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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1927-03-24 · 3 (24.3.1927) · p. Seite 47

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
5 (1927)
Issue
3 (24.3.1927)
Date
1927-03-24
Page
Seite 47 (sequence 47)
Language
German
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— 47 — einer allgemeinen deutschen Konferenz zu beginnen, die sich mit der Frage der Mischehen und der zu chrer Bekämpfung geeigneten Mittel befassen soll. Abg. Dr. Kahn.Jaffa: M. D. u. H.I Ich möchte zunächst namen« meine« Präfidialkollegen Kollenscher die Erklärung abgeben, daß nach unserer Meinung an der schlechten Vorbereitung der Lagnng zum großen Lei! die Tatsache schuld ist. daß irgendwelcher Einfluß der beiden Vizepräsidenten diese« Hause« auf die Präsidialgeschäste und Vorbereitung der Tagung absolut ausgeschlossen ge. wesen ist. Da« zeigt sich darin, daß der Rat es für richtig hielt, lediglich den jeweiligen Präsidenten zu sich zu berufen, was wiederum zur Folge hatte, daß nicht bloß der erste Vizepräsident Kollenscher von der Kenntnisnahme der laufenden Dinge und Mitverantwortlichkeit ausgeschlossen war, sondern daß auch die ganze Art, in der sowohl Herr Kollenscher wie ich glaubten, die Rechte deS Hause« wahren zu müssen, nicht unseren Intentionen entsprach. Wir sind nicht gewillt, die Rolle von Puppen zu spielen, und ich möchte daher die Erklärung abgeben: Wenn der Rat die einstimmig von diesem hohen Hause ihm vorgelegte Entschließung ablehnt. wonach alle Präsidial- Mitglieder zu den Beratungen zuzuziehen sind, st» behalten wir uns vor, nach dieser Richtung hin unsere persönlichen Konsequenzen zu ziehen. Ich komme nun zur Sache selbst. Von den Ausführungen des Herrn Blumenfeld, dessen Grundton mir durchaus sympathisch ist, darf doch manches nicht unwidersprochen bleiben. And zwar um so mehr» al« ja das Niveau seiner Ausführungen ein sehr hohe« gewesen ist. Je höher eine Rede inS Geistige geht, desto wertvollen sind die Anregungen, die daraus für die Allgemeinheit abgeleitet werden müssen. Vollständig einig gehen wir in der Grnndeinstellung zu dem Problem der Heranbildung des jüdischen Menschen, und auch , Sie, meine Herren von den Liberalen Fraktion, haben ja schon vor Jahrzehnten sehr wesentliche Anfänge in dieser Beziehung gemacht: indem Sie immer mtt Stolz von Ihren pädagogischen Taten gesprochen haben. Lediglich in der Frage, von der bereit« mein Vorredner, Herr Loeb, gesprochen hat, bezüglich des Unterrichtsaus» schuffes sind die Ansichten auch in unserer Fraktion geteill. Ich für meine Person trete für diesen Vorschlag ein, und ztvar deshalb, well ich auf dem Standpunkt stehe, daß man einer so volljüdischen Bewegung wie der zionistischen nicht das Recht nehinen kann, sich geistig auszuleden, wie es chre Entwicklung mtt sich bringt. Sie muß Gelegenheit haben, chren Unterricht im Rahmen chrer eigenen Weltanschauung zu regeln. Im übrigen stimmen wir voll der Notwendigkett der Erziehung und Heranbildung von jüdischen Menschen zu. Lediglich in der Frage, wie dieser neue Typ, der zu schaffen ist, aussehen soll, gibt eS bei un« stark abweichende Nuancen. Herr Blumenfeld spricht von der Schaffung eines neujüdischen Typus, von der Revolutionierung des jüdischen Menschen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß es doch ein überstarkes Maß von Selbstbewußtsein ist, wenn unsere Zeit glaubt, mtt Mitteln der Erziehung bessere Inden heranbilden zu können, als