Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- 3 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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— 30 — sammenhang keinen Sinn haben. Was wir als Erben des Judentums mübtt!omm«n haben, ist der Mut zur Wahrhaftigkeit uns gegenüber. Das Unjüdifche in uns ist der Hang zum Kompromiß. Wer hat daS Recht, Propheten zu zitieren? Wir sicher nur dann, wenn in unserem Leben etwas von ihrem Geist wirksam wird. Wenn jemand gemeint hat, wir Juden werden den Geist der Gewalt niederringen, so behaupt« ich, dieses Judentum und diese Juden bestimmt nicht. Denn jeder Zeitströmung erliegt diese jüdische Welt und vornehmlich allen hevabziehenden, uns menschlich verkleinernden Einflüssen, so daß man einer modernen jüdischen Debatte, wie sie mit uns geführt wird, nicht nur den Geist des Zionismus, sondern auch den Geist Schopenhauers, Nietzsches und Goethes, den Geist der inneren Freiheit »nd Sicherhest, der Unbefangenheit gegenüber dem Gemeinen gegenüberstellen könnte. Man fürchtet die Gefahren einer Gesinnung, und das sagen heut« Juden ganz ruhig, die selbst wissen, wie sie unter jeder Gesinnungspolitik und Schnüffelei gezittert haben. Sie fügen sich und tragen den Anfoicherungen der schlechteren Teile der Umwett Rechnung. Der wahr« Grund unserer Forderungen ist der Kampf gegen den Geist des Opportunismus, der sich dadurch zu wappnen sucht, daß er große Worte banalisiert, daß er das Heilig« profaniert, daß er von Religion redet und di« ab» lehnt, di« Religion zu leben versuchen. Wir wehren uns dagegen, daß man im Namen der Religion gegen di« zionistisch« Bewegung auftritt. Was wir tun, ist der ernste Versuch,^die jüdische Wirklichkeit in ihrer jüdischen Bedingcheit aufzudecken. Dr. Baeck hat dies« Bedingtheit gekennzeichnet, als er sagt«, der jüdisch« Mensch ist nicht 40 öder 60 oder 70 Jahr«, sondern 2000, 3000 und 5000 Jahre alt. Und wenn der jüdische Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt, so muß er wissen, daß es für uns Juden darauf ankomme, nicht nur uns auf dem horizontalen Durchschnstt zu bettachten, d. h. in unseren Beziehungen zur Umgebung, sondern vor allem die vertikal« Linie unseres Werdens zu verfolgen, di« uns mit der Vergangenheit verbindet. Uns kommt es auf di« Erkenntnis unseres wahren Wesens an. Wir werden uns heut« dieser vertikalen Linie bewußt. Warum versuchen wtt das? Um den Versuch zu machen, ein neues jüdisches Geschlecht zu erziehen. Daher wird der Unterschied in der Erziehung nicht nur im Lehrplan bestehen. Der Behauptung eines Vorredners, daß der Geist der Duldsamkeit als religiös« Forderung im Judentum besteht, ist im gleichen Licht di« Behauptung zur Sette zu stellen, daß jedes jüdische Geschlecht so zu leben Hab«, pls ob es bas letzt« wäre, und daß oberst« Pflicht ist: Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber und unbedingt«, revolutionär« Haltung gegenüber einer minderwertigen Gegenwart. Di« Situation im heutigen Judentum, um derentwillen wir Zionisten sind, läßt unS fordern, daß in unsere» Schulen unser« Kinder zu den Quellen unserer Art Vordringen, wir verlangen ein« besonder« Gestaltung des hebräischen Unterrichts und des Unterrichts in jüdischer Geschichte. Auch di« Gegner des Zionismus sollten für dies« Auffassung unserer Situation Verständnis haben. Di« Erziehung, di« wtt heut« brauchen, verlangt andere Stoffgebiet«, aber auch «inen ganz anderen Geist in der ganzen Art der Einwirkung