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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1930-07-01 · 3 (1.7.1930) · p. Seite 20

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
8 (1930)
Issue
3 (1.7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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— 20 — hatten Aehnliches bei den hellenisttschen Gemeinden. (Anhaltende Unterbrechungen bei der Bollspartei; Glocke des Präsidenten.) Ich will die Geduld des Präsidenten nicht auf die Prob« stellen und Mtt folgenden Bettachtungen schließen: Es ist von allen Setten der Wunsch ausgesprochen, das politisch« Leben zu entgift««!. Kein Wort ist mtt so aus der Seel« gesprochen. Und ich sehe in der Gegenwart «nanche Möglichkett, die der Entgiftung des jüdischen politischen Lebens dienen könnt«. Notwendig ist aber vor allem eins, notwendig ist, daß wtt wirklich di« Gleichberechttgung aller Richtungen anerkennen ttiib daß wir nicht das Wort von der Gleichberechtigung bloß im Munde führen (lebh. Ruf«: Sehr richtig! bei der Dollspartei), sondern daß wir es, wie es in dem Beschluß des Rates heißt, in der Wertung des Menschen auch zum Ausdruck bringen (lebh. Rufe llnks: Auch bei den Ostjuden?!), auch bei den Ostjuden (Rufe links: Auch im Wahttecht?!), auch im Wahlrecht. Wir sind noch wett ««ttfernt von dem, was dies« hohe, alle Menschen aller Richtungen gleichwertend« Gesinnung ausmacht. Wir haben heut« noch mancherlei gehört, was durchaus nicht dieser Gesinnung entspricht. Ich könnte da mancherlei sagen — auch für den Liberalismus. Aber ich will den Frieden hier heut« nicht stören. Das «in« aber kann ich nur zum Schluß allen entgegenrufen: Wir müssen in ganz anderem' Umfang praktische Arbeit hier im Landesverband verrichten. Es ist, Gott sei es geklagt, so unehlich viel praktisch« Arbett uns gegeben daß wir uns fast selbst beneiden könnten ob der Füll« der Aufgaben. Wir sind bisher diesen Aufgaben nicht gewachsen gewesen. Sorgen wir dafür, daß es anders wird in unserem Verbände. (Lebh. Beifall.) Abg. Landrabbiner Dr. Freund: Mein« Damen und Herren! Es sind heut« in einer Bilanz über die positiven Leistungen und Erfolge des Perbandes die Mängel aufgezeigt worden. Gewiß haben wir nicht alles, was wir erstrebten, «rreicht. Aber ich möchte doch vor einem zu großen Pessimismus warnen. Wenn vorhin aus» ^geführt wurde, daß der Staat unser« berechtigten Ansprüche nicht erfüllt, daß wir auch heut« ein« paritättsch« Leistung noch nicht erhallen, so möchte ich darauf aufmerksam machen, welch «ine ge» wattige Leistimg darin liegt, daß der Verband es erreichte» daß überhaupt zum erstenmal in der preußischen Geschichte der Staat das Judentum anerkennt und er wie di« anderen Religionsgemeinschaften auch di« jüdisch« Gemeinschaft unterstützt. Das ist «in solches Verdienst des Verbandes, daß, wenn er nichts anderes «rreicht hätte, dieser Erfolg für alle Zettemals groß und bedeutsam chm angeschrieben werden müßte. Doch wenn wir von den Leistungen des Verbandes sprechen, möchte ich «in Talmud-Wort anführen: ,haß der Segen Gottes nicht nur auf dem ruht, was gezählt und gemessen werden kann". Und hier ist die Frag« zu stellen: hat im Laufe dieser Jahre unser Verband nicht Großes geleistet in der Näherführung der Parteien und der Entgiftung der Atmosphäre? Denken Sie an die ersten Sitzungen zurück! Wie sind da di« Gegensätze aufeinandergeprallt. Und heut«? Wenn «in Redner geendet hatte, dann war nicht nur Beifall aus seinen eigenen, sondern aus