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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-02-15 · 1 (15.2.1929) · p. Seite 24

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
1 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 24 (sequence 24)
Language
German
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— 84 - scheu Juden sind, abgelehnt werden. <28 ist «in« Frag« der philologischen Interpretation auch im Fall« de Haan, den Sie ans Dr. Alfred Wiener- Buch kennen. LS wäre wünschenswert, wenn all« Entgleisungen mit soviel Lieb« interpretiert würden, wie Sie «S hier getan haben. ES wird behauptet, daß de Haan «in Opfer der zionistischen Hetz« geworden ist. (Zuruf: Im Wortlaut!) Hat jemand die Broschüre hier? (Oho-Rufe.) (Zuruf: Hier ist der Wortlaut!) „Tief schmerzlich die Erschießung des jüdisch-orthodoxen Professors de Haan, zweifellos durch zionistisch« Fanatiker." (Pfuirufe.) (Zuruf: Anmerkung!) Das steht wörtlich im Haupttext. Hier werden in der Anmerkung «ine Reche von Zeitungsstimmen zitiert. (Große Unruh«, Zuruf«: Dorlesen!) Sie können mich zum Dorlesen nicht zwingen. (Lebhafte Oho- und Hört-Rufe.) (Zuruf: Man kann niemand zur Wahrheit zwingen!) Ich gesteh« offen, Ihnen in dieser Debatte nicht gewachsen zu sein. Mit Freuden lese ich Ihnen di« ganzen Anmerkungen vor. Es geschieht auf Wunsch des Hauses. Ich bitte, mir diese Zeit nicht anzurechnen, dann bin ich bereit, noch weiteres vorzulesen. „Don maßgebender zionistischer Seite in Deutschland wurde mir mit Bestimmtheit versichert, der Mörder de Haans sei nicht unter den Juden zu suchen. Selbst zionistisch« unterrichtete Persönlichkeiten Palästinas sind entgegengesetzter Meinung, «ine Meinung, di« mir auch von nichtjüdischer Seite bestättgt wurde.." Der Präsident: DaS Dorlesen von Schriftstücken ist geschästsordnungsmäßig überhaupt unzulässig. Da der Redner hierzu vom Hause gewissermaßen gezwungen wurde, habe ich es bisher gestattet. Ich gestatte es aber nicht weiter. Abg. Blumenfeld (fortfahrend): Ich begnüge mich damit, zu erklären, daß die Herren glauben, daß die Hauptsache, di« Ding«, auf die man sich glaubt berufen zu sollen, nicht im Text, sondern in den Anmerkungen stehen. Im Haupttext steht, was ich Ihnen vorgelesen habe. Ich überlass« es Ihrem Urteil, ob Sie nicht allen Grund haben, gemeinsam mit uns Zionisten sich zu empören bei einer solchen Kollektivbeschuldigung gegen «in« jüdisch« Gruppe- Rehmen Sie an, hier wird «in Zionist ermordet. Niemand weiß, wer der Mörder ist. Und dann behauptet plötzlich «in führender Zionist, der Ermordete ist das Opfer der fanatischen Hetze einer antizionistischen Grupp«. Sie verstehen gut, daß man sich gegen ein« solche Hetze zur Wehr setzen muß. Aber überzeugen werden wir uns hier sowieso nicht. Am wenigsten in menschlichen Dingen dieser Art. (Sehr richtig!) Weil es so ist, kommt es bei allen Maßnahmen, di« wir ttesfen, bei allen Entschlüssen, darauf an, von welchen jüdischen und menschlichen Doraussetzungen wir ausgehen. Ich will kurz auf das eingehen, was Herr Dr. Weil vorbracht«. Er verteidigte sich gegen den Vorwurf, er habe leichtfertig über Palästina geurteill. Die kurze Dauer des Aufenthaltes besage gar nichts. Einer ist in wenigen Tagen eben so wett, daß er ein Urteil abgeben kann, während andere Jahr« dazu brauchen. Ich glaube generell, daß es gerade für «inen Juden gefährlich ist, so etwas zu sagen. Wir Juden sind immer Opfer solcher kurzen Reisen durch die jüdische Welt