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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1927-03-24 · 3 (24.3.1927) · p. Seite 15

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
5 (1927)
Issue
3 (24.3.1927)
Date
1927-03-24
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Schlagwort« übernommen unb sich teilweise auch chr Programm zu eigen gemacht, wt« sehr, daS merken Sie oft gar nicht. Auch Sie operieren schon mit dem Begriff einebesonderen „Deutschfühlens", und «S war mir sehr interessant zu hören, daß auch einer der lokalen Liberalen bezweifelt«, ob man zugleich Zionist und deutscher oder preußischer Staatsbeamter sein könne. Sie werden «S verstehen, wen« ich auf den Brief, der am Anfang« unserer Erörterungen «in« solche Rolle gespiev hat, auS Gründen des Taktes jetzt nicht «ingeh«. Aber auf «ins darf ich Hinweisen: Der Schreiber d«S Briefes hat mir versichert, er habe chn im guten Glauben abgesandt. Ich trag« loyalerweis« keine Bedenken, dieser Erklärung restlos Glauben zu schenken Wenn sie aber richtig ist, sehen Sie dann nicht, daß dann der Fall eigentlich viel schlimmer liegt, als wenn der Brief nicht gutgläubig gefchrieben worden wäre? DaS besagt nämlich: Wir sind heut« soweit gekommen, daß wir keinerlei Gefühl mehr dafür haben, waS im dinerjüdischen Kampf« noch zulässig ist, und was nicht, und daß wir glauben, uns hierbei sollher Mittel bedienen zu dürfen, di« wir sonst alS unzulässig bezeichnen würden. ES ist ja wohl ein offene« Geheimnis, daß — nicht zuletzt infolge der vielen Quertreibereien von jüdischer Sette — der Kampf um mein« Ernennung eineinhalb Jahr« gedauert hat, und Sie wissen auch, daß di« Unterredung, um di« «S sich hier dreht und di« in diesem Brief« erbeten wurde, am Tage vor meiner Ernennung stattgefunden hat. Ich kann Ihnen aber ehrlich versichern, daß dieser Brief mich persönlich nicht sonderlich überrascht hat,- er hatte nämlich viele Dutzend« von Vorläufern, Brief« des gleichen Inhalts, in denen das Ministerium von jüdischen Kreisen vor dem gefährlichen ,Zionisten" gewarnt wurde. Ein demokratischer christlicher Abgeordneter sagt« mir neulich in Gegenwart eineS unserer höchsten Staatsbeamten: „Sie glquben gar nicht, welch« Schwierigkeiten mir draußen in der Provinz von meinen jüdischen Wählern Ihretwegen gemacht werden, di« mir immer wieder vorwerfen, ich hätte es nicht zulafsen dürfen, daß «in Zionist in «in« hohe Beamtenstellung kommt." Und dieser Abgeordnete fügte hinzu: „Roch nie hat mir ein nichtjüdischer Wähler etwas ähnliches gesagt." Run frag« ich Sie: Welcher Unterschied bleibt da noch zwischen den Bemerkungen der „Täglichen Rundschau" in ihrer gestrigen Rümmer und allen diesen Aeußerungen? Und Sie ziehen ja am gleichen Strang«, wenn Sie sich da» Schlagwort zu eigen machen, daß die Zionisten deshalb, weil sie sich zu einer internationalen Lösung der Iudenfrage bekennen, schlechter« deutsche Staatsbürger sein müssen. Dieselben Leute, die das behaupten, würden'wahrscheinlich noch heut« — wenn sie hören, daß in Luxemburg heute «in« Bierländerkonferenz stattfindet, wo sich di« Sozialisten der am Rheinpatt beteiligten Staaten zusammen finden, um über die Förderung des europäischen Friedens zu beraten — diese Sozialisten als unsicher« Kantoristen, wenn nicht gar als Daterlandsverräter bezeichnen. M. D. u. tz.k Rach meiner