Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- 3 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
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- 22 Schule begnügen, sondern lebendige Fühlung mit der jüdischen Jugend suchen. Sie sollen Freunde und Führer der Jugendbewegung werden und di« schulentlassene Jugend an sich heranziehen, ihre Freund« und Berater in seelischen Fragen werden. Wie traurig es auf diesem Gebiet« noch aussieht, weiß jeder, der sich mit dieser Materie gründlich befaßt hat. Wir haben leider Taufende junger Leut«, di« in gar keiner Beziehung zur Religion stehen, die sich einbilden, daß religiöser Indifferentismus mit einer modernen Weltanschauung identisch ist. Hier müssen wir «insetzen, wenn wir zu einer besseren Zukunft gelangen wollen. Die Iugendverein«, soweit sie nur religiös-geistig« und keine politischen Ziele haben, müssen von unserem Berband« gefördert und unterstützt werden. Man weiß, wie schwer di« Iugendverein« heute zu kämpfen haben, und daß sie aus eigener Kraft, ohne unsere Hilf«, heut« nicht weiter arbeiten können. Nur durch die Unterstützung des Derbandes können sie in die Lag« versetzt werden, chren religiösen und kulturellen Aufgaben gerecht zu werden. Auch die Frauenvereine können uns zum Segen werden, wenn sie in der richtigen Erkenntnis der Forderungen des Judentums und unserer Zeit geleitet werden. Und auch hier erwächst unserem Derbande eine wichtig« und dankbar« Aufgabe. Di« Frauenvereine beschäftigen sich heut« fast ausschließlich mit Wohltätigkeit. Das ist gewiß sehr anerkennenswert, aber noch wichtiger vielleicht ist es, daß das Fühlen dieser Frauen vertieft wird, und daß sie innerlich dem jüdischen Leben näher zugeführt werden. Es wäre sehr wünschenswert, daß dies« Dereine durch religiös« und populärwissenschaftlich« Dorträge angeregt und fortgebildet werden. Wo das nicht aus eigener Kraft möglich ist, müßte der Berband, in die Zukunft schauend, sich dieser Aufgabe bemächtigen. Nur wenn diese Dereine durch die materiell« und geistige Hilf« unseres Derbandes ihre Mitglieder und deren Töchter zu „Müttern in Israel", zu jüdisch fühlenden und jüdisch lebenden Menschen erziehen, werden sie wahre jüdisch« Frauenvereine werden. So könnt« ich noch viele Aufgaben aufzählen, di« in bestem Sinn« des Wortes aktuell sind und der Gegenwart und der Zukunft dienen. Aber ich möchte Ihr« Zeit nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Unser« Mittelpartei, di« heut« noch zu den kleineren Gebilden gehört, hat kein anderes Ziel als den Frieden und die Einheit der Gemeind«, di« heute sehr gefährdet sind, zu festigen. Mit Schmerz sehen wir, wie überall, und leider auch in dieser Dersammlung, die schroffen Gegensätze, di« durchaus nicht durch Weltanschauungen bedingt sind, sich zu einer Katastrophe aus» wachsen. Daß es verschiedene Richtungen im Judentum geben muß, die einander kritisieren, liegt wohl in der inneren Beschaffenheit unserer fast dogmenfteien Religion. Aber un jüdisch ist es, wenn diese Richtungen zu Parteien erstarren und einander feindlich bekämpfen. Bei uns Juden ist der Geist der Lieb« und der Duldsamkeit, des Derstehens und Derzechens religiöse Pflicht allzeit gewesen. Der größte Philosoph, der aus dem Judentum hervorgegangen ist, und den man in religiösen Fragen wenig, aber in sittlichen Problemen stets heranzieht, Spinoza, sagt: „Man soll