Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-02-15 · 1 (15.2.1929) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
1 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3980048-10021618-10021586--370-3980378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

di« Gemeind« Köln, die heute kein« liberal« Mehrheit hat, über 35000 RM dem Verband« schuldet, so ist daS «in Zustai^, der meines Erachtens des Preußischen Landesverbandes und der Kölner Gemeinde unwürdig ist. (Sehr richtig.) Wenn auch andere Groß-Gemeinden wie Breslau und Frankfurt sich durch Nichtbezahlung ihrer Beiträge auszeichnen, so sind daS Zustände, di« meiner Ansicht nach vom Verband unbedingt abgeändert werden müssen.. Ich würde es begrüßen, wenn statt all der Reden, di« hier gehalten werden, alle Parteien darauf achten würden, daß auf diesem Gebiet endlich einmal Wandel geschaffen wird; dann werden wir auch in noch stärkerem Maße als bisher sachlich« Arbeit durch Unterstützung leistung-schwacher Gemeinden zustandebringen können. Ein zweiter Aufgabenkreis d«S Landesverband«- ist di« Betonung und Vertretung des Willender preußifche« Iudenheit gegenüber den Staatsbehörden. Ich bedaure, daß die Frage des Iudengesehes uns immer wieder beschäftigen muß, daß unser« Beratungen noch keine Auswirkung an den zuständigen Staat-stellen gefunden haben. Es muß versucht werden, di« Schaffung eines neuen Gesetzes für die jüdischen Reliiionsgemeinden mit etwamehr Beschleunigung zur Erledigung zu bringen. Wenn Herr Goslar in diesem Zusammenhang gesagt hat, daß auch bei den Liberalen Männer vorhanden sind, die den Linksparteien dedeutschen politischen Lebens angehören, und wenn er an dies« appellierte, sie mö^en bei der Beratung des Iudengesetzes ihre allqemein-volitifche Einstellung nicht außer acht lasten, so möchte ich doch dies« Aufforderung zurückqcben. Es sind doch z. B. bei der DolkSpartei Männer vorhanden, die im allgemeinen politischen Leben für di« Trennung von Kirche und Staat eintreten. Hier aber im jüdisch, poli'i'chen Leben fordern sie den „Zwangsverband", den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden durch staatliche Vorschrift. Hier können sie den Stab gar nicht genug in Anspruch nehmen für die Organisation der jüdischen Gemeinden. (Sehr richtig!) Die Herren, die ihre poli'i'che Linkseinstellung hier so gern betonen, sie sollten sich einmal selbst prüfen, ob sie nicht in der allgemeinen Politik in der Schulftag« eine ganz andere Stellung «innehmen als im jüdi'chen Le"'««. (Sehr richtig!) Lasten Sie mich dann noch mit einem Wort auf das einqehen, was »ur Frage deS Reichsverbandes gesagt worden ist. Da wurde die Austastung vertreten, er solle sich nicht auf rein religiös« Gebiete beschränken. Nun gewiß, wenn man daS Gebiet des religiösen Lebens so eng faßt, wie das hier von einigen Rednern getan wurde, wenn man beispielsweise d'« sozialen Aufgaben nicht zu den rein relisig'en rechnen will, so gebe ich ohne weiteres zu. daß daS richtig ist. Ich glaub« allerdings, daß alle Aufgaben, die in das Tätigkeitsfeld des Reichsverbandes fallen, nur . Früchte am Baume der jüdi'chen Religion darstellen. Die Herren von der negativen Kritik sollten einmal vositive Vorschläge machen. Wir würden gern sehen, in welcher Weise sie den Aulgabenkreis des ReichsverbandeS be» mesten haben möchten. Der Reichsverband in Form einer losen Arbeitsgemeinschaft entspricht sicher nicht den Wünschen irgendeiner