Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- 1 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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— 21 — Idnbcr tn de» Vorstand gelange», nämlich dt« Versagung der Genehmigung der Wahl »der di« Ausweisung an» dem Staatsgebiet. Es gibt eine ganze Reihe Ausländer in den Vorständen der Gemeinden. Di« Regierang hat also oft di« Genehmigung erteilt. Die Tendenz der Praxis der DerwaltungSbehärden geht dahin, die Gleichstellung der Ausländer anzuerkennen. Da» Gesetz von 1847 enthält «in Privilegium odiofum für die Anstellung ausländischer Rabbiner. Run wies der Minister d«S Innern im Dezember 1028 die Regierungen an, gegen di« Anstellung ausländischer Juden als Rabbiner Einwendungen nicht zu erheben, «S sei denn, daß prima vista «in besonderer Grund zur Beanstandung gegeben sei. Lin wichtiger Erlaß, wenn man bedenkt, daß wir seit vielen Jahrzehnten darauf Angewiesen sind, unser« Rabbiner auS dem Ausland zu holen, und nicht nur Rabbiner, sondern auch Z.B. jüdisch« Lehrer. Dieset Umstand veranlaßt« Herrn WaisenhauSdtrektor Peritz, in der bereits erwähnten Denkschrift einen Vorstoß gegen die ausländischen Religionslehrer zu machen. Dabei wandt« er sich nicht nur gegen die unqualifizierten, für die natürlich auch wir nicht «intreten, sondern generell gegen die ausländischen ReligionSlehrer. Wir müssen «S zurückweisen. wenn Herr Peritz dabei an gewiss« niedrig« Instinkt« appelliert. (Sehr richtig!) Ich brauch« nicht mehr zu betonen — daS ist bereits in 8cr schönen Red« des Herrn Rabbiner Dr. Levh geschehen —, daß daS jüdisch« Religionsgesetz zwischen Juden und Juden keinen Unterschied kennt, hall man unS entgegen, bei Erlaß eines Staatsgesetzes gehe uns daS Religionsgesetz nichtan, so scheint der preußische Minister des Innern anderer Ansicht gewesen zu sein, alS er zur Begründung feiqeS Erlasses vom Jahre 1019 auf das jüdisch« ReligionSgesetz verwies. Auch der haLerftädter Verband gibt in seinem Gesetzesvorschlag jedem Juden daS Recht der Wahl in den Vorstand und in die Gemeindevertretung, macht also keinen Unterschied zwischen Ost- und Westjuden. In dem Entwurf eines Gesetzes über di« Israelitische ReligtonSgesellschast in Frankfurt am Main ist ebenfalls der Inländer und Ausländer in der jüdischen Gemeind« völlig gleichberechtigt. Ich möchte aber auch betonen: Selbst wenn «S keine einzig« Gemeinde gäbe, bei der die Wahl «ineS Ausländers in den Vorstand praktisch in Frage käme, würden wir doch niemals zweierlei Recht tn der Gemetnd« dulden. ES ist schon soweit gekommen, daß man tn der jüdischen Gemeind« damit gedroht hat, man werde den Ostjuden di« Mittel der Wohlfahrtspflege entziehen, (hört, hört! Pfui! Unruh«. Ruf«: Stadt nennen!) Ich bin bereit, die Stadt zu nennen, möchte das aber nicht öffentlich in diesem Saale tun. Jeder kann dem zustimmen, was ich hier gefordert Hab«. Ich verlange damit von niemandem einen Gewissenszwang. Wir können von diesen Forderungen nicht abgehen, zumal wir wissen, daß der bei weftem größte Teil der Juden Preußens sie sich zu eigen macht, hören Sie sich im Land« um und lernen Sie die Befürchtungen kennen, die gerade di« kleinen und mittleren Gemeinden für den Fall hegen, daß die Beschlüsse d«S vorigen Jahre» Gesetz werden! Wir möchten endlich einmal mtt diesen organisatorischen Aufgaben zu End« kommen. Wir möchten endlich einmal in den Gemeinden für