Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- 1 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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— 10 — dadurch nicht di« Möglichkeit, sich ganz aktiv für jüdisch« Interessen einzusttze». Wir deutschen Juden stellen zwar in der deutschen Kunst und Wissenschaft zahlreich« namhaft« Vertreter, aber unser Einfluß auf die modern« geistige Entwicklung, ausgehend etwa von den Quellen jüdischen Wisstns und Geistes, ist außerordentlich gering. Das ist umso bedenklicher, als auf der anderen Seit« «ine zielbewußt«, z.B. katholisch« Wellanschauungspropaganda erfolgt, und wir dem aus Mangel an geistiger Einigkeit nichts gleich Aktives entgegensetzen können. Es ist «in« ganz« Reih« Intellektueller vorhanden, die der katholischen Propaganda erlegen sind. Wir haben aber nicht gesehen, daß man mit größeren Mitteln versucht hat, mit einer Gegenwirkung einzusetzen. Was wir brauchten — lachen Sie nicht über den Namen, er ist vielleicht abgeplattet —, das ist zunächst einmal «in« Art „Innere Mission" für unsere eigenen, dem Judentum entfremdeten, jüdischen Menschen selbst, um chnen den Begriff des Judentums einmal klarzumachen. Und dann «in« Art „Aeußerer Mission", um die Grundlagen des Judentums auch der deutschen Umwelt näherzubringen. (Sehr richtig!) Wir brauchen etwa nicht nur eine Abwehr. Eine Abwehr-, ein« Defensivstellung ist nur nötig, um sich gut zu behaupten. Wir aber wollen weit mehr.-Was wir brauchen, ist eine großzügige und würdig« Derttetung des legitimen Judentums vor unserer gesamten geistigen Umwelt, vor allen Dingen «ine Stellungnahme zu allen großen Problemen der Gegenwart. Das Judentum ist so reich an geistigen Schätzen, daß, wenn wir grundlegend zu allem Stellung nehmen, was heute all« Menschen bewegt, es uns gelingen muß, voranzukommen. Wir vermissen, daß sich kein großer Kämpfer findet, der mit Aktivität die jüdische Weltanschauung vertreten kann. Wo bleibt die einmütige Stellungnahme des jüdischen Geistes beispielsweise zu Problemen, wie sie di« große Friedensbewegung darstellt. (Bravorufe.) Beispielsweise auch zu den großen sozialen Prob! e m e n, bis herunter zum 8-Stundentag des Arbeiters. Wo bleiben wir mit unserer Stellungnahme zu den Fragen der neuen Sittlichkeit, des Ehrbegriffs, mit dem die Jugend kämpft, und in denen unsere Jugend viel zu wenig Unterstützung aus unseren eigenen Reihen erfährt? Sehen Sie sich an, wie z.B. Kaplan Fahsel auftritt als Vertreter der kacholischen Kirche, wie er versucht, unter dem Deckmantel der Wissenschaft letzten Endes für di« katholi,che Weltanschauung zu wirken. Wenn aber einmal so in jüdischer Weise gehandelt werden sollte, dann würden bestimmt die anderen Gruppen auftreten und sagen: „du bist nicht berechtigt, im Namen des Judentums über jüdisch« Dinge zu sprechen, wohl aber wir!" Diese unselige Zersplitterung ist es, die uns hindert, überall wirklichen jüdischen Geist in Deutschland zu vertreten und uns dadurch mehr Respekt zu erobern, als mll dem ewigen Beteuern unserer bis zum Ueberdruß betonten „tteudeutschen Gesinnung". Was ist nicht alles geschehen für di« Schulung des jüdischen Geistes und die Entfachung einer großen jüdischen Dollsschulbewegung. All« Ansätze aber sind «ingeschlasen, weil sie nirgends von den Gemeinden und Verbänden die Unterstützung gefunden haben, di« notwendig ist, um