Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- 3 (1.7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 53 (sequence 53)
- Language
- German
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— 63 — Wir haben mit dem Wohlfahrtsausschuß leider nicht erreicht, daß bestimmt« Grundsätze, von denen wir auSgehen müssen, bei den Instituten, di« wir dotieren, durchgeführt werden. Wir haben biS heut« noch nicht erreicht, daß z.B. di« Ientralwohlfahrt-stell«, deren Arbeit wir all« schätzen, «in Präsidium, «in« Leitung hat, die nur aus gewählten verantwortlichen Menschen besteht, sondern wir haben dort immer noch Persönlichkeiten in der Leitung, vor deren Leistungen wir zwar all« Respekt haben, und vor denen wir alS Menschen di« größt« Achtung haben, di« aber keinem Gremium verantwortlich sind, di« von niemandem abberufbar sind. DaS halten wir prinzipiell für unmöglich. Wir wollen, daß in die Leitung dieser zentralen Körperschaft nur Personen berufen werden, di« von einem verantwortlichen Gremium gewählt, jederzeit abberufbar und wirklich verantwortlich sind. Mit dem System der Notablen muß definitiv gebrochen werden. Ich bin bei der vorgerückten Zeit nicht in der Lage, Ihnen die Füll« von Material vorzutragen, die wir zu diesem Punkt vorzutragen hätten, und war zu meinem aufrichttgen Bedauern gezwungen, mich etwas länger bei diesem Institut aufzuhalten, mit dem ich mich wirklich ungern beschäftige, denn ich glaub«, daß es in mancher Beziehung ausgezeichnete Arbeit leistet. LS hat sich innerhalb d«S Wohlfahrtsausschusses auf Grund einer sehr merkwürdigen Entwicklung, die ich im Augenblick nicht schildern will» durchqesetzt, daß neben den allgemein anerkannten zentralen jüdischen Wohlfahrtsinstituten auch der Jüdisch« Frauenbund alS ein zentraleneutrales jüdisches Wohlfahrtsinstitut anerkannt worden ist — «in Recht, das wir chm leider bestreiten müssen. Wir können den Jüdischen Frauenbund, insbesondere nach manchen Vorkommnissen der letzten Zeit, auf die wir an dieser Stelle «ingehen müssen, nicht alS «in völlig neutrales Wohlfahrtsorgan anerkennen, denn der Jüdische Frauenbund hat leider, je länger desto mehr, sich von parteilicher Haltung nicht freigehalten. Wir können nicht an der Tatsache vorübergehen, und ich hoffe, daß Sie all« mit uns dieses Vorkommnis auf das schwerste mißbilligen werden, daß bei der Hauptversammlung des Jüdischen Frauenbundes in Berlin zwar all« irgendwie erreichbaren berufenen und unberufenen Persönlichkeiten «ingeladen waren, mit einer Ausnahme, mtt Ausnahme deS Vorsitzenden der Jüdischen Gemeind« zu Berlin. Kein Zufall, daß dieser Vorsitzende ein Zionist war. Ich hoff«, Sie werden das mit mir mißbilligen. (Zuruf.) Sie können das nicht bestreiten. Ich würde mich freuen, wenn «S nicht wahr wäre. Was aber di« Wohlfahrtsarbeit angeht ... (Präsident: Die drei Minuten sind um!) — wir haben nicht beschlossen, daß zum Generaletat drei Minuten gesprochen werden soll. (Präsident: Das haben wir beschlossen!) Das haben wir nicht beschlossen. (Präsident: Ich frage das Haus, ob Sie gewillt sind, tzerrn Berger über die drei Minuten hinaus noch zu hören? — Wird durch Zuruf bejaht.) Ich spreche nicht, um sie irgendwie aufzuhalten, sondern weil ich glaub«, daß zu diesem Gesamtkapitel etwas gesagt werden muß. LS ist mir heut« morgen ausdrücklich bei der ersten Lesung mitgeteilt worden, baß wir jetzt beim WohlfahrtSetat dazu sprechen können. Wir haben gegen den Jüdischen