Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- 3 (1.7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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wie bei Asthoüken und Protestant«»? Müsse» wir da nicht schleunig« und durchdacht« Hilf« schaffen? Daher unser Antrag auf Edlsetzuug einer besonder«» Wirtschafts-Konferenz und auf Bewilligung eine« AnfangSfondS für Dar lehn-lassen, di« über das ganz« Land verteilt werde« müsse«. Dies« DarlehnSlassen haben «inen besonderen Zweck für klein« Gemeinden. Manchmal kann dort mit einem kleinen Betrag« jemandem geholfen werden, und dann bleibt di« ganze Familie am Ort, geht nicht in di« Großstadt, um daS Elend dort zu vermehren. Wir müssen auch neu« ArbeitSzweige schaffen und müssen «n» klar darüber sein, warn» gewisst ArbeitSzweige von unserer Jugend nicht ergriff«» werden. Sie werden erstaunt sein, mein« verehrt«« Damen und Herren, wenn ich Ihnen erzähl«, daß «in großes Warenhaus — nicht in Berlin —, dessen jüdischer Besitzer sehr interessiert in jüdisch« Fragen ist und. gern jüdische« Personal anstellt, unter 500 Verkäuferinnen nur zwei Jüdinnen hat. Dasselbe ist unS in der Weltkonferenz von Amerika gesagt worden. DaS Sichei»ordnen, das Dienen von unten herauf, ist kein schnelles, aber «im sicheres PorwärtSkommen. AehnllcheS erleben wir bei den jüdischen Hausangestellten. Sin großes Krankenhaus war gezwungen, sich «ine jüdisch« Köchin aus der Tschechoslowakei kommen z« lassen. (Auf« linkS: Haben Sie national« Bedenken?) Nein, aber allerdings Bedenken dagegen, daß wir in Deutschland bei so vielen arbeitslosen jüdischen Mädchen nicht «ine einzig« ausgebildet« Köchin haben. (Lebh. Zustimmung und Beifall.) Glücklicherweise ist der Gedanke der tzauShaltungSschul« jetzt populärer geworden, und auch der Landäverband hat chn unterstützt. Aber was soll man sagen, wenn mau den Etat einer sehr großen Gemeind« — ich werde mich hüten, de« Namen zu nennen — betrachtet und darin unter S7Ü 000,— AM. Zuschüssen für Schulen nur 15000,— RMfür hauShaltungs- und Koch schulen findet? DaS ist entweder «in Mißverständnis oder «in Mißverhältnis! Durch «in« großzügig« Inangriffnahm« solcher Schulen wird wenigsten- «in« Lösung für die jüdisch« AibeitSlosigkeit vorbereitet. Mein« Herren! Di« jüdischen arbeitslosen Mädchen sind st» der Großstadt doppell gefährdet, da» brauch« ich nicht erst auseinanderzusetzen. Ebenso muß der Landesverband sich mehr «insetzen für das Handwerk und für di« Ausbildung zu qualifizierter Facharbeit. WaS machen unser« Erwerbslosen jetzt? Sie werden Hausierer! Da» ist einder traurigsten Gewerbe, daS es überhaupt gibt; und wir haben schon jetzt groß« Schwierigkeiten, für sie Gewerbe scheine zu erhall«»». Infolgedessen ulüssen wir di« Arbeitslosen mehr auSbilden lassen zu qualifizierten Fabrikarbeitern. Deshalb soll der Landesverband sich eingehend mtt dieser Frag« beschäftigen. Er soll an» Arbeitgeber» und Arbeitnehmerkreisen Beiräte für die jüdischen ArbeitS-Nachweis« schaffen und di« groß« und schwere Gefahr von unS abwälzen, die st» gehäufter Arbeitslosigkeit liegt. Sie haben es gestern im HaushaltSausschuß gehört, daß vor dem Krieg« ungefähr 30 deutsch« jüdisch« Wanderer auf den Landstraßen »raren, und daß jetzt 2500 deutsch« jüdisch« Wandernd« unser« Landstraßen bevölkern. Hier muß u»aa helfen, und darum bitte ich dring«»-, -aß Sie alle sich für Lehrwerkstätten, für Arbeiterkolonien «insetzen, für di« bestehenden, die