allen Reihen zu hören. Ist das nicht «in Beweis dafür, daß man das sachlich Verbindend« über das parteienmäßig Trennende stelll?! Und dieses Derstehenlernen, das Durchdringen der Sachlichkett ist «in gewallig großes Verdienst, das der Verband für sich in Anspruch nehmen darf. Wenn ich noch einig« Wünsche für die Zukunft Vorbringen soll, so ist es zunächst folgendes: Zu den Mitteln, das Trennend« zu beseitigen, gehört di« Forderung, daß di« allgemein-jüdischen Angelegenheiten von allen Parteien geführt werden. Sie wissen, in welcher schwierigen Lag« jetzt wieder unser« Schechtta steht. Der Rat muß das Seine tun, dies« Gefahren abzuwenden. Ob das gemeinsam mit dem „Schächtschutzverband" oder ohne chn geschicht, ist eine zweite Frage. Aber ich meine, der Schächtschu^rerband hat s« groß« Verdienst«, daß man chm auch weiter dtt Arbett überlassen kann. Was wir aber tun müssen, ist, daß der ganz« Verband, ohne Rücksicht auf die Parleien und auf di« religiösen Unterschied«, unser« Forderung erhebt, und daß wir als Juden unser Heiligtum nicht besudeln lassen wollen. Darum muß neben der Schächtschutz» stelle auch unser Verband sein« Stimme erheben. Lin zwetter Wunsch wäre — wiederum «in Zeichen der Annäherung der Parteien, da chn auch di« Mtttelpartei erhoben hat —, daß wtt «in« Resolution beschließen in der Frag« der Kalenderreform. Diese Frag« ist für das ganz« Judentum schr wichttg und bcheutsam. An der Festsetzung des Ofterfestes sind wtt uninteressiert. Aber die andere groß« Reform, di« Aussicht auf Erfolg hat, berührt uns ttef. Kurz: Sieben mal dreizehn Lag« sind 81, vier mal 81 sind 384 Tag«. Der über schießende SW. Lag soll «in Feiertag sein, der in keiner Weise als Wochentag gezähtt werden soll. Daraus würde sich ergeben, daß der Sabbach in dem «ine» Jahr auf den Montag, im nächsten auf den Dienstag und so fort, fällt. Also dieser Vorschlag der Kalenderreform darf nicht durchgeführt werden, hier ist wieder ein« Sach«, in der der Verband sein« Stimm« erheben kann. ..Wiederhott wurde Sparsamkett gefordert. Wenn aber bei einer großen Sparaktion nur «in einzigeherauskommt, nämlich, daß man di« Zahl der Rabbiner im Rate verringern will-(Zurufe: Das ist ja schon erledigt!). Dann brauch« ich ja nicht Wetter darauf einzugehen. Zum Schluß möchte ich noch an die Vorredner zwei Wünsch« richten: Frau WronSky hat so trefflich geredet, daß, jeder einzeln«, daß all« Parteien ihr absolut zustimmen konnten. And doch, das Schlußwort kann diese allgemein« Zustimmung nicht mehr finden, das für «inen großen Teil der Versammlung «in« Kampfansage war. „Nicht die Form des Judentums soll erhallen werden, sondern die Masse d«S Judentums." (Rufe bei der Bollspartei: Sie hat nur von den von uns gegebenen Formen gesprochen.) Ich Hab« gut zugehört und irre mich nicht. Frarr WronSky hat gefordert, daß der Verband alles stützen müßt«, waS die Waffe der Juden, also den Körper, stützt. Das bedeutet «in« Bevorzugung des Körpers vor dem Geist«. (Widerspruch bei der Bollspartei und Ruse: Sie haben sich geirrt!) Linea Gegensatz von der Form und der Masse des Judentums möchte ich aber nicht gellen lassen, sondern fordern, daß wtt auch di« Form als Aeußerung des Geistedes Judentums hochhatten und stützen müssen. (Zustimmung.) hinsichtlich de- Wahlrechts möchte ich nur sagen: Wir all« stehen wohl auf dem Standpunkt, daß ein Gegensatz zwischen Ost» und Westjuden bet uns nicht bestehen darf. (Lebh. Beifall.) Abg. Fett: Mein« Damen und Herren! Das erstemal kommt in diesem