Richtung die'es Hauses. Ueberall nimmt man meiner Ueber» zeugung nach diese Arbeitsgemeinschaft nur als «in« Abschlagszahlung hin. Es ist aber ganz gewiß bester, «in« Abschlagszahlung zu erhalten. als fortgesetzt ein« unbeglichene Rechnung zu präsentieren. Was hat es für einen Sinn, in einem Atemzug immer wieder einerseits den Reichsverband mit größter Dringlichkeit zu fordern und andererseits Bedingungen aufzustellen, die von den jüdischen- Landesverbänden Süddeut'ch'a-dS beretts mehrfach abqelebnt worden sind? ES gibt keinen Reichsverband ohne Preußen, das stt hier mit vollem Recht betont worden, aber es gibt ebenso wenig, waS häufig veroesten wird, auch keinen Reichsverband ohne di« süddeutschen Landesverbände. Wenn man die tatsächlichen Berbältnist« berück, sichtiqt, wenn man gewillt stt, das Erreichbar« lieber zu nchmen als gar nichts, dann wird es nach meiner Ansicht baw zu einer Einigung kommen können. Don dem ersten Redner meiner Fraktion, Herrn Dr. Baerwald, sind eine Anzahl Ausstellungen an der Arbeit d«S Rategemacht worden. Ich glaube, daß diese Beanstandungen allseits ernster Beachtung tr«rt wä-en. ES stt nur nösiq. stch einmal di« Protokoll« frühe'er DerbavdS'ag« du'chmle'en. um fest'ustellen. daß di« Wünsch«, die wir hier in Form v»n Be'chlüsten ausgesprochen haben, bisher immer noch nicht di« genügend« Berücksich'immg beim Rat gefunden haben. Wenn beisvielsweif« vor einem Jahr beschlosten worden ist. den Rat zu ersuchen, der nächsten Tagung «in DerbandSqesetz über die Einrichtung von Wahy>rüfllNgS"«'stcht«n vorzulegen, so müßt« ein« Frist von einem Jahr wohl auLreichen, um die Erfüllung dieser Forderung ZU ermöglichen. Oder: wenn vom Verbandstag vor einem Jahr« di« Forderung nach einer Gesamtrevision der Erfassung des Landesverbandes beschlossen wnrde, barm hätte doch für den Rat des Landesverbandes und insbesondere für den unter Vorsitz von Herrn Dr. Freund stehenden Rechtsausschuß di« Möglichkeit vorhanden sein müsten, dies« Gesamtreviston in der Zwischenzeit auszuarbeiten. Mein« Freund« bedauern es außerordentlich, daß man dem heuttgen DerbandStag« statt der Gesamtrevision au-gerechnet in der Frag« des vierten Dizeprästdenten im Rat ein« Vorlage unterbreitet. Mein« Damen und Herren! Wir wisten doch alle, daß die Schaffung dieser bisher wohl kaum vermißten Stell« einevierten RatS» vtzeprästdenten einen Teil eines Abkommenbildet, das wir mit einem lachenden Auge betrachten wegen der dadurch abgewandten Gefahr; aber auch mit einem sehr weinenden Auge wegen de- W«»«S, der dabei gegangen wurde. Don der Liberalen Fraktton ist bereits vor längerer Z«it bi« Schaffung einer Beamtenordnung beantragt worden, «in entsprechender Entwurf stt von einem Mitglied der Liberalen Fraktion auSgearbeitet und dem Rat unterbrestet worden. Da stt «S außerordentlich bedauerlich, fessttellen zu müsten, daß bisher ein« RatSvorkaq« auf diesem Gebiet noch nicht zur Verabschiedung an den DerbandStag gelangt ist. Mein« Freund« glauben, daß mit dieser Zeitlupenarbeit endlich einmal Schluß gemacht werden sollt«. ES muß etwamehr Temvo in der Arbeit des Ra^eS fein. Dann werden wir auch sicherlich hier soviel sachlichen BeratunqSstoff haben, daß niemand mehr darauf verfälft, sich hier den Kopf darüber zu zerbrechen, ob Zionismus und Lenträl- Derein weiter wie bisher wirken sollen oder nicht, ob der Lentral- Derein ein GestnnungSverein bleiben soll oder nicht. Ich darf wohl nun »roch ganz kürz zwei