Not leiden und zugrunde gehen, wenn wir unS nicht dafür interessieren und für nette, deren Begründung dringendste» Bedürfnis ist. Ich möchte hier auf da» Beispiel eine» katholischen, schr bekannten, sehr sozial gesinnten EharttaS-DirektorS Hinweisen. Er erzählt, daß er keinem Mensche» unverdientes Geld gebe, und daß er daher groß« Reparaturwerkstätten unb Holzspaltungsfabriken eingerichtet habe, und so fügt er hinzu: „Meinen katholischen Freunden ruf« ich zu: Kaust kacholischeS Holz!" Mein« Damen und Herren! ES gibt auch jüdische» Holz. Der Bevöllerungspolitische Ausschuß d«S Landesverbandes hat außerordeittlich gut gearbeitet unter Leitung der sehr sachverständigen Frau WronSkh. DaS Blaubuch, daS dieser A»»Sschuß mit der ZvttralwohlfahrtSstelle der deutschen Inden herauSgegeben hat, empfehle ich Ihnen ganz besonders. Sie werden dann sche»», roelch« Aufgaben der Landäverband st» dieser Richtung zu leisten' hat. Mein« Damen und Herren! Der G«burt«nrückga»»g bei uns Juden drückt sich in folgendem Verhältnis au-, auf 100000 Seelen gesehen:- bei Katholiken, .Protestanten, Juden wie 17 zu 2» zu 53. (Hört! Hört!) Um soviel ist der Geburtenrückgang bei den Juden größer» »oar für uns bedeutet, daß wir da» Leb«»» da» besteht, schütze» und erhallen, 'daß wir unS «insetzen, müssen für di« Famllien, di« die Erziehung mehrerer Kinder zu tragen haben, daß wir chnen Erleichterungen aller Art schaffen »müssen. Ein Gchrllt auf diesem Weg« zum Iugeudschutz ist schon gemacht in der Gründung von Jugendheimen in den Gemeinden. Wir haben schon sieben jüdisch« Jugendheim«. Dies« Jugendheim« gebe« der organisierten und der Nichtorganisierten Jugend Schutz und Hall. Sie bewahren di« Jugend, bi« keinen Familleu-Zu sammeuhang in der Gemeinde hat, vor dem Untergang st» den nichtjüdischen IlmgeblK». Sie bedeute« aber «och etwa», andere». ..Sie »»«ich«» di« Iug«d seßhafter und bodenständiger und dadurch zu wirklichen Mitgliedern der Getueind« und der Gemeinschaft. Und »»och etwa» andere»! Seitdem wir Inden von der Tradition de» Heiratsvermittlers über gegangen sstrd in den Annoncenteil der Tageszeitung«», hat sich da» Alter der Ehe» schllehenden «ttoaS verschoben. Und toenm sachverständig« Be» völkerungspolitiker immer wieder davon strechen, daß wir di« Früh» ehe befördern wollen, «nb wenn sich soeben in Frankfurt a-W. «in« eigen« Ehea»»bahnungsft«lle aufgetan hat, daun möchte ich Ihne» sagen: In den Jugendheimen vollzieht sich «st»« natürlich«, harmlos«, unwillkürlich« Begegnung der Geschlechter, di« di« Mensche» in Lehren u»»d Lern«»», st» Spiel u»»d Sport, mach Neigung und Eignung zueinanderführt. Da» macht dies« Jugendheim« zu einer setz« wichtigen erzieherischen und zu einer bevölkerungspolittschen Maßnahme. Und toenn ich von dieser Stell« ans «in Wort nur sagen darf über die Wohlfahrtseinrichtungen der Gemeinden, di« ja glücklicherweis« all« »»ach modernen Prsttzipien arbesten u»»d di« Worte Wohltättgkell und MUleid und Almosen tmrch Derantwortttng und Hilf« ersetz«»», so n»öcht« ich nur «me» betonen: der Landes, verband sollt« «ine stark« Kontrolllätigkeit herbeiführen, daß di« jetzt so beliebten wilden Sammlungen zu allen mögllchen u»»d unmöglichen Zwecken aushören, daß der Unfug «in End« nimmt, daß derjenige, der am meisten schrett, auch am meisten erhält, kurz, daß wir Organisationen bestehen lassen und unterstützen ohne Kontrolle und Prüfung. ES besteht bei uns Juden noch viel