Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-02-15 · 1 (15.2.1929) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
1 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3980048-10021618-10021586--360-3980368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 treten hat, di« uni jum Nachdenken Anlaß gegeben hat. Es heißt in der Vorlaae 3,. erst« Abschnitt: „Im Lauf, .des letzten Geschäftsjahres hat der Preußisch« Landesverband jüdischer Gemeinden mit s>chr erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Dies« ergaben sich in erster Linie aus der. Weigerung der Mitglieds-Gemeinden, di« Der» bandSbeiträg« in der veranlagten Höhe zu bezahlen. Ein« ganze Reih« von Gemeinden ist nicht davor zurückgeschreckt, di« Lr» hebung der Verbands beitrüge zum Anlaß zu nehmen, ihren Austritt auS dem LandeSverbande zu erklären oder ihn zum mindesten anzudrohen für den Fall, daß ein« Ermäßigung nicht Platz greif«. .Der Rat hat sich mit diesen Erscheinungen sehr eingehend be» schästigt und ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß «S notwendig ist, nach Möglichkeit den' Wünschen der MUglteder Rechnung zu tragen und größte Sparsamkeit auf allen Gebieten wallen zu lassen." Da wird also plötzlich erklärt, daß sich btt Hat mit dieser Angelegenheit beschäftigt hat und geraten Hab«, den Wünschen einstweilen und nach Möglichkett Rechnung zu tragen. Wir glauben, daß das «ine Stellungnahme ist, die den Ziäen des Landesverbandes nicht dient. Bedauerlich ist, daß der Verband «in Zurückwetchen gerade den Gemeinden gegenüber gezeigt hat, di« faule Zahler sind. Was wir wollen, ist ein« energische Stellungnahme gegenüber diesen säumigen Zahlern; sie sollen daran erinnert werden, daß sie uns unterstützen müssen, well wir sonst einfach unseren gemeinsamen Aufgaben nicht gerecht werden können, (hört!) Wir müssen die kleinen Gemeinden unterstützen, wir müssen Beamten und Lehrern in ihrem schweren Existenzkampf helfen, wir müssen neu« Lehrerexistenzen aufbauen. Das können wir aber nur, wenn all« Gemeinden ihre Pflicht tun, und wenn sie sich mit unS nicht nur im Geiste solidarisch erklären, sondern di«S auch durch Zahlungen praktisch bekunden. (Sehr richtig!) Wenn wir hier also «twaS empfehlen, so dies, daß di« Leitung des DerbandeS auf dem bisherigen Weg« nicht weiter wandell und nicht zurückweicht, sondern «twaS mehr Mut zeigt. Wenn davon gesprochen wurde, daß wir jetzt einen Generalsekretär haben, der nach den Ausführungen des Herrn Vorredners «in General fein soll, dann möchte ich, daß dieser General später den Titel eines „General Vorwärts" und nicht eines „General Rückwärts" erhäll. Nun, mein« Damen und Herren, einige Bemerkungen zu dem wichtigsten politischen Punkte. Zunächst einmal das Iüdengesetz. Wir haben bereits in der Presse Gelegenhell genommen, unsere Bedenken zu äußern. Drei Punkte sind es, über die wir schon auf der vorigen Tagung unsere stärksten Bedenken geäußert haben, weil es sich um außerordentlich schwerwiegende Problem« des jüdischen Lebens handelt. Wir verlangen, daß auch nicht reichSdeutsche Juden die Möglichkeit haben, als BorstandSmitglleder in den Gemeinden zu figurieren. ES darf nicht weÜer daS Prinzip «inreißen, daß man die Juden «inschätzt danach, wo sie geboren sind. Wll begrüßen «S, daß uns eine Anzahl von Ostjuden durch ihr jüdisches Wissen und ihren