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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1926-03-10 · 1 (10.3.1926) · p. Seite 45

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
4 (1926)
Issue
1 (10.3.1926)
Date
1926-03-10
Page
Seite 45 (sequence 45)
Language
German
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— 45 — erste» löfiu»« des jüdischen Parlaments dagegen, daß die Stellung de- Rabbiner» in Preußen weiterhin abhängig bleiben wird, und daß bei einer Revtfion -es JudengefetzeS nicht auch hier eine Aenderung eintritt. Wir haben es in dieser Tagung erlebt, daß die jüdischen Angelegenhetten und ihre Führung Lei den Männern des Rechts und der Justiz ausgezeichnet aufgehoben sind. Es hat sich die Tradition der Rechtsanwälte auch bei dieser Tagung vorzüglich bewährt. sHeiierkeit und Zustimmung.) Und ich, als Anhänger der traditionell «esetzestreuen Richtung, beuge mich auch dieser Tradition. «Heiterkeit.) Sowohl der konservative, wie der volksparteiliche, ja sogar der Vertreter der Liberalen Partei haben so gesprochen, als seien sie auf dem besten Wege, halbe oder gar Drei-Biertel-Rabbiiier zu werden. (Heiterkeit.) Aber, meine Tamcn und Herren, vom Scherz zum Ernst: Wir verlangen eine gesetzlich begründete und verankerte Stellung des Rabbiners. Wie, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Aber er soll nicht in der Lust hangen, wie bisher, seine Anstellung, seine Repräsentation nach außen, seine Wirksamkeit nach innen. Das war bis setzt den Gemeinden anheim gegeben, und sic haben eS so schlecht und recht gemacht, wie sie eS verstanden. Aber. daS soll anders werden. Es soll nach außen und innen anerkannt werden, daß der Rabbiner der Träger der religiösen Aufgabe seiner Gemeind« ist. DaS wirb auch eine Entlastung der Verwaltung der Gemeinden darstellen. Es wird dann nicht mehr dazu kommen müssen, daß bei Empfängen an irgend welchen bis zu den höchste» Stellen als Vertreter der jüdischen Konfession ein Mann des-Rechtes geschickt werden mutz, weil — vom Rabbiner nichts im Gesetz steht: fiat justitia, pereat rabbinus. — Unter den erhebenden Momenten, insbesondere des gestrigen Tages, unter den Sonnenblicken dieser regenschwangeren ersten Sommertage, war für mich und für alle die anderen auS dem ganzen Vaterland Erschienenen daS Erhebendste dies, daß auS allen Richtungen dieses Saales, ans allen Sektoren dieses Halbkreises zum Zentrum einheitlich der Ruf emporklang: Rückkehr zur jüdischen Idee in der Führung des Judentums, Wiedererweckung des Judentums. Wie aber wollen Sie das Judentum wiedererwecken, wenn Sie dem Rabbiner wicht endlich die Stellung cinräumen, die ihm gehört? Es gibt nun wohl ein Gesetz für die „Stellung" des Rabbiners im Judentum. Es steht im Schulchan Aruch und verlangt u. a.: ,LScnn man einen Rabbiner sieht auf vier Ellen Entfernung, muß man vor ihm aufstehen und darf sich erst ivieder setzen, wenn er vier Ellen weitergegangen ist." Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dieses Gesetz empfehlen kann. sHeiierkeit.) Aber ei» anderes sollten Sie annchmen, in dem klar steht, daß der Rabbiner der religiös« Vertreter des Judentums ist. Stärken Sie unser Pflichtbewusstsein und unsere Stellung in der Gemeinde, und wir werden diejenigen Ideen hineintragen in unsere Gemeinde und ihre Jugend, von denen Sie selbst bekannt haben, daß sie notweirdig sind, zur Erhaltung und Führung des preußischen und deutschen Judentums. (Lebh. Beifall und Händeklatschen.) Präsident S o n n e n f e l d: Es ist ein Antrag, unterschrieben von der Jüdischen Bolkspartei, eingegangen, der Folgendes besagt: „Wir beantragen zu Punkt 8 der Tagesordnung: Der Berbanüstag wolle beschließen: Zur Vorbereitung der Reform der Judengcsetzgebung wird ein Ausschuß des Derbandsdages gebildet, der auS zehn Mitgliedern besteht. Dieser Ausschuß hat mit größtmöglicher Beschleunigung den Entwurf eines preußischen JudengefetzeS auszuarbeiten. Dem Ausschuß werden albe vorliegenden Anträge alS Material überwiesen. — Fraktion der Jüdischen BolkSpartei". TaS Wort hat der Abg. Dr. Kahn. Abgeordneter Dr. Jsi Kahn: Meine Damen und Herren! Zunächst möchte ich mich über das passive Wahlrecht der Frau äußern. ES ist dies ein Gebiet, auf welchem auch in unserem Kreise die Meinungen geteilt sind. Unser unvergeßlicher Professor Dr. Hoffmann. Rektor deS hiesigen Rabbiner-Seminars, hat sich gegen daS passive Wahlrecht der Frau ausgesprochen. Unser seliger Rehemia Nobel, «ine führende Persönlichkeit innerhalb -er Gemeindeorthodoxi«, hat der Frau auch das passive Wahlrecht sreigegeben. Wir haben von seiten der Fraktion keine einheitliche Stellung dazu genommen. Wie Sie wissen, hat die Gemeinde Berlin, der wir ja angehören, der Frau aktives und passives Wahlrecht etngeraumt. Der Standpunkt der Fraktion ist der, die jeweilige Entscheidung über Nun zu der Frage, die unS alS der Kernpunkt der ganzen Judendiej« Frage den einzelnen Gemeinden zu überlassen, gesetzgebung erscheint: die Frage deS Austritts. Herr Dr. Freund bat sefagt. »atz fein Vorschlag der einzig mögliche Weg sei. Wir sagen: der Vorschlag Freund ist ein absolut unmöglicher Weg. Grundsatz «nserer Partei ist: eS kann und darf nichts geschehen. waS auch nur tot enkf«rnt«sten Rechne öer Austritts orthoöorie antastet. Die AuStrtttSorthodoxie muß ihre absolut« Gewissensfreiheit habe«. Sie mutz ihr unbedingtes SetbstbestimmuugSrrcht habe», sie mutz so leben können, datz irgend eine religiöse Gewissensnot, welcher Art sie auch immer sei, ausgeschlossen ist. Die Orthodoxie hat unter unerhört schwierigen Kämpfen sich den Austritt aus den Gemeiude« erfochten. Ihre Gemeinden haben Beispielloses auf jedem und jeglichem Gebiet geleistet. Schulen und religiöse Institutionen stehe» in höchster Blüte. Ich scheue mich nicht eS auSznsprechen, datz wir in der Gemeindeorthodoxie niemals vielleicht so schnell so weit gekommen wären, wie wir gekommen sind, wenn wir nicht die AuStrittSortho« doxie gehabt hätten. Demgemäß fei eS nochmals klar und deutlich unterstrichen, daß wir unter gar keine« Umstände» zulaffe» werde», daß der Halberstädter Verband seitens unsere- Verbandes aggressiv behandelt wird. Es muß «inen Weg geben, tn Anerkennung des Halberstädter Bundes friedlich nebeneinander zu leben. Ich muß den Ausführungen Freunds, die dahin gehen, daß die Austrittsorkhodoxie ihr eigenes Todesurteil gesprochen hat, auf da» entschiedenste widersprechen. Unsere Groß-Gemeinden sollten sich an der vorbildlichen Hingabe der Separatisten für ihre Gemeinde-Aufgaben ein Beispiel nehmen. Die Mitglieder der AustriUSgemetndeu werden für Amt und Stellung nach ihrer religiösen Qualifikation berufen. Es gibt nur ein einziges Mittel, den Austritt zu bekämpfen: Sorgen wir, daß in allen unseren Gemeinde« die religiösen Zustände so eingerichtet werden, daß