Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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— 26 Vgewiß schon schwierigere Aufgaben gegrben. Ich ftEmich. daß di« Hauptstell« für iüdisch« Wanderfürsorg«. deren Zeitschrift ,^üdisch- Wohlfahrtspflege und Sozialpolittk" in ihrem neuesten Heft mit ausgezeichneten Aufsätzen uns heute vorliegt, den Auftrag bekommen hat, auf diesem Gebiet vorzugehen und zu arbeiten. Dies« Stelle wird von uns subventioniert, und er wäre wünschenswert, wenn der Preußische Landesverband verlangen würde, daß von dieser Stelle die wissenschaftlichen Arbeiten schleunigst begonnen»«, den, damit wir endlich besseres Material in Händen haben als bisher. Aber auch mit dem bisherigen Material können wir einige Dinge objektiv feststen«. Wir müssen au, unseren nationalökonomischen Kenntnissen feftstellen, daß der Vergleich mit früheren Krisen abwegig ist. Di« jetzig« Wirtschaftskrise ist keine Konjunkturkrise: wir leben vielmehr in einem Zeitalter schwerster ftruktuellrr Veränderungen. Eine schw«e Erschütterung des Mittelstandes ist feftzustrllen und damit eine schwere Erschütterung des Judentums; denn das deutsch« Judentum war Mittelstand. Wir erleben «m« schwere Erschütterung der Handelspositionen. «in« Vernichtung des Großhandels, «in« Bedrückung des Kleinhandels. Alles Posittonen, in denen Juden sttzen. Wir erleben di« Konzentration des Kapttals und die Koiqenttation der Gesellschaften. Alle» die» trifft besonders das deutsche Judentum. Wenn wir un, »- ». darin einig sind, daß wir eine schwere Krise der Handelspositionen «rieb«», so genügt die Feststellung. daß im Jahre 1925 nach der Silbergleitschen Statistik die deutschen Juden geradezu zu 60<V> im Handel beschäftigt waren, um daraus zu erkennen, wie außerordentlich gefährdet die wirtschaftliche Situation des Judentums in Deutschland ist. Darüb« hinaus «leben wir, daß die Angleichung des deutschen Judentums an di« normale Schichtung der nichtjüdischen Deutschen ungeheuer «schwert wird. Bisher waren wir Mittelstand; diese Krise muß dazu führen, daß wir zu eurem großen Teil ins Proletariat übergehen. In der Tat haben wir «in neuer Proletariat in Deutschland, das Angestelltenproletariat. in das wir zu einem groben Teil nun hineingehören. Hi« aber erleben wir. daß für die deutschen Juden bei dies« Umschichtung neue besondere Erschwernisse hinzulommen. Wie in den anderen Ländern haben wir Juden in Deutschland nicht nur den Kampf um den Arbeitslohn - zu führen wie das nichtjüdische Proletariat, sondern auch den Kampf um den Arbeitsplatz. Es ist für jüdische Angestellte fast in allen Berufen wesentlich schwer«, «in« Positton als Angestellter zu erhalten oder in dieser Positton zu bleiben wie für den nichttüdischen Angestellten. Ich brauche heute nicht alle Berufe aufzuzählen, aus denen d« jüdische Angestellte bald völlig vertrieben sein wird. Es ist ungeheuer schw« für die jüdischen Menschen, in bestimmten Industrien Arbeit zu finden. Früher konnte man zum Beispiel in chemischen Fabriken Unterkommen, heute ist dies beinahe unmöglich. Don den Großbanken will ich nicht reden. Da» Wort ist schon abgegriffen, daß man in einer Bank als Jude vielleicht Gm«aldirektor werden kann aber nicht mehr Buchhalter. Ich will auch nicht mehr davon reden, daß wir in Berlin Warenhäuser haben, die eine Prozentnorm