geworden, Opfer begabter, interessanter und gelchrter Touristen, di« aber vom Judentum nichts verstanden. Di« jüdische Wett wurde'kurz besucht, und dann erschienen antisemittsch« Pamphlet« mit vernichtenden Urteilen über die größten Leistungen unserer Art. Wenn Dr. Weil sich darauf beruft, daß es schon Leut« gegeben hat, die überhaupt nicht in dem Land« gewesen sind, über das sie «in Buch schreiben, nun gut, ich gestehe chm zu, er schreibt ebenso über «in Land wie diejenigen, die es nicht gesehen haben. Wenn jemand wenige Tag« irgendwo verweiÜ und bringt sein naturgemäß oberflächliches Urtell bescheiden vor, so bin ich tolerant genug, das hingehen zu lasten. Etwas anderes ist es dagegen, wenn jemand ein kritisches Urteil abgibt, daS Palästina in den Augen von Juden und Nichtjuden diskredttiert. Es gehört schon ein erstaunliches Maß von Derantwortungslosigkeit dazu, um auf Grund so geringer Erfahrung «in abfälliges Votum abzugeben. Es ist übrigens ganz interessant, daß Dr. Weil, der immer ein Feind unserer Sach« war und nach sechs Tagen über Erez Israel schreibt, zu ungünstigeren Resultaten kommt, als der Antizionist Dr. Wiener, der das Land immerhin besser kennt. Wer ein Urteil auf Aeußerungen von Experten stützt, sollt« nicht den eigenartigen Versuch machen, den bekannten Berichterstatter Wolfgang von Weis! als Kronzeugen anzurufen. Die Stellung dieses Herrn innerhalb der zionistischen Bewegung ist Ihnen doch bekannt. ES handelt sich in Palästina um ein Werk, daS offen vor der Welt liegt, wo jüdische Menschen in schwerer Arbeit ihr Leben gestalten. Ich habe nicht nöttg, mit Ihnen 311 polemisieren. Ich empfehle Ihnen di« Lektüre des ArttkelS von Dr. Franz Rosenzweig in dem Buber-Hest des „Juden": „Briefe eines Nichtzionisten an «inen Antizionisten." Dort nimmt «ine bedeutende jüdisch« Persönlichkeit zu den wichtigsten Problemen des Zionismus Stellung. Rosenzweig ist auf Grund seiner Kenntnisse zum Urteil legitimiert; Sie entweihen unser jüdisches Werk. Ueber Fragen, di« Sie nicht kennen, urteilen Sie; Respekt und Kenntnis sind eben die Voraussetzungen, die Ihnen fehlen. Di« Schwäche d«S jüdischen > Lebens liegt darin, daß die großen Wort«, mtt denen unsere jüdisch« Entwicklung verknüpft ist, di« im Leben großer Juden erfüllt wurden, für die Juden gestorben sind, den jüdischen Menschen unserer Tag« glatt vom Mund« Herunterrollen, als ob st« nichts wären. (Sehr richtig!) Meine Damen und Herren! Seit Jahren totrb der Kampf um die Solidarität aller Juden geführt. Dieser Kampf wird dadurch so schwer gemacht, daß Juden behaupten, sie hätten mit den Juden anderer Länder nichts zu tun und haben Juden in eigenen isolierten Gruppen (Zurufe: Was Sie sagen!) nur geschadet. Meine Damen und Herren, wir Juden können nur dann mtt Hoffnung auf Wttkung solidarisch austreten, wenn wir zu diesem Auftreten aktiv legttimiert sind. Diese Solidarität muß immer fühlbar sein und auch nach außen in die Erscheinung tteten, und man darf nicht solang« warten, bis jüdisch« Menschen ermordet werden. Aus der Solidaritätskundgebung von Fall zu Fall kommt nichts heraus. Seit Jahren machen wir den Versuch, den Juden dadurch — wollen Sie die ganz« Theorie hören? — (Rufe: Nein!). Sie soltten es, dann würden wir endlich aus den nur taktischen Unterhaltungen herauskommen, und Sie würden erkennen, daß es sich in unseren Debatten nicht um künstlich konstruierte Gegensätze handett, sondern um einen Prozeß, der sich in der jüdischen Welt mit Notwendigkeit vollzieht. Durch