Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1930-07-01 · 3 (1.7.1930) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
8 (1930)
Issue
3 (1.7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3980048-10021619-10021593--503-3980502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 10 in unseren Gemeinden liegt kein Bedürfnis nach Frauen vor! (Heiterkeit); drittens, weil der Zeit der neuen Sachlichkeit di« Männer die Frauen ab lehnen, weil st« eine bestimmte Frau nicht haben wollen. Das sind di« Gründel Wo Frauen arbeiten, hat sich aber schon gezeigt, daß «rfreulich« Erfolg« zu verzeichnen sind. Nicht etwa, daß sich der Midrasch schon bewahrheitet: waS di« Männer «in. gerissen haben, das haben die Frauen wieder aufgebaut t Eher ist daS Talmudwort wahr geworden, daß wir nicht «in« Herrschaft ausüben, sondern daß wir «inen Dienst leisten wollen. Wir erwarten von der Mitarbeit der Frau eine stärker« Verbundenheit der Familie mit der Gemeind«, und, wie «S in Amerika «reicht wurde, eine viel intensiver« Gemeinschaft. Ich möchte alS Beispiel von dem Gottesdienst sprechen. Durch di« Frau wird er, was ja blaSphemististh klingt, aber nicht so gemeint ist, populärer werden; und wir sehen jetzt schon, daß in den Frellagabend-SpätgotteSdiensten sich der Familllnbefuch «instellt, den man von früher her kennt. Das ist «in Erfolg, über den wir sehr glücklich sein können. Ich könnt« Ihnen auch noch sagen, daß dort der Gottesdienst «in« stärker« Würde angenommen hat, wo die Frauen in der Gemeind« mttraten und Mitarbeiten, aber ich muß mtt der Zeft Haushalten und will darauf nicht näher «ingchen. Eh« ich in die eigentliche Materie «intret«, will ich von meiner Fraktion aus den Führern von Bat und Der» band, den Beamten und Angestellten, wie den Gemeinden, di« unseren Verband erhallen haben, herzlichen Dank abstatten. Wir find rin Stück wellergekommen, wenn auch noch nicht all« Blütenträum« reisten. Aber ich möchte dem Verband «inen Rat geben, der vielleicht mehr literarisch klingt, als er ist. Balzac hat einmal gesagt: Wenn ich all« Freundschaften besäße, di« ich durch unbeantwortet« Brief« verloren habe, wie glücklich würde ich sein! — Ich möchte das auch auf den Verband anwenden. Wieviel mehr Freundschaften würde der Verband besitzen, wenn er nicht soviel durch unbeantwortet« Brief« verloren hätte, wenn der Gemeindevorsteher in Vorpommern nicht seit dem Juli vorigen IahreS auf Antwort wartete, wenn die Bezirksverbänd« Schlesien und Sachsen den Briefträger oder Geldbriesträger in der Zwischenzell einmal gesehen hätten. Ich möchte dem Verband sagen, wenn er einen „salon d«S refusös" hat, ist das nicht ohne Gefahr. Woran liegt das? Vielleicht daran, daß einzeln«. Dezernenten viel zu viel Arbell haben. Ein Kopf, kann nicht alles denken, «in Mund nicht all« Fragen beantworten, zwei Ohren nicht alles hören, «in Freund kann nicht all« stützen. (Heiterkell.) Rach dieser etwas lllerarischen Abschweifung möchte ich dafür unseren Dank aussprechen, daß trotz aller Schwierigkellen, di« Herr Dr. Freund so anschaulich schildert«, gewiss« Staatssubventionen erreicht worden sind. Es ist nur traurig, daß wir, ob wir in der Monarchie oder jn der Republik leben, immer wieder erleben, daß wir Juden gleichberechtigt nur im Geben sind, aber nicht gleichberechtigt im Empfangen. Durch die Subvention ist mancher kleinen Gemeind« geholfen, und es ist auch endlich mll den BezirkSrabbinaten angefangen worden.. Ich spreche den dringenden Wunsch aus, daß dies« Rabbinat« nicht errichtet werden, ohne daß di« Provinzialv er