Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- 3 (1.7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 34 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3980048-10021619-10021593--527-3980526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 84 — 4 den Gemeinden ist daS leichter. Wir im Verband können heut« zum letztenmal di« Verfassungsänderung vornehmen. Lin« sehr schwierig« Frag« ist die,- die heut« durchs den Antrag der DollSpartei wieder ausgenommen wird: die Einrichtung «in«S volksparteilichen IlnterrichtSausschusses. Dazu muß ich historisch zunächst folgendes sagen: Wir Konservativen stehen auf dem Standpunkt, daß di« Bindungen der religiösen Dollsparteller an uns Konservativen in den religiösen Fragen, auch in den Fragen der religiösen Erziehung, so stark sind, daß di« Bildung eines vollsparteilichen Unterrichtsausschusses unmöglich ist. Ich persönlich bin der Ansicht, daß das erst« Bedenken, das Herrn Rabbiner Levy nach seinen Ausführungen kam, als er die Frage in sich verarbeitet«, darichtige war, und nicht der Schluß, zu dem er gekommen ist. Entsprechend unserer Meinung haben wir uns auch von vornherein, wie unser« Freunde von der Pollspartei wissen, auf den Standpunkt gestellt, daß auch di« dolksparteilichen Mitglieder, die wirklich auf konservativem Boden stehen, zu dem Unterrichtsausschuß bei uns mitzuwählen haben. (Sehr richtig!) Die volksparteilichen Mit« gliäer des Berbandstages sind dieser unserer Einladung allerdings nicht gefolgt. Trotzdem haben wir in unserem Unterrichtsausschuß, wir die Herren wissen, «in« Reih« chrer Freund«. Ls sind z. B. bei uns — ich weiß nicht, ob es Bolksparteiler sind, das spielh hier nicht die Roll« — Herren, die in den Lrziehungsfragen auf Ihrem Standpunkt stehen, wie zwei hiesige Herren Rabbiner, von uns in unseren konservativen Unterrichtsausschuß zugewähll worden. Wir sind der Ansicht, daß in einem LrziehungsauSfchuß allerdings di« religiösen Bindungen — auf die grund^tzlichen Fragen, di« hier erwähnt sind, komme ich noch zurück — entscheidend sind, und daß wir — was Sie genau so gut wissen wie wir selbst — unter allen Umständen jüdisch« Schulen als das allein Wünschenswerte ansehen, als das, was nicht überall erreicht werden kann nach den gegebenen Zersplitterungsverhältnissen, nach der Bevölkerungsschichtung, aber als daS, was überall erstrebt werden muß. So sind wir der Ansicht, daß diejenigen unter Ihnen, die konservativer Richtung sind und die mit unseren religiösen Idealen übereinstimmen, bei uns Sitz und Stimm« haben und bei uns dafür sorgen müssen, daß die Wünsch«, die sie haben, erfüllt werden. Daß in Wellanschauungsfragen, wie sich Herr Rabbiner Levh ausgedrückt hat, das Entscheidend« immerhin — mögen Sie auch noch ander« Komponenten dazunehmen — das religiös« Fundament ist, ist zweifellos, ist auch für Herren zweifellos wie die, die in dieser Frage hier von sellen der Bolksparlei zum Wort gekommen sind, ist zweifellos sowohl für diejenigen, di« auf einem allgemein konservativen Standpunkt stehen, wie für diejenigen, di« auf einem entweder religiös liberalen oder religiös —, nennen wir es materialistisch-nihilistischem Standpunkt stehen. An sich sind wir der Ansicht, daß ebenso, wie es nur einen jüdischen Kultus nach unserer Auffassung gibt, es auch nur eine jüdisch« Erziehung geben kann, und daß dies« Fragen in di« bestehenden Ausschüsse gehören. Andererseits steht «ine Reih« unserer Freund« auf dem Standpunkt, daß man den Wunsch, wenn er von einer größeren Reih« von Mitgliedern dieses Hauses und Mitgliedern des preußischen Judentums laut wird, nicht ohne weiteres abweisen kann. Aber das sage ich Ihnen, mein« Damen und Herren, das ist mein« fest« Ueberzeugung — dieser Weg, den Sie gehen, ist verhängnisvoll auch für Sie und für daS ganz« preußische Judentum. Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen. Wenn man Ihr«, im übrigen natürlich hochverehrten Herren, die die religiös« Erziehung an sich nicht wünschen, oder di« die religiös« Erziehung an sich jedenfalls für einen unwesentlichen Komponenten der Erziehung gegenüber den Nationalen hallen, Zusammenarbeiten lassen will in einem und demselben Erziehungswerk mit denjenigen, di« gerade das Religiöse als entscheidend ansehen — was wird da herauskommen? Wir haben leider schon genug Iudentümer. (Sehr gut!) So wie einzeln« von uns, jeder feinen eigenen Schulchan Aruch haben, so spricht sich das auch in d« Partei natürlich aus. Sie haben sachlich recht, es gibt natürlich Schattierungen bei Ihnen wie bei uns. Immerhin ist es sicher und glücklicherweise sicher, daß im Grundsätzlichen wir Konservativen alle übereinstimmen, und zwar vor allem in dem Grundsätzlichen, daß die religiös« Erziehung das wesentlich« Stück der Erziehung ist. Was kann nun aber da herauskommen, wenn Sie in Ihrer Bolkspartei einen Unterrichtsausschuß haben, dessen Mllglieder zum Teil die religiösen Fragen für irrelevant, ja die betont« Religiosität zum Tell — zu meinem Schmerz muß ich es sagen — für verfehlt halten, während ander« ganz auf unserem Standpunkt stehen und den erwähnten Standpunkt so schroff wie wir ablchnen? Wir — das sag« ich offen, das wissen zahlreich« Ihrer Freund« — hoffen immer noch, daß diejenigen Ihrer Gesinnungsgenossen, di« auf dem Standpunkt d«S überlieferten Juden» traft stehen, mit uns Zusammengehen werden, nicht nur in dieser Arag«, sondern überhcurpt. Sie wissen genau, das dürfen Sie ■ j —* ■ auch nie vergessen, und dies Verdienst wollen wir Ihnen gern zugestehen, daß das Stammesmoment auch befruchtend im konservativen Judentum gewirkt hat und Wetter wirken wird, und daß wir dies« Einwirkung auch nicht missen wollen. Aus all diesen Gründen habe ich groß« grundsätzliche Bedenken und bitte die Freunde von der Bolkspartei sehr» zu überlegen, ob sie «S wirklich dazu bringen wollen, daß st« das SchiSma, das sie heut« schon tatsächlich in chren Reihen haben, dann auch weltanschaulich erweitern. Nun noch «in Wort, weil Hier sehr viel von einer allgemeinen grundsätzlichen Betrachtung des Judentums di« Red« ist: Darüber kann kein Zweifel fein, und das darf auch kein Liberaler bestreiten: wenn man sagt, daS Judentum ist Religion, so ist daS auch nur ein „assimilatorischer" Ausdruck (Sehr richttg!) für «twaS, das man nicht gut anders bezeichnen kann. Wir sind kein« Religion in dem Sinn«, wie ander« Konfessionen erklären, sie seien Religion. Wir sind eben — das müssen wir immer wiederholen — «in eigenartiges Gebilde, sind als solches geschaffen, in di« Welt hinauSgesandt und haben in dieser Eigenartigkett und Einzigarttgkett unser« Bedeutung überhaupt. (Sehr richtig!) Wenn wir jedes Gebet ab» schließen mit dem „Olenu", in dem es heißt, daß wir nicht gemacht sind, nicht geformt sind wie di« Völker der Erd« und di« Völker der Nationen, so ist damit zum Ausdruck gebracht, daß nicht gesagt werden darf, wir sind «in« Konfession, haben die Recht« und Pflichten einer Konfession und nicht mehr. Nein, wir sind mehr, und