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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1926-03-10 · 1 (10.3.1926) · p. Seite 22

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
4 (1926)
Issue
1 (10.3.1926)
Date
1926-03-10
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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— 72 — ohne sie LaS Problem der religiösen Erziehung nicht gelöst werden könne. Das ist ein grundlegender und verhängnisvoller Fehler. Wir können soviel jüdische Schule« einrichten, wie wir wollen, das Problem der religiösen Erziehung bleibt damit als schweres Problem für die große Mehrheit der jüdischen Kinder bestehen. Deshalb ist eS eine der allerwichtigsten Aufgaben des Landesverbandes, für den Ausbau deS Religionsunterrichts zu sorgen, der noch mehr als in den großen Gemeinden in den kleinen Gemeinden jetzt leidet. In diesen fehlt vielfach seit Jahren jeder religiöse Erzieher. Deshalb begrüße ich, daß -er Versuch gemacht wird, durch die Bezirkseinteilung eine Versorgung auch der kleinen Gemeinden mit jüdischen Lehrern eintreten zu lassen. Meine Damen und Herren! Ueberall, in Großwie in Kleingemeinben, ist jetzt der geeignete religiöse Erzieher nötiger als je. Wir müsien jetzt ganz besonderen Wert darauf legen, daß das Gottsuchen, das unstreitig in der heutigen Jugend vorhanden ist, in die richtigen Bahnen gelenkt werde. Gewiß stehen noch viele abseits, gleichgültig oder verbildet,' sie sind nicht erfaßt — nicht ohne unser aller Schuld. Aber deshalb kann ich es nicht verstehen, daß Herr Dr. Klee heute gesagt hat: Mit denjenigen, die von der Verbundenheit mit der unsterblichen Vergangenheit des Judentums noch nichts oder nichts mehr wissen oder nichts wiffen wollen, fühlen wir uns nicht verbunden, und um sie kümmern wir uns nicht. Bon seinem Standpunkte aus müßten sie doch gewiß Juden sein, national und rassemäßig. Wir Liberalen sind anderer Ansicht, wir wollen diese jüdischen Menschen, die von der Verbundenheit mit der tausendjährigen jüdischen Kultur noch nichts oder nichts mehr wiffen, zu gewinnen suchen, und unsere ganze Arbeit ist dahin gerichtet, gerade diejenigen Kreise wieder dem lebendigen Judentum zurückzugewinnen, die -bisher noch indifferent und gleichgültig unserer Vergangenheit gegenüberstehen. Und diese Arbeit ist nicht vergeblich. Freilich muß man diese Menschen suchen. Wer aber den rechten Willen hat, der findet sie und der gewinnt sie. Allerdings können wir sie nur gewinnen durch die Idee eines Judentums, das ewig sich wieder erneuert, nicht durch den Pessimismus, der da fürchtet, daß das Judentum stirbt, weil die Form sich wandelt. Ter Jugend haben wir nicht bloß das Judentum von gestern zu zeigen, sondern ihnen ins Herz zu schreiben, daß nur das sich immer wieder erneuernde lebendige religiöse Judentum das Judentum von morgen sein wird. (Beifall.) Präsident Sonnenfeld: Herr Loeb hat das Wort. Abg. Loeb: Meine Damen und Herren! Ich hatte mich vor einiger Zeit schon zum Worte gemeldet, aus einer Veranlaffung, auf die ich noch zurückkommen werde. Aber es scheint mir doch notwendig zu sein, auf die letzten Ausführungen meines Herrn Vorredners mit ein paar Worten einzugehen. Es ist doch merkwürdig, daß ein jüdischer Lehrer, der seit mehreren Jahren an eitler jüdischen Schule wirkt, uns hier erklärt, prinzipiell sei er gegen die jüdische Schule! (Sehr richtig!). Prinzipiell sei er für eine paritätische Schule, das Religiöse sei eine Sache, die privatim erledigt werden müffe. (Zuruf des Abg. Falkenberg: Das