Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- 3 (1.7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
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üxrtxn. (Zuruf: Der ist schon abgelehnt!) (Zuruf von anderer Seit«: Er kann ja wieder ausgenommen werdenk) Da- Interesse der Gemeinden am Rat ist nur materieller Natur. Di« Gemeinden haben Mißtrauen gegen ihr« eigenen Mitglieder im Derbandstag, und diese Mitglieder arbeiten doch selbst mit verantwortlich in der Gemeinde. Wenn Sie sich hier di« Herren und Damen anseh«», dann wissen Sie ja, daß sie die Träger der Gemeindearbeit in ihren Gemeinden sind. Woher das Mißtrauen der Gemeinden gegen ihr« eigenen Mitglieder und Mitarbeiter? Es scheint mir durchaus ungerechtfertigt zu sein. Das Ratsmitglied fühlt sich als Vertreter seiner Gemeind«, und zwar nicht als Vertreter seiner Gemeinde schlechchin, sonderen nur als Finanzdezernent seiner Gemeinde im Rat. Das heißt: Ls besteht das Interess«, möglichst viel zu bekommen und möglichst wenig zu zahlen. Rur Vertreter der großen Gemeinden sind im Rat. Sie wissen das genau, ich brauch« Ihnen das nicht »amentlich zu sagen — nomina sunt odiosa! Sie wissen" von den Austrittsdrohungen der großen Provinzgemeinden im Rat, di« haarscharf dasselbe dem Verbände antun, was ihre Gemeindemitglieder ihnen selbst antun. Sie wollen im Rat dies oder jenes erreichen, wollen akkordieren und drohen. Die Verbandstteue ist nach meiner Ansicht beim Derbandstag viel besser aufgehoben als beim Rat. Gerade dies System der Drohung zeigt, daß die Treu« zu dem Landesverband im Rat nicht besonders gut gewahrt wird. Man sagt, man braucht «in« Leichenhalle für 250 000 RM.; deshalb kann man di« Derbandsbeiträge nicht .zahlen, und droht mit Austritt. Nun, ich wohn« in einer kleinen Gemeind« — wir haben jetzt beschlossen, kein« Leichenhalle zu bauen, weil wir jedes Jahr 3500 RM. als Beittag an den Verband abführen müssen. Wir können aber nicht austreten, meine Damen und Herren — Herr Iustizrat Brodnitz, jetzt hören Sie zu! — wir können aus unserer Gemeind« nicht aus» treten und können auch nicht mit Austritt drohen, weil in unserem Gemeindestatut steht — und das ist nur mit Dreiviertelmehrheit abänderbar —, daß wir einem Landesverband angehören müssen. So haben wir uns selbst die Hände gebunden. Uebrigens, meine Damen und Herren, in unserem Statut steht auch: wer auS der Gemeind« austtitt, wird diffamiert; nicht einmal Spenden dürfen angenommen werden von Ausgetretenen, die leider vielfach in großen jüdischen Vereinigungen in keiner Weise diffamiert sind, sondern dort oft noch ein« erhebliche Roll« spielen. (Präsident: Das hat wenig mit der Verfassungsänderung zu tun!) Ich find«, daß das sehr viel damit zu tun hat. Ich bin der Ansicht, wer aus der Gemeind« austritt, muß diffamiert werden. Aber wer im Rat des Laridesverbandes mit dem Austritt seiner Gemeind« aus den? Landesverband« droht, wird nicht diffamiert! Um aber die finanziellen Bedenken Ihnen leicht zu machen, haben wir schweren Herzens di« Ausnahme aufgestellt, di« auch Heer Dr. Breslauer vorgeschlagen hat, di« Modifikation, «in« Zusirmmenfassung der Gemeinden zu schaffen, die finanziellen Be-. schlüssen zuzustimmen hat. Ich glaube, damit ist alles getan, was notwendig ist, um das Finanzinteresse der Gemeinden zu wahren. Man wendet drittens noch ein, die Sachlichkeit des Rates überwieg« gegenüber der Sachlichkeit des Berbandstaqes. Meine Herren, die