Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1931-06-30 · 5 (30.6.1931) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
9 (1931)
Issue
5 (30.6.1931)
Date
1931-06-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3980048-10021620-10021605--608-3980599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 10 - Rechtestellung verholf« hat. datz gewiss« Maßnahmen, die den Liberale» für ihre Kultusbedürfnisse wichtig erschienen, nur mit unserer Mitarbeit erreicht worden sind? Wir haben diesen Respekt vor der gegaerischen Ansicht praktisch betätigt. Aber einer sage ich Ihnen, wir werden bir auf» äutzerfte kämpfen, wenn Sie versuchen «ollen, diese Anschauungen, di« wir uns selbst zur Richtschnur gemacht haben, aus dem jüdischen Leben zu entfernen. Wir werden bis jum Ludersten kämpfen, wenn Sie sich nicht darauf einstell« werden, datz die Vertreter der Jüdischen Bolkrpartei ein« Weltanschauung haben, die nicht nur «ine Eriftenzberechtigung hat im jüdischen Leben, sondern die nach unserer Auffassung sogar di« einzig« Gewähr dafür ist, dah wir uns in 50 »der 100 Jahren noch über deutschjüdisch« Angelegenheiten werden unterhalten können. (Händeklatschen bei der Bolkspartei). Wir werden allerdings mit mancher etwas abgebrauchte« Melodie aus Ihrer Agitationskifte aufräumen müssen. Sie werden «» sich abgewöhn« müssen, den alten Gegensatz zwischen Religionsgemeinde und Bolksgemeinde immer wieder breitzutreten. Sehen Sie sich die Tagesordnung an. und Sie werden dazu kommen, datz Sie selbst an das Märchen von der Religionsgemeinde nicht mehr glauben, und Sie werden zu der Erkenntnis gelangen müssen, datz. selbst wenn man sich auch auf den Standpunkt der Rur-Relegionsgemeind« stellen will, sich unsere Gemeinschaft nicht einen Liuxus erlauben kann, den keine andere Religionsgemeinschaft sich leistet. Während nämlich alle anderen Religionsgemeinschaften ihren Einfluh auf di« Schule und die Erziehung der Jugend mit allen Mitteln anstreb«, bemühen sich liberale Kreise. die bescheidenen Ansätze zu einem jüdischen Schulwesen mit allen Mitteln so schnell als möglich zu zerstören. (Beifall bei der Volkspartei und auf der Zuhörertribüne). Präsident Stern: Ich gönn« jedem Redner den Beifall seiner Parteifreunde. Die Zuhörer müssen aber ihre Begeisterung im Herzen tragen, und sie dürfen ihr nicht durch Beifallklatschen Ausdruck geben. Ich würde bedauern, wenn ich deshalb zu weiteren Matznahmen schreiten mützte. Adg. Rareski: (fortfahrend). Wir haben neulich Erklärungen aus berufenem liberalen Mund« gehört, datz religiöser Liberalismus mit politischem Liberalismus nichts zu tun hat. Ich unterstreich« das und freue mich, datz, wenn auch etwas spät, dieses Eingeständnis von liberaler Seite gekommen ist. Wenn ich di« Tagesordnung ansehe und die dazu vorliegenden Anträge der Liberalen. und ich mich frage, wie patzt dies zu der Theorie einer Religionsgemeinde. so kommen die Liberalen mir vor wie Leute, die auf die Rumflasch«, aus der sie ab und zu «inen kräftigen Schluck nehmen, ein Etikett »Limonade" Neben und sich damit schon für Abstinenzler halten. Sie denken selbst nicht daran, sich auf di« enge Begrifssform zu beschränken, weil sie wissen, datz das jüdische Leben und die jüdischen Bedürfnisse diese Form längst gesprengt haben, und weil sie nicht vor ihre Wähler treten