habe ich nicht gesagt!). Meine Damen und Herren, was bleibt sonst noch von den Ausführungen deS Herrn Falkenberg übrig. Wenn Sie glauben, daß die zwei oder drei Stunden Religionsunterricht, die an einer Staatsschule gegeben werden können, wirklich die Kinder mit jenem jüdischen Wiffen und Geist ausstatten können, der erforderlich ist, so erscheint mir das sonderbar. Ich nehme an, das glaubt Herr Falkenberg selbst nicht. Das jüdische Haus soll die Hauptsache sein. Nun, gestatten Sie mir, Ihnen aus meiner persönlichen Erfahrung als Familienvater zu sagen, wie es sich damit verhält. Stellen Sie sich mal einen Familienvater mit mehreren Kindern vor, der. etwa von seinem 30. Lebensjahre an Kinder zur Schule schicken muß.. Die Kinder müffen am Sonnabend zur Schule gehen. Bis das jüngste Kind aus der Schule kommt, sind die besten Kräfte von Vater und Mutter verbraucht. Man braucht sich nur die Hetze des täglichen Lebens zu vergegenwärtigen, um sich zu fragen, wie soll es einem jüdischen Hause möglich sein, die Kinder mit dem Geiste zu erfüllen, den sie brauchen, um zu bewußten Juden zu werden. Man braucht sich bloß diese eine Seite zu vergegenwärtigen, um sich zu sagen, es gibt allerdings nur ein Mittel zur Erhaltung der Juden: das ist die jüdische Schule. Ich gehöre zu den wenigen vielleicht hier im Saale, die ein« jüdische höhere Schule besucht haben. Aber ich kenne noch Hunderte und Tausende, die das auch getan haben und glaube nicht, daß es ihrer staatsbürgerlichen Gesinnung als Deutsche das mindeste geschadet hat, daß sie eine jüdische Schule besuchten. Wenn man für die paritätische Schule als Ideal eintritt, dann müffen im Untergründe wohl solche Gedanken schlummern. Es bleibt das Fazit, daß die Einstellung des Herrn Falkenberg prinzipiell gegen die jüdische Schule gerichtet ist, und das ist eö, ,waö mich hier auch von dieser Frage sprechen ließ. Die «rsprüngsktche Veranlaffung meiner Wortmeldung war eine andere Frage. ^Urau Ollendorf hat Gelegenheit genommen, hier etwas auszuführen, L daS meine Person betrifft, waS sie bereits tn einer Zeitschrift für die jüdischen Frauen auSgeführt hat. Und tch kann nicht gut thre Behauptungen unwidersprochen in die Welt hinauSgehen lasten. Ich habe in der Berliner Repräsentantenversammlung einen Antrag gestellt zur Einberufung einer Konferenz, die alS einzigen Gegenstand ihrer Beratungen haben sollte die Frage der Mischehe. Ich hatte ausgeführt, daß die wachsend« Zahl der Mischehen am den Lebensnerv des Judentums in Deutschland rührt. Ich habe überall Zustimmung gefunden. Bei der Begründung des Antrags hatte ich auSgeführt, daß eS eine Schuld sämtlicher Parteien, auch der Frauen und Rabbiner und Lehrer sei, bisher vor dieser Frage die Augen geschloffen zu haben. Ich hatte darauf hingewiesen, daß die Frauen allerdings bei jeder Wahl in jüdischen Kreisen sofort mit ihrer Agitation bei der Hand seien, und vor dieser Grundfrage die Augen verschließen. Nur in diesem Zusammenhang habe ich die Frau erwähnt. Bon einem Angriff auf die Frauen kann also absolut nicht die Rede sein, und ich möchte der Legendenbildung entgegentreten, dt« hier von Frau Ollendorf verursacht zu werden scheint. Da wir aber nun davon sprechen, würde ich es für einen Akt der Feigheit ansehen, wenn ich nicht prinzipiell Stellung zu dem nehmen wollte, was Frau Ollendorf sagt. Wenn wir gegen das passive Wahlrecht der Frau in der Konservativen Fraktion zum Teil Einwendungen erheben müffen, möchte ich betonen, daß für uns einzig und allein religionsgesetzliche Gründe maßgebend