Sachlichkeit des Rates besteht in seinen finanziellen Auseinandersetzungen. Das nennen Sie fachlich, wenn von Finanzen gesprochen wird. Aber wenn Sie sagen, der Rat sei unparteiisch, wir hier seien parteiisch, so erklär« ich, daß niemand aus seiner haut heraus kann: wo wirklich Parteffraqen erörtert werden, da ist der Rat nicht weniaer parteiisch, als der Berbandstag. Viertens hält man mir entgegen, der Derbandstag kann und muß »»sachverständig sein. Das fft er zum Teil durch die SckmD des Rates, der Beschlüsse, di« gefaßt sind, nicht durchführt. Vor mehreren Jahren ist hier auf Antrag des Herrn Fischer beschlossen worden, daß Sie uns informieren, uns mit Ihren Drucksachen ver» sorgen. Aber das geschieht nicht, der Beschluß wird nicht ausgeführl, und nun wundern Sie sich, daß wir nicht informiert sind! Wesentlich ist, das Oberhaus drückt die Verantwortlichkeit d«S Derbandstages herab. Das Oberhaus ist überall dem Untergang geweiht. Ls muß auch bei unfallen. Ich bin der Ansicht, wen« eS noch nicht zu einem Reichsverband gekommen ist. so liegt das an dem Dualismus zwischen Derbandstag und Rat. Ohne den würden wir wohl in dieser Frag« weiter sein. In meiner kleinen Gemeind«, di« zum Gebiet des preußischen Iudengesetzes von 1847 gehört, besteht da- Einkammersystem; wir haben das Oberhaus abgeschafft, wir haben nur «ine Lxekutiv«, wir haben kein übereinstimmendes Votum zwischen Vorstand und Gemeindevertretung mehr. AIS wir unser« Vorwürfe gegen di« rückständigen separatistischen Juden jenseits der Main-Lini«, in Baden, richteten, hiett man mir entgegen: Was redet Ihr? Ihr habt doch felbst noch ein Oberhaus, das wir nicht haben! Also in dieser Beziehung waren uns di« Süddeutschen überlegen. — Was wir beantragt haben, mein« Damen und Herren, fft in keiner Weise revolutionär, ich glaub«, all« können Sie de» zustimmen. Wenn Sie unseren Antrag annchmen, dann wird dafür di« Zukunst de- Landesverbandes segensreich sein. (Bravo!) Abg. Rabb. Dr. Emil Levh: Mein« Damen und Herren! Wenn ich mich entschlossen habe, als konservativer Rabbiner de» Antrag der BolkSpartei auf Einsetzung eines eigenen Erziehung-, ausschusses zu befürworten, so können Sie davon durchdrungen sein, baß ich das nicht auS politischen Gründen tu«. Ich bin kein Po» littker, und ich glaub«, während der sechs Sessionen, di« wir nun glücklich hinter unS haben, haben Sie es nie erlebt, daß ich hier im Plenum in der politischen Aussprache da- Wort ergriffen habe. Ich bin kein zoon politicon; vielleicht ist daS «in Rächtest, vielleicht ist eS «in Vorteil. Wäre nun die Jüdisch« Volk-Partei «ine rein pollfisch« Partei,, so würde ich nicht nur nicht den Antrag auf Ein. setzung des Erzichungsausschusses befürworten, sondern ich würde der Jüdischen Dostspartei übechaupt nicht angehören. Nun hat aber schon gestern mein Fraktionsfreund, Herr Dr. Köllen scher, aus. geführt, daß die Jüdisch« Dostspartei auch die Partei einer fest umrissenen Weltanschauung ist, und nur deswegen fühl« ich mich berechtigt, diesen Antrag der Dollspartei zu verteidigen, weil ich ihn weltanschaulich versteh« und weltanschaulich begründen möchte. Sie werden mir also gestatten, daß ich etwas weiter auShol«. — Woraus erklärt sich nun dies« Weltanschauung, auS der heraus der Erziehungsausschuß der BolkSpartei herzuleiten wäre? Sie erklärt sich — lassen Sie mich «in prägnantes Beispiel bringen — daraus, daß die althergebrachten Unterscheidungen „ko n servatives * Juden