Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- 3 (1.7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Denn wir wollten ja gerade die Beihilfen, um damit Rabbinat« «inzurichten. Nun sagten wir «ns bei dieser petitio principii kommen wir nicht weiter. Deshalb hat der Landesverband zunächst einmal «in derartiges BezirkSrabbinat mit Bevorschussung auS eigenen Mitteln in den Sattel gesetzt, und zwar in Friedrichstadt. AIS dann aber der Antrag auf Staatsbeihilfen gestellt wurde, ist «r_ wieder abgelehnt worden (lebh. hört! Hört!), diesmal mit der Begründung, der Finanzminister bewillige bei der gegenwärtigen finanziellen Lage grundsätzlich kein« neuen Pfarrstellen. Nun liegen di« Ding« aber doch so, daß di« Kirchen mit Pfarrstellen schon übersetzt waren, daß bei uns aber di« Rabbinerstellen in katastrophaler Weis« fehlten, daß di« Rabbinerstaatsbeihilfen in erster Linie für di« Bildung von Bezirksrabbinaten bestimmt waren, und daß wir ja gerade auf den Weg gewiesen worden waren, erst die Stellen zu schaffen und dann an das Ministerium wegen der Staatsbechilf« heranzutreten. Di« Haltung in dieser Frag« hat uns veranlaßt, di« weiteren Derhandluugen mit dem Herrn Sachbearbeiter abzubrechen, da die von chm vertreten« Auffassung die Grundlagen negierte, auf denen di« Bewilligung der Staatsbeihilfen überhaupt beruhte und somit auf «in« Mißachtung auch der Landtagsbesthlüsse hinauslief. Wir haben uns an den Minister persönlich gewandt, unß auf dessen Wunsch hat am letzten Freitag «in« Besprechung mit dem zuständigen Ministerialdirektor stattgefunden. Dabei hat das Ministerium anerkannt, daß die neu zu errichtenden BezirkSrabbinat« vom Ministerium zu subventionieren sind. Demzufolge ist die Ablehnung für Friedrichstadt auch bereits rückgängig gemacht worden. Sie sehen aber aus dem Gesagten, mit welchen Schwierigkeiten wir bei diesen Dingen zu rechnen haben, und was es bedeuten würde, wenn wir dieselben Kämpf« wie um di« Rabbinerbechilf« nunmehr auch um di« größer« Summ« für den wichtigeren Zweck des Religionsunterrichts führen müßten. Nun muß ich leider über ein« Angelegenheit etwas ausführlicher sprechen, di« Herr Kareski schon andeutet«. Gr hat bereits gesagt, daß unsere unerfreulich« augenblicklich« Situation nicht so sehr von außen her verschuldet ist, als durch gewiss« Dorkommniffe in den Reihen der Juden selber. Mein« Damen und Herren! Am deutlich zu werden: Ich glaub«, daß niemand im Saal« ist, der nicht weiß, worum es sich handelt: um unser Verhältnis zum Halberstädter Verband. Wir haben es bisher vermieden, dieses Kapitel anzuschneiden, obgleich Grund dazu in mancher Hinsicht Vorgelegen hätte. Uns leitet« vor allem unser Derantwortlichkeitsgefühl. Wir haben uns gesagt, daß wir manches «instecken müßten, auch Schädigungen unserer Interessen, bloß, um nicht denselben Fehler zu machen, den ander« begehen, indem wir der Oeffentlichkeit «in Schauspiel der Uneinigkett darbieten, das verhängniÄoll zurückwirken muß auf die Beziehungen des Staates zu uns. Aber, es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem lieben Nachbarn nicht gefällt. Ich kann es nicht anders denn als öffentliche Herausforderung ansehen, wenn in dem vor mtt liegenden Familienblatt der letzten Woche — wie es übrigens auch in dem Leitartikel eines anderen Blattes geschehen ist — der Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden eine Bekanntmachung erläßt, welch« die Frag« der Verteilung der Staatsbechilfen behandelt und