Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- 1 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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- 26 — weil ich noch nicht wußte, daß jemand, der über sein« Pflicht hinaus in die Bresche springt, wo Not am Mann ist, als Dank Angriffe zu erwarten hat. Das gleich« gilt für die Dorbereitung der Tagung, das gleich« für den Situationsplan. Nicht ich bin dafür verantwortlich. Ich Hab« nicht eine einzige der Vorlagen entworfen, habe auch den Situationsplan nicht gemacht. So habe ich es denn auch nicht zu verantworten, daß für mich «in besonderes Sprechzimmer bereitgestellt worden ist, bin auch nicht in der Lage, Ihnen autentisch anzugeben, weshalb es geschehen ist. Ich glaub« aber, nicht fehl zu gehen, wenn ich annehm«, daß es aus folgendem Grunde geschehen ist: Anläßlich jeder Tagung hat «ine Fülle von auswärtigen Personen ven Wunsch gehabt, in Angelegenheiten ihrer Gemeinden mit mir Rücksprache zu nehmen, und so war es ja auch heut« wieder. Da hat man wohl geglaubt; der Erleichterung des Geschäftsverkehrs und der Bequemlichkeit der auswärtigen Herrschaften zu dienen, wenn man mir ein Zimmer zuwies und kenntlich machte, wo man mich sprechen könnte. Aber, wie gesagt, das sind Vermutungen, da ich die Sache nicht zu vertreten habe. Nun komme ich zu einem sehr ernsten Wort. Es ist, wie gesagt, nicht das erste Mal, daß in diesem Haus«, aus dem gleichen Kreise und von den gleichen Personen Angriffe dieser Art gegen mich sich erheben. Diese Identität der Dinge ist noch unterstrichen worden, indem der Redner es für gut befunden hat, sein« Red« vom vorigen Male im Wortlaut heute nochmals hier vorzutragen. Ich will nicht ftagen, ob der Redner den Winter, sagen wir in einem Dämmerzustand hingebracht und alle die Ding« nicht wahrgenommen hat, die sich in der Zwischenzeit begeben haben. Die Dinge sind durch di« Wiederholung nicht wahrer geworden und eine Antwort darauf erübrigt sich, weil ich dem, was ich im vorigen Jahr« dazu gesagt und heute bereits ausgeführt, nichts hinzuzufügen habe. Aber, meine Damen und Herren, es fehlt mir nicht so sehr an Selbstkritik, daß ich nicht Angriffe selbst von dieser Seit« zum Anlaß nehmen sollt«, um mich zu prüfen, ob nicht doch vielleicht irgend etwas Berechtigtes an chnen ist, ob nicht in meiner gesamten Tätigkeit für den Landesverband vielleicht sich doch etwas findet, was zu Angriffen Anlaß geben könnte. Ich ftage mich dies um so mehr angesichts der Ungeheuerlichkeit und der systematischen Wiederholung dieser Angriffe. Wenn ich mir so die Frage vorlege, was ich denn eigentlich wirklich getan habe, so komme ich — gleichsam im Selbstgespräch — zu der Antwort: Ich habe «in großes Verbrechen begangen. Ich habe allen Widerständen zum Trotz den Landesverband geschaffen oder wie «in an sichtbarster Stelle stehendes Mitglied dieses Hauses noch drei Tag« vor der Begründung mir mit Bedauern vorwarf, den Landesverband aus dem Boden gestampft. Das war mein erstes Verbrechen. Ich habe aber nicht nur den Landesverband ins Leben gerufen, sondern bis 1925 ihn aufgebaut, ihn ausgestaltet und alleine seine Geschäft« geführt und ihn der Tagung, die zUr Konstituierung seiner Organ« stattfand, ohne