bände darüber gehört werden, ob st« überhaupt gewünscht werden. (Zustimmung.) Aus eigener Anschauung kann ich Ihnen sagen, daß z-Bdi« Leut« aus dem Bezirksrabbinat Oels außerordentlich glücklich sind, daß sich dort «in neues religiöses Leben bildet, und daß auch in der Grenzmark, wo endlich ein Lehrer zu den Kindern kommt, viel Glück durch den Religionsunterricht verbrettet wird. (Beifall.) Dom Wohlfahrtsausschuß möchte ich sagen, daß er immer seines unvergeßlichen Vorsitzenden in tiefer Trauer gedenkt, daß er uns mancherlei beachtlich« Anregungen gegeben hat, und daß er hofft, in ernster Arbell di« schwer errungenen Mittel richtig angewendet zu haben. Di« liberale Kultuskommission hat «inen Erfolg zu verzeichnen durch das Einheits-Gebetbuch, daS viel Anerkennung findet. Aber «S gibt nun noch unerfüllt« Wünsch«, di« ich hier aufzählen muß. Da ist zunächst der, daß mtt der Lehrerbildung, mit der guten und ausreichenden Lehrerbillmng, di« so dringend gebraucht wird, noch kein Anfang gemacht wurde. Alle früheren Ausbildungsanstalten sind geschlossen bis auf Köln und Würzburg. Diese beiden gehören der konservativen Richtung an. Die pädagogische Akademie in Frankfurt hat zwar auch «in« Möglichkett der Lehrerausbildung; dies ist aber di« dritts konservative Möglichkell- Für di« Liberalen besteht lediglich die Borbereitungsanstall zu einer Rabbiner-Ausbildungsanstalt. Das genügt nicht. Die Bemühungen bei der pädagogischen Akademie in BreSlau waren vergeblich. Ein« Enqudt«, die d^e Regierung veranstaltet«, ergab, daß nicht genug Kinder dafür vorhanden seien. Man hat nachträglich festgestellt, daß «an 180 jüdisch« Volksschüler vergessen hatte. Wenn man will, sicht man immer zuviel Inden, und wenn man will, zu wenig. (Sehr gut!) Di« Sorge für di« liberal« Lehrerbildung ist uns «in« schwer« Sorg«. Der darhanden« Lehrerbestand wird bald ausgebraucht sein. E« ist anch fraglich, ob di« nach altem System awkgchivxten Lehrer bei den vielfach wechselnden Schulsystemen noch ungestillt werde« Zum Unterricht in der Dollsschul«. Wir müssen darauf dringen, daß diese kulturelle Grundlage unserer religiösen Lebens neu und kräftig geschaffen werde. Darum befremdet es uns, daß heut« et« Antrag vorliegt auf Schaffung eines dritten AnterrichtSausschuffes. Wll hätten gewünscht, daß di« beiden bestchenden mll stärkeren Mitteln und Vollmachten auSgestattet würden. Ich möchte in aller Bescheidenheit daran erinnern, daß, wie ja auch der erste Satz der Berfaffung besagt, di« Grundlage unseres Judentums und unserer Kultur Religion ist, und daß wir für dt« religiöse Ausbildung unserer Jugend zu sorgen haben. Darin sehen wir die dringlichste Pflicht der Gemeinden und unseres Landesverbandes. So fassen wir Liberalen unsere Aufgabe auf. And wenn hier vor wenigen Monaten, von dieser Stell« her, von einem der Großen in Israel gesagt worben ist: DaS Judentum wlld liberal sein, oder «S wird nicht sein, so können Sie verstehen, daß wir Liberalen mtt Besorgnis erfüllt sind für das gesamt« Judentum, daß wir nicht nur für das liberale, sondern für daS ganz« Judentum zittern, denn wir alle sind verantwortlich für daS jüdisch« Leben der Zukunft. Roch ein« ander« Sorg« erfüllt uns: Warum werden so viel« Kinder aus der höheren Schul« vom Religionsunterricht dispensiert? Ich bitte sehr, darin keine parteipolitisch« Auseinandersetzung sehen zu wollen. Ich spreche auch hier nur von meinem religiös«» Laienstandpunkt aus. Ab« ich Hab« daraushin «ine gewisse Enquät« gemacht und habe festgestellt, daß di« Ellern durchaus nicht damtt «in» verstanden