Frauenbund auch noch andere Beschwerden. Wir wollen zunächst — in der Richtung liegt wesentlich unser Antrag —, daß wir Einsichtnahme in die Anstalten bekommen. Wir wollen orienttert sein über di« Anstallen des Jüdischen Frauenbund«-, von denen wir durchaus Gutes gehört haben, wir wollen aber, daß sie in dem Geiste gekettet. werden, den wir wünschen; denn neben guten Berichten; haben wir auch weniger gut«. Ich will darauf nicht eingehen. Wir wollen «in Recht haben — «in Kapitel, auf daS ich zu meinem wirklichen Bedauern «ingehen muß —» di« Propaganda zu prüfen, di« von seiten d«S Jüdischen Frauenbundes und unseres hochverehrten Fräulein Berta Pappenheim zum Punkt Mädchenhandel getrieben wird, well hier etwas geschieht, gegen daS wir unS nach reiflicher Ueberlegung allmählich wirklich wenden müssen, und well ich glaub«, daß «S Jett ist, hier etwas zu unterbinden, was dem deutschen Judentum, dem Gesamtjudentum, zum Schaden gereicht. Ich versteh« ausgezeichnet di« sehr großartigen Motiv«, di« denkbar besten Motiv«, von denen aus Fräulein Pappenheim immer wieder an dies« Arbeit herangeht. Aber wir können erf«chrungsg«mäß nicht «ehr zulassen, daß ausgerechnet von Juden immer wieder inderveffentlichkett darauf hingewiesen wird, daß «S Juden feien, di« am Mädchenhandel hervorragend beleiligt seien, obwohl erfreulicherweise für diese Behauptung auch der Schatten «ineS Beweises fehtt. (Sehr richtig!) Ich Hab« hier vor mir «in sehr interessantes, wirklich ungemein liebenswertes Buch, daS Buch „Sisyphusarbeit", von Fräulein Berta Pappenheim, liebenswert deShall», weil «S «inen Menschen kennzeichnet, der wirklich mtt helligem Eifer für feine Arbetten entbrennt, der aber nichtsdestoweniger genau wie früher einmal in den Berichten über daS Ostjudentum, di« den Ostjuden nicht gerade genützt haben, auch in diesem Fall« weit über daS Ziel hinausschießt und allgemein« Behauptungen in di« Well setzt, denen wir widersprechen müssen: Leider hat di« Zentralwohlfahrtsstelle, wie ich sagen darf, ohne Beschluß ihreS Präsidiums, dem ich angehör«, einen Brief unterzeichnet,' in dem man von der Tatsache als feststehend ausgeht, daß Juden am Mädchenhandel hervorragend beteiligt sind. (Zuruf: Namen nennen!) Ich kann dies nicht vorlesen, well ich zu wenig Zeit Hab«. Lr ist hier abgedruckt. Ls ist sehr interessant, daß mit Ausnahme von deutschen Persönlichkeiten — ich bedaur«, manchen mir lieben Namen unter dem Brief zu finden — der Lhefrabbiner von London und der Oberrabbiner von Paris, der auch bei Ihnen «inen guten Namen hat, es abgelehnt haben, diesen Brief zu unterzeichnen. Wir verlangen einfür allemal, daß, solang« nicht festgestellt ist, daß Juden mtt diesem schandbaren Gewerbe etwas zu tun haben, wir nicht die Meinung verbretten, daß Juden daran beteiligt sind. Wir empfinden es alS Schmach für uns, daß man daL. sagt. Wenn so etwas behauptet wird, müssen Beweise erbracht werden. Wie die Beweis« aussehen, dazu «in Wort. Ich habe selbst — und ich freue mich darüber — «inen Bericht des Deutschen KomtteeS zum Schutze gegen den Mädchenhandel, von RegierungSrat — Kundt, glaube ich, heißt er — verfaßt, als jammervoll« unsagbar« Arbeit aufgedeckt. Und damals hat die gesamte jüdisch« Press« in Deutschland, haben alle Zeitungen gegen diesen Bericht Stellung genommen, «in Bericht, in dem Kundt feststellt: Di« Ostjuden sind Mädchenhänbler. Wir haben chm Fall für Fall nachgewiesen, daß er sich alles auS den Fingern