niemand, wer eS auch immer sei, gezwungeu wird, aus jüdisch-religiösen Bedenken heraus di« Gemeinden zu verlassen. DaS ist die sicherste Waffe gegen de» Austritt. Wäre zu Zeiten LaSkerS dieser Grundsatz befolgt worSen. so wäre die AuStrittS-Jdee heute erledigt. Im übrigen möchte ich gegenüber Herrn Dr. Freund noch auS» führen: Glauben Sie nicht, Herr Dr. Freund, datz Sie stark genug sind, den Kampf gegen die äußerste Rechte zu führen! Sie ist politisch so glänzend geführt und religiös so stark fuudiert, daß Sie nichts gegen die AüStrittSorthodoxie werden ansrichten können. Herr Dr. Freund hat dann writer ausgeführt, daß dt« Austritts» orthodoxie mitsamt dem Halberstäbter Bund eine so verschwindend geringe Ziffer darstellt, daß eine Rücksichtnahme aus sie auch nicht berechtigt sei; darum will Dr. Freund den Halberstäbter Bund vou der Bildsläche verschwinden lassen. Di« Judenheit und daS Judentum habe» stets ein« Minorität in der Welt Largestellt. Im Saufe der Jahrhunderte und Jahrtausende waren eS immer Minoritäten, vou denen Ideale und große Taten auSgingen. Die wenigen Minuten, die mir mein Borredner noch gelassen hat, sind zu kurz, alS Laß ich hierauf eingehvn könnte: aber der jüdische Geschichtsschreiber mühte einmal ein besonderes Kapitel schreiben mit der Uebcrschrist: Di« Bedeutung der Minoritäten in der Entwicklung der Judenheit. In Uebereinstimmung mit meiner Fraktion empfehle ich die Annahme der Resolutton. Ss entspricht dem innerste» Kern der konservativen Wellanschauuug, daß daS Prinzip der absolute« Gewissen»- sreihett nach keiner Seite hin eingeengt werde. Wir halten jede Zwangsgesetzgebung für unmöglich, weil wir überzeugt sind, daß nur bei vollster Freiheit deS geistigen Spiel» das Wahre und Gute sich durchsetzen kann. Diese Entwicklung darf durch keinerlei Zwang»- gesetzgebung eingeschränkt werde». (Beifall rechts.) Präsident Sonnen feld: GS ist ein Arttrag auf Schluß der Debatte eingegangen. Wenn nicht widersprochen wird, nehme ich an, datz Sie demgemäß beschlossen haben. (Widerspruch erfolgt nicht.) Herr Dr. Jsmar Freund wünscht noch zu einem Schlußwort da» Wort. Es wird beantragt, datz auch Herr Dr. Freund als Berichterstatter nicht mehr spreche» soll. Nach kurzer Geschäftsordnungsdebatte erteilt jedoch Präsident Sonnenfeld Herrn Dr. Freund daS Wort. Dr. JSmar Freund: Meine Damen und Herren! Wenn ich auf den letzte« Debatteredner oingehe» darf, so liegt bet ihm wohl ein vollkommenes Mißverständnis vor. Denn ich nehme an, datz Herr Dr. Kahn nicht der Ansicht ist, datz irgend jemand im Saale ist, der nicht die absoluteste Gewissensfreiheit fordert. Wenn wettet bei diesen Thesen immer die Rede ist von „Thesen Freund", so möchte ich sogen, daß das nicht „Thesen Freund" sind, sondern daß sie nach vielfachen Beratungen im Ausschuß und im erweiterten Ausschuß zustande gekommen und daß sie überall mit allen gegen e i n e Stimme angenommen worden sind. Zu Leu AnSführunge» der übrige« Debatteredner möchte ich nur kurz Stellung nehme», zunächst zu den auf einem Mitzverstäu-niS beruhenden de» Herrn Dr. Rofenthal-Sülu. Wenn er mich dahin verstande» haben sollte, Latz ich Le» Wunsch habe, die bisherige Stellung de» Rabbiner» in Preuße» wetter aufrecht zu erhalten, dann liegt hier ein fundamentaler Irrtum vor. Ich habe lediglich gesagt: Wenn man auch auf dem Standpunkt steht, daß die

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