wer daS heut« noch nicht erkennen will, sicht eben nicht dasjenige, was vielleicht zeitweise verbaut und verkannt wurde, was aber doch heut« jedem Sehenden wieder klar ist. Anknüpfend an das, was unS überkommen ist, haben wir Großes auch in der Zukunft zu leisten. Wtt werden das eigenartig« Volk bleiben, nicht «in Volk im Sinn« der Nationen, die die Weltherrschaft an» tteten wollen als «ine Weltherrschaft, di« andere Nationen unter, drückt, sondern im Sinne eines Volkes, das übervölkisch«, das allwellliche Funktionen im ethischen Sinn« zu erfüllen hat und diese nur erfüllen kann, wenn das Substrat des Dolls-Ganzen erhallen wird. (Beifall.) Abg. Obermagistratsrat Dr. Neu mann: Don den Fragen, di« uns hier beschäftigen, sind zwei besonderhervorzuheben, di« anderen sind mchr formalen Eharakters. Die wesentlichsten beiden Fragen sind, ob wir unser« Organisation in bezug auf den Rat ändern und ihn nur als «inen Ausschuß des DerbandstageS bettachten und die andere, eben zuletzt behandelte Frag«, die Einrichtung des dritten Unterrichts-Ausschusses. Alle anderen daneben» laufenden Fragen sind im Verhältnis dazu von viel geringerer Bedeutung. — Was nun di« Organisation betrifft, so mag es richtig sein, daß der Rat «inen zu großen Umfang hat. ES sind aber doch gewiss« Imponderabilien zu berücksichtigen. Die Wünsch« der Gemeinden sind nicht außer acht zu lassen, well wtt vorläufig eine fteiwillige Verbindung von Gemeinden sind und di« Gemeindewünsche zu berücksichtigen haben. Lin anderer wichtiger Grund aber für die Notwendigkeit» daß die Gemeinden den Rat bilden, ist folgender: Der einzelne Abgeordnete, der hier erscheint, nimmt zu den Fragen von sich persönlich oder seiner Partei aus Stellung, aber die Interessen, die hier vertteten werden sollen, sind Interessen der Gemeinden an sich. Es ist unbedingt erforderlich, daß di« wirtschaftlichen, finanzielle» Interessen der Gemeinden unmittelbar durch die Gemeinden, durch «ine Vertretung der Gemeinden hier zur Geltung kommen. Wenn wir etwa zu dem Ziel« kämen, daß wir nur «inen Ausschuß hätten, der, wenn chm das Vertrauen genommen würde, ausscheiden und ein neuer gewähll werden müßt«, so würde das, wie wir aus anderen Verhältnissen sehen, bei unS, wo unser Zusammenschluß auf Freiwilligkeit beruht, zu einem noch viel größeren Nachteil und Schaden führen. Ls würde unmöglich durchzuführen sein. Aus diesem Grund« bitte ich, auf jeden Fall davon abzusehen, daß wtt «in« andere Organisation im Verhältnis vom Verband zu den Gemeinden schaffen. Daß wtt bet der Wahl der einzelnen Ratsmttglieder der Gemeinden ttgendwelche Vorschläge für die einzelnen Gemeinden in bezug auf da- Wahlrecht machen, scheint mtt außerordentlich bedenklich» da wtt nach unseren ganzen Grundsätzen in die Organisation der Gemeinden selbst nicht «inzugreifen uns entschlossen haben. Di« zwett« wesentlich« Frage ist, wie gesagt, di« des Erziehungsausjchusses. Ich brauch« darauf nicht «inzugehen, well es selbstverständlich ist, baß dieser Ausschuß an sich unserer Satzung widerspricht. Aber wir könnten diese Satzung dadurch ändern, daß wtt mtt Zweidrittelmajorität den betteftenden Paragraphen, wonach nur für religiös« Richtungen «in ErziehungsauSschrch und «in KultuSauftschuß zu bilden sind, aufheben. Aber blefe Frag« ist mehr alft ein« Satzungsangelegenheit, sie ist so wichtig, well damtt zugleich «in« Trennung in unserer Mitte Verbund«« ist. Aus de« heutigen Ausführungen über den Erziehungsausschuß ist uns, mtt wenigstens,