jeden di« Möglichkett schaffen» sich frei und ungehindert zu betätigen. Wir wollen die Tore der Gemeind« weit öffnen; wir wollen st« nicht verrammeln kaffen mtt Fußangeln, spanischen Rettern und Selbstschüssen. Wir wollen die Tore nur vor denen schließen, di« fahnenflüchtig werden, di« die Lasten abschütteln wollen, di« wir alle gemeinsam zu tragen haben. Das ist «S, wa» wir wollen: Die Einheit aller Gemeinden;, alle Gemeinden im Verband« der Gemeinden! — Die Gemeind«rinheit: Jeder Jude in seiner Gemeintde! — Die Gleichhett in der Gemeind«: Gleich« Recht« und Pflichten in der Gemeind«! — Di« Freiheit in der Gemeind«: Freiheit deS GewiffenS und der Betättgung für jeden Juden in der Gemeind«! (Lckhafte Bravorufe und Händeklatschen.) Präsident: Da wir im AettestenauSschuß beschlossen haben, daß von jeder Fraktion nur zwei Redner sprechen sollen, könnt« Herr Dr. Well nur gehört werden unter der Voraussetzung, daß in diesem Punkt« die Kontingentierung der Redner nicht durchbrochen wird, daß also ander« Frakttonen die Möglichkett, in gleicher Weise wettere Redner vorzuschicken, nicht beanspruchen. Wenn Sie damit -einverstanden sind, soll Herrn Dr. Well das Wort erteilt werden. (Widerspruch erfolgt nicht.) Abg.R.-A- Bruno Weil (lib.): Mein« Damen und Herren! Herr Ministerialrat Goslar hat in seiner ausgezeichneten und von mtt in sehr großen Teilen gebilligten Rede auSgeführt, daß di« Arbeit dttfeS Verbandes wie die Lättgkett diese» Verband«- überhaupt Rot leiden muß, wenn diejenigen Menschen und Juden, di« verschiedener polttischer oder sachlicher Meinung sind» dies« Meinung in unsachlicher Weise auSdrücken- Ich glaub«, an dies«.von ihm ausgesprochen« Meinung haben sich alle Redner diese» Haufe», mtt Ausnahme «ine» einzigen Herr», auch gehalten. Herr Wohda hat bereits in dankenswerter Weif«, wenngleich er zu meine» Bedauern nicht Mttglied deS Lenttal-DereinS ist, hier darauf hingewiesen, daß Lenttal-Dereinler sich, von der Volkspartei abgeschen, in diesem ganzen Haus« finden; und in der Tat haben all« nicht nationaljüdisch eingestellten Juden Deutschland», unabhängig davon, wie ste sonst zu den einzelnen Fragen de» religiösen Judentums stehen, btt Möglichkeit, sich in der Abwehr d«S AntisemttiSmuS^zusammenzufinden und sich hinsichtlich d«S angegriffenen Judentums ohne Rücksicht auf ihr« sonstig« Parteieinstelbang in gemeinsamer schwerer, treuer und ernster Arbeit zu verbinden. Der Lenttal-Derein hat, obwohl die Mehrzahl der deutschen Juden hinter ihm stcht, niemals behauptet und den Anspruch darauf gemacht, als die legitim« Vertretung aller deutschen Juden zu gellen, sondern er hat nur da» Ziel gehabt, als Abwehrverein zu gellen und diejenigen, die gesonnen waren, mit ihm gemeinsam den Kampf gegen den Antisemitismus zu führen, zusammenzuschließen. Sein« Mitgliederzahl stieg auch von Jahr zu Jahr. Di« Frage, ob der Lenttal-Derein über den Lharakter des Abwehrvereins hinaus unter dem Eindruck der gewandelten antisemitischen Bewegung «in Gesinnung-» verein geworden sei, wttd in den Kreisen deSLenttal-DereinS selbst lebhaft dttkuttert. St« wissen, daß in einem Referat unser Freund Holländer sich restlos für di« Allernativ« entschieden hat, daß btt Zeit d«S Lenttal-DereinS als Abwehrverein vorbei fei, und daß die Abwehr d«S AnttfemttiSmuS in Deutschland infolge seiner sozialen Einstellung und ethischen Struktur in der Form des AbwehrvereinS