auf di« Jugend. Wtt brauchen «in besonderes Lesebuch, das frei ist von chauvinistischem Geist, wtt brauchen für sie hebräisch« Lehrbücher. Ich glaub«, daß auch «in jüdischer Mensch, der nicht Zionist ist, den Wunsch haben müsse, zu wissen, wo er geschichtlich herkommt. Das kann er nur, wenn er di«' hebräisch« Sprach« kennt. Und hineinkommen werden Kinder nur dann in diese jüdisch« Wett, wenn sie , das Stoffgebiet in der Schule kennen lernen. Wir verlangen nicht von Ihnen, daß unser« Lrziehungsprinzipien für Sie maßgebend sind. Sie können Ihre Ki»der so erziehen wie Sie wollen. Was wtt verlangen ist nur das, was echter Liberalismus uns geben muß, daß er die inner« Freiheü hat auch Dingen gegenüber, di« er ablehnt, daß er auch uns Zionisten die Möglichkett, zu freier Entwicklung gibt. Das jüdische Leben, das wtt hier sehen, erscheint uns in der Tat als ein Leben voll von Befangenheit und äußerlicher Ausbalancierthett, «in Leben, das vor allem wissen will, was sagen bi« anderen, und zwar die schlechteste» unter den anderen zu uns. Auch wtt glauben, daß man fragen soll, was di« anderen sagen. Aber nicht btt Antisemiten, sondern di« Besten unter den y. Nichtjuden und nicht zu Gesinnungen, sondern zu den Leistungen der jüdischen G«samth«tt und zu der Echcheit jüdischer Menschen. Ich Hab« erfahren, daß unser« staatsbürgerlich« Stellung durch nichts so gefördert wird als dadurch, daß Nichtjuden freie und unbefangen« Juden kennen lernen, di« ihnen daS Wertvollste, was «in Mensch anderen gSben kann, das Eigene und Echt« ihres Wesens darbieten. Auch das nichtzionistisch« Judentum sollt« sich sagen, hier ist «in« Kraft, der gerade auf dem entscheidenden Gchiet, auf dem Gebiet der Erziehung, Rechnung getragen werden muß. Es ist allgemein« Pflicht, uns an dem Wettbewerb um jüdisch« Erziehung teilnehmen zu lasten. Wtt sind im Landesverband di« politisch« Repräsentanz einer Idee, und wtt haben die Pflicht, uns dagegen zu wehren, daß Juden wegen einer Gesinnung in chren staatÄürgerlichen Rechten geschmälert werden. Sie werden noch lang« zu tun haben, um die Nichtjuden dazu zu bringen, in all« Feinhetten jüdischer Parteidifferenzierung «inzudringen. Auch di« Wohlwollendsten werden zwischen liberal oder orthodox in den Zeiten wttklicher Gefahr nicht zu unterscheiden vermögen. Unser« Parteikämpf« haben nur nach innen, in der jüdischen Auseinandersetzung Wert, nach außen keinen. Daher protestieren wir und fordern Sie auf. zu prüfen, ob Sie in Zukunft etwadagegen tun wollen, daß Sie Gruppen von Juden als Staatsbürger zwetten Ranges erklären, und zwar in solcher Form, daß es schwer stt, mit diesen Juden einheitlich zu arbeiten. Sie haben vielleicht di« Red« von Iustizrat Baerwald für liebenswürdig gehalten, weil man sich bei uns angewöhnt hat, den Ton für wichtig zu hatten und nicht den Inhalt. Herr Iustizrat Baerwald hat gesagt, wtt freuen uns, daß es dem Ministerialdttektor Badt gelungen ist, ein hohes Amt zu «rreichen. Wir schließen daraus, daß di« Aussichten, Ministersessel in Palästina zu erlangen, in nicht allzu greifbarer Näh« stehen. Mein« Herren! Ich halt« diese Aeußerung für ungeheuerlich. Sie ist der Ausdruck einer wirklich denunzia» torischen Polttik. In diesem Falle handett es sich sicherlich um «ine ungewollte Wirkung. Es ist aber interessant, daß «S Ihnen geläufig ist, solch« Bemerkungen zu machen. Die Juden sind auch sonst gewohnt — als einziges Volk — über sich selbst Witze zu machen und sich selbst