Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
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- 27 - mein fftmnb (Bolbmomt sprach. Wtr werden den Aufgaben, di« uns die Wirtschaftskrise stellt, nicht gerecht «erden, wenn wir nicht anfangen, von dieser SteNe aus politisch« Arbeit tu leisten. Ein «ei. spiel wird 2-nen »eigen, war zu tun ist. wir haben «in« Entscheidüng de» höchsten Gerichte« für die Arbettslosenvrrsicherung. von der ich behaupte, dah sie für uns schmachvoll ist. und die dahin geht, dah ein iüdifcher Arbeitsloser, der am Sabbath nicht arbeiten will, bapi gelungen «ird. wenn er nämlich ein« Stesi«, in der er am Sabbath arbetten muh. au» religiösem Gewissenszwang nicht übernimmt^ verlierl er da. Recht auf Arbeitslosenunterstützung. Ich halte diese Entscheidung für «inen unerhörten Skandal (Unruhe). Ich muh Ihnen leider die Versicherung geben, dah die» gan» genau stimmt. Ich kann Ihnen da, Urteil vorlegen. Die höchst« Instanz hat damit endgültig gesprochen. Wir können nur ein» dagegen tun: wir können politisch dagegen auftreten. Mein« Damen und Herren, ich fteue mich Ihrer Unruhe, aber glauben Sie mir. dah ich dies« Material genau kenne. Diese jammervoll« Entscheidung «ristsitt. Das bedeutet nicht, dah jed« Aiheitsamt so verfährt, di« Entscheidung mag manchem Arbeitsamt unbekannt gebsieben sein. Wenn aber von einem Arbeitsamt derarttg verfahren wird, so kann e» sich auf diese hüchftrichterliche Entscheidung berufen. Ich halte diese Lntscheidung für unerträglich und bin der Meinung, dah wir hier «inrugreifen haben und hin weiter der Meinung, dah wir esigreisen können. Di« Katholiken haben im evangelischen Sachsen ähnliche (Verhältnisse vorgefunden und sind auf ähnliche Widerstände ge. stoben. Wir können also hier gemeinsam mit den katholischen Stellen vorgehen. Da» bedeutet, dah wir un» mit der Unruhe allein nicht begnüge« dürfen, sondern dah wir «in« Stelle haben, die arbeitet, die alles tut. was heutzutage jeder Bauernverband tut: Nicht nur »um Landrat »u laufen, sondern die höchste Stelle mobil »u machen. »um Ministerium »u gehen und für unser Recht «inzutreten. Es gibt kein« katholische und keine evangelische Gemeinde, die Juden beschäftigt, aber ich kenye zahlreiche jüdisch« Grohgemeinden, die in ihren führenden Stellungen Richlinden beschäftigen. Dort, wo wir al» Gemeinde Arbeitgeber sind, sollen wir tu dieser Zeit wirllich nur Juden beschäftigen. Hier können wir ändern, aber darüber hinaus können wir «inen Druck auf viele Arbeitgeber ausüben. dah sie Juden «instellen, vor allem natürlich auf di« jüdischen Arbeitgeber. Da» setzt voraus, dah wir die Errichtung und Erhaltung der jüdischen Arbeitsnachweise Mit allem Nachdruck fördern. und ich hoffe, dah mein Vorredner mir darin zuftimmen wftd. dah im gegenwärtigen Augenblick die Errichtung jüdischer Arbeitsnachweise das Notwendigste ist. Besser al» Wohltaten ist Arbeitsvermittlung! Es unterliegt keinem Zweifel, dah da» charitative jüdische Arbeitsnachweiswesen in der Lage ist, zusätzliche Stellen zu schaffen. Aber auch hier haben wir mit groben Schwierigkeiten zu kämpfen. Da« Gesetz über die Arbeitsnachweis« macht un» die Crrichdmg neuer Arbeitsnachweise unmöglich. Aber wenn wir geschlossen austreten, werden wir auch hier vorwärtskommen und im mühevollen Kampf da» Recht erwerben. Arbettsnachweise zu errichten. Ich verweise Sie auf den Berliner