch« Regierung für uns fruchtbar ist, wo die and«en versagt haben. Es kommt hier nicht darauf an, ob man nun einigen Menschen die Möglichkeit einer gärtnerischen Ausbildung und Existenz gibt, es sind sich«lich genügend jüdische Friedhöfe vorhanden, wo nur christliche Gärtner beschäftigt sind. Man soll aber keine Illusionen wecken; denn mft der Berufsumschichtung und der gegenwärfigen Wirtschastsnot hat die Frag« der Siedlung nicht das geringste zu tun. Worauf es heute ankommt, ist etwas andnes. Zunächst ein Wort über die Darlehenskassen. — Es ist wirklich nicht so. dah man mit allen Beschlüssen, die man hier fassen wird, den jüdischen Mittelstand retten könnte, ebensowenig wie es heute überhaupt möglich ist, den Mittelstand zu retten. In dieser Situation d« Aufiösung bereiten sich neue Formen vor. entstehen neue wirtschaftliche Gruppen. Wieweit die Juden sich in diesen llmbildungsprozeh d« Wirtschaft werden einordnen können, kann hier nicht untersucht w«den. Für die grohe Masse des verarmten jüdischen Mittelstandes ist eine Möglichkeit zur Hilfe heut« nicht gegeben, wohl aber für den kleinen jüdischen Händler, dem noch durch Gewährung kleiner« Darlehen zur Erhaltung seiner Ettstenzmöglichkeit verholfen werden kann. Don Bedeutung ist die Frage der Selbsthilfe auf dem Weg« der Genossenschaften: denn Darlehenskassen der Gemeinden haben immer etwas von Wohltat an sich. Man darf dabei nicht übersehen, dah die tonangebenden Führer in den jüdischen Gemeinden d« Provinz auch heut« noch dem gutsituierten Mittelstand« angehören. (Widerspruch). D« kleine Kaufmann in der Provinz, dem es an 300 oder 500 Mark fehlt. ist oft von der guten Meinung der Herren im Vorstände abhängig. « befürchtet, dah durch «in Gesuch an die Darlehenskasie der Gemeinde fein geschäftlich« Kredit leiden könnte und vermeidet es dah«. an die Darlehenskasse seiner Gemeinde heranzutteten. Wir müssen uns deshalb ftagen, ob es nicht praktischer wäre, in den grohen Städten Darlehenskassen für eine ganze Provinz ru «richten, die zweifellos «her dar B«trauen d« Bedürftigen finden w«den als die Darlehenskassen d« kleinen Gemeinden. Wenn es aber gelingen sollte, auf dem Woge d« Selbsthilfe Menschen, die noch kreditfähig sind, zu Genossenschaften zusammenzuschliehen. so wird jene» Moment der Wohlfahrtspflege, das den Darlehenskassen in einem gewisien llnrfange heute noch anhaftet. völlig verschwinden. Mir haben b«eit, gehött, dah wir uns inmitten «ine« Umbildungsprozesies d« Wirtschaft befinden, in dem mft solchen Mittelchen wenig getan «erden kann. Gs gibt für »n» «in« viel gröh«e Aufgabe, die heute noch nicht genügend behandelt wurde. Nicht die Frage, was geschieht mtt dem jüdisch« Mittelstand, ist wichtig, wichtiger und «tscheidend« ist, wa» geschieht mit d« Menschen, die Arbeitnehmer sind und mit der jüdisch« Jugmd, die morg« in die Wittschast einttet« wird. Welchen Weg soll diese Jug«d gehen? — G» ist hier über den jüdisch« Arbeitsnachweis gesprochen word«. Ich glaub«, dah dies« in den Städten und grohen Gemeind« heul« da, einzige Institut ist. da» jüdisch« Arbeitsuchenden üb«. Haupt noch die Möglichkeit zur Aufnahme ein« Arbeitsstelle sichert. Frag« Sie einmal 300 jüdisch« Angestellte, die bei öffentlich« Arbeitsnachweis« «ingettag« sind, wie oft sie von dies« Arbeitsnachweis« Arbett nachgewies« erhalt« haben. E» liegt nicht am schlecht« Will« oder an ein« antisemitischen Einstellung d» B»> amtmschaft der Lftentlich« Arbeitsnachweis«, wenn der jüdische Arbeitsuchende dott kaum noch Arbett «hält. Di« Ueberlaftung d« üftmtlich« Arbeitsnachweise ist derart stark, dah «ine individuelle Bearbeitung der Einzelfälle nicht möglich ist- Ein« solche ist aber gerade für den jüdisch« Arbettsuchend« die wichtigste Voraussetzung der Arbeitsbeschaffung. Die Tatsache, dah Jud« nicht eingestellt werdm. wttft für die Dauer auf den jüdisch« Arbeitnehmer stark deprimierend. er verliert d« Glaub« und di« Hoffnung, jemals