Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-02-15 · 1 (15.2.1929) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
1 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 35 (sequence 35)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3980048-10021618-10021586--386-3980394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 36 ««treten wollt«. Das haben wir bisher getan, und ich glaub«, daS können wir verantworten. Ich glaub« aber auch, bah wir das im gegenwärtigen Augenblick nicht mehr verantworten können, und deshalb müssen wir unS wieder zu einer etwas weniger großzügigen Finanzwirtschaft zurückftnden. LS ist di« Hauptaufgabe d«S DerbandeS, das religiöse Leben in den versinkenden Klein- und Mittelgemeinden zu haften und zu stützen; darüber kann nach dem klaren Wortlaut der Satzung kein Zweifel sein. Und deshalb ist für dielen Zweck, den integrierendsten Zweck unserer Organisation, bis auf weiteres eine weitere Position von 50000 RM. eingesetzt worden. Demgegenüber kann «S nicht ins Gewicht fallen, daß wir gewisse andere Ding«, die nicht integrierende Teil« unserer Arbeit sind, etwa« gekürzt haben. Wir hätten st« ebensogut ganz streichen können. Aber das war ein Schritt, zu dem wir unS nicht entschließen konnten. Wir wollen dies«, wenn ich so sagen darf, AnerkennungSgebühr im Etat stehen lassen, um zu zeigen, daß wir gewillt sind, in Zeiten, wo eS uns finanziell besser geht, auch diesen Aufgaben unS in verstärktem Maß« wieder zuzuwenden. Ich möchte Sie dringend bitten, bei der Einzelberatung und auch bei der Abstimmung stch von diesen grundsätzlichen Gesichtspunkten, die nach meiner Meinung von niemandem von Ihnen erschüttert werden können, leiten zu lassen. ES geht aber auch nicht an, daß man den prinzipiellen Gesichtspunkten zustimmt und in der Einzelberatung immer daS Gegenteil von dem tut, was diese Theorie erfordert. Ich bitte Sie, sich nicht auf die alten Aegypter zu verlassen, daS wird unS im allgemeinen finanziell nicht auf die Beine helfen, sondern verlasien wir uns auf unsere eigen« Kraft, aber wir wollen unS in diesem Moment, der wirllich ernst genug ist, auch der Grenzen unserer Kraft bewußt sein, und wir wollen entschlossen fein, in einer besseren Zeit, die hoffentlich nicht allzufern liegt, wieder in «rwettertem Umfang« unser« Aufgabe zu lösen. (Beifall.) Loeb, Berlin: Mein« Damen und tzerrenk Ich Hab« mich zum Wort gemeldet wegen einer einzigen Position, die finanziell nicht so sehr ins Gewicht fällt, die aber eine prinzipielle Bedeutung hat, zumal nach dem, was man gegen die Position ausgeführt hat. ES handelt sich um di« 6000 RM., di« als Sabbathhllfe hier eingesetzt sind. Ich will zunächst ein Mißverständnis aufklären. ES ist von der «inen Seite gesagt worden, das sei «in« Beihllfe für Kleingewerbetreibende, und von der anderen Seite, «S sei «ine Beihilfie für die Stellenvermittlung. Beides ist richtig; wir haben beides zusammengefaßt unter dem Titel „Sabbathhllfe". Ich will mich aber vor allem mit dem beschäftigen, was di« Stellenvermittlung Schon» re SchabboS betrifft. Wenn man den Worten des Herrn Berger Glauben schenken wollt«, so müßte man zu der Ueberzeugung kommen, daß wir, wenn wir di« 6 000 RM. bewilligen, ein Unrecht an dem bestehenden Arbeitsnachweis begehen, dem es mit schwerer Müh« gelungen ist, «in« Zentralisation herbeizuführen und der all« Bedürfnisse der Sabbathtreuen ebensogut befriedig«, wie es «ine besondere Einrichtung tun kann. DaS klingt recht gut, aber