Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
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— 28 — sein kann. Wenn Sie einmal in verschiedenen Zentren (i- B. Trier) aufklärende Vorträge und Tagungen über den Gegenstand hielten, dann würden Sie, glaube ich, sehen, wie Ihnen die Interessenten zuftrömen: denn sie sehnen sich geradezu danach und bedürfen und erwarten, dah man ihnen Hilst. Ferner interessiert «ns von der konservativen Fraktion da» Problem der Lilfskassen und der Berussumfchichtung heut« von einer anderen hochwichtigen Seit« aus, von der de» sabbathtreuen Gedankens. Leute des Mittelstandes oder Kleinhandel» möchten oft gern den Sabbath beobachten, aber es fehlen die Mittel, um ihre kleine Handlung, ihren kleinen Betrieb weiter fortzuftthren. Sie sind deshalb nicht selten gezwungen, irgendwo «inzutreten. wo ihnen gerade Arbeit geg^en wird, wo man sie aber direst oder indirekt zwingt, den Sabbath zu entweihen. Wenn man ihnen mit kleinen Darlehen über die Kalamität de» Augenblicks hinweghelfen könnte, könnte man «ine ganze Reih« von ihnen von der Entjüdischung abhalten. Auf die Arbeit im Kleinen kommt es an (Sehr richtig!) Denn wer «irre einzige Seele dem Judentum rettet, hat da» ganze Volk gerettet, und darum heiht es auch: .Lvemr du meinem Volke, dem Armen» Geld leihst..." Warum der Ausdruck: Meinem Volke? Allein, wer dem «inen Armen Hilst, Hilst dem Volke im ganzen. Ich mach« den Vorschlag, dah wir uns, für den Augenblick wenigstens, nicht auf grohe Projekt« versteifen: fangen wir im kleinen an, beginnen wir damit, dah man durch Vertrauensleute, sei es Finanz- Männer, sei es Rabbiner, sei er Gemeindevorständ«, Fühlung nehmen läht mit den Leuten auf dem Lande und mit den Kleinstädtern, um so auf diese Art und Weise nach dem Rechten zu schauen. Machen wir einen Anfang, und wir «erden zum Ziele kommen. Sie werde» fragen: „Woher das GeV» nehmend Wir können di« Frage, woher Geld nehmen, natürlich nicht mit Bibelsprüchen erledigen, aber mit einem Wort unserer Weisen können wir ste beantworten, und das Wort lautet: ,/Line Gemeinschaft ist nicht arm", sie ist nie so arm, dah. wenn sie sich zur Gemeinsamkeitstat auftafft, sie nicht imstande wäre, ein Problem zu lösen. Wir lassen uns nicht abschrecken und nicht davon abbringen, dah es möglich ist, etwas zu tim. Optimismus war stets des Judentums Stärk«. Und darum erklär« ich im Namen meiner Fraktion, dah da» ewig« Zögern uns zu lange dauert. Wir können nicht länger warten. Die Besten, wenn auch Aermsten, unseres Judentums sind in Gefahr. Wenn wir die verlieren, so verlieren wir den Grund und Boden, von dem auch die Grohgemeinden ihre Elemente des positiven Judentums beziehen. Wir müssen auf dem Lande Hilf« bringen und unseren GlarGensbeflissenen beistehen, denn nur dadurch können wir auch dem Landesverband Sinn und Sicherstellung geben. Ich muh mich dabei auf den Standpunst stellen, dah nur au» dem Innern, aus der Tiefe des Judentums heraus, wie alle» so auch diese Probleme gelöst werden können. Denn auch ste sind in erster Reihe resigiöse Fragen, und au» dem religiösen Empfinden heraus mästen wir unser« Pflicht erfüllen. Wir müsten den Armen und Bedürftigen so helfen, dah sie sich weiter selbst helfen können. Ich schlage vor. dah nicht nur die in Aussicht genommene Konferenz bald zusammentreten sost. sondern dah inzwischen etwa