starken jüdischen Lebenswillen einen dankenswerten Zustrom jüdischen Lebens gebracht haben. (Sehr richtig!) Es wäre unjüdisch, wenn wir diesen Männern die Möglichkeit nehmen wollten, sich auf der Grundlage ihrer allen jüdischen Kultur in den.Gemeinden zu betätigen. Der zweite Punkt ist der ZwangSverband. Wll sind der Ansicht, daß alle jüdischen Gemeinden PreußenS zu einem der beiden Verbünd« kommen müssen. Es darf auf diesem Gebiet« kein Rachgeben «inreißen. Wll können nur dann unser« schwachen Kräfte wirksam «insetzen für die Erhaltung des jüdischen LebenS in der Provinz, wenn wir alt« Gemeinden heranziehen können. Ich denke, daß insbesondere dt« Lehrer, Rabbiner und Beamten aller Parteien di« Notwendigkett dieses Standpunkteanerkennen müssen, daß st« sich einfach sonst gegen dll Interessen ihrer Berufskollegen in den kleinen Gemeinden versündigen würden, wenn sie diesen Gedanken des Zwanges etwa ablehnen würden. Dieser Zwangsverband ermöglicht überhaupt erst systemallsch« Arbeit. Er zwingt di« jüdischen Gemeinden dazu, sich darüber ftar zu werden, daß es gemeinsam« große Interessen gibt, über dll man sich einfach nicht hinwegsetzen darf, und hinter denen KllchturmSpolttik zurücklleten muß. Dann drittens die Frag« d«S Austritts. Wll wollen auch hier kein Nachgeben. Wll wollen — tolerant wll wll find — gewiß keinen Gewissenszwang. Wll wollen «inen Austritt auch nur zulassen, wenn wirklich« religiös« Bedenkt» vorliegen. Sin Austritt aus Steuerscheu aber und auS ähnlichen unmoralischen Gründe» mnß mit allen Mitteln belä Mp ft werden. Wer kan» für sich, das Recht in Anspruch nehmen, dem Judentum formell Wetter anzug«hören, aber in der -Jett schwerster wirtschaftlicher Kämpf« seiner Gemeind« den Rücken zu kehren, well «S Geld kostet! Wessen Judentum da aufhört, wo das Interesse des Pfennigs beginnt, mtt dem wollen wll nichts zu tun haben. Mein« Freund« werden Ihnen «in« Anzahl von Anträgen und Vorschlägen unterbreiten, auS denen Sie ersehen werden, daß wll «in ganz klares System auSgearbettet haben. Jedem Juden, d« sich irgendwie in seiner religiösen Ueberzeugung vergewalligt fühlt, soll dll Möglichkeit gegeben werden, sich innerhall» seiner Stadt mtt Gleichgesinnten zu einem kleinen Verband« zusammenzuschließen, in de» er «ntsprechend seinem jüdischen Interesse sich auSleben kann. Di« Steuern sind an den Landesverband ju zahlen. Rückvergütungen sollen in dem Maß« fließen, wie «S die finanzielle Notwendigkett in btt neugegründeten KulttÄgemeinschaft erfordert. DaS ist «in« Möglichkeit, dt« Sie alle mtt uns gemeinsam ergreifen können, wenn Ihnen wirklich daran liegt, dll Arbeit auch auf bi« Kreise auSzudehnen, di« stch di« Form ihres religiösen LebenS in ihrer Stadt erst neu schaffen müssen. Meine Damen und Herren! Nun noch «ine ander« Frag«, nämlich die des ReichSverbä'ndeS. Sie wissen alle, daß kürzlich in Süddeutschland «in« Tagung stattgefunden hat, in der man versucht«, endlich «in« Lösung zu finden. Wll sind mtt der dort gefundenen Lösung nicht zufrieden. Wir glauben, daß «S ein Unding ist, für den neugeplanten Reichsverband ein Vorbild «inzuführen, das aus der Zeit des schlimmsten deutschen Föderalismus und der Preußenfeindschast entstammt, als man nämlich den preußifchen Vertretern im Reichsrat nicht einmal die Hälft« der Stimmen zubilligte und st« damit einfach «nllechtet«. Denn