Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- 3 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3980048-10021561-10021552--202-3980222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-Lider Landgemeinden ist außerordentlich groß. Während die bäuerlich« Bevölkerung der Landgemeinden in Deutschland durch Gründung von Bibliotheken, Turn« und Sportvereinen, von Gewerbeschulen und bäuerlichen Fortbildungsschulen, durch Gewerbekassen und ähnliches aufS äußerst« g«förd«t worden ist, gehen unser« Glaubensbrüder in den kleinen Gemeinden geistig und materiell wie auch körperlich zurück. Di« Bewohner unserer jüdischen Landgemeinden fühlen sich immer mehr als auf einem nicht mehr in Betracht kommenden Posten. Sie gehen einer vollkommenen geistigen und finanziellen Verödung entgegen. GS genügt nicht, daß man die Lehrer und Rabbiner zur Beeinflussung der Jugend sicherstellt, sondern man muß in Anbetracht der jetzt auf dem Land« gegebenen BerufSarten unserer Brüder, die heut« zum AuSsterben verurteilt zu sein scheinen, und dt« immer mehr zurückgedrängt werden, erwägen, ob man nicht durch Gewerbekassen und ähnliches hier «in« Wandlung vornchmen kann. All« Richtungen haben «in Interesse daran, die kleinen und kleinsten Gemeinden nicht auSsterben zu lassen, denn es gibt kein« gesünder« und vernünftigere Beschäftigung für den Juden, der eben nicht in der Großstadt geboren ist, als die Beschäftigung mit Grund und Boden. Es muß also gesorgt werden, daß dies« isoliert lebenden Mitglieder der Gemeinschaft nicht vollkommen verlassen dastehen, sondern daß sie auch «in« Förderung erfahren. Sehr viel ist in der Lehrerausbildung bisher nicht geschehen. Wir wünschen deshalb, daß di« Bildung von Lehrer» und Rabbinerbezirken beschleunigt wird, und haben einen entsprechenden Antrag ringebracht. In allen Orten, wo «ine Möglichkest der Zusammenfassung von Juden in jüdischen Schulen gegeben ist, muß di« jüdisch« Schul« unser Ideal sein. Sie muß unter allen Umständen befördert werden. Da, wo Simultanschulen eingerichtet sind, müssen wir darauf achten, daß unser« Jugend unbeeinflußt von ftemder Gehässigkeit, und beeinflußt von den rein jüdischen Werten, herangebildet werde. Es muß mehr dafür getan werden, daß die hebräische Sprache ein Gut unserer Allgemeinheit wird. Es scheint ein Tropfen rabbinischen Blutes in jedem voi^ uns zu fließen. Ich habe di« Freud« gehabt» unser« Delegierten mit jüdischen Dersen hier schließen zu hören. Aber di« Zell rückt nahe, wenn nicht bald eingegriffen wird, wo Ihre Kinder und KindeSkinder dies nicht mehr können, wenn nicht stärker für Belebung der hebräischen Sprach« gesorgt wird. Sorgen Sie deshalb dafür, daß der hebräischen Sprach«, di« di« Sprach« unserer Helligen Besitztümer ist, «in stärkerer Einfluß bei der Gesamterziehung aller jungen Juden zuteil wird. Di« hier gelegentlich erwähnt« Gefahr, daß nur an orthodoxen Lehrerbildungsanstalten etwas gelernt wird, ist nicht so groß, wenn etwas mehr jüdisches Wissen auch denen beigebracht wttd, di« an sich auf einem anderen Standpunkt stehen. Ich Hab« im übrigen nichts dagegen «inzuwenden, daß neben den nach der heutigen Rechtslage bestehenden orthodoxen LehrerbildungSanstallen, im Anschluß an «in« Akademie von den liberalen Herren «in« liberale Ausbildungsgelegenheit geschaffen wird. Ich muß aber auch verlangen, daß auch unseren Wünschen auf die Errichtung