für jüdisch« Angestellte durchführen und die auf unsere Frage, wieviel Juden beschäftigen Sie. uns antworteten, ungefähr 5 »/«, während die jüdische Bevölkerung nur 1»/» in Deutschland ausmacht. Sie wisien. daß jüdische Angestellte gerade in Detailgeschästen und Warenhäusern in außerordentlich großer Zahl tätig waren. Alle diese Tatsachen beleuchten die ungeheuren Schwierigkeiten des jüdischen Angchtellttn. Es gibt aber auch nicht mehr die Möglichkeit, die der Angestellte früher hatte, selbständig zu werden. Früh« konnte der jüdisch« Angestellte mtt sehr wenig Kapital «in Geschäft aufmachen. Ich habe mir die Mühe gemacht, bei «in« großen Zahl von Konfektionsgeschäften feftzufteklm. mit welchem lächerlich kleinen Kapital diese Firmen sein« Zett in Berlin begonnen haben; Summen, mit denen heute lein Mensch mehr ein Geschäft anfangen kann, und auf die kein Mensch hin den geringsten Kredit bekäme. D« Angestesite ist asio gezwungen. Angestellt« zu bleiben, und wir sind gezwungen, unseren jungen Menschen hierüber Klarheit ,« schaffen. Wir müssen in alles Klarhett darüber reden, daß der Drang de« jüdischen Menschen ptt Selbständigkeit in Deutschland nicht mehr ohne weit««« befriedigt «erden kann. Ich teile nicht die typische Arbeitgeberauffasfung. die den jüdischen Angeftesiten ihren Drang zur Selbständigkeit vorwirst, aber wir müssen den nmgen Menschen sagen, daß sie sich darauf «inrichten sollen, eine Stellung zu finden und Angestellter zu bleiben. Man kann an diesen Dingen nicht läng« Vorbeigehen. Wir find ab« gezwungen, das Bild noch zu «weitern. Es wäre sehr intevessant. einmal auf die freien Berufe «nzugechen. um ja »eigen, wie Rechtsanwälte und Aerzte au» einer bestimmten Monopokftellung herausgestoßen werden, wie die nichtjüdische Welt hi« Posittonen «obert. die d« Jude bi»h«r inne geihaLI hat und damtt den Juden verdrLngt. Und indem wir die, alle, Narlegen. müssenXwtr feftstellen, daß hi« «in jüdische, Wfrffchaftsschicksal ist. da, in Polen genau so besteht wie in Deutschland. verstehen Sle un, doch?, wir sagen eine derartig bittere Wahrheit, die UN, selbst genau so trifft wie Sie. doch nicht au, Propagandagründen. sondern um uns Klarhett ,« schaffen. Wtt haben festzufteNen, daß dieser jüdische Wirttchaftsschicksal in Polen und in Deutschland im Prinzip dasselbe ist. wobei selbstverftändllch nach d« Struktur der LLnd« Abweichungen sind. Und wenn wir da» feftstellen. so b«. deutet dies, daß wir «in gleiche» Wittschastsschickfal haben, ob wir deutsche Staatsbürg« jüdischen Glauben, od« polnische Staat,- bürg« jüdischen Glaube«, sind. Ob wir wollen ob« nicht, die jadische Verbundenheit wird un». vielen wird« einmal gegen chm, Willen, aufgezwungen, die Welt erkennt unsere Absonderung vom anderen Judentum nicht an. auch nicht in d« Wirtschaft. Aber unbekümmert darum, ob Sie diesen Gedankengängen zustimmen oder nicht, ist uns da» Wesentliche, daß nunmehr bie Mehrheit diese» Hauses unsere Erkenntnisse ein« besonderen jüdischm Wirtschaftrnot in Deutschland ,«stimmt, und unser« Forderung, daß nunmehr alle, getan ««dm nuch, wa, nur getan wrrden kann. Hier muß mir mein Herr Borredn« gestatten, auf einen Irrtum hinzuweisen. Wem der Prmßisch« Lande«v«band bish« nichts getan hat — und auch wir sind dieser Meimmg — so haben wir kein Recht, uns zu bellagm. Der Landesverband hat di« Begründüng