Sebefreud«. Aber der Ltndesverband sollt« «in Verbot gegen da» „gute jüdische Herz" ergehen lassen, daS ohne Verantwortlichkeit oft mehr Schaden als Nutzen stiftet. Einen Wunsch »»och an di« Gemeinden: das ist di« größer« Einstellung von Sozialbeamten und Sozialbeamtinnen, di« den Gemeinden durch größere Kenntnis der Hilfsquellen und Gesetze manch« Mittel zuführen könnt«»», di« chnen jetzt verlorengehen. Vielleicht, wenn wir weUer st» solchem Niedergang bleiben, wird der Landesverband di« Frag« der gemeiitdlichen WohlfahrtSsteiter erwägen müsse»», di« in der neuen Wett stn Joint und in den Foederationen so außerordentlich stark« Erfolg« aufzuweisen hat. Wenn ich nun zum Schluß noch dazu komm«, di« Aufgaben de» Landesverbandes gegenüber den bisherigen Reichsanstallen zu betonen, »möchte ich sagen, daß st» der Erziehungsanstalt Wolzig, der der Landesverband dankenswerterweise UnterstützungSsummen gewährt hat, ausgezeichnet gearbettet wird unb daß dort hoffentlich di« modernen Erziehungsmethoden wirklich toeller angewandt werden können. Aber der Landesverband wird noch ander« Reichsanstallen entweder zu sanieren oder zu gründen hccken. Ich denk« an di« Tuberkulostn-tzellstätt« für Männer und an di« jüdisch« Nervenheilanstalt. DaS allesind Aufgaben des deutschen Judentums. Ich komme zum Schluß, zu der dringlichsten Aufgabe dieses Judentums, da» wir vertreten, nämlich zur Schaffung des Reich»- verbandeS. Nicht nur da» Beispiel der Anstatt«» d«S D. I. G. B, die st» Not geraten tvaren, zeigt, wie dringend der Reichsverband gebraucht Witt». In dieser Not ist ja glücklicherweise di« jüdische Gemeind« Berlin st» di« Bresche gesprungen. Aber daS kann sich morgen und übermorgen wiederholen, und wir haben kein« Stell«, die über dies« Anstalten zu bestimmen hätte. Darum beton« ich »tochmal» im Ginn« de» Antrages meiner Fraktion di« schleunig« Zufammenberufung «stier gemischten Konferenz, die über die Schaffung des Reichsverbandes zu beraten hat. Est»es ist doch hier noch zu sagen: In dieser Lebensfrage der deutschen Juden müssen all« Parteien einander «ntgegenkommen, wie auch die Himmelsrichtungen Nord »md Süd sich «ntgegenkommen werden. Wir brauchen dem Reichsverband nicht nur um unserer selbst willen oder wegen der großen Fetndfchaft, di« unS st» Deutfthland «ntgegentritt, sondern auch wegen des schweren Kampfes gegen di« Religio»», der außer, halb der Grenzen Deutschlands tobt. Wir müssen in einer geschlossenen Einheitsfront diesem Kampf« im Inneren u»»d Aeußeren «ntgegentreten. Änd darum »röcht«'ich mtt dem Goethewort schließen: Ander Gefahr der ungeheuren errettet nur geeinte Kraft! Wir habe» heule den ersten Nissan- ES ist der erst« Tag des religiösen Jahre». Möge dieser Tag «in gesegneter Anfang zu einer gesegneten Erfüllung sei»! (Lebh. Beifall.) Abgeordneter Dr. Kollenscher: Mein« verehrten Damen »md Herren! Zum letzten Mal« tritt di« Tagung des LandeSvnchandeS d» dieser Legislaturperiode zusammen. Wenn man di« Legislaturperiode jetzt rückschauend betrachtet, kommt sie einem wie da» Klange Parlamott" vor; denn aus den vier Jahren, di« »mS verfasfungsmäßig zustande»», haben wir mtt Zustimmung de» Rat» sechs Jahr« gemacht. Wir sind dabei nicht gerade sehr demokratisch vorgegangeu. (Zustimmung.) Ich möchte hoffe»», daß sich Vorgang« dieser Art in Zukunft nicht «chr wiederhol«!». Vielleicht war di« Ueberschreitung diesmal durch die Füll« der Arbeite» der ersten Legislaturperiode