zu bagatellisieren und von sich mtt einer wegwerfenden Geste zu reden. Die Aeußerung des Herrn Iustizrat Baerwald besagt, di« Zionisten sind deutsche Bürger auf Kündigung, die nur notgedrungen ohne inneres Recht dem Staat« als Beamt« dienen. Ich will hoffen, daß Sie den Sinn Ihrer Wort« gar nicht empfunden haben. Sie können doch nicht glauben, daß jüdisch« Menschen, di« für ihr jüdisches Volk «in nationales heim und «inen Mittelpunkt schaffen, di« in Palästina in schwerer Arbett «in neues Lcken aufbauen und unter u»g«heur«n Schwierigkeiten dort aushallen, als Argument für di« Beeinttächttgung ihrer Gesinnungsgenossen in Deutschland verwertet werden können. Auch di« Katholiken hat man ja vielfach als schlecht« Bürger diffamiert. Ich würde verstehen, daß Dr. Naumann solchen Gedankengängen Raum gibt. (Zuruf: Wenn Sie keine Scherze verstehen, dann hört all« Verhandlung auf.) Weil Herr Dr. Naumann auch di« Konsequenz zieht, baß er überhaupt den Staat als einheitlichen Nationalstaat auffaßt und eine Staatsbürgerschaft unabhängig von Blut und Abstammung und anderen differenzierenden menschlichen Eigenschaften ablehnt. Millionen Deutscher weilen im Ausland«. Er gü»t sie preis. (Zurufe: DaS hat er nur von Deutschland gesagt.) Ich weiß es, daß er das gesagt hat. Er zieht die Konsequenzen, denn wenn er di« Konsequenzen nicht zieht, könnt« er auch Nationaljuden nicht für zweitklassige Bürger halten. Di« heutige Situation der jüdischen Gesellschaft erfordert unser gemeinsames neues Nachdenken. Ich behaupte, daß all« Begriffe, mtt denen Sie operieren, brüchig sind. Sie gehen künstlich den wahren Fragen aus dem Weg«. Ich weiß, daß es heut« kein allgemeines jüdisches Forum gibt, um wirklich dort Fragen vom jüdischen Standpunkt aus zu behandeln. Der ganz« Abwehrkampf, der aus bester Absicht geführt wird, hat sehr schädliche Nebenwttkungen, denn er wird falsch geführt. Er kann nur geführt werden auf der Grundlage produktiver jüdischer Leistung. Es stt unmöglich, daß «in« jüdisch« Gemeinschaft immer nur nach außen hin «rkUrt, was sie jüdisch nicht ist. Das sind Deklarationen ohne polttische Wirkung. Di« jüdisch« Gesellschaft befindet sich in völliger Isolierung; daher fehlen ihr di« Beurteilungsmöglichketten für ihre Situation. Wir stehen am Anfang einer neuen Entwicklung. Für all« jüdischen Gruppen wird die Paläftinafrag« von Bedeutung. Deshalb protestiere ich gegen di« Art, wie diese Frag« behandelt wttd. Ich verlange kein Kaschieren der gegensätzlichen Meinungen, aber respektvolles Derhatten und geistiges Niveau in unseren Auseinandersetzungen. Wesentlich ist zunächst, di« falsche und ungenau« Berichterstattung über Palästina zu verhindern. And der Landesverband ist dazu da, dafür zu sorgen, daß di« jüdisch« Wett anständig infor» mi«rt_ wird, nicht aber wie es die antizionistischen Parteien machen, bi« über Palästina das Schlechtest« in gemeiner Form bekannt gchen. Di« Fälschungen im Bericht von Stt Herbert Samuel aus dem E. D.»Dienst stt nicht berichtigt worden, ebensowenig der Bericht über den Erfurter Delegiertentag. Ich halt« den Kampf für notwendig, er darf sich aber nicht in den Niederungen abspielen. Di« Kraft der zionistischen Bewegung, di« hier vor dem Landesverband mit chren Forderungen auftritt, liegt nicht so schr im politischen Ziel. Sie liegt in den Voraussetzungen d«S Zionismus, nämlich in der Vorstellung der Umformung des jüdischen Menschen. Wtt Zionisten machen den Versuch, trotz der Erkenntnis