die menschlichen Handlungen nicht verlachen, nicht betrauern und nicht verachten, sondern man soll sie verstehen." Ich kann da noch «in tragisches Beispiel aus unserer biblischen Geschichte anführen. Nehemia, dieser groß« jüdisch« Staatsmann, hatte sein hohes Staatsamt verlassen, war nach Jerusalem gegangen, um da die Gemeinden Israels zu sammeln und den Tempel, das ragend« Heiligtum auf dem Berge Zion, aufzubauen. Man fing an, den Tempel zu bauen. Di« Mauern wurden aufgerichtet. Aber Nehemia hat da ein Wort ausgesprochen, das die Stimmung auch unserer Zeit charakterisiert. Er flagt: „Die Arbeit ist schwer, di« Gefahr ist groß, und wir stehen auf der Mauer, und einer versteht den anderen nicht." Gleiches haben auch wir in unserer schweren Zeit zu beklagen. Di« Parteien verstehen einander nicht. Sie haben so vieles gemeinsam, so vieles, das sie miteinander verbindet, aber die kleinen trennenden Momente werden immer aufs neue hervorgehoben und verschärft, und so gelangen wir zu keiner Derständigung, zu keiner Würdigung des Gegners. Das ist tief zu beklagen, denn daraus resultiert das geistige Elend unserer Zell. Wenn wir weiter uns so sinnlos bekämpfen und unsere Kraft in diesem Kampf« vergeuden, so geraten wir in die Gefahr der Spaltung, was das größt« Unglück des Judentums wäre. Wir müssen uns bemühen, versöhnend zueinander zu treten, einander zu verstehen und in jedem Juden den Bruder zu sehen. Was ich hier hervorgehoben habe, das sind nur Symptome einer kranken Zeit. In «in« Kritik der Gegner möchte ich mich nicht gern einlassen. Don der finanziellen Seit« verstehe ich nicht viel. Was ich auf religiösem Gebiete zu erinnern hatte, habe ich hervorzuheben versucht. Ich hoff«, daß di« Anregung auf fruchtbaren Boden fällt. Gestatten Sie mir, noch ein Wort über Kritik. Kritik und Selbstkritik waren bei un« Juden, angefangen von den Propheten, bis auf unsere Tag«, stets ein« charakteristisch« Erscheinung. Sie haben uns vor Uebechebung und Erstarrung bewahrt. Wo Krittk ist, da ist der Lebensprozrß reg«. Aber eine gerechte KrM muß sich chr« Grenzen selber setzen. Sie darf nicht übertreiben, darf sich nicht in Kleinlichkeiten und Kleinigkeiten verlieren. Auch der Begablest« und Derdienstvollste muß eine Kritik vertragen können, und es ist psychologisch begreiflich, daß gerade die hohe Begabung am meisten der Kritik ausgesetzt ist. Aber man darf nicht von der großen Linie, die die jüdische Ethik bezeichnet hat, abweichen und undankbar werden. Ich muß daher unter diesem Gesichtspunkt auch beklagen, daß der Geschäftsführer unseres Landesverbandes. Herr Dr. Freund, der eigentlich« Schöpfer dieser Organisation, dessen Bemühungen di« Staatszuschüss«, di« bereits abgelehnt waren, zu verdanken sind, und der sein ganzes Können und Wollen in den Dienst unserer Sache gestelll hat, hier einer Krttik ausgesetzt ist, die man nicht großzügig nennen kann. Es scheint mir ungerecht, ihn für Dinge verantwortlich zu machen, di« den Rat und nicht ihn treffen. Herr Dr. Freund vereinigt in sich «in so hohes Maß von Begabung und Wissen, daß nicht leicht Ersatz für ihn zu schaffen wäre, und ich verstehe nicht, wie man so leicht über chn zur Tagesordnung übergehen kann. Wir müssen ihn uns zu erhalten und seine Arbeit zu erleichtern suchen. Damit dienen wir dem Derbande am besten. Als Rabbiner, dem Einheit und Frieden als die höchsten Ideal« des