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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1927-06-15 · 5 (15.6.1927) · p. Seite 4

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
5 (1927)
Issue
5 (15.6.1927)
Date
1927-06-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Gesichtspunkt«, di« b«n Landesverband bei seinen Maßnahmen überhaupt leiten müssen. Dies« Verhältnisse find um so bedenklicher, wenn wir uns das Ausmaß des Verfalles v-rgegenwärtigen, da« di« Entwicklung bereits genommen hat. Wir müssen feststellen, daß 158 Gemeinden heute ohne ständigen Religionsunterricht sind (Hört! Hört!), und daß wir di« gleich« Anzahl von Gemeinden haben, di« irgendeinen Funktionär nicht mehr aufweisen. Dieser jüdisch« Funktionär ist aber das kulturell« Rückgrat dieser kleinen Gemeinden. M. D. u. H.t Wir waren unS klar, als wir den Landesverband gründeten, daß gerade das Schicksal dieser kleinen Gemeinden dt« brennendste Sonderfrag« des deutschen Judentums darstellt, und daß im wesentlichen gerade ihretwegen der Landesverband ins Leben gerufen wurde. Es ist nicht möglich, daß von 850 Gemeinden 780, di« unter 100 Seelen zählen, sich auS sich selbst erhalten können, daß sie auch nur «inen einzigen Funktionär menschenwürdig besolden können. Dies« 700 Gemeinden treiben nach Iwangsgesetzen dem Untergang entgegen. Aus dieser Einstellung heraus haben wir den Landesverband gegründet, damit der Zusammenschluß aller dazu führ«, daß vereinte Kräfte schaffen, was di« Gemeinden in chrer Vereinzelung nicht leisten können. Wir haben den Landesverband damals auf di« Freiwilligkeit gestellt, einmal, weil wir andere Möglichkesten nicht hatten, und dann, weil wir uns sagen konnten, daß nach den Gesetzen der Logik und nach dem Prinzip der gesunden Selbstsucht dies« Grundlage ausreichen werde. Denn all diesen Hunderten von Gemeinden, an die wir herantraten, haben wir gesagt, daß st« von diesem Landesverband irgendwelche finanziellen Ansprüche nicht zu erwarten haben, daß aber der Landesverband es sich zur Aufgabe gemacht hat, di« finanziellen Mittel für sie zu beschaffen, daß chm dies auch tatsächlich gelungen, und daß er bereit sei, di« Mittel an die Gemeinden auszuschütten, di« sich chm anschließen. Trotz ungezähller Versuch« und eindringlichster Darlegung dieser Gesichtspunkt« sind aber bis heut« noch rund 200 derartig« Gemeinden da, di« weder dem Preußischen Laudesverband noch dem sog. Halberstädter Bund« sich angeschlossen haben, und wir müssen im großen und ganzen unser« Bemühungen in bezug auf diese Gemeinden als negatch abgeschlossen betrachten. Wir haben keine Aussicht, zu erwarten, daß es uns gelingen wird, dies« Gemeinden aus chrer Zurückhallung herauszubringen. Zum Teil ist der Indifferentismus in diesen Gemeinden so groß geworden, sie haben sich mit dem Prozeß des langsamen Absterbens so abgefunden, daß sie nicht den Willen haben, in diesem Prozeß gestört zu werden. Sie wollen untergehen und wünschen nicht, daß man sie von außen her daran hindert. Bei einem anderen Teile dieser Gemeinden sind es di« Gemeindevorsteher, die noch dem alten Grundsatz huldigen „L'«tat c'est moi!" Religionsunterricht bleiben kann, müssen wir auch an diejenigen Aufgaben Herangehen, die di« anderen kulturellen Belang« betreffen; wir müssen uns der Bildung von Lehrer- und Rabbinerbezirken wchmen. Für die letztere Frag« haben wir früher schon ausführlich« Pläne entworfen. Wir haben aber die Angelegenheit nicht durchführen können, da wir wegen der StaatSbechilfen nicht klar sehen konnten, ein« Frag«, die biS zum