e« die Juden der vergangenen Jahrhunderte waren, die uns als Dolljuden, als Vorbilder, vor Augen stehen. Das Revolutionäre, von dem Herr Blumenfeld sprach» ist für uns nichts Neues. Wenn Sie zurückgehen auf die Uranfänge der jüdischen religiösen Einstellung, werden Sie finden, daß Taten, wie unser Stammvater Abraham sie vorgenommen hat, als er die Aufnahme des jungen Juden in die Religionsgemeinschaft durch die Miloh zum Ausdruck brachte, für seine Zett etwas ungeheuer Revolutionäres gewesen sind. Und so war da« Judentum bis auf seine Grundfesten in allen Epochen revolutioniert, und wäre es zettgemäß gewesen, d. h. hätte es sich den jeweiligen Bedürfnissen der Zett angepaßt, so tväre es längst in tausend Winde zerflattert, es wäre wie ein Kinostreifen in tausend Varianten dahingerollt. Eine Weltanschauung, die auf jeden Zeitirrtum reagiert, ist nicht stark genug, Jahrtausende zu überdauern. Wir hätten eine Musterkarte von Iudentümern, und für jeden jungen Juden wäre die erste Frage, welchem Judentum soll ich mich anschließen. Entweder ist daS Judentum eine Wahrheit, dann ist es ewig wahr, oder es ist nur Ausfluß menschlichen Flickwerks; dann hat jeder Rabbiner, jeder Lehrer gesetzeSgebende Autorttät. Das Judentum und seine Bekenner haben stets im Gegensatz }U den Zetten gestanden. ES war Jahrtausende hindurch der einzige Protest gegen die heidnische Umwett. Wenn dieser Gegensatz von Jahrhunderten zu Jahrhunderten schwächer und schwächer geworden ist, wenn er abgenommen hat, so war dies nicht darum, well das Judentum sich den nichtjüdischen Zettverhältnissen gemäß gestaltete, sondern, well immer mehr und mehr Keime des jüdischen Geistes, die Idee deS Sinai i» Schoße der nicht-jüdischen Wett aufgegangen find, well das Judentum seine geistige stille Mission auf der ganzen Wett erfüllte. Da« Judentum kann sich nicht zettgemäß gestatten, in dem Sinne, wie der Liberalismus e« will, wett es allen Zetten gemäß, d. h. weil eS ewig ist. Wenn das Judentum in Aegypten die Weisheit der meroischen Priester, in Babylon die Mysterien der Mhltta, in Persien die Magie des Zaraster, in Griechenland des Olympos Volkslehre, in Alexandrien, in Rom den Extrakt allermöglühen Glaubensansichten und Symbole angenommen hätte, wenn eS sich im Mittelatter die Klöster und Mönche zum reformierenden Maßstab genommen hätte, wenn es sich heute dem Liberalismus entsprechend jeder modernen Anschauung, die augenblicklich Triumph ifi, airpassen sollte, wenn es in allen Zonen und Ländern, um sich den jewelligen Ansichten und Sitten der Landesgenossen anzuschmiegen, sich überall zettgemäß reformieren sollte, welch ein tausendköpfigeL Ungeheuer stände dann vor uns. Der Beweis der Richtigkeit meiner Behauptung ist die Tatsache, daß keiner der Herren der Liberalen Partei heute noch etwas von den Richtlinien, die unmittelbar vor dem Krieg erschienen sind, wiflen will. Verklungen und vergessen, das ist des Sängers Flucht Bei der Gelegenheit, wo ich Abraham und die Miloh erwähne, möchte ich nachdrücklich an die gesamte Iudenhett die, Forderung erheben, daß an der Spitze jüdischer Gebinden niemals Männer stchen sollten, deren Kinder nicht das Bundeszeichen des Judentum« tragen. Wäre es wohl bei unseren katholischen und protestantischen Mttbürgern denkbar, daß an deren maßgebenden Stellen Männer berufen würden, deren Kinder nicht durch, die vorgeschriebene Taufe in den Schoß dieser Kirche nach dem Recht dieser Kirche angenommen worden wären?! In diesem