könnten, wenn sie nicht an die von uns verttrtenen Ideen weitgehende Konzessionen machten. Sie sollten ehrlich genug sein, um mit dieser wirksich nicht haltbaren Theorie aufzuräumen. Wir sind von einer Menge Gefahren bedroht. Die politisch« sind schon geftreitt worden, die wirtschaftlichen «erden morgen ausführlich eröttert werden, und ich darf darauf Hinweisen, datz die Liberalen auch aus diesem Gebiete sehr schnell umgelernt haben. Dies« Entwicklung wird sich noch auf anderen Gebieten vollziehen. Ich will ohne weiteres zugeben. datz es bei den Liberalen eine Reih« von Leuten gibt» die mit eiserner Konsequenz an den Anschauungen von vor 100 Jahren fefthalten. Der Entwicklungsgedanke ist aber auch in Ihren Reihen noch nicht so völlig erloschen, datz wir nicht auch eine Entwicklung zum Notwendigen bei Ihnen erleben werden. Auch bei der Etatgestaltung ist es wichtig, ob wir glauben, datz es sich bei der Rot der Zeit um «ine vorübergehende Erscheinung handelt, die in einigen Monaten eine Wendung zum Besseren erfahren wird, oder aber, ob wir damit rechnen müssen, ob das deutsche Judentum seine wirtschaftlich«. Struktur für Jahre hinaus, vielleicht sogar für immer zum Schlechteren verändett hat. Ich bin vom letzteren überzeugt, und da ich dieser Ueberzeugung bin ttotz allem Optimismus im Centralverein. deshalb meine ich. datz wtt den Etat nicht so aufftrllen können, al« ob es sich nur um eine vorübergehende Rot handele, sondern datz wir Ansätze schaffen zu einer Rattonalisierung unseres jüdischen Lebens. Darf ich Sir noch auf «ine Gefahr Hinweisen? Sie haben in diesen Tagen in einigen Blättern die Veröffentlichung de» ftattftischen Amte» der Berliner Gemeinde gelten. Sie haben gelesen, datz im zweiten Halbjahr 1930 1176 Tode». fällen nur 562 Geburt« gegenüberstehen. Ich habe mir die Zahle« von 1929 kommen lassen. Dort stehen 2714 Todesfällen 1328 G«. bürten gegenüber. Da, ist ein Menetekel für na» alle. Da» ist ein Mahnruf, die notwendigen Matznahme» zu treffen, ur diesem ganz unzweifelhaft drohenden Unter,«ng der deutschen Juden eutgegenzuarbeiten. Auch unter diese« Gesicht»»«»« nehme ich »k Mahnung zur Einigkeit an. aber ich unterstreiche vor alle». datz wir uns von dieser Erkenntni» leiten lassen müsse» auch bei der ^Gestaltung unsere, Etats. Wir sind eine arme Gemeiuschaft geworden und die guten Vorkriegsjahr« werden wahrscheinlich nie, »her jedenfalls nicht in absehbarer Zeit wiederkommen. Wir müssen uns also ftagen. ob wirklich da» jüdische gesellschaftliche Leben so o* ganisiert ist, wie es sich ein verarmt» dentsche» .Judentum leist« tann. Wir müssen iw« ftagen. ob »ft un» dar Lug»» leiste» können, drei Rabbinerhochschulen zu unterhatten, wo wft genau wissen, datz für ihre Abiturienten keine' Verwendung .ist, »»er bei »n» noch im Ausland. Wir müssen uns weiter ftagen. ob wir e» uns leist« können, drei Lehrervorber«itnng»a«ftalten zu unterhalten, wo wir wisten, datz ein Vielfache» de» wirklichen Bedarf» dort zur Ausdildüng kommt. Wft müssen auch unser jüdischer Vereiuswesen aus die Frage der Rationalisierung hin prüfe«. Wir müssen an» frag«, ob es notwendig ist. datz »ft so viel jüdische Zeftungen Hab«. Diese Uederspannung de» jüdische« Orgaaisatioewgedaa»«,. di« sich das deutsche Judentum nicht mehr leisten kann, mutz von all« dazu berufenen Stellen