dies« Frage imm« wieder verschoben. Diese« Mal hat d« Rat aber etwa« getan. Ich lobe dm Rat sehr ungern, aber ich muß ftststellm, daß er inzwischen in dieser Frag« etwa» getan hat, dabei hat sich aber etwa» heraurgHtellt, auf da» schon Herr Justizrat Peiser mit Recht hingewiesen hat. Es hat sich herausgeftellt, daß der Landesverband draußm nicht verankert Ft. Mm hört nicht auf ihn, auf feine Briefe erfolgen keine Antwort«. Die Arbett der Zmttalwohlfahrtsstelle ist hier mtt Recht erwähnt worden. Sie ist das Ergebnis der gemeinsamm Tätigkeit, die vom Rat des Landesverbandes und von d« Zmttalwohlfahrtsstelle geleistet «ordm ist. Da wir nicht wartm können, bi» wir draußm gute Provinzialsten« habm, müsim wir zunächst einmal mit dm Organisationm Zusammenarbeit«. die im Reich« verankert sind: da» sind die Zmttalwohlfahrtsstelle und die Hauptstell« für jüdische Wanderfürsorge. Run fit uns Nar, daß wtt bei allm diesen Ding« wenig tun könnm, und ich warn« davor, daß wir uns einredm, wir könnten diFer Wtttjchastskris« Herr werdm, wenn wtt nur mehr Geld bättm. Aber etwas könnm wtt tun. und ich würde es für verbrecherisch halten, wem wir auch nur da» geringste unterlassen würden, was irgmd wir gefchehm kömte. Dazu gehört, daß wtt mdllch die kleinm Eristenzen in dm ffeinm Orttn, den Juden, die vereinjelt wohnm. helfen. Diesm Menschen muß di« Gelegmheit gegeben werdm. sich billige Darlehen zu beschaffen. Darum bitten wir Sie, einen Fonds zur Verfügung zu stell«, d« nicht Kapital beschaffen soll für die Darlehnskassm, sondern bet es ermöglichen soll, biligere Kredite zu gebm, also einen Fond« für Kreditverbilligung. Ich stimme Herrn Peiser zu. wem er sagt, daß «s nicht notwendig ist. nm« Provinzialkäsim zu gründm.Die größerm Orte, kn denen solch« Kassm besteh«. könnm sehr wohl ihre Kassm zu Provin- »ialdarlehnskasien ausbauen. Ab« eines ist wichüg: diese Kassm sollm nicht zur Schnorrerei verführm. Mm soll die SelUthklsi des Mmschm pärkm und ihm reicht Wohltatm aufdrängen. di« ihn zum Schnorr« machen. Diese Kassm sollm Darlehm gib« und kein« Unterstützungm. andernseit» müsim bie Kaffen dm wirtschaftlich Schwächer« helfm. sonst habm sie ihr« Erlstenz verfehlt. Manch« Kassm sind stolz darauf, sag« zu könnm: bei uns wird all« zurückgezahlt. Eine Darlehnskasie. in d« alle« zurückgezahlt wird, beweist damit, daß sie zu vorsichtig arbettet. Sie muß vielmehr den Versuch machen, auch dort Darlehen zu geben, wo nicht immer zwei Lürgm vorhandm sind. Denn wenn die Darlehnskasse nur wie «ine Bank arbeitm will, könnm wir sie nicht bsrauchen. Ganz anders ist da» Wesm d« Genossenschaftsbank. und ich warne davor, hi« Dilettantismus zu tteibm. Der Anttag der lib«alen Fraktion ist nicht von einem Fachmann gemacht. Jnttrlokale Genossmschastsbankm gibt « in Deuffchland nicht. Gmosfenschaftsbanken müsim lokal fein und sind lokak. Auf ein» möchte ich Hinweis«. was auch mein Frmnd Dr. Kl« b««its gesagt hat. Genossenschaftkasim solltm meiner Auffasiung nach von un» nicht gemacht «erden, da, ist «ute Institution der reinen Selbfthllfe und soll mtt diesem Gremium nichts zu tun haben. Run aber w«d«n sich meine weiterm Ausführungm mit dem GMet berühr«, das wir hi« gestern behandelt habe». Wtt habendm Anttag. i« dem wir dtt Bekämpfung dm wirtschaftlichen Antisemitismus fordem, verbünd« mit dem Anttag. über dm