sind. Aber es wird immer so hingestellt, als seien wir dadurch Gegner einer Mitarbeit der Frauen überhaupt. Das ist durchaus nicht der Fall. Viel länger, als die Frauen sich an allgemeinen Vereinen beteiligen, hat es jüdische Frauenvereine gegeben. Und wenn Frau Ollendorf gewünscht hat, daß wir von dem Begriff des guten Herzens abkommen und zu dem der Gerechtigkeit zurückkehren, möchte ich Frau Ollendorf bitten, von ihrer Bekanntschaft mit verschiedenen Rabbinern doch einmal Gebrauch zu machen. Sie wird dann zu ihrer Ueberraschung erfahren, daß dieser Wunsch im Judentum längst erfüllt ist, in dem Begriff z'dokoh. Es ist merkwürdig, daß Frau Ollendorf hiervon nichts weiß. Sie sagt, wir dürfen die Summen, die im Etat für den BaufondS eingestellt sind, nicht bewilligen, solange Tausende obdachlos sind oder zusammengepfercht wohnen. Ich glaube nicht, daß, und wenn unsere Gemeinden noch so freigebig sind, sie und wir hier Mittel ausbringen können, um die Wohnungsnot unserer armen jüdischen Bevölkerung zu lösen. Ich erkenne die Wohnungsfrage in ihrer Bedeutung voll an. Das ist nun aber eine allgemeine Frage. Dazu muß man in die Reihen der Bodenreformer gehen, um hier Ordnung zu schaffen. Das kann man nicht im jüdischen Landesverband machen. Aber um so mehr müffen wir auf einer anderen Position beharren, die Frau Ollendorf auch angegriffen hat, das ist die Position für Anstellung der Rabbiner und Lehrer. Wir brauchen diese Forderung zunächst, um der Staatsregierung gegenüber unser Gesuch um Beihilfe zu begründen. Aber wir können auch im Judentum diesen Unterschied zwischen sozialen, kulturellen und religiösen Arbeiten gar nicht machen lassen. Sie haben aus unserem Berichte ersehen, daß es über 200 Gemeinden in unserem Verbände gibt, die weder einen Kultusbeamten noch einen Lehrer für sich haben. Glauben Sie, daß man das fortdauern laffen kann, wenn man das folgende Geschlecht dem Judentum erhalten will, oder glauben Sie nicht vielmehr, daß es nötig ist, durch religiöse Führer dieses Geschlecht dem Judentum zu erhalten? Widmen wir unsere Aufmerksamkeit und Kräfte der Verhinderung des religiöse» Verfalls, bann werden wir auch die anderen Aufgaben mitlösen. (Beifall.) Präsident Sonnenfeld: Das Wort hat Herr Abg. Dr. Badt. Abg. Badt: Meine Damen und Herren! Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, in der heutigen Debatte das Wort zu ergreifen. Wenn ich es doch tue, so sind es zwei Gründe, die mich dazu veranlaffen. Der eine ist eine Bitte meines verehrten Herrn Kollegen Stern von der liberalen Fraktion. Tr fragte, ob ich ihm aus meinen Erfahrungen als Landlagsabgeordneter eine hinreichende ZaP von Fällen anführen könnte, die die von meinem Parteifreunde Dr. Sandler vorgeschlagene Resolution in der Frage der Ausweisungen und Einbürgerungen tatsächlich erforderlich erscheinen ließe. Nun, ich kann diese Frage in vollem Umfange bejahen. Fast täglich geht mir im Landtage solches Material mit der Bitte zu, als Abgeordneter die zuständigen Stellen um Abhilfe zu ersuchen. Ts sind darunter ganz erschütternd« Fälle, die für die Betroffenen die völlig« Vernichtung ihrer Existenz bedeuten. Oft handelt eS sich dabei um Mißgriffe Nachgeordneter Stellen, die durchaus nicht den Intentionen der Zentralinfbanz entsprechen. Meine Damen und Herren! Wundern Sie sich darüber, daß dem so ist? Ich darf Sie an einerinnern: BiS zum Jahr« 1914 war der gesamte preußische BerwoltungSapparat und nicht zuletzt die Polizei — daS ist ja ein offene»

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