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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-02-15 · 1 (15.2.1929) · p. Seite 12

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
1 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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— 12 — Gleich bedeutungsvoll ist für unS die religiös« und di« sozial« Tätigkeit. Ach brauche nicht zu betonen: Jeder, der eineder Bücher Mol«S auffchläqt, weiß, daß für den wahrhaft gläubigen Juden di« Arbeit im Sinn« der Sozialgesetzgebung, di« wabre sozial auSgleichende Gerechtigkeit, von ganz derselben Bedeutung ist, wie die Erfüllung der einzelnen das Leben des Einzelnen regelnden Gesetz«. di« auf nichts anderes binausqehen, als auf «ine Heiligung und Läuterung des einzelnen Menschen im Interesse der Gesamtheit. Di« religiösen Interessen, so -wurde uns bei der Gründung des BerbandeS und auf den früheren Tagungen gesagt, bestehen nun vornehmlich darin, daß unser« kleinen Gemeinden draußen im Land«, die isoliert wohnenden Juden das Gefühl des Schutzes durch die Allgemeinheit und die Sicherheit haben sollen, daß sie die Möglichkeit eines geregelten Unterrichts und einer geregelten rabbinischen Belehrung haben. Mein« Damen und Herren? Im Jahre 1925 wurde uns als eine Anlage zu den Beratungsqegenständen des Derbandstaqes «ine List« voraelegt, die 81 Rabbinerbezirke verzeichnet,- in einer Einteilung, die, wie man gestehen muß, weniger di« örtlichen Notwendigkeiten. als allgemein das Bild der Landkarte berücksichtigt«, waren da-Sitz des Rabbiners und Umfang der 81 zu gründenden Bezirksrabbinate festgeleqt. Was ist aus dieser Liste und den als wesentlich bezeichneten Fragen der Gründung der Bezirksrabbinate und der BerirkSlehrerschaften geworden? Wir treten hier zum vierten und letzten Male in dieser Zusammensetzung des Derbandstages zusammen. und keines der Bezirksrabbinate, die mit 81 verzeichnet waren, ist bis heute ins Leben getreten. Das ist «in kläglicher Mißerfolg. Unser« Kritik richtet sich nicht gegen den jetzigen Referenten im Rat, der mit der Regelung und Fortführung dieser Angelegenheit betraut war, richtet stch auch nicht gegen die Kommission di« dieser Frage ihre Aufmerksamkeit zuwenden sollte, sie richtet sich gegen den gesamten Rat. Gerade die Gründung der Bezirksrabbinate war einer der Umstände, aus denen man die Notwendigkeit der Errichtung des Landesverbandes mit Recht forderte, und nun, nachdem der Landesverband vier Jahre marschiert, sind wir in dieser wesentlichen Frage noch keinen Schritt weitergekommen. Früher ist gesagt worden, daß -der Andrang zu diesen Posten «in sehr geringer war. Die Nachkriegszeit hat darin aber doch jetzt manches gutoemacht. Es ist kein Zweifel, daß mit den Mitteln, di« unS zur Verfügung stehen, die Möglichkeit bestand, längst etwas auf diesem Gebiete zu tun. Wir müssen hier dringend bitten, daß der Rat sein« Verpflichtungen in diesem Hauptpunkte der Arbeit des Landesverbandes endlich mit mehr Ernst erkennt und in die Hand nimmt. Mit Bedauern haben wir davon Kenntnis genommen, daß der Kommission, di« sich mit der Bildung und Besetzung der Bezirksrabbinate zu beschäftigen hat, überhaupt kein Mann unserer Richtung anoehört hat; das soll in den letzten Sitzungen des Rates geändert worden sein. Wir legen aber außerordentlichen Wert darauf, daß in dieser Kommission auch Rabbiner unserer Richtung vertreten sind, damit der Rabbiner, der ja allein die nötige Fühlung mit allen in Betracht kommenden Kandidaten für