di« Ding« so darstellt, als ob wtt an irgendwelchen Differenzen oder Manipulationen des Halberstädter Verbandes schuld seien. Diese öffentlich« Aufforderung an uns, zu den Dingen Stellung zu nehmen, wird ergänzt durch «in« Rech« von Briefen, di« vor mir liegt. Ich entnehme daraus, daß von verschiedenen Setten an unser« Kreis« herangetreten wurde mtt einer Darstellung des Sachverhalts, di« unserem Landesverband di« Schuld daran beimißt, daß gewiss« Unstimmigketten zwischen den Verbänden bestehen, die sich in der angedeuteten Weis« auswirkten. In einem Schreiben wird geradezu die Erwartung ausgesprochen, daß hier auf dem Derbandstag« in aller Form die Dinge richttggestellt werden. Mein« Damen und Herren! Wir würden uns dem Verdacht ausfetzen, als ob wtt nicht in aller Offenhett sprechen dürsten, wenn ich dieser Aufforderung mich entziehen wollt«. Wenn ich also di« Herausforderung annehm«, so betone ich nochmals, daß ich es mtt tiefstem Widerstteben tu«, well ich das peinliche Gefühl nicht loS werd«, daß es den Interessen des Judentums nicht entspricht, solch« Dinge öffentlich zu erörtern. Ich habe zunächst grundsätzlich über unser DerhältniS zum Halberstädter Verband« das Folgend« vorauszuschicken: Daß wtt es all« im Interesse des Judentums begrüßt hätten, wenn es möglich gewesen wäre, «in« einheitliche Vertretung des Judentums zu schaffen, brauch« ich nicht besonders zu betonen. Wenn wir bei der Gründungstagung di« Befürchtung aussprachen, daß das Nichtzustandekommen einer «inhettlichen Vertretung verhängnisvoll« Folgen haben würde, hat der Verlauf der Ding« in der Folg« di« Triftigkeit der Befürchtung leider nur zu sehr erwiesen. War ein «inheülicher Zusammenschluß nicht zu erzielen, so lagtn für «in« -Trennung in zwei Verbände weltanschauung-mäßig die Dinge so: Auf der «inen Sette stand«» di« Anhänger der Gin. heitsgemeinde, auf der anderen Sette bi« Vertreter de» separatistisch«» Gedankens. Hätten sich nach diesen weltanschauung-mäßigen Differenzen di« beiden Verbände gebildet, daun wäre da» Traurig« der Zersplitterung geblieben, aber wtt hätten wenigst««- klare Verhältnisse. Wie sehen die Ding« aber in DsirNtchkeit aus? Es steht nicht etwa auf der «inen Sette «in Verband der Ginheit-gemeinden, aus der anderen Sette «in separatistischer Verband, sondern «- ist so, daß der Halberstädter Verband «in« ganz erheblich« Anzchl von Gemeinden zu sich herübergezogen hat, di« weltanschaulich gar nicht zu chm gehören, weil st« Ginheit-gemeinden find. (Lebh. Hört! Hört!) Der Beweis dafür liegt schon darin, daß zunächst 80 Gemeinden sowohl unserem als dem Halberstädter Verband« angehört haben. Gin« Gemeind«, dtt sich uns angeschloffen hat, kann sich aber unmöglich in einem weltanschaulichen Gegensatz zu «nfühlen, der sie zwingen könnt«, dem separatistischen Verband« sich anzuschließen. Diese gleichzeitig« Mitgliedschaft zahtteicher Gemeinden in beiden Verbänden bedeutet «in Sich»U«berschn«iden der beiden Verbände, wie man es wohl sonst im öffentlichen Leben nirgendantriffh danur die Ungelegenheiten in unserem Verhältnis zum Staat maßlos zu vermehren geeignet ist. Wie kommt es nun, daß so viel« Gemeinden dem Hacherstädter Verband« sich angeschlossen habe»? Di« Gründe sind verschieden. Sie wissen, daß der Halberstädter Verband auf die angekündigt« Gründung unseres Verband«- hin acht Tag« vorher sich konstituiert hat. Di« Gemeinden draußen im Lande haben nicht verstanden, was vorging, und manche sind, wie sie unS mitgeteilt haben, dem