Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
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— 29 — fortfett* jetzt. worüber wir uns nicht täuschen dürfen, auch im Kandel immer weil« führt. Darüb« kann grundsätzlich nur vagen, w« di» Zunftwtttschaft wieder heraufführen will. Die Umgruppierung d« Menschen gehbrt nun einmal rar modernen Wfttschaft, gehört rar kapttalistischm Wirtschaft. E» ist gar feine Frage, das, dadurch, wie die -«re« Vorredner e, vollfommen treffend darg«, legt haben, in einer Reihe von Wirtschaftsrweigen die bisherige vast, de» Dasein», ramal jüdisch« Kausleuft. sich «inengt. Gestatten Sie eine Anmerfung dara: Ganz so schlimm, dah d« Vrohhandel vernichtet wäre, ist e» noch längst nicht. Gr zählte nach d« letzte« Betrieb-i^lhtung in Deutschland imm« noch 2—3 Millionen veruf«tättg«! Gewiß — im Tertilhaudel wird «, schw«. im Getreidehandel muh viel schwer« — immerhin: die Wirtschaft vernichtet hier und richtet dort neu auf. 2ch »«de Ihnen ein paar Zweige nennen, die neu austommen. wobei wir all«ding» damtt ra rechnen haben, daß die jüdischen Menschen bei solchen Wandlungen oft seltsam konservativ sind, viel mehr konservativ, al» man ihrer sonftigm politischen Richtung nach annehmen sollte. So beobachtet man «in« allra stark konservativ« Neigung, die unbedingt imm« nach Tätigkeit mit Textilien geht. Davon sollten sich die jüdischen Menschen etwa, schneller und gründlich« befteien. «he ra viele von ihnen zwang»läufig „freigesetzt" werden. Ab« so trübe, wie man e» au» manchen Gründen oft darftellt — e, ist trübe, es ist auch stichfig. dich trotz undneben d« Wirtschast»krise ungünstige Tendenzen laufen —. soll man es nicht darstellen. Man soll nid# den Menschen den Mut noch nehmen, sondern umgekehrt. E» scheint mir die Aufgabe für die jüdische Arbeit auf dem Wirtschaftsgebiete ganz in erster Linie darin ra bestehe«, daß wir dafür sorgen, daß den deutschen Juden die Entwicklungstendenzen Var gemacht werden und den übrigen auch, daß wir versuchen, die Entwicklungstendenzen in der Wirtschaft im ganze« und vor allem in den Zweige«, di« für die Juden wichtig sind, odjelliv herauszuftellen. Wir werden da ftnden. daß auch in den Zweigen, in denen die Juden sich heut« bedroht fühlen, für «inen erheblichen Teil d« Betriebe noch immer bedeutsame Möglichkeiten«« offen sind, da» gilt auch für große Teile de» Einzelhandel», in dem ganz gewiß der Großbetrieb und die demnächst noch stärk« kommend« Entwicklung der Grobunternehmung manchen Betrieben, die bei alten Methoden verharren, den Boden nehmen. Wer aber diese neuen Formen der Groß- und Gemeinschafts- Unternehmung rechtzeitig sieht, sich in sie ftühzeittg und bewußt «inschaltet. für den nimmt sie nicht Boden, sondern gibt ihn unter Umständen. In bin weiter d« Ansicht, daß e» «ine Reihe von Wirtschaftszweigen gibt, die sich ne» entwickeln; ich erinnere an die enorme Ausbreitung d« Radioindustrie, an die in Deutschland erst kommende Ausbreitung de» Auto», die bei uns erst in den ersten Anfängen steht verglichen mft d« anderer Länder. Der Handel mit Kräftwagmbedarftftoffen. die ganzen großen Hilfsgewerb« de» kommenden well stärkeren Kraftwagmbettteb», all da» sind Feld«, die sich schnell au»weiten «erden. Di« FUmindustrie «häll durch