Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- 3 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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— 18 - Abg. Dr. Kahn-Jaffa führt aus, daß dieselben Gewisfensbedenken, die gestern für di« U ebernahm« seine- Amtebestanden, für ihn auch heut« noch gegeben seien. Abg. Dr. Kollenscher: Ich Hab« an den Borsitzenden di« dringende Bitte, die letzt« Aufforderung für alle Zeit zu unter» laffen. LS heißt an unser« Geduld «in« hohe Anforderung zu stellen, wenn man immer wieder von unS verlangt, daß wir Plätze «innehmen sollen, die gekennzeichnet sind durch den Inhaber des BorsitzendenPlatzeS. Präsident Sonnenfeld: Dies« Kritik ist unangemessen. Ich bin mit Willen der Mehrheit in diesem Haus« Borsitzender, und ich mutz dringend bitten, die parlamentarische Würde zu wahren. Abg. Dr. Kollenscher: Der Dorsitzend« hat kein Recht, stolz zu sein auf dies« Willenskundgebung. Wir Hallen es mit unserer Lhre für nicht vereinbar, neben dem Borsitzenden zu sitzen, und wir werden di« Konsequenzen daranziehen. Wir behalten uns vor, noch ganz ander« Konsequenzen zu ziehen. (Zurufe: Scharfmacher.) Präsident Sonnenfeld: Ich Hab« kein« Aufforderungen an di« Herren gestellt, sondern Hab« nur festgestellt, daß «S den Herren überlassen bleibt, ihre Pflicht zu tun oder nicht zu tun. Abg. Dr. Baerwald: M. D. u. h.k Als wir im vorigen Jahr« zum ersten Verbandstag zusammen waren, haben Redner der verschiedenen Gesinnungsgemeinschaften dieses Hauses dargelegt, wie sie sich -zu den wichtigsten g^agen stellen weichen, di« Gegenstand der Interessen des Gesamtjudentums bilden. LS ist nicht mein« Absicht, von dieser hohen Wart« aus zu reden. LS ist vielmehr mein« Absicht, zunächst rein sachlich 311 sprechen, und ich muß Sie zu meinem Bedauern herunterzuführen in die Niederungen der täglichen Arbell, die geleistet worden ist, wenn ich von dem Tätigkeitsbericht des Ratä rede. Ich darf ^«ststellen, daß wir mit Freude und Genugtuung auf di« Entwicklung des Verbandes blicken können. Ich danke denen, die die Füll« der Arbett geleistet haben, dem Herrn Vorsitzenden, den Mitgliedern des Rates, den Dezernenten, dem Geschäftsführer und dem Büro. LS ist trotz der Fülle von sachlichen Schwierigkeiten, die unvermeidlich waren, und trotz persönlicher Schwierigkellen, die hätten vermieden werden können, Ersprießliches geleistet worden. Da wir Juden mll langen Fristen rechnen, müffen wir gerade in Preußen jeden Fortschritt begrüben, mag er auch noch so klein sein. In diesem Sinn« freu« ich mich über eine Reibe von geleisteten Dingen. LS ist erfreulich, daß es möglich war, Bechilfen zu erreichen, für das Elend von Witwen und Waiden von Rabbinern und Lehrern, daß kleinen Gemeinden bat gebolfen werden können. Ls hat «ine Fülle von Arbeit gekostet, bis wir vom Staat Bechilfen erhalten haben, di« schon lang« unser gutes Recht waren. Wir waren vernachlässigt und waren Stiefkinder. Wir haben mll Geldern jüdischer Steuerzahler di« Einrichtungen der christlichen Gemeinden erhallen und wir haben dabeigestanden wie die Aschenbrödel. Das ist nun besser geworden, und ich will hoffen, daß das Erreicht« einen Anfang bildet, und daß wir endlich zu dem kommen, was wir verlangen können.' Di« Schwierigkeiten verkenne ich dabei nicht; hoffentlich werden sie überwunden. Im Namen meiner Freund« begrüße ich dann, was geleistet worden ist. besonders