Arbeit zu find« und gerät dadurch in «inen fast unrettbar« Zustand. Hier muh der jüdische Arbeitsnachweis ein setz«. Der Ausbau de, jüdisch« Arbeitsnachweiswesens ist eine der wichtigstm Forderung«, die wir erheben. Aber auch hier steh« wir vor grob« Schwierigketten. Es liegt im Wesen der öffentlich« Arbeitsnachweise, dah sie bestrebt find, die charttativm Arbett». Nachweise immer mehr aurzuschalt«. Hab« doch diese für da« grohe Gebiet der Arbeitsvermittlung kein« B«d«tung. Für die emzelnm Grupp« allerdings, den« sie dienen. Hab« sie eine auherordentliche Bedeutung. Das charttattve Arbeitsnachweiswes« führt jetzt einen schweren Kampf gegm die Bürokratie. Die Schwierigkeit«, die wir bei Gründung von Arbeitsnachweis« zu überwind« Hab«, sind deshalb auh«rord«tlich groh. Erkennt man aber, dah der jüdische Arbeitsnachweis die gröht« Möglichkett bietet, Arbeit für Jud« zu beschatt«, so ist es Pflicht aller Kreise, ihn zu unterstützen und zu fördern. Es bedeutet aber ein« Schwächung de» Kampfes für den jüdisch« Arbeitsnachweis, wenn in der Jüdisch- Liberalen Zeitung die Notwendigkeit der jüdisch« Arbeitsnachweis« mtt einem Fragezeichen verseh« wird, wenn dott di« Frage aufgeworf« wird, ob ein jüdischer Arbeitsnachweis helf« kann und so dm Gegnem der charttativ« Arbeitsnachweise Mittel in die Hände gegeb« werd«. Das sind Ding«, di« man al» verantwottungsbe, wuhter Publizist sich überleg« mühte. In einem solch« Gefahrenmoment gegnerischen Kreisen Matettal in die Hände zu spiel«, ist ein« Verantwortungslosigkeit, die nicht schatt genug zurückgewiesm werd« kann. Run zur Frage unserer Jugend. — Meine Freunde von der Poale-Zion und ich glauben nicht daran, dah auf dem Wege der Darlehensbewegung oder mtt Hifi« ähnlicher Mittel der jüdische Mittelstand zu retten ist. Wer heute ettmnt, dah sich neue Form« in der Wittschast herausbild«, dah in ihr neue Faktor« hervortreten. und dah sich die ganze Gesellschaft im Stadium de« Umbaues befindet, wird versteh«, wie wichtig di« Frage der Berufsergreifung unserer Jugmd ist. Die Leweguna der Lerufrumschichtung ist für uns nicht n«. Wir Hab« sie in allen Zetten der jüdisch« Geschichte in Deutschland gehabt. Weshalb aber sollt« jüdische Kinder Handwerker werden, wenn man z. B. im Bankwesen gut verdien« konnte? Weshalb sollte man «inen Beruf ergreif«, der in der jüdisch« Gosellschaft al» nicht ftandesgemäh galt, w«n man in ander« Beruf« genügende wittschastliche Sicherheit fand. Berufsumschichtung von ob«, ohne dah sie wirtschaftlich bedingt ist. fit dazu verurteilt. Utopie zu bleiben. Die Berufsumschichtung der Gegenwatt aber ist nicht da» Resultat der Erkenntnis unserer Theorettker. sondern ist die Folg« davon, dah die jüdisch« Eltern, die einfach« jüdischen Mmsch« bereits erkannt haben, dah sie Vorsorge treffm müsf« indem sie ihre Kinder Berufen zufühven. di« heute noch gewisse Sicherhetten biet« und von Jud« nicht in dem Matze besetzt sind wie die tradttionellm jüdisch« Berufe. Dah rin« Berufsumschichtung möglich ist, zeig« un» die Erfahrung« in Berlin, die man vielleicht in einem gewiss« Umfange auch für die jüdisch« Berufsberatung im Rttche auswett« kann. — Wir Hab« bei ra. 1500 Kindern, die durch die Berliner jüdische Berufsberatung gegangen find, eine Untersuchung über die von ihn« gewählten Berufe, sowie über di« Berufe der Väter angestellt und sind zu folgendem Ergont» gekommen: Die Väter war« zu 63* Kausleute, zu 13* im Bekleidungsgewerbe, tu 3 * im Rahrun-smittelgewerb« und zu 3* in Metallberuf«. Bei d« Söhn« hingeg«, die durch di« Berufsberatung gegang« sind, ergab sich folg« de Gliederung: Kaufleute: 35 *, Bekleidungsgewerbe: 29 *, Rahrungsmtttelgewerb«: 4 * und Metallgewerb«: 12 *. Sie ersehen hieraus, dah di« Umschichtung innerhalb der jüdisch« Famili« sich stärker auswirtt al» in d« von Prof. Silberglett veröffentlichten Zahl«. Hier lieg« auherordentliche Mögfichkttt« einer Berufsumschichtung, wenn man di« Gelder aufbrtngt.