di« Kleinarbeiten auf diesem Gebiete so scherest al» möglich «infetzen. Auf diesem Weg« werden sich dann auch di« Arbeit«! im grohjen ergeben. Ich verzichte auf Ausfüllung der vollen mir jut Verfügung stehenden Zeit. Ich glaube, im wesentlichen das gesagt zu haben. was uns Konservattve vom rein religiösen Standpunst in der Sach« bewegt, und. wie ich hoffe, auch Ihnen allen aus dem Herzen gesprochen sein wird. Denn der Uebereinstimmung in dem Punkte dürfen wir, meine ich, wenn irgend wo und wann» in aflen Fraktionen gewih sein. Lassen Sie «ns daher an die Arbeit gehen! -Beifall). Abg. Staatssekretär Prof. Dr. Hirsch: Meine Damen und Herren! Wenn in einer solchen Vertretung de» deutschen Judentum» über Wtrtschaftrstagen gesprochen wird, so erwartet di« Oeffentlichkeil, gleichviel ob mit Recht oder Umecht, etwas mehr al» allgemein gehaltene Einzelbeschwerden. Ich glaube, die Oeffentlichkest sicht auf «ine solche Aussprache in dem Sinne, dah sie glaubt, im Judentum sei zum mindesten eine erheblich« wittschastliche und eine wirtschastsintellektuelle Potenz verkörpert. Wir haben keinen Anlah, da» ander» zu wünschen; keinen insbesonder« dazu, unsere Lage düsterer darzustellen, als sie tatsächlich ist. Eine verarmte Gemeinschaft wird sich nur schr schwer durchsetzen. Hoch über allem Pa» teiftreit ftcht auch dar gemeinsame Interesse aller, dah die wittschaMiche Grundlage der jüdischim Menschen sich stärke. Solche» Zielfttefat ist keine Besonderheit: jede Menschengruppe wird das für sich verlangen. Di« besonderen Schwierigkeiten für die Juden liegen in ihrer besonderen Wirtschaftsgruppierung. Stärker al» jede Gruppe ist die jüdische Menschheit eingeschaltet kn die Schwingungen der Wittschaft durch dies« ihre besondere Wittschastsgruppierung. Ich kann über dies« Frage nicht sehr eingehend sprechen, well beschlossen »vrden ist, eine Kontingentierung der Redest vorpmehme«, ein Bigschkuh. den ich bedauere, «eil ich der Ansicht bin/ dah e» sich hier in der Tat um überpatteiliche Fragen im höchsten Wortsinn« handelt. Die jüdische Wittschaftsftage ist auf, engste verknüpft mit der allgemeinen Wittschaftsftage. Und wenn ich höre, wie der oder jener schuld sein soll an der grohen allgemeinen Wittschaftsnot. wie natürlich auch wieder die Juden daran schuld sein sollen, und atznn ich sehe, wie die Wtrtschastsftise all« Länder und Völkerschaften erfaht hat bi» zu den Australnegern und jn den indischen Bauern, wie «in ungeheurer Erdrutsch der Preise durch di« Wett gtt>t, wie von diesem Erdrutsch alle erfaht werden, so ist e» auherordentlich wichtig, «n» über die Ursachen dieser schwersten Wittschaftsnot mitten im Frieden Klarheit zu verschaffen. Ueber die allgemeine Weltwittschastsnot hier nur zwei Schlagwotte. Die Ursachen dieser grohen Weltnot. von der buchstäblich kein Land mehr unberühtt geblieben ist und di« z. T. noch viel schärfer« Wirkungen in anderen Ländern al» bei uns hervorgerufen hat. sehe ich in einer Übersteigerung vor allem der landwittschastlichen Produttion, in der beispiellos rapiden Rationalisierung der Landwittschast. zumal auch in Ubersee, verbunden mit einer Hochhattung der Preis«. die zu einer Katastrophe gefühtt hat, wie sie die Weltgeschichte in solchem Ausmahe in Richt-Kriegszeften noch nicht gesehen hat. Sie ersaht alle Rationen; diejenigen der grohen Ausfuhr an Lebensmitteln und Rohstoffen