leider entspricht es nicht den Tatsachen. Der Arbeitsnachweis wird zum allergrößten Tell von der jüdischen Gemeind« bezahlt, und alS Vertreter der jüdischen Gemeind« Hab« ich es für meine Pflicht gehaften, mich von Zett zu Zeit in diesem Arbeitsnachweis ein wenig umzusehen. Herr Berger hat «ine einzige konkret« Zahl angegeben; er hat angegeben, daß «in Viertel der Stellungen, die dort besorgt werden, auf sabbathtreu« Stellen entfallen. Ich muß hier unterscheiden zwischen gewerblichen und kaufmännischen Stellungen, denn das, wovon gestern di« Red« war und wovon Herr Goslar in warmen, überzeugenden Worten gesprochen hat, betraf vor allem das Los der kaufmännischen Angestellten. Aus ihnen rekrutiert sich die Mehrzahl der Sabbathaltenden und für sie wird es jeden Tag schwieriger, sabbathftei« Stellen zu erhallen, und auf diesem Gebiet hat der Arbeitsnachweis, gegen den ich sonst absolut nichts einzuwenden habe, nicht die Erfolg« erziett, di« ihn berechtigen zu sagen: „Ich mach« das allein, und jeder, der sich der gleichen Arbeit widmet, stört nur meine Kreise." Di« Ziffern, die ich Ihnen gebe, vertrete ich; ich muß sie leider geben, nachdem Herr Berger in dieser Weise mich dazu provoziert hat. Dieser Arbettsnachweis, den Herr Berger hier so feiert, hat im Jahr« 1827 22 oder 23 sabbathtreu« Stellln für männlich« kaufmännische Angestellte vermttteft. Wenn Herr Berger glaubt, daß damit daL Bedürfnis im Reiche gedeckt werden könnt«, so irrt er sich, und er irrt sich Wetter, wenn er glaubt, daß dies« Organisation auf diesem Gebiet« die einzig« Zentral« sei, bei der Angebot und Nachfrage zusammenlaufen. <SS gibt eine Spezial-Stellenvermittlung für Sabbathftei«, di« ich vor 30 Jahren in Frankfurt a. M. tnS Leben gerufen habe, und die leider durch Weltkrieg und Inflation stark beeinträchtigt wurde. Di« Trümmer, di« noch vorhanden waren, hat di« Iugendgrupp« der Agudath Israel an sich genommen; aber mtt ihrer lückenhaften Organisation hat st« doch «in Vielfaches von dem an sabbathtreuen Stellen vermitteft, was hier der ArbeitS» Nachweis ferttggebracht hat. Di« sabbachtreuen Stellen passen eben nicht in jede Schablone hinein. Herr Berger hat auSgeführt, daß jede einzeln« besetzt« sabbattreue Stell« daS sechsfach« an Briefen und Arbett verursacht. Das stimmt, und weil dem so ist, und wenn «S trotz der sechsfachen Arbeit der Zentral« nicht gelungen ist, daS Elend, das auf diesem Gebiet« herrscht, «in wenig 311 mtDxnt, deshalb muß «in neues Gebilde geschaffen, bzw. die bestehenden Gebilde erweitert werden. DaL soll hier geschehen, und ich glaub«, daß keiner von Ihnen uns die Hilf« dazu versagen wird. Der Verband ist «in Verband für all« religiösen Richtungen, und wenn wir hier vor Gi« treten mtt der Bitte, unS diesen kleinen Betrag zu bewilligen, so wissen wir, «S werden nicht all« Schäden damtt geheift, aber eS ist «in aufmunterndes Zeichen für all« Kreise, daß wir den Sabbath noch nicht für verloren gellen lassen wollen, und daß wir auch hier Mittel schaffen werden. Aus diesen prinzipiellen wie sachlichen Gründen bitte ich Sie, diese 6000 RM. zu bewilligen. Der Arbeitsnachweis unserer Gemeinde wird dadurch nicht im geringsten Rot leiden. Wir werden im Gegenteil Hand in Hand mit ihm zusammen arbeiten. (Beifall.) Der Präsident: Mein« Damen und Herren! Wir kommen jetzt zur,Einzelberatung. Ich werd« die einzelnen Posttioncn verlesen und dazu daS Wort erteilen. Ich bitte, di« fünf Minuten Redezett auf keinen Fall auSzunuhen. Ich möchte