Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- 5 (30.6.1931)
- Date
- 1931-06-30
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 12 — sie deshalb nicht höhere Forderungen an uns stellt. Verschiedene Aeuhernngen heute veranlasien mich, darauf hinzuweisen, dah diese Selbständigkeit auch gelten muh für die Rabbinerseminare und für die Wohlfahrlsinftitutionen, die wir unterstützen. Wir können den Etat dieser Institutionen prüfen, wir können aber nicht sagen: Wenn du das oder jenes nicht tust, dann lehnen wir die Subvention ab oder wir verringern sie. Bon kleinen Gemeinden sind an mich Klagen gekommen, dah die ihnen gewährten Zuschüsse ihnen nicht mit der nötigen Freiheit gegeben werden, und daß km späteren Verlauf neue Schwierigkeiten der Auszahlung entgegengesetzt worden sind, weil irgend ein Punkt nachträglich festgestellt worden sei. der dem Landesverband eine Zurückhaltung der Unterstützung geeignet erscheinen läßt. Deshalb mein« ich: Auch das von dem Herrn Finanzdezernenten des Rats angeschnittene Kapitel der Stipendienfrage mutzte mit grützter Borsicht ins Auge gefatzt und in Angriff genommen werden. Hier heitzt es: Prinzipis obsta, und wir dürfen uns hier nicht in die Einzelarbekt dieser Institutionen einmischen und diese grundsätzlich zu beeinflussen suchen. Mein« Damen und Herren! Ueber die Fragen. di« mit der Wirtschaftsnot zusaimnenhängen, also auch über die Frage der Bezirksdarlehenrkassen und Berufsumschichtung, über bevölkerungspolitische Fragen etr. werden wir morgen zu sprechen haben. Wichtig erscheint mir «in Antrag, den wir gestellt haben und der sich darauf beriet, datz wir etwas tun. um insbesondere der Jugend auf dem flachen Lande eine Ausbildung in jüdischen und insbesondere allgemeinen Disziplinen zu geben. Ich Hab« in der Umgegend von Frankfurt recht viel Gelegenheit, die Verhältnisse auf dem flachen Lande kennen zu lernen, welche ungeheure Arbeit sowohl von den verschiedenen Religionsgemeinschaften wie auch von den landwirtschaftlichen Genossenschaften darauf verwendet wird, die Wintevmonate dazu zu benutzen, um die landwirtschaftliche und di« kleinstädtisch« Jugend in gewissen Disziplinen, die für das Wirtschaftsleben von gröhter Bedeutung sind, auszubilden. Während früher der Jude in der Kleinstadt und auf dem Lande geistig im allgemeinen über dem Durchschnitt seiner Umgebung stand, ist «s heute anders geworden. Sie werden, wenn Sie in diese kleinen Orte kommen, traurigerweise feststellen können, datz die allgemeine Ausbildung unserer jüdischen Jugend, z. B. der kleinen Ländler auf dem Lande usw., nicht Schritt gehalten hat mit der Ausbildung in den Winterfchulen, die die Darlehensgenossenschaften usw. vorgenommen haben. Wir haben auf diesem Gebiet nichts getan, und so ist es. anstatt besser zu werden, schlechter geworden in der Kenntnis des jüdischen Gesetzes, der Bibel, aller jüdischen Disziplinen, aber auch in der Kenntnis gewisser kaufmännisch notwendiger Dinge, und unsere Kleingewerbetreibenden auf dem Lande sind fast noch vollkommen in dem Stadium wie vor 50. 