Judentums vorschweben, möchte ich zum Schluß noch den Wunsch aussprechen, daß im Kampfe der heterogenen Richtungen jede Gehäsiigkeit und jede Herabwürdigung des Gegners vermieden werden möchte. Im Judentum darf es wohl Gegner, aber keine Feinde geben, und die vornehme Gesinnung muß auch in der Form vornehm bleiben. ,Sür Frieden und Einheit!" ist die Parole der „Religiösen Mittelpartei" und sie sollte zum Panier aller bewußten Juden werden. Wo Feindschaft von außen und Zersetzung von innen drohen, da tut es not, bei aller Derschiedenheit der Auffasiung, nicht zu vergessen, daß wir in erster Rech« Juden und dann erst Anhänger einer bestimmten Richtung sind. Wir alle sind berufen und verpflichtet, das teure Erb« unserer Däter mit Lieb« und Würde zu wahren. (Beifall.) Präsident des Rates Kammergerichtsrat Wolfs: M. D. u. H-! Wenn ich jetzt, nachdem di« vier Hauptredner zum Tätigkeitsbericht gesprochen haben, das Bedürfnis fühle, auch einig« Worte an Sie zu richten, so geschieht das, weil ich glaube, daß ich namens des Rates zu dem, was hier gesagt worden ist, Stellung nehmen und Erklärungen abgeben muß. Es ist über die Tätigkeit des Rates ausgiebig in erfreulicher und in weniger «rfieulicher Weise gesprochen worden. Es ist uns Anerkennung gezollt worden, für di« ich danke, und es ist an der Tätigkett des Rates stärk« Krittk geübt worden, für die ich ebenso dankbar bin. Gerade daran, daß Sie manches auszusetzen haben, darf ich erkennen, daß Sie der Wirksamkett des Derbandes da« größt« Interess« entgegenbringen, und ich glaube, feststellen zu können, daß gerade aus der Erhebung von Widerspruch und aus der Bemängelung mancher Ding«, di« geschehen sind, für die Zukunft sich «in Nutzen ergeben muß. Was hier gesagt worden ist, haben wir aufmerksam angehört, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß von sämtlichen Mitgliedern des Rates dem nach Möglichkeit Rechnung getragen wird, was hier gewünscht worden ist. Ich möchte aber doch, gerade weil im wesentlichen kritische Bemerkungen gemacht worden sind, mir gestatten, di« Damen und Herren zu bttten, Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen und in Rücksicht zu ziehen, daß die Geschäftsführung des Landesverbandes in der vergangenen Zeit nicht so ganz einfach gewesen ist, und daß man deshalb nicht von vornherein erwarten durfte, es werde auf der ganzen Liifl« mtt gleichem Erfolge und auf der ganzen Linie zur Zufriedenhett gearbettet werden können. Denken Sie daran, daß der Landesverband «in Gebilde ist, wie es bisher noch nicht bestanden hat, daß wir in jeder Beziehung mit neuen Derhättniffen zu rechnen hatten, daß neue gewaltige Aufgaben an uns herangetreten sind, und daß wir uns erst. selbst. klar darüber werden mußten, in welcher Weise wir arbeiten können. DaS ist natürlich mtt rein theoretischen Erwägungen, die schnell angesteltt werden können, nicht getan. Wir haben im Rat Derfuche machen müssen. Wir haben probieren müssen und gefunden, daß in vielen Fällen das Probieren über das Studieren geht, und eS hat sich herausgestellt, daß der «ine Versuch gelang, ein anderer aber verworfen werden mußt«. Es waren Kinderkrankheiten nicht zu vermeiden. Ich glaub« aber, sagen zu dürfen, daß di« Periode, in denen erfahrungsgemäß solche auftreten, binnen kurzer Zett vorbei sein wird. Denken Sie, wie ungeheuer groß die Arbeit gewesen ist, an die wir Herangehen