von dem Liberalen. Kultus- und Unterrichtsausschuß. Wir hoffen, dadurch ein« Reihe für unS wichtiger Diug« vorwärts gebracht zu haben. Ich dank« auch denen auS unteren Reihen, di« sich in den Beamtenfragen bemüht haben, und ich will weller nicht verkennen, daß unendlich viel gearbeitet wurde, um di« Borlagen über das preußisch« Judenaeietz und den Reichsverband dahin zu bringen, daß wir sie überbanvt haben erhalten können. Aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, und so fehll auch leider in diesem Bild« der Schatten nicht. Ich beton« vor allem, daß bei den Beratungen d«S Ständigen Ausschusses immer wieder auf «inen Punkt hinqewiefen worden ist, auf den man eigentlich bei Juden sonst nicht hinweist, und zwar auf «ine übergroß« B«sche8>«nheit unserer Erekutiv«. Wir haben «in Derbandsoraan, aber von diesem Derbandsorgan haben 'wir nichts gehört. Jüdisch« Blätter erscheinen in Meng«, aber das Derbandsorgan, das wir haben und brauchen, ist nicht so erschienen, wie wir es in den Gemeinden wünschen müssen, sondern nur ganz svoradisch. Mit großer Verspätung sind unS eine Fülle wichttger Dinge, di« in den Gemeinden von Bedeutung sind, mttoe'eilt worden. Das Preffedezernat, um dessen Bildung wir ersucht haben, ist nicht geschaffen worden. ES macht dabei Wohl nicht allzuoroß« Schwierigkeiten, einen jüdischen Journalisten .zu finden, der sich der Aufgabe unterzieht, ein DerbandSblatt zu redigieren. ES ist nicht oelunaen, di«s«S Pressereferat zu schaffen, und sowett «S in letzter Stund« geschaffen worden ist, hat es nicht funkttoniert. Darin erblick« ich einen schweren Schaden und «ine Mißachtung deffen, was der Ständig« Ausschuß der Versammlung immer wieder gewünscht hat. Der Rat hat sich damit selbst geschadet. Der Landesverband ist nicht zu der Popularität gekommen, die er verdient, weil nicht nur sein« Mllglieder nichts erfahren habe«, sondern auch der Kreis der preußischen Juden nicht unterrichtet ist von dem, was geschehen ist. Wettere Bersäummisse erblick« ich darin, daß di« Geschästslettung sich mtt den Beamtenfragen nicht befaßt hat. Auf dem Schiet« der Wohlfahrtspflege ist so gut wie nicht« geschehen. Ein« Füll« von Anregungen ist von unserer Seite, und insbesondere von den Frauen in unserer Mitte, an die Geschäftsleitung gegchen, irgendein Fortschritt aber nicht erzielt Wochen. Nicht «inen Tropfen sozialen OeleS, nein, «ine ganz« Flasche sozialen OelS müssen wtt beim Verband haben, wenn ■ er tatkräftig wirken soll. Die Einsicht hierfür scheint zu schien. Auch formal sicht es betrübend auS. Wir haben monatelang nichts gehört. Dann ist der BerbandStag einberufen worden, in den letzten Tagen und Stunden find uns Vorlagen zugegangen, di« wir außerstande waren, nachzuprüfen. Wir haben «inen Etat und Rechnungsabschluß bekommen, über di« noch nachher zu sprechen sein wird, der sehr schweren Bedenken unterllegt, da er im einzelnen durchaus nicht begründet ist. ES ist des Derbandstages unwürdig, daß er in dieser Weis« bchandell wird. So gchen die Ding« nicht weiter. Ein« Füll« von Arbett ist nicht geleistet worden oder zu spät geleistet worden. Da« muß darauf zurückgeführt werden, daß schwere organisatorisch« Mängel vorhanden sind, die auch Herr Badt anerkannt hat. Di« Dinge liegen zum großen Teil daran, daß der verehrt« Geschäftsführer Dr. Freund «ine Fülle von Dingen hat allein erledigen wollen, daß er nicht