Punft allerdings sind wtt Ihren Anschauungen gegenüber unduldsam; hier trennen sich unsere Wege vom Liberalismus; hier können wtt einfach nicht mehr mtt. Auch was den Zionismus betrifft,-so möge er nie vergessen, daß er nur etwas werden konnte, indem er auf den Schuttern der Religion stand. Ich bin auch national eingestellt, bin Misrachist: vor allen Dingen aber bin ich Religionsjude. Das heißt: ich anerkenne das Primat der Religion und betrachte als das Nationalste, was wtt haben, die Religion al« solche. Und darum sitze ich in den Rechen der Konservativen, well ich glaube, unsere ganze Arbeit wäre nicht möglich ohne die Thora. Wenn wir aber daS Primat der Religion überall anerkennen, so gibt es auch in der Frage des Untnwtchtsausschusses lediglich eine Erwägung bezüglich der Form und der Zweckmäßigkett auf dem Boden der Thora. Die Fragestellung muß lauten: Ist der Unterrichtsaitsschuß in diesem Augenblick notwendig und ist er opportun? Das ist die Frage, die unsere zionistischen Freunde wiegen und wägen sollen. Noch ein grundsätzliches Wort bezüglich der Einstellung der deutschen Iudenhett zum Zionismus. Es ist ja Tatsache, daß die zionistische Vereinigung mehr Feinde innerhalb der Iudenhett hat wie außerhalb. Da muß man doch an die Grundeinstälung unserer Brüder in England, Holland, Amerlla erinnern. Der moderne Begriff deS Staatsbürgertums, so, wie die Staatswissenschaft chn heute auffaßt, läßt selbstäirdige Verbände innerhalb einer StaatSeinhett zu, gibt dem Begriff der StaatSzugehörigkett einen weiteren Spielraum. Im englischen Imperium existtten eine Fülle von Staaten, die chre Geschlossenheit und Selbständigkeit betonen, und doch auch unbedingt zum Imperium gehören. Dasselbe ist es in den Bereinigten Staaten von Nordamerlla. Wem würde es dort einfallen, den jüdischen Bürgern chre absolute Zuverlässigkeit in bezug auf StaatStteue wegenchres national-jüdischen Bekenntnisses strettig zu machen. Dieses blieb'einem Teil der deutschen Juden vorbehatten, die sich in denunziatorischer Weise gegen unftre jüdischen Glaubensgenossen einstellen zu müssen glauben. Kein englischer, kein amerikanischer, kein holländischer Jude würde eS wagen, feine jüdischen Mitbürger der zionistischen Einstellung wegen einen schlechten Engländer, Holländer oder Amerikaner zu nennen. Bei uns in Deutschland sind diese Art Bekämpfer des Zionismus gerade solche Kreise, deren jüdische Einstellung Parvenütum erkennen läßt, deren jüdische Zugehörigkeit in unseren Rechen noch keine Belastungsprobe bestanden hat. DaS Priorat der Religion ist für uns das Maßgebende, und mein Freund Loeb hat bereits ausgeführt, daß bie Mischehe eine Massenerscheinung unserer Zett ist, die man nicht scharf genug bekämpfen kann. Ls. ist auch schon angedeutet worden, daß selbst dtt liberalen Rabbiner darüber Nachdenken müssen, ob die fitt uns zu Recht bestehenden jüdischen Ehegesetze wirklich so außer acht gelassen werden dürfen, wie es die Forderungen gewiss« Liberaler mtt sehr radikalen Tendenzen neuerdings zum Ausdruck bringen. Die völlige Regierung des jüdischen EherechtS könnte dazu führen — analog der Ehelizenz (?) jüdischer Gemeindeeinstellung — Konnubial-Vor» schsisten zu erlassen, dtt, was Gott verhüten möge, eine unfreiwillige Trennung in bezug auf dtt Eheschließung, eine Spaltung auch deS deutschen Lagers — ähnlich wie in Holland — bringen könnte. Und noch auf einem anderen Gchttt mich mehr Würde und

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