solch« Posten hat, mit dem Gewicht seiner Stimme zu Wort kommt. Wir hoffen, daß dies« Frag« nun ernst in die Hand genommen wird. Wir haben deshalb als einen der wichtigsten Anträge auf die Tagesordnung der heutigen Tagung sehen lassen, daß endlich beschleunigt die BezirkSrabbinat« und auch mehr Bezirkslehrerlchasten eingerichtet werden. Wir hoffen, daß dieser unser Wunsch von allen Parteien des Hauses geteilt wird. (Vielseitiges Jawohl.) Auf religiösem Gebiet liegt auch die Frage, ob unser Verband bei de«- Regierung einem Sachverständigen hat, der unserer Richtung anqehört. Die neuen Bemühungen scheinen dahin geführt zu haben, baß man stch auf einen rabbinischen Vertreter unseres Verbandes als Sachverständigen der Regierung gegenüber geeinigt hat. Mein« Damen und Herren? Unser« Verehrung für den in Betracht kommenden Herren ist außerordentlich groß. Wir betrachten es aber als einen grundlegenden und schwerwiegenden Fehler, der sich rächen wird, wenn nicht auch «in Sachverständiger bei der Regierung vorhanden ist, der von seiten des Preußischen Landesverbandes das gesetzeStreue Judentum vertritt. (Sehr richtig?) Heute ist es so, daß, wenn von dem Minffterium gefragt wird, wer kommt für den tzalberstädter Verband — das sind di« gesetzestreuen —? Da kommt Rabbiner Dr. Zk. Wer kommt für den Preußischen Landesverband — baS ist der liberal« Verband —? Für diesen kommt Rabbiner P. Dies« Kennzeichnung, mein« Damen und Herren, und ihr« Folgen wird der Verband zu seinem Schaden selbst zu spüren bekommen, wenn Sie nicht dafür sorgen, daß auch ein gesetzestreuer Sachverständiger oder Rabbiner auch unseren Verband vertritt. Ich bin Herrn Kollegen Goslar außerordentlich dankbar dafür, daß er die Sabbathfrag« hier zur Sprach« gebracht hat. Ich werde auf dies« Frag« noch einmal dann zurückkommen, wenn wir über di« sozial« Tätigkeit drS BerbandeS sprechen. Denn ich bi» der Ansicht, daß die Sabbathfrag«. die der Herr Kollege in unübertrefflicher Weis« darqestellt hat, nicht nur «in religiöses, sondern auch «in soziale« Postulat ist. Mein« Damen und Herren? Wenn wir auf nicht« stolz sein können bei der Gestaltung unserer jüdischen Gemeinschaft, so wie sie sich entwickelt hat, so können wir doch stolz darauf sein, daß die Menschheit «ine Reihe großer jüdischer sozialer Forderungen von uns anzunehmen im Begriff ist. Es ist mir neulich in einer jüdischen Versammlung begegnet, daß man gegenüber .der Forderung nach dem Maasser, der Erfüllung t>«S „Zehnten", gesagt hat: Warum sollen wir alte Gebote, die heute allgemein nicht inneqehalten werden, lebendig halten, warum sollen wir das eigentlich machen? Warten Sie nicht, bis die anderen diese Forderung ausgenommen haben und unser heiliges Erbgut als ihre Tat in di« Well chinaustraaeni Sorgen Sie dafür, daß die Möglichkeit besteht, daß wir die großen sozialen Gedanken, di« wir der Menschheit gegeben haben, auch selbst vorbildlich verwirklichen. (Lebhaftes Händeklatschen.) Die Sonntagsruhe, so wie sie sich entwickelt hat, ist ein Schemen gegenüber der Sabbathruhe. Aber sie hat den in schwerer Froher« arbeitenden Menschen überhaupt erst «inen Lebenswert gegeben Erinnern Sie sich, meine Damen und Herren, an die Tage. wo^Sie alle iung waren; wie sah da der Sonntag in vielen Landstädten aus? Wie keuchte auch am Sonntag der Arbeiter in mancher Stadt seiner Arbeit nach und rang sich wenige Stunden ab, in denen er mit seinen Lieben zusammen sein konnte. (Sehr richtig?) Heute hat die Sabbathidee ihren Siegeszuq angetreten durch alle Völler. Wir