festen Ueberzeugung kommen wir nicht Wetter, wenn wir nicht endlich einmal «inen ganz dicken Strich unter dt« Bergangenhett ziehen. Das Beispiel der Berliner Repräsentantenwahlen hat erschreckend gezeigt, wie wett die Dinge schon gekommen sind. Wenn man da z. B. auch aus dem Grund« die Ungültigkeitserklärung der'Wahl zu erreichen versucht, well die Wahlzettel nicht nur di« ersten beiden Namen der betreffenden Listen, sondern di« vier ersten Namen enthielten, so fchtt mir dafür jedes Verständnis. Und nun komm« ich zu einem ganz besonders schlimmen Kapitel, der innerjüdischen Selbstzerfleischung. Das ist das Verhalten den Ostjilden gegenüber. Mein« Herren! Sie haben einen sehr dankenswerten Antrag zur Einbürgerungsfrage gestellt. Aber haben Sie sich schon einmal überlegt, waS man Ihnen als Antwort auf diesen Antrag sofort «ntgegenhatten wird? Man wird Ihnen sagen: „Ihr verlangt vom Staate die völlig gleich« Behandlung der jüdischen und nichtjüdifchen Ausländer; aber waS macht Ihr denn in Euren Gemeinden mtt den Ostjuden?" Was ist in westfälischen Gemeinden, in Dresden und anderwärts geschehen? Man hat dort di« Ostjuden entrechtet, man hat versucht, ihnen daS aktiv« und das passiv« Wahlrecht ganz zu nehmen oder doch zu beschränken. Man wollt« wicher «in Klassenwahlrecht «inführen und hat es zum Teil — wenn ich recht unterrichtet bin — schon «ingeführt. Wenn Sie wüßten, wie schwierig ohnedies di« Lag« unserer östlichen Brüder hier ist, wir stet» daS Damoklesschwert der Ausweisung, die meist eine völlig« Bernichtung der Existenz bedeutet, über chnen schwebt, Sie würden etwas menschlicher und — jüdischer in Ihrem Verhältnis zu chnen sein. (Redner schildert zwei besonder» krass« Fäll«, um dann fortzusahren:) Zu dieser Frag« der Ausweisung haben wir ja auf dem letzten BerbandStag «in« Resolution gefaßt. Ich freu« mich, feststellen zu können, daß hier einige» besser geworden ist. Herr Dr. Klee hat wiederholt Besprechungen im Ministerium gehabt, von denen er, wie ich höre, durchaus befriedigt war. Für unS kommet» darauf an, di« humanen Ansichten der StaatSregierung sich auSwirken zu lassen. ES dürfen aber nicht Juden lediglich au» Konkurrenzgründen die Ausweisung von Ostjuden verlangen, wie es tatsächlich vorgekommen ist. Dom Verband aus sollt« in diesem Sinne AufklärungSarbett geleistet werden. Wegen der vorgerückten Jett muß ich leider darauf verzichten, di« Fragen der jüdischen Schul«, des hebräischen Unterrichts, der Hebung des religiösen Lebens in den Gemeinden — kurz, all di« Wege näher zu erörtern, auf denen den von mir skizzierten Zer» splitterungS» und Selbstzerfleischungstendenzen im deutschen Judentum «ntgegengewirkt werden kann. Hier hat der Landesverband ein« groß« Aufgabe vor sich, und ich bin trotz aller bösen Erfahrungen der letzten Zett durchaus nicht hoffnungslos. Lassen Sie mich alS Begründung für meinen Optimismus Ihnen «in Erlebnis schildern, das ich vor einigen Monaten hatte: Ich war im Mai d. IS. in Palästina und traf dort eines Tages «inen Fabrikbesitzer, der Vorsitzender der Ortsgruppe deS E. D. seiner Stadt war. Er hatte auf seiner Geschäftsreise zwischen der Türkei und Aegypten auch einen Tag für Palästina vorgesehen. Aus diesem «inen Tag« wurden aber neun. Er war durch das, was er hier sah, in seinem Innersten getroffen, und er, der noch kurz zuvor di« E.B.» Resolutton