daß für diese hrei Jahre den Gemeinden «in Pfennig Kosten erwachsen wären, mit einem Vermögensbestand von 120 000 RM, die ich vom Reich« beschafft hatte, übergeben. Das war mein zweites Verbrechen. Prüfe ich mich weiter, so stoße ich darauf, daß diese drei Jahre in die Zeit fielen, in der all di« Gemeinden, auch Frankfurt a. Main, Herr Baerwald, nicht in der Lage gewesen sind, drei Tag« vor dem Ersten zu wissen, wo sie di« Geldmittel hernehmen sollten, um chren Beamten die Gehälter zu zahlen. Damals habe ich aus meiner Illusionstasche Ihnen, meine Herren, nach Frankfurt a. Main, nach Breslau, nach Berlin Woche für Woche 100»/o der Gehälter auf den Tisch des Hauses gelegt, die ich von dem Reich erwirkt hatte, ohne daß ein einziger von Ihnen von dieser Aktion auch nur ein« Ahnung gehabt, geschweige die Hand dazu gerührt hätte. In einer Zeit, so schwer, wie sie das deutsche Judentum nie wieder gekannt, habe ich die Gemeinden vor dem Zusammenbruch bewahrt. Das war mein weiteres Verbrechen. V Ich habe in der Folge auch dem Landesverband« sein« finanziellen Grundlagen geschaffen, habe die Staatsbeihilfen für ihn erkämpft, habe, als sie durch das Ungeschick anderer gefährdet, ja. schon gefallen waren, sie noch einmal herausgehoft und ihre bereits abgelehnte Erhöhung auf 600000 RM allen Widerständen zum Trotz durchgesetzt, und erst in voriger Woche fft es mir gelungen, nachdem der Hauptausschuß des Landtages di« Streichung bereits beschlossen hatte, das Schicksal noch einmal zu wenden. Der Lohn dafür ist die Red«, die Herr Dr. Baerwald fertigbekommen hat, hier zum zweiten Mal« zu hatten. Herr Dr. Baerwald, Ihr« RÄ»e trifft mich nicht;- Ihre Vorwürfe erreichen mich nicht. Wenn ich nicht immer das Bewußtsein gehabt hätte, mit meiner Arbeit mein« Pflicht gegenüber dem Judentum zu erfüllen, wenn ich nicht an die 250 Gemeinden gedacht hätte, die heut« durch dies« meine 4lr6«H leben, wenn ich nicht an di« tzundert« von Lehrern und Rabbinern gedacht hätte, die dank meiner Arbeit zum ersten Male in menschenwürdig« Lebensverhältnisse gekommen sind, dann hätte ich diese Arbeit längst nicht mehr geleistet. Ich habe sie um ihrer selbst willen getan und werde unabhängig von Dank oder Undank wetterarbeiten. Was mich an Ihrer Red«, Herr Dr. Baerwald, erregt«, war nicht der persönlich« Angriff gegen mich, sondern das Gefühl tieffter Beschämung darüber, daß derartige Dinge in unseren eigenen Reihen möglich sind. Sie wissen, daß ich mitten im Kampfe stehe gegen den Antisemitismus, daß ich immer an den gefährdetsten Stellen anzutreffen bin, daß ich nie mich versagte, wenn man mich rief. Ich bin aus diesen Kämpfen mancherlei gewöhnt. In Frankfurt a. Main gerade haben wir Dinge erlebt, die ich hier nicht weiter erörtern will. Aber noch niemals habe ich «in solches Gefühl der Niedergedrücktheit gehabt wie heut«. Wenn von der gegnerischen Seite Vorstöße und Angriff« erfolgen, so muß man das in Kauf nehmen. Wenn das aber von jüdischer Seite aus geschieht, so ist das beschämend und unerträglich. Es ist heute wieder viel die Red« gewesen von dem Schicksalskampf des deutschen Judentums. Glauben Sie wirklich, der Selbstbehauptung dadurch gerecht zu werden, daß Sie in die eigenen Reihen Zwist