einer konservativen Ausbildungsanstalt im Anschluß an di« Simullanakademi« stattgegeben wird. Ich glaub«, daß das selbstverständlich ist. Wenn wir davon sprachen, daß es unser« gemeinsam« Absicht ist, das religiöse Leben und den Zusammengehörigkettsgedanken' an sich zu fördern, so müssen wir vor allem «in« Förderung der Iugendverein« betreiben. Ich weiß, daß der neutrale Iugendverband in den letzten Jahren sehr erheblich zurückgegangen ist. Bor dem Krieg war er «in Verband, dem Zehntausend« junger Menschen angehört haben. In manchen Städten ist er heute verschwindend klein. Wir sind der Ansicht, daß «in« 'gewisse allgemeine Plattform neben den Spezialvereinen erwünscht ist, und daß neben der Ausbildung in Spezialvereinen dies« gemeinsame Plattform der Jugend nicht verloren geht, und meinen» daß in mittleren und kleineren Gemeinden vor allem di« neutralen Dereine gestützt werden müssen. Wir wollen ein« gemetnfame Möglichkeit der Aussprache bei der sehr auseinandergesplttterten Jugend schaffen. Wir haben schließlich gebeten, dem Verband ritueller Speischäuser in Hamburg «in« Förderung angedeihen zu lassen, und ich habe wetter darauf htngewiesen, daß es nötig ist, um die wilden Schächter Zurückzudrängen, und um di« Ausbildung der Schochttm sicherzustellen, «in« Schächterschule zu errichten. Di« jüdische Gemeinde Berlin geht wohl mtt ähnlichen Plänen um, die möglichst bald verwirklicht werde» müßten. Ich kann von dieser Stätte nicht Weggehen, ohne auch von unserer Sette den Wunsch zu äußern, daß sich all« Richtungen bemühen müssen, bei aller Betonung chres Standpunktes mit aller Energie gemeinsame Punkt« zu suchen und zu betonen. Rur unter diesem Gesichtspunkt ist «in Arbetten im Landesverband möglich. St« wtffen, daß ich mtt aller Klarhett di« Ansicht vertret«, daß nur das Bekenntnis zu dem überlieferten Judentum und di« Ausübung des überlieferten Judentums in allen seinen Tellen im persönlichen Leben di« Erziehung des jüdischen Menschen gewährleistet,, di« ihn befähigt, mttzuwirken am Aufbau der Wett im Sttrn« der messianischen Verheißung. Ich hoff«, daß all« Ihr« Kinder und Kindeskinder sich bekennen werden zu diesem Gesichtspunkt. Lin Bekenntnis zu diesem Gesichtspunkt ist aber nur dann möglich, wenn der Rest Jakobs, der noch geblieben ist, nicht immer mchr verschwindet, sondern wenn zahlreiche Menschen verschiedener Anschauung auch das Bewußtsein einer Linhett aufrecht erhalten, wenn sie sich zusammenzufinden suchen mtt der Absicht, nicht nur den Frieden zu lieben, sondern chm nachzujagen, wenn sie sich bemühen, in gemeinsamen Dingen zusammenzustreben, das Gemeinsam« zu betonen und das Trennend« zwar auftecht zu erhallen, nicht aber in den Vordergrund zu stellen. Denken wir an di« Worte des Propheten, der unS kündet: Das HauS Jakobs wird wie «in Feuer sein, daS Haus Josephs zur Flamm« werden, das Haus Lsaus aber wie Stroh verzehrt werden. Rur dann werden wir «in Feuer fein, nur dann werden wir wirken können wie «in« zündende, belebend« Flamm« auch auf di« anderen Völker, in denen wir leben, wenn wir das alt« Gesetz, di« ehrwürdige Ueberlieferung, den Willen zur Gemeinschaft, den Hang an di« Aeberlieferung, das Denken an die Jahrtausend« vor uns in unS aufnehmen und den Kindern, di« nach uns kommen, zum Inhall chres Bewußtseins machen. Dann wird es auch von uns heißen: Erlöst werden sein, di« den Berg Zions ersteigen, um