den llebergang zum Sprechfilm einen neuen Jmpul», übrigens für Deutschland ganz blonder» bedeutsam, da wll damtt in den Osten und Südoften Vordringen — neue, eben beginnend« Arbeit»müglichkeiten. In de» europäischen Kaurhalt dringt eben erst die -aushaltmaschine. die ihren Weg c&enfo sicher nehmen wird, wie sie ihn in U.S.A. schon gefunden hat: sie dringt trotz Krise weiter. Desgleichen die Elektrisierung d« Wirtschaft; desgleichen der sich neugeftaltend« Tivll-Luftverkehr — ich hockte es für eine große Aufgabe, für unsere Aufgabe, den Menschen, die nickst wissen, wohin, zu zeigen, wo solch« Möglichkeiten sind. Da» scheint mir enorm wichtig. (Sehr richtig!) E» ist auch wichtig, daß wir uns von gewissen älteren Gedanken, gäugen ein wenia frei.machen, zum Teil sehr konservativer Art, auf die ich hingewiesen habe, und auch Dedankengängen. wie sie mein Freund Frau, Oppenheimer propagiert. Ich will ihm nicht grundsätzlich widersprechen, aber eine Rettung der jüdischen Massen durch landwirtschaftliche Siedlung in «in« Zell, in der die Landwirtschaft aller Länder, täuschen wir un» doch nicht, zu dm ««lukrativsten G«w«bm gehört, kann nicht propagiert werdm. Da muß man Realitäten sehm. Ich fteue mich Ihr« Zuftimmung. Herr Berg«, ganz besonder». Dies« Realitäten, die ich hi« andmtete und die ich heute im einzelnen nicht behandeln kann, diese Realitätm der Hoffnung schein« mir wichtig. Kultur vergangen« Ideale mag schon sein, aber in d« gegenwärtigen Entwicklung würde ich e» für falsch hatten, sich «ach dies« Richtung ra wenden. Auch für unrichtig, große Hoffmmgm auf kleine Geldmittel zu stütz«. Nicht» liegt mir fern« al» davon abzuratm, wen« diese Körperschaft 10000 RM. für «inen Hilfszweck gebe« will. Aber ich möchte vor einem warn«, nämlich davor, daß Sie glaubem. daß Sie mit diesen 10000 RM. irgend etwa» Ernsthaft«» schafft« ««den. Di« 10000 RM. können ein« Zinsverbilligung von 3* au»machm. bei 300000 RM. Kapital. 300000 RM. Kapital für ein mittleres Tertilgeschäft bedeutet, daß etwa S—6 Geschäft« ihr Kapital billig« bekommm. (Zuruf Berger: Wir könnm aber kleinen Leuten mit 300 bi» 500 RR. Darlehen zu einem billig« Satz helfen. Ich bin bereit. Ihnen die Lift« solch« Menschen ra zeigen). Pros. Hirsch (sottfahrmd:) Wir können den Dialog hftr nicht well« führen. Rur ein» werden Sft mft nicht zeigm könnm. Wenn Sie mir dft Leute mit 300 RM. nach 3 Jahren zeigen werde«, so w«d«n Sft ihnm diese 300 RM. inzwischen noch «in paar Mal gegeben haben — oder dft ersten 300 RM. waren umsonst! Prattisch wer dm Sie damtt nicht» «reichen. Bei dm großm Wirtschastssragm müssm wll di« Dinge doch well größer anfasftn. Ich wmd« mich ganz gewiß nicht dagegm Geld zu gebm, nur muß man sich klar sein, was hier Wirtschaftshilfe bedmtet oder was charttativer Natur ijt. Und nun komme ich zur Frag« der Darlehnsgenosimschasten oder sonstig« Darfthnrinftitule.. Leider fehftn in diesem Kreift beinahe restlos mit ganz wenigen' Ausnahmm dft Führer de» deutschm Geldwesens, zumal dft jüdischm darunter. Sonst würdm sft Jhnm sagm, wa» Sie dort erlebm könnten. Sft w«den prattisch mit diesm Genossmschastm nur charllativ« Hilft ftiftm können, wogegm ich nicht» sag«. Aber eine wirtschaftliche Frag« ist da» nicht, da» ist eine Unterftützungsftage. Würde <« «die Wirtschaftsftag« sein, dann müßtm wir einm ganz anderen Betrag nehmen und noch dazu eine klare Aufgabmstellung! (Zuruf Karestt: Da» ist feit Jahrm erwiesen. He« Professor!). Ich habe dem, war ich gesagt habe, nur ein» Hinzuzufügen. Ich möchte vorsÄagm, daß man zurückgeht zu dem ersten Gedanken, d« hi« vorlag. Wir haben eine ganz große Fülle möglicher wirtschastlicher Zielsetzungen, dft hi« erörtert werden mutzte. Wollft ich über dm Einzelhandel, üb« dm Großhandel, üb« di« mittler« Industrie, üb« dft veine Industrie, über dft Möglichkeiftn im Bankwesm sprechen, so würde ftdes solche Thema recht viel Zell beanspruchen. Ich bin z. B. der Ansicht, daß auch d« Großbetrieb seine eigmtümlichm Rückstrahlungen hat, in dmm auch der jüdische Mensch neue Lebensmüglichkeitm findet. So wenig er vftlleicht im Betriebe belicbt ist, so sehr ist « e» im Vertrieb«. Es gibt «ine groß« Zahl solch« Möglichkeiten. solch« Rückftrahlungm, auf dft man hindeuten muß, dft man verstärkm kann und muß. Auch das jüdische Handwerk ist nicht nur möglich sondern hat an wichtigen Stell« wachsmde Möglichkettm. Ich denke an dft neum Installations-Gewerbe, an di« mit dem Forlschreitm der Elektrizität auch der Kftinmaschin« stark wachsmdm Möglichkettm. Es gibt ein« Fülle davon, di« man ab« in einem so groben Kreise nicht nutzbringend besprechen kann. Deshalb gestatte ich mft dft Anregung zu geben, dft üb«, ftaktionell ist: 1. daß ein kleiner Ausschluß gewählt wftd, in dem die wirklichen jüdischm Wittschästsführer und Wittschastskmn« Deutschland, die nützlich« prattisch« Wfttschaftsförderung berate«. Dieftr Ausschlch müßte schnell rasammenftetm. Ich kann mft nickst vorftelftn, daß dabei große Unkosten «ntftehm wadm. 2. An Hand eine« Arbeitsplan» müßft dann d« ganz« Kompler der jüdischen Wirtschaftrfragen be» sprochm w«den, soweit unsere Aufgabm in Betracht kommen. 3. Dann müßte eine Zeit bestimmt werden, in der die Ergebnisse weit« behandelt und in geeignet« Form hinausgegeben werdm. E» ist wichtig, daß den Mmschm nicht nur auf dem Lande sondem auch in veinm Städten in ihrer Lage gezeigt wird, wo LWmrmöglichkeitm für sft und ihre Kinder sind. (LÄHaster Bettall im ganzm Hause.). Abg. Adler-Rudel: Meine Damm und Herren! Wir ha» b« auf dieft Aussprache lange gewartet. Sft ist. »ft ich glaube^ nach manch« Richtung hin gut vorbereitet, dft Aufmerksamkeit und da» Interesse, da» dft Fragm der Wittschaftsnot und der Wittschastshüfe hier finden, zeige», daß es doch so etwas «ft einst to> sondere jüdische Wittschaftsnot gibt, wa» bftlang noch besttttt« wurde. Bedauerlich an dies« Aussprache ist, daß sft letztm Eiche» ohne gmügmde Vorarbeit stattfindet, und daß e» noch nicht Var ist, wie sich dft Dinge, dft heute hftr gesagt werden praktißch au», wirk« ««den. Herr Prof. Hirsch hat die Forderung ausgestellt, «in Gremium zu schaffe«, in dem alle Fragen, dft infolge ihrer Kompliziertheit und Schwierigkit hftr nicht behandelt «erd« könn«. in engem Kreift durchgearbettet und geklätt wetzden solle«. DiHe» Gremium muß sehr bald geschafft« »erden. E» muß jedoch keine Wittschaftskonftrmz sein, und e» müssen auch nicht dft jüdischm Wirfichafisführer dabei mithelfe«. — Es fti hftr nicht» gegm dft Wirtschaftskennluft der jüdischm Wittschästsführer ge-