gesogen hat. Sie verstehen deshalb, daß wir gegen Material mißtrauisch sind, wenn es von nichtjüdischer Seit« bearbeitet wird. Eh« man solch« Behauptungen unterstützt, müssen wir verlangen, daß man sie nachprüst. Di« Polizeibehörden stehen, wie Sie wissen, auf dem Standpunkt, daß eS diesen Mädchenhandel gar nicht gibt. Wir haben darüber in der Wohlfahrtszeitschrift lang« Debatten gehabt. Aber wir müssen jedenfalls vom Jüdischen Frauenbund fordern, dessen'Arbeiten wiv in mancher Hinsicht anerkennen, daß solche Dinge aufhören, von denen wir glauben, daß sie uns schädlich sind. Wir bedauern außerordentlich, daß der Frauenbund nach wie vor in diesem Verein zum Schuh« gegen den Mädchenhandel mit an leitender Stelle sitzt, obwohl heut« noch derselbe Herr Regierungsrat Kundt dort tättg ist, dem wir diesen hundertprozentig antisemitischen Bericht verdanken, in dem, nachweisbar erlogen, dem Judentum diese Schande aufgehängt wird. (Lebh. Beifall.) Abg. Frau Schönewald: Mein« Herren und Damen! Ich glaub«, außer uns Frauen wird «S noch manchen hier im Hause mit Erstaunen erfüllt haben, daß dem Jüdischen Frauenbund gerade von dieser Sette des Hauses vorgeworfen wird, daß er sein« Auf. gab« nicht richtig erfüll«, weil er nicht paritättsch vorgeh«. Wenn Sie heut« die Bewilligung von Geldern davon abhängig machen wollen, daß absolut paätätisch verfahren wird, und daß nicht immer ein« Seite gegen die andere die eigenen Interessen ausspielt, dürsten Sie hier keinen Pfennig bewilligen und keinen Pfennig hier verteilen. Ich glaub«, keiner hat mit solch großer Trauer die Verhandlungen gestern und heut« angehört, wie gerade wir Frauen. Wir können nicht leugnen, daß die bedauerlichen Erscheinungen tat deutschen Judentum ihr« Wellen auch bis in die Kreis« des Jüdischen Frauenbundes geschlagen haben. Aber wir, und ich glaube, wir alS einzig« paritätisch« Organisation, haben «S erreicht, daß «in« Bestiedung eingetreten ist und unser« sachlich« Arbett nicht gestört worden ist durch dies« unsachlichen Differenzen. Wir haben «ine Resolution gefaßt, von der wir hoffen, daß sie alle Telle des Jüdischen Frauenbunbes bestiedigt hat: Ich glaub«, das darauf zurückführen zu dürfen, daß uns im Frauenbund sieben dem Judentum, daS Sie all« hier einen sollte, noch etwas verbindet: DaS ist di« Mütterlichkeit, die sich nicht verantwortlich fühtt für «inen Teil d«S Judentums, für di« jüdische Religion auf der einen oder das jüdisch« Doll auf der anderen Seit« — sondern für das Ganz«. Dies« Mütterlichkeit hat unS befähigt, über all« weltanschaulichen Unterschied« hinweg, di« auch zwischen «ns bestehen, Gutes zu erreichen, Einrichtungen zu schaffen, di« der Gesamthett zum Nutzem gereichen. Ich brauch« nur zu erinnern an unser« Heim« in Isenburg, in Wyk, in Wolfratshausen. ES ist hier gesagt worden, diese Anstalten werden zum Tell nicht geführt in dem Geiste, „wie wir ihn wünschen". (B«g«r: Das habe ich nicht gesagt!) DaS ist wörtlich gesagt worden, das Stenogramm wird es Nachweisen. (Präsident: Eg wurde gesägt; wir wollen wiffen, ob sie in dem Geist« geführt werden, wie wst ihn wünschen!) Nein, ich kann Ihnen im voraus sagen, daß sie nicht so geführt werden, wie «in« Partei daS wünscht. Sie werden so geführt, wie das Wohl der Allgemetahett, wie vor alle« das Wohl und Weh« der Menschen, di« dort betreut werden, es erfordert, nach den Grundsätzen des Jüdischen Frauenbundes und nicht nach denen einer einzelnen Partei. (Bravo!)