sind, daß im Religionsunterricht so wenig Gewicht auf religiöses Wissen und so viel Gewicht auf hebräisch« Sprachlchr« gelegt wird. (Gelächter.) Gewiß, man muß hebräisch lernen, ab« außerhalb des eigentlichen Religionsunterrichts. And wenn üh «S als sehr peinlich empfinde, wenn mein« Nachbarin im Tempel nicht weiß, wo man im Gebetbuch „hält", so empfinde ich es doch noch als sehr viel peinlicher, wenn jemand gar nichts von jüdischer Religiosität und jüdischem Wissen versteht und di« Zusammenhänge unseres Lebens mit dem Wesen d« Religion gar nicht , fassen kann. Ans«« Jugend soll g«ad« im Religionsunterricht mtt dem großen Kulturgut uns««r Religion vertraut gemacht werden. Sie soll sich ein Artell bilden über das, was Recht und Anrecht ist, waS man unt« dem großen Begriff der Religion versteht. Wenn sie dieses Urteil nicht hat, ist st« vollkommen richtungslos im Leben; und nur so ist es zu verstehen, daß auch die jüdisch« Jugend di« neuesten und wertlosesten Dinge in Dheat« und Ltteratur mtt Begeisterung in sich aufnimmt. Es klingt beinahe fch«zhast, ist ab« schr ernst, wenn ich Ihnen sag«: Im vorigen Jahre wollten alle jüdischen jungen Mädchen Helene Willfuer sein; diese- Jahr haben sie ein and««s Ideal. Es ist «ine Proselhten-Schrift herausgekommen, ein Buch unt« dem Pseudonym Sarah Levh, das den Titel trägt „Gelichtes, oh mon Gohe", Sie können es auch Goh nennen. Da ist «in Weg zur Mischehe so pikant, so schmackhaft und selbstverständlich geschildert, daß wll dagegen protestieren muffen, wenn jüdisch« Ellern erlauben, daß chr« Kind« solch« Büch« in die Hände bekommen. Nach diesem wiederum etwas lüerarischen AuSflug lasse» Sie mich zu unseren Hoffnungen für den Verband und zu den Entwürfen des Verbandes selber kommen. Wir verkennen nicht, daß «in« sparsam« Führung zu «rkennen ist im Etat, der unS vorgelegt wird. Dieser Versuch wird aber erst Mechode werden, wenn Rat und Derbaitdsv«sammlung verkleinert werden. ES fft uns «in« große Freude, Sie all« wied« hi« zu scheu. Aber auch hllr gill daS Wort: „Geteill« Freud« fft doppelle Freude." (hellerkett.) Erst wenn Rat und D«fammlung verkleinert werben, wird auch der Apparat verkleinert werden können. And nun ist «ine d« wichtigsten inneren Aufgaben d«S Landesverbandes, darin voranzugchen, wenig«, aber gut« Beamte zu haben, diese gut zu bezahlen und vor allem chre Zukunft stch«zuft«llen. Dies« Sicherstellung, di« uns««n Beamten auch draußen in den Gemeinden noch fchll, was ihnen die Furcht vor dem All« so stark macht, daß sie chr« Leistungsfähigkeit vermindert, fft ein« wichttg« Aufgabe für den Land«Sv«band. Wir müssen Pensionsfonds und D«ficherung«n haben und müssen in jedem Fall« den Menschen, di« für uns«« Allgemeinhett arbetten, chr Leben im All« nicht als dunkel und hoffnungslos, fond«n als hell und sorgenlos «scheinen lassen. (Zustimmung.) ES sind ja solch« Derchche bereits gemacht worden: der Jüdisch« Frauenbund und dll Ientral- WohlfahrtSstell« d« deutschen Juden haben chr« Angestellten, wenn auch vorerst bescheiden, für All« und Invalidität »«sichert. Ans«« Wirtschaftslage fft so, daß dar Thema Sparsamkett die zentrale Gegenwartsfrage des deutschen Judentums ist. Der Nied«» gang des Mischen MtttefftandeS ist nicht nur «in wirtschaftlicher, sondern auch «in gefftig« und seelisch«. Ist es nicht ein Borwurf für unS all«, daß dll Selbstmordziffern bei den Juden ich Wage «r nicht zu wiederholen, was «in« schr sachverständige Rellreutiu vor einigen Monaten gesagt hat — fünf, bi» siebenmal so hach Ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.