unmöglich sei, und daß infolgedessen der Lenttal-Derein die Form de» Gesinnungsvereins annehmen müsse. Der Lenttal-Derein hat auch niemals «in« bestimmt« politisch« Ansicht gehabt oder von seinen Mitgliedern gefordert, ebensowenig, wie dieses HauS sich darum schert» was di« einzelnen Mttglieder allgemein-politisch sagen» sobald sie dieses HauS verlassen haben, und wie sie den politischen, überhaupt den deutschen Fragen gegenüberstehen, wie sie sie betonen und verkünden. Ich glaub«, «S ist sehr gut so. Ich würde «S für ein Unglück Hallen, dem Vorschlag« von Herrn GoSlar zu folgen und dieses HauS oder «ine jüdisch« Organisation auf den Gedanken der Friedensbewegung oder d«S Achtstundentages oder auf irgendeine im Streit befindliche polttische Meinung festzulegen. Dies allemuß außerhalb der jüdischen Organisationen bleiben. Und in der Tat finden sich Dertteter fast aller polttische» Parteien in diesem Hause. ES kann auch nicht alS «in besonderes Glück für dtt deutsch« Iudenhett angesehen werden, wenn all« deutschen Juden, wie «in Redner wünscht«, pazifistisch und zionistisch organisiert wären. Ich glaub«, es wäre «in polittfcheS Unglück, wenn di« deutschen Juden sich nur für «ine polttische Partei entschließen würden. AlS überzeugter Demokrat Hab« ich nie daran gedacht, «S mögen alle Juden in meiner Partei verkörpert sein. Im Segenteil, «S ist «in polittfcheS Glück gewesen, daß insbesondere di« rheinländischen Juden den Zusammenhang mtt dem Zentrum nicht verloren haben. ES ist außerordentlich wünschenswert, daß in allen polttische» Parteien, die nicht anttsemittsch sind, Juden vertteten find. ES entspricht daS auch der Vielfältigkeit unserer politischen Gesinnung. Ich glaub«, wenn eines LageS der politisch-konservativ« Teil des deutschen .DolkeS aufhören würde, anttsemittsch zu sein, würde ein nicht unbettächtlicher Teil de» Hauses den Weg zu den konservativen polttische» Organisationen finden. DaS würde ich nicht übelnrhmen. (Zuruf: Deshalb sind Sie überzeugter Demokrat!) Eins hat der Lenttal-Derein versucht unter den deutschen Juden hervorzurufen: für daS polittsche Gebiet nämlich «ine Einheitsfront ju bilden gegen all daS, was anttsemittsch«» Gedankengängen zugänglich fft; allerding» nicht als alljüdisch« Front. Aber nicht von allen jüdischen Polttllern ist die Notwendigkett dieser Waffe gegen den AnttsemttiSmuS immer und L« allen Zeiten anerkannt worden. Wtt können unS noch sehr wohl der nicht lange zurückliegenden Jahr« erinnern, in denen dieser Kampf gegen den AnttsemttiSmuS als unbedeutend angesehen wurde. (Sehr richtig!) ES hat die hart« Erfahrung de» letzten ZahrzthntS dazu gehört, de» Teil dieses tzaufeS, der der Abwehr ablehnend oder gleichgüllig gegenübe^tand, zu einem anderen Standpunkt zu bekehren und klarzumachen, daß, sowett unsere und di« nächsten Generationen in Bettacht kommen, es notwendig sein wird, schon au» der reine» Ilnmöglichkett der Aeberführung der großen Mchrhett der deutsche» Juden in ein andere» Land, sich für den Kampf auf noch sehr lang« Zett einzurichten. Der Lenttal-Derein hat sich auch mtt wirtschaftliche» Dingen beschäftigt; ich glaub«, er hat hier mtt in Dorpostenlinie gestanden. Deshalb braucht er auch kein« Anerkennung au» unserer Mitte, wenn auf der Haupttagung de» Lenttal-Verein» «in bedeutender Volkswirt schaftler «inen Dortrag über die jüdische», wirtschaftlichen Belange ta Deutschland gehalten hat.