aus ein paar Ansätzen «ine Bewegung entstehen zu lassen, durch die di« Massen der Juden lernen, ihren jüdischen Geist allen Anfeindungen entgegenstellen zu können. Lin jüdischer Mensch bei uns braucht die Möglichkeit, zuerst jüdisch zu lernen, um sich dann selbst wehren zu können. Daher nicht nur „Abwehr", sondern zunächst einmal Schulung, mll der man jüdisch« Dollmenschen und Charaktere erzieht und in di« Menschen alles hineinfiltriert, was wir an Schätzen jüdischen Geistes besitzen. Wll sollten, meine Damen und Herren, auch alles in den Dienst dieser Bewegung stellen, was heute die moderne Technik an Möglichkellen bietet. Wll stillen nicht zurückschrecken vor dem Rundfunk, und auch sonstige Möglichkeiten ergreifen, um nicht nur zu den Juden, sondern auch zu nichtjüdischen Menschen zu sprechen, ihnen zu beweisen, wes Geistes unser« uns über alles teure Dätergemeinschaft in Wirklichkeit ist. Meine Damen und Herren! Diese ganz« Debatte bringt mich auf das leidige Kapllel der Auseinandersetzung mll dem Hauptverband«, dessen Namen ich vorhin am Eingang« meiner Red« nennen mußt«. Man fragt sich immer wieder, wenn man di« letzten Debatten des Central-Dereins-Tages liest: ist denn wirklich der Lenllal-Derein und das deutsche Judentum so unpatriotisch, daß es immer wieder notwendig ist, es durch Leitsätze und dergleichen zu „unbeirrbarer deutscher Gesinnung" zu erziehen? Stellen wll uns nicht s«ll»st durch diese Betonung «in Armutszeugnis aus? Beweis«» wir nicht dadurch erst, daß wll heut« «och nicht vollgüllig« Deutsche sind? Ich versteh« weder di« Gesinnung, aus der diese Anträge hervorgehen, noch die Politik, die es fertig bringt, Juden, dll anders denken als der Lenllal-Derein, als schlechter« Deutsch« zu verdächtigen. (Unruhe, Zuruf.) ES wäre reizvoll, fich die Debatte zu wiederhole», di« auf der Der«inStagung.... (Unruhe, Ruf«: WaS hat das eigentlich mit dem Etat zu tun?!) DaS hat, wie ich eingangs sagte» sehr viel mll dem Etat zu tun, denn wll glauben, daß wll Weller kein« Möglichkett haben, unS über Ding«, dll das deutsche Judentum bewegen, öffentlich zu unterhalte», und daß dlls« Ding« wichtiger sind, als dll Attacken gegen Herrn Dr. Freund. (Lebhafte Unruh«. Ruf: Wll sind doch nicht hllrher» gekommen, um...! Ruf«: Fortfcchren! Rufe: Sehr richttgl) Wll verstehen, meine Damen und Herren, insbesondere dll Polllik eines Vereins nicht, der Tag für Tag immer wieder betont,... (Erneute lebhafte Unruh«, Durcheinanderruf«.) Meine Damen und Herren! Der Lenllal-Derein bringt es ferttg, immer wieder und wieder in der nichtjüdischen Umwell für dll Juden Gleichberechtigung zu fordern, er bringt es aber ferttg, seinen eigenen jüdischen Bürgerin dies« Gllichberechtigung zu verweigern! Wir glauben, daß der Lenllal- Derein dafür keinen jüdischen Grund aufbringen kann, wenigstens keinen Grund, basierend auf jüdischer Moral. — (Zuruf: Wo der Fuchs den Enten predigt!) Herr Dr. Weil! Seien Sie nicht so unvorsichtig, den Namen Fuchs zu nennen! Wenn der hochverehrt« Lugen Fuchs noch lebt«, würde dll heutige unjüdisch« Einstellung des Lentral-Dereins, die ich gegeißelt habe, zweifellos nicht di« Oberhand erlangt haben! (Sehr ricAig!) (Lebhafte Unruhe. Durcheinanderrufe.) Der Präsident: Die Zwischenruf« möchte ich von den 30 Minuten Redezeit abrechnen. (Widerspruch.) Gerade angesichts der Tätigkeit des Lenllal-Dereins, auf