weitaus am schärfsten. Sie wandelt Patteigruppierungen um, radikalisiett die Massen aller Länder, stürzt Regierungen und Regierungssqfteme — all da» au» einer Ursache, die ein Segen für all« Menschen sein mühte, weil nämlich Brotgetreide und viele Rohstoffe viel reichlicher wachsen al» je zuvor — aber freilich infolge der Falschkenkurrg de» Preise» nun in Masten aufgestapelt siegen und den Weg zum Konsumenten nicht finden. Rot aus Ueberfluh! So muh e» gerade auch für di« jüdischen Menschen aller Länder llar werden, dah die Posittt der 'künstlichen Preisgestaltung praftisch für die Menschheit zum Unglück geworden ist, dah infolgedesten eine grohe neu« Aufgabe an uns herantritt, die wirklichen Verhältniste auf den Märkten der Wett künftig prompt, eiatt, wirksam in den Preisen zum Ausdruck zu bringe«. Da» zweite ist die spezielle deutsch« Rot. Sie rühtt teilweise daher, dah bei dem Zusammenbruch de» Preis- und Wertniveaus zugleich «in Zusammenbruch, ja gleichsam eine Umkehr der Kapitakftröme erfolgt ist, so dah da», worauf wir in Deuffchland fett der Stabilisierung aufgebaut hatten, der Zustrom de» Auslandskapitals, ausgeblieben ist. Schlimmer als das: Eine weitere Ursache, die in Deutschland unrrhött wichtig ist. und die leider in Deuffchland verkannt witt» und auch amllich nicht genügend hervorgehoben wttd. ist die Tafflache, dah zur Zurückziehung des Auslandrkapitals auch eine Flucht des Inlandkapital» getreten ist. Es handett sich hier um Nichtjuden und Juden. Die Kapitalflucht war interkonfessionell. Diese Zurückziehung de» Kapital» ist heute für manchen Menschen verständlich, aber st« ist im Grund« genommen töricht, weil die befürchtete Gefahr aller Voraussicht nach nicht eintttten wird, es zudem andere Sicherungs- Möglichkeiten gibt und weil die Wirkung solcher Abzkehung von Kapitalien für die deutsche Wittschaft ganz auherordentlich schädlich geworden ist und für die jüdische Wirffchaft hier noch besonders schädlich. Ich halte mich für verpflichtet, dies hier zu unterstreichen. Ich bin deshalb der Ansicht, dah an jeder Stelle, wo man darüber spricht, man den in Deuffchland wirtschaftenden Menschen sagen muh, dah nicht» so traurig kft wie da» „arbeitslose Kapital". Hier könne« sie hohe Prozerrffätze ohne Risiko erzielen, in Zürich bekomme« sie bestenfalls noch 1 V» jährlich und manchmal gar nicht» mehr. Die Zurückführung de, „arbeitslosen Kapital»" bedeutet zugleich ein« Stärkung der Wirschaft im ganzen und. sprechen wir e» an dieser Stell« noch einmal deutlich aus, «ine Stärkung der jüdischen Wirtschaftskraft. Weit über die augenblickliche Kttsenlag« hinan» reicht aber die von den Herren Vorrednern so eingehend behandelte Frage der Wirtschaftrumschichtung, der Gedanke, dah die allgemeine Umgestaltung der Wittschast in der Richtung von Grohbetrieb. Grohunternehmung und Berbandswittfchast für die deutschen und darüber hinan» für die europäisch-amerikanischen Juden grohe Schwiettgkeiten in sich bftgt. In der Tat: da» neue Werden engt für die jüdischen Menschen den früheren Lttftenzboden auherordentlich «in, doch hatte ich mich für berechttgt und verpflichttt, einmal zu sagen, dah «» demgegenüber auch Entwicklu»g»linien gibt, die nicht in» Trostlose führen. Wir haben gewih auf der einen Seite die Konzentrationsbewegung in der Wittschaft, die zuerst «insetzte in der Industrie, sich im Bankwesen