diesen Entwicklungsprozeß, der die verlorengegangenen internationalen Zusammenhänge der Juden neu schafft, entsteht, getragen von der ganzen Iudenheit und von den Sympathien der Welt, das neue Palästina. Dieses Werk garantiert die Einheit der Iudenheit, gibt uns die Legitimation, ständig für die Rechte und für di« Ehre der Juden in allen Ländern «inzutreten und in einem Abwehrkampf Protest« 311 erlassen, die Erfolg haben. Ich erkläre Ihnen, daß es mir schwer wird, mich Ihrem Protest gegen die an Juden in Rumänien begangenen Greueltaten anzuschließen (Zurufe: Das ist doch bezeichnend!), weil ich weiß, daß die Antragsteller nicht aktiv legitimiert sind. Ihr Protest wirkt auf mich ähnlich wie der leer« Schall heiliger Wort« im Munde des Anreligiösen. Es gibt Menschen, die von heiligen Dingen sprechen dürfen, die di« Worte „Heiliges Land", .Heilige Sprache", „Sabbath" so aussprechen, daß «in« tief« Wirkung von ihnen ausgeht; aber es gibt andere, die die gleichen Wort« brauchen — und ich möchte mich schütteln, wenn ich diese Worte aus ihrem Mund« höre. Man fühlt, daß nichts dahinter steckt. (Widerspruch.) Meine Damen und Herren! Versuchen Sie wenigstens einmal sich vorzustellen, daß wir hier, wo kein Beschluß diese Debatte beendet, die Auseinandersetzung über die wahre Idee des Judentums führen müssen. Wer das Judentum in der Abwehr verteidigen will, muß wissen, von welcher Grundlage er ausgeht. Jede Abwehrarbeit, die der Klarheit über das zu verteidigend« Objekt aus dem Wege geht, ist sinnlos. So viele Auffassungen vom Judentum und von jüdischer Zukunft, so viele Formen der Abwehrarbeit. Ich komm« zum Schluß. — Es ist unmöglich, daß Juden einzelne Zionisten und Unternehmungen, die wir Zionisten in Deutschland fördern, bei Nichtjuden und bei Behörden diskreditieren. Wir Zionisten haben niemals versucht, Nichtjuden gegen «ine uns feindliche jüdische Richtung zu beeinflussen. Es ist vorgekommen, daß Zionisten bei ihren Behörden, bei ihren Vorgesetzten schlecht gemacht worden find. Das ist unerlaubt. Ich glaub«, es sollt« auch von Ihnen mißbilligt werden. Es gibt für Sie keine Möglichkett, durch Beschlüsse oder durch Ihr Urteil dem Nationaljudentum sein Lebensrecht zu bestretten. (Sehr richtig!) Es ist nicht nötig, daß Sie sich dem jüdischen Volke zurechnen. Das ist Ihre Sache. (Zurufe. Lebhafte Unruhe.) Aus Antizionismus unterstützen Sie z.B. die Gesellschaft „Ort" und verkennen ganz, daß es sich dort um di« Erfüllung einer jüdisch-nationalen Aufgabe handett, um «in« Arbeit, die vom jüdischen Dolksgedanken getragen wird. Di« jüdischen Siedlungen in Rußland entspringen jüdisch-nationalem Wollen. Sie unterscheiden sich vom jüdisch-nationalen Heim in Palästina durch ihr« völlig andersartige kulturelle Färbung. In Palästina «ntwickett sich Judentum, entwickelt sich di« hebräisch« Sprach«. Dort hat vi« jüdische Religion eine Zukunft, aber-vielleicht wenden Sie sich gerade deshalb entschieden gegen Palästina und für die nackt nationalen russischen Siedlungen. In Rußland ist all daS, waS wtt unter jübifch-kuttureller Entwicklung verstehen, verboten. (Unruhe.) Ihr« Zwischenruf« geben mir leider nicht di« Möglichkett, di« Debatte mtt der notwendigen Ausführlichkeit fortzusetzen. Mtt bleibt keine Zett, um mtt Ihnen hier den grundsätzlichen Kamps auSzuttageu. (Zurufe, große Unruhe.) Meine Damen und Herren, Sie legen doch so viel Wert auf den guten Ton. (Neue Zuruf«, Unruhe.)

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