heutigen Tage noch nicht restlos geklärt ist und auf die ich noch zqrückkommen werde. Wir haben uns nunmehr entschlossen, unter keinen Umstände« diese absolut dringend« Frag« weiter zu vertagen; und wir wollen bereits zum 1. April in einer Anzahl von Gemeinden — vielleicht 8—10 — BeztrkSrabbtnate neu in» Leben rufen. Heber Einzelheiten möchte ich hier nicht sprechen. Es wird den Derhandlungeu mit den beteiligten Gemeinden vorbchatten bleiben müffen, wieweit dies« Rabbinate tatsächlich geschaffen werden können. Noch wichtiger ist di« Frag« der Lehrerbezirk«, Hier sind wir fest langem mitten in der Arbeit. In einer Denkschrift, die wir dem Ministerium unterbreitet haben, haben wir bereits für das laufende Jahr die Schaffung von 30 neuen Bezirkslehrerstellen in» Auge gefaßt. Leider hat trotz allen Nachdrucks die Angelegenhei« sich nicht so fördern lassen, wie es im Interesse der Sach« notwendig gewesen wäre. ES liegt dies z. T. an den Widerständen der einzelnen Gemeinden. Wenn wir «in« Reih« von Gemeinden zusammen» schlteßen, um chnen gemeinsam «inen Funktionär zu geben, ist es schwer, «in« Einigung darüber herbeizuführen, wo der Funktionär stationiert werden soll. Jede Gemeind« und insbesondere di«, die vorher einen eigenen Funktionär hatte, hat den Wunsch, chn auch weiter zu behalten. AuS dieser und anderen Fragen, insbesondere der der Verteilung der Funktionärtätigkeit, ergeben sich die Schwierigkesten. Wir haben uns bemüht, die Angelegenhett nicht vom grünen Tisch aus zu erledigen und uns in Verbindung gesetzt mst den Provinzialverbänden. ES ist aber bisher erst in einem verhältnismäßig kleinen Telle möglich gewesen, schlüssig« Porschläg« der Provinzialverbänd« zu erhallen. Wir haben bisher insgesamt 18 derartig« Lchrerbezirke eingerichtet. Wir hoffen, nach westeren persönlichen, an Ort und Stell« mst den Vertretern der Gemeind« und den zentralen Provinzstellen durchgeführten Verhandlungen, daß wir nunmehr schneller vorwärtskommen werden und di« Zahl von 30 Bezirks-, lehrerstellen nicht nur in Bälde werden geschaffen haben, sondern darüber hinaus noch «in« erheblich« wettere Anzahl. M. D. u. H.t Was ich hier ausführt«, rührt bereits an di« nächst« und «ine der wichtigsten Fragen, an die der Staats» beihilfen. Sie wissen, m. D. u. H., unter welchen ungeheuren Schwierig- und dt« bei allem nur chr persönliches Interesse im Auge haben./^ttsten «s uns gelungen ist, di« Staatsbechilf«, allen Hindernissen Di« Frag« münzt sich für sie so aus: Was könnt« mich das kostenV^ZUM Trotz, durchzukämpfen. Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß und wenn-st« erst einmal glauben, daß der Geldbeutel in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, so ist es nicht möglich, di« Entscheidung dieser Herren umzustoßen. Zudem sind sie auch davon überzeugt, daß so gut, wie sie es machen, es niemand sonst machen kann. Und wenngleich jeder Gemeind« chr« Selbständigkeit in bezug auf Kultus, Unterricht und Verwaltung auch zugesichert ist, sind gewisse Persönlichkeiten doch nicht dazu zu bewegen, einen Schritt 311 tun, bei dem sie glauben, einen Teil chrer absolutistischen Recht« aufgeben zu müssen. DaS führt zu einer Tatsache, die man in chrer Bedeutung nicht unterschätzen kann. Diese 200 Gemeinden, in der Mehrzahl kleine Gemeinden von dem angedeuteten Zwergcharakter sind dem Judentum verloren, wenn nicht irgendein Weg gefunden wird, sie auch über chren Kopf hinweg und gegen chren Willen in den Kreis der Gesamchett hineinzuziehen. Der Landesverband hat dann weiter auf seinem bisherigen Weg« feststellen