Punkt« berühren, zu denen mein« Fraktton positive Anträge gestellt bat. Für di« Zukunft de« deut'chen Judentums ist die Frag« der BerukSumschichtung eineder bedeutsamsten Problem«. Sie wisten, daß auf diesem Gebiet Bestrebungen des Reichsbundes jüdi'cher Frontsoldaten im Gang« sind, die allerdings bisher leider noch nicht zu genügenden Erfolgen in der Prarigeführt haben. Wir glauben, daß bier der Landesverband die ehrenvoll« Aufgabe zu erfüllen hat, di« vorhandenen Beftrebunaen zu unterstützen. Wir haben daher den Antrag gestellt, für die S'edlunq-gktton einen Betrag in den L'at einzustellen und dem R«ichs*mnd jüdi'cher F-o-tsoldoten 10000 RM zu bewilligen. Wir haben ferner im Haushaltsaus'chuß den Antrag gestellt, daß auch die Israelitisch« Gartenbaüschule in Ah'em bei Bewilligungen des Landesverbandes Berücksichtigung finde. (Bravorufe.) Von kon'erva'iner Ssit« sind zahlreich« Wünsch« bezüglich der Gestaltung des Etats hier im Plenum vorqebracht worden. Ich glaub«, ich spreche im Namen aller meiner Freund«, wenn ich beton«, daß wir 6«n vor-ebrachten Anträgen, in dem Bestreben, di« Arbeit jeder religiösen Richsimq zu unterstützen, ihmvatbisch aegenüberstehen. Die Anträge werden im einzelnen natürlich noch im Hau-baltS» aus'chuß zu prüfen fein, denn eS gebt natürlich nicht an, daß wir im Plenum Ausgaben bewilligen, für die zunächst «ine Deckung nicht vorhanden ist. - Meine Damen und Herren! Herr Goslar hat seine Aussiibrungen mit der Bemerkung ge'chlossen, es fei notwendig, daß daS Judentum wieder zu allen Problemen der Gegenwart Stellung nehme. Ich freue mich, ihm in diesem Punkte restlos zustimmen zu können; handett es sich doch um eine Forderung, die ich selbst wiederholl erhoben Hab«. Ich begrüße in diesem Zusammenhang,, daß der allgemeine Rabbinerverband von Deut'ch'and zum Thema seiner diesjährigen Generalversammlung .Forderungen des Judentumfür di« Gestaltung des Lebens" bestimmt hat. Ich hoff«, daß die'« Tagung einen Anfang auf dem «inzu'ch'a^enden Weg« bedeutet. Der iüdifchreligiö'e Liberalismus hat «S stets alS feine vornehmst« Aufgabe betrachtet, Lehr« und Leben in Einklang zu bringen. Das Judentum darf und soll nicht schweigen. Es stt für mich tief bedauerlich ge» we'en, daß beispielsweise zur Frag« der Abgeltung der Iudenschutz» reuten nur ganz wenige jüdisch« Ssimmen sich erhoben haben, di« den unwürdigen Zustand, der in deren Anerkennung siegt, kennzeichneten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch au daS Reichsichuloesetz. Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenarbeiten ist freilich gegenftittg« Achtung der Ueberzeugung; die erst erm-gsicht die Pmisirng der Frage, ob, bzw. inwieweit «in sachliches oemeinßrmeS Arbeiten auf dem Einzelgebiet überhaupt möglich ist. Verlangen Sie von unkein Aufqeben unserer Ueberzeugung, ebensowenig wie wir von Ihnen derartig^ fordern. Wenn in der letzten Nummer der Iungzionisti'chen Blätter, der Iuqendbeilaq« der Jüdi'chen Rundschau, von dem Mangel an nattonaler Substanz gesprochen wird, von dem „Ekel" vor dem ewigen Nicht-selbst-seinkönnen, vor dem ewigen Anderen, mit dem unS unser „natürliches Leben biS zum Ueberdruß anfüllt". fo wisten wir, daß es sich hier um ein ehrliches und überzeugte- Wort Handeft. Und wir wünschen nur, daß «an ebenso bi« Ehrlichkeit der Ueberzeugung derer anerkennt, denen Judentum Resigion ist, die in ihrem Vaterland so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.