di« ich leider wegen Mangel an Zeit nicht so ausführlich zu sprechen kommen kann, wll mein« Freund« es für nötig hallen... (Erneute Unruhe. Ruf«: Gott sei Dank! Gegenkundgebungen.) Mein« Damen und Herren! Wir begrüßen von dieser Stell« aus aufs Wärmste dieLätigkett des Pro-Palästinakomitees. Wir stellen noch einmal fest, daß für keinen noch so lleuen Deutschen irgendein Hindernis besteht, sich an dieser Palästinaarbeit zu beteiligen. Hervorragend« Nichtjuden, wie z.B. Preußens feinsinniger Kultusminister Becker, sagen, daß wir selbst uns und unser« eigene Geschichte ehren, wenn wll an der Palästinafrag« positiv Mitarbeiten. Und es ist unerhört, daß sich im Lenllal- Derein Leute finden, di« behaupten, Männer wie Braun und Becker seien in das Palästina-Komllee eingelleten, well sie nicht wissen, um was es sich handle. Sie müßten erst vom Lenllal- Derein aufgeklärt werden, daß sie von den Zionisten übertölpell worden seien. (Dielfach« Sehr-richtig-Rufe.) Ich glaub«, daß aus dieser Auffassung «in geistiger Hochmut spricht, zu dem der Erfolg des Lenllal-Dereins chn wahrlich in keiner Weist berechtigt! Eine sehr wichttg« Frage will ich noch kurz behandeln. Wll sehen mll ernster Sorge dll Veränderungen an, dll sich in den letzten Jahrzehnten im Wirtschaftsleben der deutschen Juden vollzogen haben. Wll haben schon betont, wll die zunehmend« D«r - gesellschaftung der Wirtschaft «in« Zurückdrängung des jüdischen Anteils zur Folg« hat. Mein« Damen und Herren! Wll haben in der Reprästntamtenversammlung der Jüdischen Gemeind« Berlin eingehend über dlls« Ding« gesprochen, und wll haben die Jüdisch« Gemeind« gebeten, eine Wirtschaftskonferenz der deutschen Inden in Gemeinsamkeit mit andere» Verbänden «inzuberufen. Schließlich haben wir gefordert, daß dies« Wirtschaftskonferenz «in« Wirt» schaftszentrale bilden sollt«, di« bet dauernder Beobachtung des Arbeitsmarktes Ratschläge für di« Berufsumschichtung geben soll. Es wlld notwendig sein, hier noch einmal an die Dertt^tet des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde den Appell zu richten, daß sie dlls« Idee bald in dll Wirklichkett umsetzen. Nur ei» intenfives Zusammenarbeiten aller jüdischen Organisationen kann einen Erfolg haben. Di« Gegenarbeit, dll wll gegen den wirtschaftlichen Antisemitismus entfallen müsst», ist auch deshalb st notwendig, well es sich auch darum handelt, gerade d i« Kreist de» deutschen Judentums zu schützen, dll lleu am Sabbath Hallen. Insbestndere di« jüdischen Angestellten in Deutschland befinden sich da in einer schwierigen Lage; st« müsst» mehr und mehr wie di« übrige» nichtjüdischen Arbeitskollegen am Sabbath arbeiten. Di« seelische Rot derjenigen Mensche», dll sich fragen, soll ich das verkaufen» was meinen Vätern Lebenstnhall war, und auch mll Helligstes ist — dlls« Kämpf« stellen Sie sich doch einmal vor! Bisher hat sich noch kein« groß« deutsche jüdisch« Organisation gefunden, dll hier erst einmal den Grundsatz verllitt, daß wll all« mtt den jüdisch«» sabbathtreuen Angestellten und selbständigen Existenzen unbedingt wirtschaftliche und moralisch« Solidarität zu halten haben, um sie davor zu bewahren, daß sll au» Rot den Sabbat, dllst Grundsäull des.Judentum-, entweihen müsst». Eb«rst wll wll «S auch vermißt haben bet jüdische» Dllektore» und Lhefs, daß sie in vermehrtem Maß« jüdisch« Angestellte aufnehm«», anstatt, daß sll