was anderes heißt «S,' als daß bann die Stimmen der preußischen Juden nicht vollwertig sind. Derartig« Dinge, die in der deutschen Polittt schon längst innerlich überwunden sind, und deren Abschaffung nur noch «in« Frage der Zett ist, sollten wir in daS jüdische Leben nicht hineinllagen. ES sind doch unter Ihnen Männer auch in der Liberalen Partei, di« in den linken Parteien im polttischen Leben Deutschlands solch« Stimmenllechtung aufS schärffte bekämpfen. Es ist mir unverständlich, daß eben dies« Herren, wenn es sich um jüdifch« Fragen haNdett, wieder das aufgreifen, das ste prinzipiell aufs energischst« als unmorallsch bekämpfen, wenn es sich darum handelt, dll ReichSratsstimmen Prenßens künstlich zu «nllechten. (Zuruf: Daran denkt doch niemand!) Doch, Sie haben daran ernstlich gedacht! (Zuruf: Ein großer Irrtum!) Die zwett« Forderung ist, daß wll verlangen, daß dll Mitgliederversammlung des Reichsverbandes aus Urwahlen hervorgeht. Es soll die Wahl einer demokratischen Derlletung aller in Deutschland wohnenden Juden durch Urwahl erfolgen. An dieser Grundlage dürfen wir nicht rütteln. Wenn Sll Bedenken haben, daß Sie etwa di« deutsch« Iudenhett durch allzu viel« Wahlen ermüden könnten, dann haben Sie «S ja in der Hand» alle Wahlln in einem sogenannten „Groß-Kampstag" zu» fammenzufassen. (Sehr richtig!) ES darf auch nicht dll Kompetenz des Reichsverbandes eingeschränkt werden, wie «S die Majorität in Süddeutschland gewünscht hatte. Wir können uns keinesfalls damtt einverstanden erklären, daß wll chm sein« Kompetenz beschränken wollen auf die „Wahrnehmung der rein religiösen Interesse»"^ Wll glauben, daß das eine Einengung sein würde, well der deutsche Jude noch «in« ganze Menge anderer Interessen hat, di« einfach nicht von den religiösen zu llennen sind, dll aber bei einer «tll» schrLnkenden Festlegung des Statuts nicht wahrgenommen werden. Wll wollen z.B. durch di« demokrattsch« Derlletung dll deutschen Juden doch auch in Verbindung setzen mtt anderen Juden, hauptsächlich deutscher Sprache, wie den Juden Danzigs und Deutsch-OesterretchS. DaS alles kann man nicht, wenn man engherzig« Formeln aufltellt und alleS auf rein religiöse Dinge beschränkt. Nun gestatten Sie mir einige Wort« zum allgemeinen jüdischen Leben in Deutschland. Nach unserer Überzeugung hat sich di« Situation, sowett wll das letzte Mal über ähnlich« Ding« gesprochen haben, nicht gebessert. Wll haben immer noch'innere Kämpf«, die unS jede positiv« jüdisch« Arbeitsleistung in Deutschland erschweren. Wll von der Jüdischen DollSpartei erkennen all« berechttgten Gegensätze an; wll denken nicht daran, sll zu verkleistern und unS «ine Einigkett vorzutäuschen, dll wll gern« hätten, di« aber nicht existiert. Was wll aber verurteilen, ist dll KampfeSweise, di« im Lager des deutschen Judentumnach wll vor unbeirrt gegen jüdische Brüder angewendet wird. (Bravorufe, hört, hört!) Ich bin Ihnen für Ihren Beifall sehr dankbar» Herr Dr. Well! (Zuruf: Deutschland hat mtt Juden überhaupt nichts gemeint?) (Heiterkeit.) (Zuruf: DaS war unser tzettl) Meine Damen und Herren! Dies« ganz« Kampf hat «S dahin gebracht,, daß unS heute in Deutschland «in« wahr« jüdisch« Stoßkraft zur Vertretung wirklich groß« jüdisch« Ideen fehlt. Sehr wett« Kreis« in d« deutschen Iud«ch«it habe»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.