tum", „liberales Judentum" nicht für alle Bezirke des jüdischen Lebens ausreichen. Gewiß mag in sehr vielen Fällen Judentum auf diesen Generalnenner ..Konservativismus" und „Lll»eralismus" zurück, geführt werden können, aber noch lange nicht der ganze Komplex des jüdischen Lebens, den auch Sie, meine Damen und tzerren, hier bei unseren Beratungen sich stets gegenwärtig halten müssen. Wollt« man Judentum für all« seine Teile nur in diese großen Rubriken „liberal" und „orthodox" einteilen, dann würde ich Ihnen da- Wort von Heinrich Heine zitieren: „Die Juden in Hamburg teilt man «in in zwei derschiedene Parteien: di« Alten gehen in die Synagoge und in den Tempel die Neuen." Es sei mir aber gestattet, das, was Heinrich Heine in folgendem sagt, etwas zu variieren: Ich lieb« di« Alten, ich liebe die Neuen, doch schwör« ich beim ewigen Gott, ich liebe das gesamte Judentum noch mehr. Mein« Damen und tzerren, wir sind ja darüber hinaus, daß wir. wie das früher bei einem mangelhaften Religionsunterricht geschah, Judentum einteilen in drei Teile: Psiichten gegen Gott. Pflichten gegen den Neben» menschen und Pflichten gegen sich selbst. Gegen «in« solch« katechi» sierende und mechanisierend« Tellung des Judentums spricht doch vieles, was lebendig und wertvoll ist. Sie werden mir zuqeben, daß wir gerade unserer Jugend heut« mit Abstraktionen da- Judentum nicht lebendig machen können. Selbstverständlich, mein« Damen und Herren, ist jüdisch« Religiosität! Mein verehrterrKolleg« Herr Dr. Rosenthal hat gestern in seinen schönen Worten ausgeführt» wie di« Flamme der Menora zum Himmel strahst, und. er hat weiter gesagt, daß alles Gold herbeiqetragen wurde, um diese Menora herzustellen. ES ist zu unterscheiden zwischen dem Licht an der Menora und zwischen der Menora selber, an der daS Licht entzündet werden muß. Ein jedes Licht — und das ist der Wellstandpunkt unserer Partei —. auch das jüdischx Licht, bedarf eines TrägerS. Auch indisch« Religion gibt es nicht, wenn nicht ein Träger der jüdischen Religion vorhanden ist. Deswegen muß die Menora geschaffen sein und erhalten bleiben, an der man Licht entzündet, denn ohne Menora gibt es nur Irrlichter, di« in den Sumpf führen. Mein« Damen und Herren! Selbstverständlich genügt der Träger nicht. Es muß an der Menora da- Licht entzündet werden, und ich stimm« Wort für Wort mit dem überein, was unser ver» chrter Herr Vorsitzender gestern gesagt hat. Es wäre auch nach meiner Ueberzeugung «in« Degradierung des Judentum-, wollten wir aus chm den religiösen Gedanken eliminieren. Nun sind Sie gestern sehr lebhaft über Herrn Benzion Fett hergefallen. Ich möchte Ihnen nur erklären, daß ich mit dem, was Herr Benzion Fett wirklich gemeint hat, nicht weniger übereiustimm«, almll dem, waS Herr Heinrich Stern gesagt hat. (Sehr gut!) Ich will den Ausdruck „Degradierung" hier nicht wiederholen, aber «S ist auch für mein« jüdisch« Weltanschauung «in« Verringerung und «ine Schmälerung d«S Judentum-, wollten Sie den blühenden Komplex des gesamten jüdischen Lebens ausschließlich auf den Begriff Religio« festlegen. (Schr gut! Sehr richtig!) LS tut mir sehr leid, baß auch Frau Ollendorff, di« ich und deren Tättqkett ich von Herzen verehr«, gestern glaubt«, zwischen dem Begriff Religion und dem Begriff des DostSgedankenS «inen dicken Strich ziche« zu müssen. Ich glaub«, verchrt« Frau Ollendorff, daß Ihr« eigen« Lättgkeft, die ich so schr hoch «inschätz«, diese Ihre theorettsch« Meinung