müssen aber dafür sorgen, daß der wahr« Sabbath kommt, der nicht anders gefeiert werden kann, als in seiner Strenge unter Absonderung und Fernhaltunq von icbcr Werk» tätiqkeit, daß der Sabbath in unserer Fasson seine Derwirllichung findet, daß wir ihn in Massen hoch und heilig halten, damit neben dem Segen, den er beglückend gibt, in ihm auch der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit Ausdruck findet, und ein Tag der Heiligkeit, der Arbeitsferne, der Verneinung des Materialismus unser Anteil bleibt. (Lebhaftes Händeklatschen.) Da ist es nötig, meine Damen und Herren, daß wir etwas tun für diejenigen, die den Sabbath heiligen, in dem Sinne, wie es auch Herr Kolleg« GoSlar gefordert hat. Sind es nicht viele auch in Ihren Reihen und in den Reihen der Indifferenten, die noch an den Segen zurückdenken voller Glück und Freude, den sie allwöchentlich genosftn. wenn sie in die Stille der Sabbaihstuben kamen? Sorgen Sie dakür, daß wieder Menschen und Geschlechter kommen, die den Sabbathseqen empfinden und an künftige Geschlechter weiterreichen. Wir haben deshalb beantragt, daß in den Etat eine Position ausgenommen werde: „Wirtschaftliche Erleichterung der Sabbatbheiliqunq", und daß für dies« Position ein Betrag von 6000 RM eingesetzt wird; «in kleiner Betrag, mit dem nicht viel zu erreichen ist, der aber wenigstens das in uns allen lebende Streben zeigt, auf diesem Gebiet und in solcher Arbeit fortzuschreiten. 'Ich hoff« daher, daß dieser Antrag von allen Fraktionen des Haukes befürwortet wird. — Dankbar erkenne ich die Arbeit des Verbandes auf dem Gebiet« der Arbeits-Schutzqesehgebung an, und ich hoffe, daß die Bemühungen für di« Betrieb«, die den Sabbath geschlossen halten, ob sie nun gemeindlich«, Wohlfahrts- oder auch private Betriebe sind, Erleichterungen in der strengen Sonntagsruhe zu erreichen, zu einem dauernden Erfolg führen, wie er in anderen Staaten bereits erreicht worden ist. Auf einem ähnlichen Gebiet liegt die Frage der Verbilligung von rituellen Lebensmitteln und Ritualien. In dem HaushaltSauS- ' schuß hat man die Bewilligung für den Hamburger Verein etwaS eingeschränkt. Es ist mir von seiten — hier muß ich meine Freud« bekennen — eines Führers des Eentralvereins gesagt worden, daß für die Verbilligung und Förderung des rituellen Lebens auch tn den Kreisen der Konservativen selbst viel mehr getan werden müßte, indem den Kosten nach wirllich erschwingbar« Sveiseoelegenheiten für jeden Gebrauch geschaffen werden. Aber vergessen Sie nicht, es kann auf diesem Wege nur etwas geschehen, wenn all« Zusammenarbeiten. Denken Sie an die Universitätsstädte, wo unserer studierenden Jugend nicht bloß auS religiösen Gründen der Aufenthalt in zahlreichen Gaststätten verwehrt fft. Sorgen Sie dort in Form der mensa academica dafür, daß die Möglichkeit der Verbilligung des rituellen Lebens geschaffen wird. Dazu muß di« Position — und daS ist «in weiterer Antrag zum Etat — für den Verein zur Förderung von rituellen Sveilehäufern, überhaupt für di« Verbilligung der rituellen Lebensführung, erhöht werden und kann natürlich nicht noch eingeschränkt werden. In einem besonderen Antrag, der Ihnen gedruckt vorliegt, haben wir auf di« besondere Notwendigkeit von Maßnahmen wegen der Verbilligung von Rituallen hinqewiesen. ES kann nicht so bleiben, daß hier der privaten Preisgestaltung alleS überlassen wird; wo öffentlich« und allgemein« Interessen eine Roll« spielen, muß «S möglich fest», «ine Preisgestaltung

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