60 Jahren. Meine Damen und Herren, das ist ein« Tatsache, an der wir nicht vorübergehen dürfen, sonst wird über die Generatton. die da drauhen das Judentum noch verkörpett. hinweggegangen werden: sie wird wirttchastlich einer vollkommenen Verelendung entgegengehen. Und deshalb ist es nöttg, — und wir haben einen entsprechenden Anttag gestellt —, datz wir dieser Frag« die gröhte Bedeutung »umesien und den Rat auffordern, zu überlegen, in welcher Weis« er die Gemeinden dabei unterstützen kann, solch« Winterschulen usw. «inzurichten. Die Lehrerschaft dott ist nicht voll beschäftigt. Umso «her wird es möglich fein, unter Zuhilfenahme der uns in diesen kleinen Städten zur Verfügung stehenden Wüttschafiler — oder in der Nähe wohnenden Juristen. Kaufleutebuchhalterische Sachverständige usw. etwas zu erreichen (Sehr gut!). Mein« Damen und Herren, ich komme nun zu den eigentlichen Etatrftagen und will Er folgendes bemerken: Der Landerverband wird viÄleicht mit acht Zehnteln auskommen. Das scheint mir aber «in« Frage sein, die fraktionell garnicht entschieden werden kan«. Wtt müssen die grohen Gemeinden dazu erziehen, datz sie evtl, neun Zehntel bewilligen, wenn da« nöttg ist. Di« grohen Gemeinden müsien sich darüber klar sein, datz sie dieses Opfer in ihrem eigenen Interne bringen, und wenn es auch grobe Opfer sind, mutz es. wenn der Rat sich dazu entschlietzt, neun Zehn» tel zu fordern, durchzusetzen sein, dah die Gemeinden ihren Berpflichlungen Nachkommen. Innerhalb der Gebiets der Wohlfahrtspflege haben wir stets darauf hingewiesen, datz - es zu den vornehmsten Aufgaben des Landesoerbands gehören mutz. auch das sabbathtreue Leben zu erleichtern. Mtt Freude habe ich gehört, dah di« Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Berlin dazu übergegangen ist, einen Schritt zu seiner Unterstützung, zu tun, indem sie «inen Teil ihrer Lief» rauten darauf hingewiesen hat. datz sie auch sabbath treue Ange» stLte: beschäftigen müssen.-Wir muffen auch in and«« Weise dafür - sargen, dah diese Treuesten der. Treten di« Mögll^eit haben, unter der Schwere der wirtschastsichen Verhältnisse. ohne einem Gewissenszwang zu weichen, die Sabbathruhr aufrecht ,u erhalten. Deshalb bitte ich Sie. mindesten» ans dem Titel „Unvorhergesehenes" oder .Mohlfahrtspflege" «inen erheblich«« Bettag zu bewilligen. Da, ist im vorigen Jahr geschehe«, und ich.!»«, mir nicht denken, datz die Herren bei der genauen Kenntnis der Verhältnisie bei ihrer Ablehnnagsfteudigkeit bleiben. Die Zahl der sabbathtteuen Inden in Deutschland ist nicht etwa unbedingt im Zurückgehen. Sie hat einmal einen ungeheueren Rückgang , etstch. ren — und das war nach Einführung der gewerblichen Sonntagsruhe im Jahr« 1891 in Prentzen —, seitdem hat die Zahl derer, die den Sabbath halten wollen, zugenommen. derer, di« ihn halten können, aber nicht in gleichem Matze. Aber ich bin überzeugt datz jede Richtung rugeben mutz, datz. w o die Sabbathtteuen sich auch organisieren, sie zu denen gehöre«, dl« zweifellos durch die llngebrochenheit ihres Lebens die besten nnd znoerläffigstei, Träger des Judentums in einer neuen Zeit fein werden. Ich bitte Sie daher, diesen meinen Anregungen Folg« zu leisten, und, mag es nun der „Schomre-Schabbos-Weltverband", möge es die „Stellenvermittlung für Sabbathtteue" fein, mitzuhelfen, di« Rot, die hier herrscht, »u beseitige«. Was die Angriffe gegen uns anlangt, die wir ln solcher Schwere erlitten haben, und die un» tagtäglich in Roheitsdelikten. kn vosheitsaurbrüchen entgegnttreten, so hoffe ichdatz e» nicht Sache einer Fraktion sein wird, eine Resoluüon darüber hier «rnzu, bringen und beschlietzen zu lassen. Wir haben bereit» im Aelteftenausschutz zum Ausdruck gebracht, dah wtt es für nötig hatten, datz der gesamte Landesverband ohne Unterschied seiner fraktionellen Einstellung ein würdiget Wort der Abwehr und des Prottstes gegen das findet, was uns als Gemeinheit aus dem Abgrund her tagtäglich enigegenftarrl, was uns aber nicht bestecken kann. (Sehr richttg!), was aber die Ehre des deutschen Namens nicht nur in unserer» Herzen bestecken mutz, was abzuwehren deshalb un» als erste Psticht zufällt. Ich glaube auch, datz ohne jede Schwierigkett «in gemeinsamer Ausdruck der Entrüstung und de» Proteste» gefunden werden kann, dem alle mit gleicher Energie zuftimmen können. Mein« Damen und Herren! Die Teilnahme aller in Preutzen lebenden Juden an unseren Arbeiten ist nötig, und ich glaube-, auch in der Frage der Einbürgerung, in der Frage der Staatenlosen wird es leinm Unterschied geben in ihrer Beurteilung Mischen denen, die hier Abgeordnete sind. Ich mache nur daranf aufmerksam, datz die Situatton staatsrechtlich eine viel schlimmere »nd ttaurigere geworden ist dadurch, datz nicht mehr mit solch «nermüdlichem Eifer ein Mann von der Seelengrötze Frithjof Nansen« da ist» , der sich dieser Staatenlosen anniinmt. Umso nötiger ist es. datz'aus unseren Reihen sich Sachwalter dieser Unglücklichen finden. Alle werden sagen, datz hier der Preutzische LandesverbaNd mtt Eingreifen mutz, wenn etwas erreicht werden soll. > - Die Teilnahme der Jugend an unseren Arbeiten, an den Arbeiten des preutzischen Judentums und an der Fortentwicklung des preutzischen Judentums, an der Erhaltung des Judentums überhaupt ist so selbstverständlich notwendig, datz er keiner übersehen kann. Ich mache aber auf eine Gefahr aufmerksam, die in den letzten Jahren bedeutungsvoller für die einzelnen jüdisch«, Gemeinden geworden ist. als sich mancher ttäumen lätzt: Die kommunistisch« Bewegung hat durch ihre betont« Religionrfeiadlichkeit es zu Wege gebracht, datz ein grober Test unserer jüdischen Jugend sich von uns loszulösen beginnt. Wir dürfe« «tu aber nicht nur auf dtt erfahrenen und bejahtten Männer »erlaffen, sondern wir müsien auch Menschen mit jugendlichem Feuer finden» dtt da» richtige Wort zu jenen Irregeleiteten finden und die in richtig« Weise sie wieder für unser Judentum zu begeistern vermöge«, für die Ideale der jüdischen Gemeinschaft, die sich immer für. die JdeÄe der Menschlichkeit eingesetzt hat. Und ich hoffe, datz er gelingen wird, durch geeignete Beachtung jener Kreis« in den Eenwinden dies« Jugend, di« abznfallen droht, für un» wiederzugewinne« und den Austritt d« Jugend aus de« Gemeinden zu »«hindern, was m ir fast wichttger «scheint als du Austritt eine» Steuerzahler»., der nach langem Schwanken au» geldlichen oder ähnlich« Gründen de« Strich »nt« feine ganze jüdisch« Vergangenhettnuecht und damit den Zusammenhang mtt den Generationen abbricht.- Jeder Mensch hat für uns gleiche Bedeutung, und gerade. diese, jung« hoffnungsvollen Menschen sind für uns de, äutzerften Bemüh««» wert, »»mal häufig ihre Stellungnahme von «in« irregeleitete«, ab« idealen Gesinnung ausgeht. : Ich werde darauf hingewiefen, datz meine Redezeit abgelanfrn ist, und ich "gestatte mir. die letzten Minute« noch ansznnützen und st« zu erfüllen mit «in« Bezugnahme auf «in Schrifttoorl, da»