hacherstädter Verband beigetreten, well sie geglaubt haben, es handle sich um «inen allgemeinen preußifchen Synagogenverband, und weiter nichts von den Dingen wußten. (Hört! Hörtl-Zurufe bei den Konservattten.) Ander« wieder, und daist der häufiger« Fall, haben sich an uns mit der Frag« gewendet, waS wir zahlen. Sie wollten sich vergewissern, bei welchem Verband« sie mehr bekommen. Ihr« weltanschauungsmäßig« Abschätzung der Situation hatte sich ziffernmäßig niedergeschlagen. DaS ist «in geradezu unsittliches Verhallen. Mit dem Gewissen kann man nicht Schacher tteiben. Es haben Gemeinden aus dieser ihrer Einstellung gar kein Hehl gemacht, und wenn erst einmal derartig« Korruptionsverhältnisse geschaffen sind, führen st« automatisch zu wetteren Mißständen. Manch« kleinen Gemeinden haben sich gesagt: „Doppett hall besser. Warum sollen wir nicht beiden Verbänden bettreten, wenn wtt hier Geld bekommen und da Geld bekommen." Das ist nicht nur moralisch untragbar, sondern heißt geradezu mtt staatlichen Geldern, di« wtt zu verwalten haben, ein Spiel tteiben, das außerordentlich grfährlich ist. Wtt haben uns nun gesagt, daß, wenn wtt schon nicht verhindern können und vorläufig auch nicht verhindern wollen — schon aus dem Grunde, weil di« Verfassung die Doppelmitglichfchast nicht verbietet —, daß gewisse Gemeinden beiden Verbänden angehören, wir doch unter keinen Umständen dulden dürfen, daß dieser Eesinnungshandel weitergeht und «ine Gemeind« von den finanziellen Vorteilen, die ihr daraus erwachsen, ihre Mitgliedschaft abhängig macht. Wir haben infolgedessen «inen Beschluß gefaßt, daß wir zwar kein« Gemeind« aus unserem Verband herausdrängen, aber nur solch« Gemeinden materiell unterstützen, die nur einem Verband« augehören. sSehr richtig!) DaS hat dazu geführt, daß im Land« draußen «ine Agitation gegen unS entfacht worden ist, di« sich in allen möglichen Zuschriften niederschlägt. Man hat auch keinen Anstand genommen, mit diesen Dingen in daS Ministerium zu gehen und den Landesverband zu denunzieren, er benutze di« StaatKxihilfen, um Gemeinden dem Halberstädter Bund abspenstig zu machen. (Lebh. Rufe: Unerhört!) DaS Ministerium war damtt wieder au der Stell«, an der wir es in der Dergangenhett so häufig und mtt schmerzlichen Gefühlen sahen, und von der wir es wegbrttlgeu wollten, nämlich, daß es sich sagen muß: wenn di« Juden selbst nicht wissen, was st« wollen, ist ihnen nicht zu helfen. Di« Durchsetzung der Folterung, daß di« Auszahlungen an uns erfolgen, ist unnicht leicht gewogen. Sie ist uns nicht zuletzt gelungen, dank dem verftänbnisvollen Wohlwollen, mit dem der Sack^earbeiter d«S Unterricht-ministeriumunS immer begegnet ist. ES hat nttwals im Kultur» wie im Finanzministerium an der Forderung gefehlt, die Ausschüttung an uneinzustellen und di« Verteilung auch d«S für den Religion-unterricht Bewilligten durch den Staat vornehmen zu lassen. Der Sachbearbeiter de» Ministeriumhat aber keinen Anstand genommen, zu erklären: „Ich muß zugeben, daß Sie dabester machen, als wtt «- machen könnten. Deshalb werd« ich mich für di« Beibehaltung da» alten Zustandes «insetzen". Und so gelang «- Jahr für Jahr, dtt Ausschüttung an unzu erwirken. Jetzt ist der Halberstädter Verband im Ministerium vorstellig geworden mtt der Klag«, daß er im DerhLÜniS zu unserem Landesverband schlecht behandell werde. Da hat das Ministerium gesagt, bei solchen Klage« bleibt «de« »ichts andereS übrig, als dtt Sache den jüdischen Verbäude» überhaupt