und Gehässigkeit hineintragen» und damit die Axt legen an di« Wurzeln unserer eigenen Kraft? Dideant consulesk Ich rufe Sie zur Selbstbesinnung auf. Ich rufe das preußische Judentum auf, zu sagen: Bis hierher und nicht weiter, sonst gehen wir Entwicklungen entgegen, vor denen uns grauen kann, für die Sie, meine Herren, aber di« Verantwortung zu tragen haben. (Lang andauernder Beifall und Bravorufe.) (Beifallsäußerungen auf den Tribünen.) Der Präsident: Beifallsäußerungen aus dem Publikum sind, für wen sie auch immer erfolgen mögen, unzulässig. Es ist noch Herr Dr. Marx auf der Rednerliste, der nur zu einer kurzen Bemerkung das Wort wünscht, nachdem Herr Berger seine Wortmeldung zurückgezogen hat. Ich möchte noch einmal bekanntgeben, daß morgen um 9 Uhr die folgenden Kommissionen tagen: 1. der Haushaltsausschuß, 2. Der Derfassungsausschuß, 3. der Geschäftsordnungsausschuß. Abg. Marx: Meine Damen und Herren! Namens der ostpreußischen Abgeordneten möchte ich nur «ine kurze Bemerkung zu dem Peritzschen Exposä anschließen. Wir sind Herrn Peritz dankbar dafür, daß er durch seine Schilderung der Zustände in Ostpreußen der Liberalen Fraktion Anlaß zu dem Antrag gegeben hat, den meine Fraktion und, ich nehme an, auch die anderen Fraktionen, in denen ostpreußische Abgeordnete vertreten sind, unterstützen werden. Wir betrachten aber di« Denkschrift des Herrn Peritz als Prioatarbeit. Wir sind der Meinung, daß Herr Peritz in seiner Schrift nur hat zum Ausdruck bringen wollen, es möchten Lehrer genommen werden, die seminaristisch vorgebildet sind, und nicht Leut«, denen jede Vorbildung fehtt. Wir fassen die Schrift so auf, daß die Erklärung sich nicht gegen die Ostjuden richtet, sondern gegen die untauglichen Lehrkräfte. Er selbst sagt ja: „Ostpreußen braucht besondere materielle und allgemeine Unterstützung zur Gewinnung von durchweg deutsch gebildeten und fachlich vorgebildeten Lehrern und Kultusbeamten, besonders in den gemischt-bevölkerten Grenzgemeinden zur Hebung des geistigen, religiösen und kulturellen Lebens der jüdischen Bevöllerung dieser Gemeinden." Es ist eine Privatarbeit des Herrn Peritz, für die wir chm danken. (Beifall.) Der Präsident: Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Die erste Lesung des Etats, der Verfassungsänderung und des Iudengesetzes sind hiermit geschlossen. Wir kommen morgen ftüh zur zweiten Lesung des Etats um 11 Uhr. Schluß 19.20 Uhr. Zweiter Berhandlungstag am Montag, dem 2«. März 1928, 11 Uhr vorm. Der Präsident: Mein« Damen und Herren! Ich eröffne hiermit die heutigen Verhandlungen. Da der Rat mit seinen Verhandlungen noch nicht fertig ist, würde ich Ihnen vorfchlagen, daß wir uns hier zunächst mit einer kleinen Vorlage beschäftigen, die nach meinem Dafürhatten nicht erheblich ist. Es handelt sich um die Vorlage zu Punkt 10 der Tagesordnung: „Entwurf einer Satzung des Ausschusses für die Wohlfahrtspflege." Der Entwurf liegt Ihnen gedruckt vor, ebenso «in Antrag der Dolls- Partei, der zu diesem Entwurf eingegangen ist, und der ein« kleine Aenderung in Ziffer 2 vorschlägt, die gemeinsamen Aufgaben der deutschen und außerdeutscheu Wohlfahrtsorganisationen betreffend. Ich schlag« Ihnen vor, jetzt in di« Beratung diese« Punkte« «in-