Arbeitsnachweis. Dott können wir sehen, wie ein gut funktionierender Arbettrnachwei» Menschen helfen kann. Nun »um Kapitel Berufsberatung. Seit Jahren haben wir diese Forderung gestellt, aber nicht gemuht, was wtr mit dieser Forderung an manchen Orten angerichtet haben. In manchen Gemeinden hat sich nahezu die Sitte herausgebildet: Jemand, der so alt ist, dah er seinen Söhnen im Geschäft gan» unbrauchbar erscheint, zum ehrenanttliche» Berufsberater zu machen. Wenn er so alt geworden ist. sag«, ihm seine Söhn«:' Vater, wa» tust du noch hier, übernimm doch die Wohlfahrtsipflege der Gemeinde, werde Berufsberater. So darf es nicht gemacht werden! Wenn Berufsberatung «inen Sinn haben soll, dann muh sie wirllich von einer ausgebildeten Kraft gemacht werden, die die Aufgaben versteht und die Materie beherrscht. Dann erst haben wir «ine wkrlliche Fürsorge für unser« Jugend. Ich halte die Errichtung gut arbeitender Berufsberatung»» stellen für eine absolute Notwendigkeit. Nun scheint un» in der Frag« der Wittschaftskrise «in« merkwürdig« und schauerliche Hilfe zu erwachsen, auf die Ernst Kahn hingewiesen hat, nämlich die Verringerung der Iudenzahl infolge de« Geburtenrückganges. Auf diesen Vunft will ich heute nur Hinweisen, er verdient gröhte Beachtung. Aber mehr al» alle» da», wa» wir jetzt zunächst tun können — ich Hab« bei der Kürze der Zell, die mir zur Verfügung steht, eine ganze Anzahl von Dingen nicht berührt. Mm Beispiel Wanderfürforge usw. — scheint «» mir, dah «» notwendig ist, dah da» preuhische und da» deutsche Judentum sich Klarhett über seine Situation schafft, sich nicht täuscht kn dem Glauben: Well jetzt eine allgenusine Wirtschaftskrise ist, geht « auch »»» schlecht, sondern vielmehr erkennt: Hier erleben wir jüdische» Schicksal, und daraus die Konsequenzen zieht. Und diese Konlequenz scheint mir die zu sein, dah dieser deutsche Judentum sich wieder für di« schweren Zeiten wappnet, denen es sicher mtgegengeht, dah es mehr Sekbstvertrauen. mehr Selbftsicherheit durch Versinkung in die Grundlagen seines Judentum, gewinnt. (Sehr richtig) Und wenn ich in diesem Zusammenhang wieder emmal auf die jüdisch« Schule Hinweise, dann auch deshalb, weil ich glopch«, dah in diesem schweren wirtschaftlichen Kampf der jung« Mensch am besten seinem Judentum treu bleibt, der dsi geistigen Grundlagen hat, mit denen ein Mensch in dieser Zeit überhaupt nur bestehen kann. (Beifall). Abg. Oberrabbiner Dr. Altmann: Ich fteue mich von meiner Fraftion entsendet zu sein, gerade über diesen Vunft ju ftrechen, der uns im groben und ganzen au» der Theorie herausbrin«t m»d un» zur Tat führt. Dam der Punkts der heute Mr Verhandlung steht, soll zeigen, dah wir nicht hierher gekommen sind, um Theorien zu entwickeln, sondern um positiv« Arbeit M leisten. Zum ersten Mal habe ich di- Freude, heute in diesem Haus« da» Watt zu ergreifen. E» ist mir sehr angenehm, dah er gerade M diesim Gegenstand geschieht. Erwarten Ssi indessen nicht von mir. wenn mich auch meine Fraftion mit der Besprechung dieser Frage beftaut hat. dah ich vor Ihnen hier eine volkswirtschaftlich durchgearbeitete Theorie entwickeln werde. Denn ich gestehe offen, dah ich in vielen Punften auf diesem Gebiete nur fiafe bin. Nicht da» soll mein« Aufgabe sein. Mein« Aufgabe soll sein, zu zeigen, von welchem Gesichtspunfte au» sich die konservative Fraktion zu diesem Gegenstand stellt. Und