Haus« «in Ostjud« zum Wort. (Widerspruch.) Di« Veranlassung hierzu gaben uns di« Ausführungen des tzerrn Iusttzrat Brodnitz. Bis zu seiner Rede bewegte sich di« Generaldebatte in rein sachlichen Bahnen. (Sehr richtig! links.) Auch Herr Iusttzrat Brodnitz sagte einleitend, daß er zufrieden sei, daß man nicht di« großen Weltanschauungskämpf« heut« hier zur Schau getragen, sondern sich auf einem sachlichen Gebiet bewegt Hab«. Wtt waren nun der Meinung, daß diesen sachlichen Reden auch «in« sachlich« Rede seitens detzerrn Brodnitz folgen würde. Statt dessen hörten wtt die Einleitungsred« zpm Wahlkampf für den nächsten Landesverband. (Sehr richtig! links; Widerspruch bei den Liberalen.) Ich habe den Eindruck, daß mit der Red« seines Präsidenten der Eentral» verein in den Wahlkampf gehen wollt«. And gestatten Sie mtt, von dieser Tribüne aus vor allem festzustellen, daß der Lenttalverein durch seinen Präsidenten «ine gewisse Beschränkung in den Rechten der Ostjudenheit innerhalb der jüdischen Gemeinden «irttreten lassen will. (Widerspruch bei den Liberalen.) Sie werden dem nicht widersprechen können, weil es im stenographischen Bericht festgehatten ist. Mein« Damen und Herren! Als wir in den Landesverband gingen, waren wtt der Ueberzeugung, daß das demokratisch« Wahlrecht des Landesverbandes beispielgebend für all« Gemeinden des Landes und des Reiches werden würde, daß, wie ganz richtig Herr Rabbiner Dr. Freund betont«, innerhall» der jüdischen Gemeinschaft der Unterschied zwischen Ost und West verschwinden würde, weil wtt Ostjuden nicht als Kämpfer in di« jüdisch« Gemeind« gehen, sondern als Vertreter des guten jüdischen Gedankens, well wtt Ostjuden hereingehen mtt dem, was wir in de« Ländern der Emigration gelernt haben und well wtt der Gemeind« dienen wollen mit unserem Wissen und Können. Kommen Sie heut« nicht und beschränken unser« Rechte auf religiöses Gebiet. Im Gegensatz zu Ihnen vom Lenttalverein sehen wir in der jüdischen Gemeind« nicht nur einen jüdischen Religion-organismus, sondern da- Zentrum des gesamten jüdischen Lebens und Wollens. (Beifall links.) Anh wir werden es nicht dazu kommen lasten, daß Sie dtt jüdisch« Gemeinde zu einer Religionsgemeinde degradieren. (Stürmisches hört! hört! bei den Liberattn und anhaltend« Zuruf«: Degradieren!) Ich glaub«, man wird mich nicht mißverstanden haben, wenn ich sagen wollt«: Wtt wolle» in der jüdischen Gemeind« «in« Doll-» gemeind« für sämtlich« Fragen des Volkslebens haben und kein« einsettig« Einstellung. (Sehr richtig! bei der Dollspartei.) Ihr Herren vom Centralverestr müßt Luch merken, wenn «inst im öffentlichen Leben di« Antisemiten Ausnahmerechte für das Judentum schaffen wollen, werden sie als Beispiel anf di« Argument« des Lenttalvereips verweisen. (Stürmischer Widerspruch und groß« Erregung bei den Liberattn; Gegenkundgebungen bei der Bollspartei.) Wenn di« Anttsemtten «inen numerus clausus verlangen, werden sie sich auf den Lenttalverein berufen können, der von dieser Tribüne herab «inen solchen numerus clausufür dtt Ostjuden verlamgt hat. (Lebh. Sehr richtig! bei der Dollspartei; stürmisch« Zuruf« bet de« Liberalen.) Herr Brodnitz sprach von der jüdischen Erziehung seinsr Generation. Dies« Generatton verschwindet. Es wttd eine neu« Generation kommen, dtt dtt jüdisch« Gemeind« zur Vollsgemetnd« macht und zu« Ausdruck des gesamte« jüdischen BolÜwilleus, wie sie «S sei« soll. (Lebh. Beifall link«; Zische« bei den Liberal««.)

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