imstande war, allen diesen Dingen nachzugehen, trotz der Füll« der Arbeitskraft, die ihm innewohnt und seiner Kennt» niffe. Er ist sich nicht der'Weisheit des alten Wortes bewußt geblieben: „Oui trop embrass«, mal etreint". Gerade darin glaub« ich bei aller Anerkennung deffen, was Dr. Freund geleistet hat, die Ursachen der schweren Mängel zu sehen, die ich hervorgehoben habe. Es liegt mir nicht daran, auf die Dergangenheit zu sehen, wtt wollen vorwärts und deshalb will ich den großen Mantel jüdischer Lieb«, den wir besitzen, über die Vergangenheit ausbretten, nachdem ich gehört Hab«, daß Herr Dr. Freund nicht berett fft, da- Amt als Geschäftsführer im Rahmen der vom Engeren Rat aufgestellten Richtlinien Wetter auszuüben. Wir würden dies« Erklärung, daß wtt über di« Vergangenheit den Mantel der Lieb« bretten wollen, nicht abgeben, und wir wären genötigt, zu Feststellungen anderer Art zu kommen, wenn wtt damtt rechnen müßten, daß Herr Dr. Freund noch weiter Geschäftsführer des Verbandes bleibt. Wir müßten dann feststellen, daß di« Möglichkett einer gedeihlichen Arbeit im Verbände nicht mehr vorhanden fft, wenn Herr Dr. Freund das Amt als Geschäftsführer weiter auSübt. Vieler Feststellung sind wtt nun überhoben. Es ist nicht unser« Sach«, «inen Geschäftsführer zu bestellen. Der Rat wird die Stell« auSzuschreiben haben, denn ohne «inen Geschäftsführer kann der Rat und Landesverband nicht das leisten, was er leisten muß. Wtt wollen hoffen, daß ein Mann gefunden wird, der di« Arbett so fördert, daß bei unserer nächsten Tagung festgestellt werden kann, daß all« Hemmungen fortgefallen sind, und daß die Arbett, die uns allen am Herzen liegt, sachlich gefördert werden kann. Ich verkenn« nicht, daß das schwer ist, weil ein« Ueberorganisation vorliegt. Ich für mein« Person bin nicht der Ansicht, daß die Demokratie ^identisch ist mit einer Zahlenwut, und daß di« Demokratie um so besser ist, je mehr Menschen sich in ihr betätigen. Wenn ich mtt vorstelle, daß rund 150 Mitglieder der Tagung und «in« große Reih« von Herren aus dem Rat, etwa 200 Damen und Herren, hier arbetten für di« Verwaltung einer Glaubensgemeinschaft von rund fünfhunderttausend Seelen, so kann ich mtt vorstellen, was für ein Armeekorps anmarschieren müßt«, wenn in gleichem Rahmen bei den christlichen Kirchen gearbeitet werden würde. Darin geschieht bei uns zu viel des Guten. Wenn an ein« Aenderung der Verfassung gedacht wird, so bitte ich doch zu erwägen, ob nicht «ine Aenderung der Verfassung dahin angebracht fft. daß wir mit weniger Kräften auskommen. Ich glaub« nicht, daß unsere sachliche Arbeit dadurch beeinflußt werden würde. Mtt diesen kurzen Ausführungen hätte ich zu Ihrer und meiner Freud« schließen wollen und können, zumal es nicht mein« Gepflogeuhett ist, große Reden zu halten und Schlagwort« zu gebrauchen. Aber ich kann ttotzdem nicht das unwidersprochen lassen, was gestern Herr Dr. Badt -in einer Reihe von Punkten hier gesagt hat. Sein« Ausführungen nöttgen mich zu einer Polemik, die ich (tc6«r unterlassen hätte. Herr Dr. Badt hat gesprochen von der Zersplitterung der deutschen Juden, die selbst ihre größten Feinde seien. Er hat erklärt, daß Kampfmethoden im deutschen Judentum vorhanden seien, die dem entsprechen, was da« deutsch« Volk tu«. daS polttisch nicht auf der höh« ist. Ich akzepttere dies Zugeständnis, daß di« Juden innerhalb Deutschlands keine in sich ge-