gegen den Keren Hajessod vertreten hatte, sagt« mir, er fühl« bereits, daß er in Kürz« der zionistischen Organisation sich anschließen werd«; dann aber werde er darauf hinwirken, daß auch sein« ganze Ortsgruppe sich der Organisation anschließ«. Wenn man solch« Ding« erlebt, so werden Sie verstehen, daß man nicht resigniert. Ich habe Ihnen aber schon beim vorigen Berbandstag bekannt, daß ich Sie all«, di« Sie noch nicht Zionisten sind, als mein« Weggenossen von morgen anseh«. Ich zweifele nicht daran, daß es so, wt« «S diesem Mann ergangen ist, SS«/o der Juden ergehen wird, wenn sie erst einmal einen Blick in die palästinensisch« Wirklichkett geworfen haben. And wen» ich ferner bei der vorigen Tagung der Hoffnung Ausdruck gab» daß eine gemeinsame ersprießlich« Arbett in den Ausschüssen über die innerjüdischen Grrnzpfähl« hinaus uns einander näherbringen würde, so kann ich heut« freudig feststellen, daß dies« Hoffnung nicht getrogen hat; dabei denk« ich besonder» an di« letzte Sitzung im RechtSauSschuß, bei der berettS in vielen Fragen «in« Einheitsfront von den Zionisten bi» zu den Liberalen vorhanden war. _ Wie ich über unser« innerjüdischen Auseinandersetzungen in Zukunst denk«, da» laffen Sie mich, bitte, zum Schluß an dem Beispiel zeigen, daS unS der gestrig« Wochenabfchnttt gibt. Wir werden auch in Zukunft unser« WellanfchauungSkämpfe auszutragen haben. Aber wir wollen sie auStragen wie Jakob im Kampf mtt dem Engel. Dieser Kampf spiett sich ab zwischen zwei Leuten, die sich vorher nicht kannten, nicht einmal einander nach dem Nameu gefragt hatten. Bei uns ist es dagegen so: Wenn wir Zusammenkommen, um wettanschaulich« Gegensätze auSzuttagen, so fragen wir zunächst, wie der Gegner abgestempell ist, ob er Zionist oder Anhänger des EentralvereinS ist, und je nach dem gcht di« DiSkusiion vor sich. So haben die beiden nicht gekämpft. Erst am Schluß de» schweren Ringens fragt Jakob, der trotz des Schmerze» der verrentten Hüfte dem Gegner nicht flucht, sondern chm sagt: 'XTCrü DK 'S “jn'rox üb „Was ist Dein Name?" Und der ander« entgegnet: 'DE^ SkETI Hf HD1? „Warum fragst Du mich nach meinem Namen? ES kommt nicht darauf an.". Das ist di« Art, wie wir unser« innerjüdischen Kämpf« auStragen sollen: In ehrlichem Kampf« ringen um den allen jüdischen Wert, aber uns nicht zerfleischen, sondern am Schluss« des Kampfes den Segen des Gegners erbitten. (Allgemeiner Beifall.) Wenn ich diesen Beifall richtig deuten darf, dann ist er mir «in« Bestätigung für meine Hoffnung auf gemeinsam« Arbett zum Wohl« der gesamten Iudenhett. (Bravol) Präsident: Ich habe einig« Erklärungen zu den Ausführungen d«S Herrn Ministerialdirektor Badt ad zugeben, zu denen ich «ich verpflichtet fühle, um neuen Legendenbildungen entgegenzutreten. Herr Dr. Badt hat gesagt, ich hätte chm wiederholt versichert, den fraglichen Brief gutgläubig geschrieben zu haben. Davon ist gar kein« Red«; sondern ich habe den Brief für mein gute» Recht gehalten und ich nehme chn wetterhin dafür in Anspruch. Ein Antrag auf Vertagung wird angenommen. Präsident schließt den ersten DerhandlungStag, indem er die Abgeordneten noch einmal zu dem vom Rat« veranstaltete» Bierabend einladet und st« bittet, bei diesem Zusammensein di« Kämpf« de» Tage» zu vergessen. Schluß: 8 Uhr abend».

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