Esau zu richten, um den Geist der Gewall niederzuringen, erfüllt von dem Glauben an die Ideale, die in unseren Schriften niedergelegt sind. Wir all« sehnen den Tag herbei, wo in diesem Sinne wir oder unsere Vorfahren in Wahrheit auf den Berg Zions hin wandeln können. Bekennend, daß die, di« unter Opfern und Sorgen den mühevollen Weg vor uns gehen, Bahn» weiser und Wegweiser sind, ersehnen wir den Tag, wo all« wir uns auf diesem Berg treffen, der uns vor Augen steht als Symbol der Erfüllung der Zeit. Abg. Dr. Weiß«: Verehrte Anwesend«! Der Landesverband ist nicht nur aus der äußeren Notlage der jüdischen Gemeinden, sondern auch aus der inneren religiösen Not unserer Zett heraus entstanden. Faßt man die Sach« so auf, dann eröffnen sich einem gar viele Aufgaben, di« der Lösung harren. Der Verband ist berufen, das jüdische Bewußtsein zu heben, Leben und Wärm« in di« jüdischen Kreis« zu tragen und alles, was gefühlsmäßig schlummert, zur Entwicklung und zur Klarhett zu bringen. Bei uns Juden beginnt alles mit dem Wissen, ohne Kenntnis des Judentums gcht es keine Liebe zum Judentum. Was man nicht kennt, liebt man nicht. Es ist daher «ine wichtige religiös« und kulturell« Aufgabe unserer Zeit, di« Wissenschaft des Judentums, auf deren Erfolge wir stolz sind, dt« aber naturgemäß nur einem kleinen Kreis« zugänglich ist, für di« wettest«» Kreis« unserer Religionsgemeinschaft fruchtbar zu machen. Das kann nur durch «ine populäre, künstlerisch« und interessante Gestattung der gesicherten Resultate der Forschung geschehen. ES wäre «ine schöne Aufgabe des Verbandes, sich dieser Sache anzunehmen. In früherer Zett hat Ludwig Philippson solch« Schriften herausgegeben, di« den gebildeten Laien beiderlei Geschlechts geistig« Anregung und Belehrung gaben. Wtt erfassen heut« zu wenig das eigentlich« Volk, und di« Unwissenheit auf jüdischem Gebiet« ist das größt« Uebel, denn sie ist di« Quell« aller Gletchgültigkett und aller Verirrung. Gin« besonder« Kommission unseres Verbandes müßt« dafür sorgen, daß geeignet« volkstümlich« Schriften über jüdisch-religiös« Fragen entstehen und di« weiteste Verbreitung finden. Nur so kann das Judentum den Weg zu den jüdischen Herzen finden. Auch apologettsch nach außen hin könnten solch« Schriften gut wirken, um all« Verleumdungen der Torheit und Bosheit zu widerlegen. Die Wahrhett arbettet oft langsam, aber sie dringt durch, wenn man di« geeigneten Wege und Mittel findet. Auf reinreligiösem Gebiet« bedaur« ich in der bisherigen Tättgkeit des Verbandes, daß die Bezirksrabbiner und Lehrer noch zu wenig in chre eigentlich« Arbeit eintreten konnten. Wie wichtig dieses ist, um in den kleinen und kleinsten Gemeinden das religiös« Leben zu stärken, braucht wohl nicht betont zu werden. Es muß dahin gestrebt werden, daß kein Erwachsener und kein Kintp-i» den jüdischen Reihen in Deutschland ohne inner« Fühlung mtt dem Rabbiner oder Lehrer bleibt. Bei anderen Religionsgesellschasten gill das als selbstverständlich. Wir aber kranken noch daran, däß viel« unserer Gemeinden rein verwaltungsmäßig geleitet werden, und daß für di« Vertiefung des religiösen Gefühls und di« Bereicherung des jüdischen Wissens zu wenig geschieht. Wir müssen in di« wirklich« religiös« Verwaltung hereinkommen. Bei der Anstellung von BcyirkSrabbinern und Lehrern muß chnen zur Aufgabe gemacht werden, daß sie sich nicht nur mtt Synagoge und