müffen, daß die Zugehörigkeit auch derjenigen Gemeinden, di« sich chm ang«schlossen haben, durchaus nicht für all« Zukunft fichergestelll ist. Auch hier dentt man vielfach: „... Und der König absolut, wenn er unseren Willen tut!" Di« Gemeinden wollen sich den Landesverband durchaus gefallen lasten, so lang« er chren Anforderungen entspricht. Wenn aber Anträge nicht bewilligt werden können, wenn Subventionen nicht hoch genug erfolgen, oder wenn «in« organisatorisch« Maßnahme anders verlangt wird als erwünscht, drohen Gemeinden mst .Ziehung der Konseguenzen". Das sollte vor allem auch unter dem Gesichtspunkt« zu denken geben, daß alle unser« Bestrebungen, Lehrer- und Rabbinerbezirke zu schaffen, lahmgelegt sind, wenn wir auf di« Gnade und gute Laune der Gemeindevorsteher angewiesen sind. Ls wird erst« Aufgabe sein, zu überlegen, was wir machen, um dem Landesverband das Maß von Unabhängigkest zu gewährleisten, dessen er nicht «ntraten kann, wenn er gedechlich« Arbeit leisten will. Danach sind es noch Linzelfragen, di« uns zu beschäftigen haben. Wir können den Gemeinden nicht in der Weis« helfen, daß wir jeder einzelnen chren eigenen Beamten geben und jeder einzelnen chren Rabbiner. Aber, wie wir der Ausicht sind, daß kein« Gemeind« ohne wir uns auf unseren Lorbeeren nicht ausruhen können, daß vielmehr di« Erhaltung und Durchführung der Staatsbechllfen nicht weniger Kämpfe und Schwierigkesten erfordert als chr« erstmalig« Erwirkung. Wenn ich zunächst davon spreche, wie es im verflossenen Jahr« ging, muß ich feststellen, daß wir vor 14 Tagen auf die für 1820 bewilligten Rabbinerbeihilfen noch nicht «inen Pfennig ausgezahlt erhalten hatten, obgleich am 1. April nicht ausgezahtte Beträge automatisch in di« Staatskasse zurückgehen (Hört! Hört!). Dieser Zustand ist «in ganz unmöglicher (Sehr richtig!). Er hat sich für uns nicht überraschend herausgebildet. Denn, als vor zwei Jahren der Antrag gestellt wurde, an Stell« der Staatsbechilf«« zur geistlichen Versorgung leistungsschwacher Gemeinden zwei Tstel zu setzen, einen Tstel für Rabbiner und «inen für Religionsunterricht, haben wir vorausgesehen und -gesagt, daß dieses Geschenk «in Danaergeschenk ist, daß es geradezu di« Gefcchr einer völligen Sabotage der ganzen Staatshilf« in sich birgt. Wir haben in einer, dem Landtag vorgelegten gedruckten Denkschrift dargelegt,' daß bei einer derartigen Teilung die Möglichkeit besteht, daß kein« einzig» Gemeinde aus den Staatsmitteln für di« Rabbiner auch nur «inen einzigen Pfennig bekommt. Denn zwei Kriterien müssen erfüllt sein: Ein Rabbiner muß vorhanden sein und die Gemeind« muß leistungsschwach sein. Aber nur yoch 67 Gemeinden haben «inen Rabbiner. Man kann darnach auch sagen: leistungsstark ist ein« Gemeind«, di« sich noch den Luxus leisten kann, «inen Rabbiner zu hatten. Mithin käme man zu dem Ergebnis: Die «in« Gemeinde hat zwar einen Rabbiner; aber st« ist, da st« eben «inen Rabbiner hat, nicht leistungsschwach. Die andere Gemeind« ist zwar leistungsschwach, aber sie hat leider keinen Rabbiner. Infolgedessen bekommen die Gemeinden samt und sonders nicht», di« «in«, weil st« zwar «inen Rabbiner haben, aber nicht leistungsschwach find, die anderen, weil sie zwar leistungsschwach sind, aber keinen Rabbiner haben. Als wir das zum ersten Male sagten, klang es wie scherzhaft und «in schönes Paradoxon. ES ging aber nur «in Jahr ins Land, bis dies« Voraussage restlos zur Wahrheit wurde. Das erst« Jahr hat man noch auSgezahlt; daS zwett« Jahr hat aber das,

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