da müssen wft Ihnen sagen, dah wft in erster Reihe dir Dinge vom religiösen Standpunkt au» betrachten. Wir gehen wie in allem auch in dsisem Punkte von dem Gesetz der Thora aus, wo es heiht: „Wenn dein Bruder verarmt, und sein« Hand stnft. dann sollst du ihn stützen, den Fremden und Einheimischen bei dir, dah dein Bruder mit dir lebt." Zu dem Wort: „dah dein Bruder mit dir lebt", sagen unser« Weisen: „Gib ihm zinslose Darlehen". Wenn man einem Menschen hilft, indem man ihm die Möglichkett gibt, sich auf eigene Fühe zu stellen. dann hat man ihm das Leben erhalten und ihm die höchste Stuf« der Wohltat «rwsisin. Ich werde mich deshalb beschränken und nur von dem Punft der Darsihnskassen sprechen. Ich sagte bereit», dah ich kein« Theorien entwickeln werde, aber au» der Prari» will ich manches hervorheben. Ich komme zu Ihnen aus einer Gegend, wo diese Darsihnskassen eine ausgesprochene Lebmrnotwendigkett für vsile sind. Es gilt da, nicht nur die ksiinen Gemeinden al» R«ligion»gem«inden M retten, sondern ebenso die einzelnen Menschen, die sonst dem wirtschaftlichen und damtt religiös« -Untergang« preisgegeben sind. Sie M stützen, heiht da» jüdische Gemeinschaftssiben erhalten. Der Landesverband subventioniert viele diesir lleinen Gemeinden. Er hüft ihnen, «inen Lehrer anMftellen. er Hilst ihnen auch zu einer rabbinischen vetteuung, er gibt ihnen Mm Tell Mittel, um di« Synagogen M renovieren, die Friedhöfe instandzuhalten usw. Aber diesir Zustand der Subventionen soll doch nicht verewigt werden. Wft wollen doch dsise jüdischen Menschen dazu bringen, dah sie ihre Gemeinden wieder, wie früher einmal, selbst erhalten können. In vielen Gemeinden auf dem Land« und in den Kleinstädten wird einem gesagt: «Helfen Sie uns nicht durch Subventionen, geben Sie uns vielmehr die Möglichkeit M einem Stückchen Parnoho, helsin Sie uns. dah wft un» silbst helfen und unsere Gemeinden dann allein erhalten können. Erst dann haben Sie un» wahrhaft geholsin." Und wie leicht ist e» oft möglich diesin bescheidenen Eriftenzen beftuftehen. Man sinn beobachten, wft manchmal mtt-geringen Mitteln Wunder gewftft werden können, wenn e» etwa möglich ist. mit 100. 200 und 300 RM. diesin Mensch« nicht nur zur Erhaltung ihres Berufe», sondern oft auch für dsi Umschichtung ihre» Berufe» unter dsi Arme zu greifen. E» ist z. B. in manch« Fäll« auch direft gelung«, d« ein« oder anderen der Viehhändler. der« Stand auherord«tlich eristenzbedroht ist, da« zu beweg«, «kn« anderen Beruf in» Auge zu fassin: etwa eine Gieflügeffarm anzusigm o. ä.. wsi man d«n überhaupt darauf bnno« mühte, dah nicht alle Jud« auf dem ffachm Lande siftenmähig im sttben Beruf« bleib«. Seiten» de» Landerverband«« mühte nach diesir Richtung hin mtt all« Kräften gearbeisit werd«. Gewih. es wftd manche» getan, aber es geschieht oft in ganz verkehrter Form. Man sagt, man habe d« L«t«n geschrieben und keine Antwort bekomm«, ste schein« «llso silbst kein Jnteressi daran ru Hab«: nein, da» ist ein gewaltiger Irrtum. Man hat die unrichtigeArt. an fl« heranrukomm«. eingeschlag«. Man muh direft von Mund M Mund mit ihn« in Bersihr komm«, man muh Vertrauensleute drauhm haben, dt« mit den Leut« Fühlung nehm« und von ihrer Rot seh« und hören. Man muh ,. B. unter anderem an Ott und Steife Borträge halfen. Ich sinn es gut begreif«, dah es nnt «riefen, die man an dsi Leute sindet. nicht getan ist und nicht gesin