auf da» Matz de» Vernünftige» und Erträglichen zurückgeführt werden. Auf der anderen Sette verstehe ich aber nicht die Motive für die Stellungnahme de» Rate» bei den Beschluss« de» Hau»halt»au»schusse». Der Rat hat sich heute in der Begründung eigentlich allem angeschlosfta, was gestern im Haushaltsausschutz von d« Verttetern meiner Partei gesagt »ordm ist. Ich hätte gewünscht, datz diese Erkenntni» schon etwas früher gelomm« wäre und sich bei der Aufstellung de» Etat» ausgewirkt hätte. Dann war« un» eine Reihe von unliebsame» Debatten in der letzt« Woche erspart geblieben. Wenn der Rat.sich nun schon gestrm fast restlos d« Beschlüssen de» Hau»halt»ausschusses angeschlossen hat, so versteh« ich nicht, datz er in «iaem einzigen Punkte «ine Ausnahme gemacht und die Sportbewegung um 3000 RM. gekürzt hat. W«n Sie «kenn«, in welcher bedrohlich« Lage wir uns befinden, so sollt« Sie sich fteu« über sede Klammer, die um unsere Gemeinschaft gelegt «Kd. gleichoitt sn welcher Farbe sie angeftrich« ist. Und wen« Sie sich noch so eindrucksvoll« Wirkungen von einem Buch de» Frcmtbonde» verspreche», so sag« ich folgendes: Wenn nächsten» beim Polizeisportfeft dt« Färb« des Bar-Kochba auf einem ehrenvoll« Platze lieg« «erd«, so bedeutet das mehr für unser Anseh« in der Oeffentkichkeit aft di« Rede des Herrn Ehrlich, selbst wenn sie durch «ine noch schöner« von Herrn Dr. Weil ergänzt werd« sollte. E» ist eine völlige Verkennung unserer Lebenrnotwendigkeit«. wenn Sie glauben, sich an unserer Jug«d versündig« zu dürfen. Wir habm «ine Reih« von Anttägm im Haushattsaurfchutz gestellt. Wft haben "gezeigt. es möglich ist. d« Etat ohne Kürzung leb «»wichtiger Dinge and zuftell« und an derllmlage von */i» feftzuhalten. ohne datz deshalb diese */i» ei« Dogma sind. Dieser Satz darf «her nnr überschritten werden, wenn die zwingende Rotwendigkett nachgewies« wird. Ich bitte, der Anregung des Rat» nicht zu folg« und rin» Generalermächttgung aurzufprech«. wonach nur der Subventionen ausge^rhlt werd« dürfe«. War wft hei unserem Widerstand bezweckt Hab«, war nicht nur der Schutz der finanziell« Interessen der Gemeinden, fände« vor allem her Zwang »ur Gerechtigkeit, war der Umstand, datz wir d« Rat zwiugen wollt«, dafür zu sorgen, datz im Preutzisch« Landesverband gleiche»,Recht herrscht. Wft sind der Meinung, datz wir di« Grundlag« de» Landesverbandes erschüttern, wenn auch nur mit einem Schein von Recht die Ansicht verbreitet werd« kamt, al» ob jede Geugtnd» nur so viel an Berbandsbeiträg« ,» ^rhlen braucht, wie sie selbst für angemessen hält. Hier könnm wir den Rat zur Härte zwing«. Dann wird er bm Etat balancier« können, dann wirb auch Königsberg zu d« Gemeind« gehören, die ihr« Verpflichtung« im voll« Umfange nachkomm«. Wft stad in dies« Landesverband stärker «iedergekehrt. und «, Hilst Ihn« nicht». sich geg« Entwicklung« zu sträub«. Au» einem Wahlaufruf der den Liberal« so nahestehend« Liste 8 glaub« ich ein« Sich zitteren zu dürf«, well ich glanb«, datz wenigst«» dieser Satz «ine gewisse Richtigkeit in sich hat. Dort heitzt es: ,Lhr werdet fth«. »0» e» euch angeht, wenn eine» Tag« eure «ign« Kinder «ch sagen» datz sie Zionist« sind." Diese Entwickln»« kst nicht von -er« Naumann erst prophezeit, sie ist sett Jahren im Gang«. Diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.