ferner darum bitten, daß bei den Positionen, die unbestritten sind, bzw. für die beretts «in« große Mehrheit vorhanden ist, wie bei der Ostpreußenhilf«, nur diejenigen Herren sprechen, di« dagegen sind. Zur Ostpreußenhilf« (Kap. 1, Tit. 1), kommen 20000 RM. in Frage. Dazu hat Herr Oskar Lohn daS Wort. Dr. OSkar Lohn: Mein« Damen und Herren! Herr Wiener hat di« Erhöhung des Beitrages für leistungsschwach« Gemeinden, namentlich mit Rückstcht auf di« Verhältnisse in Oberschlesien begründet. Das war mir eigentlich sehr sympathisch, und ich Hab« mein oberschlesischeS Herz dabei schlagen hören. Ich verkenne aber nicht, daß die Verhältnisse in Ostpreußen, die zu der Bezeichnung der Erhöhung als „Ostpreußenhilf«" geführt haben — «ine Bezeichnung, über di« ich gleich noch zu sprechen habe —, gegenwärtig wohl ungünstiger sind, alS .die in Oberschlesien. Ls kann kein Zweifel sein, daß der Ausgabenvorschlag, um dessen Erhöhung der HauptauSschuß bittet, erhöht werden muß, und man kann auch den Zielen zustimmen, deren Erreichung die erhöht« Summ« dienen soll, wie dies« Ziel« in der Ihnen vorliegenden Broschüre aufgestellt find. Wogegen man sich aber wenden muß, ich bemerke das ausdrücklich, ist nicht di« Bewilligung der 20000 RM., sondern man muß sich wenden gegen die Art, wie dies« Vorlage begründet ist. Di« Begründung ist in der Ihnen vorliegenden Broschüre gegeben. Diese liest sich so, alS ob sie, zum Tell wenigstens, auS den etwas dunklen Quellen der Zentrale für heimatdienst geflossen wäre. Di« Broschüre gibt stch di« Müh«, die Verpflichtung deS Landesverbandes, etwas für die leistungsschwachen Gemeinden in Ostpreußen zu tun, mtt den deutschen Kulturinteressen, mit den deutschen Belangen, wie eS immer so schön heißt, zu begründen. (Bravo!) Meine Damen und Herren! Ich habe mir die Frage vorgelegt, ob di« 500000 Juden in Deutschland, von denen noch viel« Ausländer sind, eS nicht lieber den übrigen 63 Millionen Deutschen allein überlasten sollten, sich um di« kulturellen Belang« deS Deutschtums in Ostpreußen zu kümmern. Ein Antrag, der «inen Fonds von 20000 RM. für leistungsschwache jüdisch« Gemeinden in Ostpreußen schaffen will, sollt« sich darauf beschränken, diesen Fonds mit jüdischen Interessen zu begründen. ES sind Umstände genug vorhanden, um allein aus jüdischen Gesichtspunkten «ine Erhöhung von 50000 RM. auf 70000 RM. zu rechtfertigen. Wie die Begründung vorliegt, ist sie weder im wohlverstandenen jüdischen, noch auch im wohlverstandene« deutschen Intereffe. Die Begründung ist «in Tell der Polenhetz«, die in weitesten Kreisen Deutschlands betrieben wird. Don dieser Polenheh« sollten wir Juden uns am allerersten fernhallen; von allen attbcrcn Gründen abgesehen, aus der einfachen Erwägung, well wir Juden in den Personen unserer Glaubens- und StammeSgenoffen lebend« Pfänder in allen Ländern haben. Wenn gar wft Juden in Deutschland den Polen schlagen, so wird man eines Tages den Juden und den Deutschen in Polen schlagen. Davor möchte ich warnen. ES wäre auch besonders kurzsichtig gegenüber der Entwicklung, di« di« Frag« der national«» Minderheiten gerade in Polen genommen hat. In Polen gehen die Juden mtt den deutschen Minderheiten bei allen Wahlen Hand tu Hand. Di« Deutschen sind bei der vorletzten Wahl, ich möchte sagen, nur auf jüdischen Krücken in de» Sejm eingezogen. Welchen Grund man also vom deutschen Standpunkt haben sollt«, «in« Art PokenkampffondS zu schaffen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.