Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- 1 (10.3.1926)
- Date
- 1926-03-10
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 21 — derselben gebräuchlich ist Sie sehen, wir wollen selbst, baß der Rabbiner nach Kräften mitarbeite an der Erneuerung des Judentums die ja doch im letzten «runde das Ziel der Arbeit des Landesverbandes sein soll. Man hat dem Rabbiner nicht immer die gebührende Stellung eingeräumt, und das hätte seine Arbeitskraft und Arbeitsfreude erlahmen lasten können. Wenn eS nicht geschehen ist, verdanken Sie das dem Idealismus, den der Rabbiner in sich trägt. Und darum, meine Damen un- Herren: Der Rabbiner ist nicht Beamter in dem Sinne, wie man LaS gewöhnlich annimmt, er darf und kann es nicht sein. Sr ist, als «ine sittliche Forderung ausgesprochen, „ein Bote des Herrn der Heerscharen." Das fasten wir nicht nur als Forderung für Sie auf, soirdern in erster Reihe als eine ideale Forderung, die jeder Rabbiner an sich zu stellen hat. Von diesem Standpunkte mögen Sie sich leiten lasten, wenn Sie an die Erneuerung des Judengesetzes herantreten. Mögen Sie im Jntereffe der Judenheit dem Rabbiner die Stellung einräumen, die ihn in die Lage versetzt, für die Aufgaben unseres Verbandes mit -er Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit zu wirken! iBeifall.) Präsident Sonnenfcld: Herr Falkenberg hat das Wort. Abg. Falkenberg: Die letzten Worte des Herrn Dr. Sandler sind mir aus dem Herzen gesprochen, denn der Gedanke des Klal- Jsrael wird auch von uns geteilt. Rur in einem allerdings sehr wichtigen Punkte unterscheiden wir uns von Ihnen, nämlich in der Art, wie wir den Begriff des Klal auffaffen. — Aber ich bin nicht hier, um auf religiöS-politische Dinge einzugehen, sondern, um ein ganz eng begrenztes Gebiet <vom Standpunkt des Liberalismus zu behandeln, das der Schul«, der Lehrerbildung und des Religionsunterrichts: „Es gibt keinen liberalen Lehrer. Ter Begriff des liberalen Lehrers existiert nicht," so hat Herr Dr. Jsmar Freund heute gemeint. Wen» Herr Dr. Freund die Güte gehabt hätte, die Listen der in den Landesverband gewählten Lehrer durchzusehen, so hätte er zur Ansicht kommen wüsten, daß es scheinbar keine konservativen und zionistische» Lehrer gibt, sondern nur liberale. iZnrus des Herrn Dr. Freund: Ich habe gemeint, es gibt nur jüdische Lehrer!» Einzig die liberale Partei hat eine Anzahl von Volksschullehrern gewählt und ist deshalb in der glücklichen Lage, in Schulangelegenheiten sich von Fachleuten beraten zu lasten. Bei der kurz bemessenen Redezeit kann ich nur auf einige programmatische Erklärungen eingehen, und es ist mir nicht möglich, sie weiter auszusühren und sie zu begründen. Die Strifc, von der vkxx Dr. Freund gesprochen hat, ist natürlich da: aber sie ist keine Augenblickserscheinung und nicht einzig in der Aenderung der Lehrerbildung begründet, sie ist seit langem da, und die Gemeinden sind selbst schuld daran, wobei ich meine eigenen Parteigenoffen unter den Gemeindegewaltigen nicht ausschließe. Der Lehrerschaft waren diese Zustände seit Jahren bekannt: sie hat dagegen ohne Erfolg gekämpft. Durch die Ausführungen des Herrn Dr. Jsmar Freund sind sie aber in all ihren verhänignisvollen Auswirkungen endlich auch der Allgemeinheit vor Augen geführt worden, und ich möchte es als ein erfreuliches Zeichen betrachten, daß alle Seiten des Hauses ohne Unterschied des Parteistandpunktes den Willen bekundet haben, die Lösung dieser Frag« als eine der dringlichsten Aufgaben des Landesverbandes zu betrachten. Die Krise wirkt sich gegenwärtig besoriders stark aus, weil auch die Lehrerbildung eine Krise durchmacht. Die Lösung wird erschwert durch die gegensätzliche Auffaffung der Parteien. Wir Liberalen verlangen gleiches Recht für die jüdische wie für die christliche Lehrerbildung, und wir fordern deshalb, daß die Ausbildung auch der jüdischen Lehrer nach den Grundsätzen geregelt wird, die gemäß Artikel l4S,2 der deutschen Reichsversastung für die Lehrerbildung allgemein gelten. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit: nicht bloß bei jüdischen Laten, auch in einigen Lehrerkreisen werden andere Anschauungen vertreten, zwar nicht für di« Bolksschullehrer im Hauptamt, wohl aber für die Religionslehrer. Wir Liberalen stehen auf dem Standpunkt, daß der jüdische Religionslehrer mindestens die gleichwertige Bildung in sich ausgenommen haben muß wie der Volksschullehrer. DaS heißt, wir verlangen für alle Lehrer das vom Staate geforderte Abiturium und den Besuch der Universität oder der pädagogischen Akademie. Deshalb lehne ich für meine Person — in diesem Punkt« ist noch kein Parteibeschluß gefaßt worden — die Unterstützung sowohl deS Kölner wie des Würzburger Seminars für die Dauer ab, weil diese Anstalten auf einem glatten Bruch der Verfaffung durch die betr. Länder beruhen. Di« Liberale Fraktion ist sich ferner einig in der Forderung, daß eine Verkoppelung der Lehrerausbildung mit der Ausbildung im Schächtamt nicht angängig ist, und deshalb lehnen wir es ab, ohne baß wir, etwa die Bedeutung der SchechitaauSbtldung auch nur im geringsten unterschätzen, daß diese Ausbildung mit der Lehrerbildung verbunden werde. Die gründliche Ausbildung in der Gchechita muß an anderer Stelle erfolgen,- jedem Lehrer, der den Wunsch hat, sie zu lernen, mutz natürlich bi« Gelegenheit dazu gegeben werden. Aber die Ausbildung im Schächtamt geschieht nicht an den Anstalten, di« der AuSbtldung für de« "hrnM beruf dienen. ES ist die Befürchtung ausgesprochen worden, baß to hohen Anforderungen in Zukunft nicht viel geeignete junge Leute» sich für den Beruf d«S Religionslehrers in den Gemeinden finde»« iverden. Diese Befürchtung habe ich nicht. Freilich ist eine selbstver-4 stündliche Voraussetzung, daß erst einmal andere wirtschaftliche und» soziale Vorbedingungen für 'die Lehrer in den Gemeinden geschaffen I we^en: Besoldung, soziale Stelle, Sicherheit der Existenz. Fürsorge» im Alter, im Krankheitsfälle und für die Hinterbliebenen, .all das mutz» von Grund auf geändert und geregelt iverden. Hier hat der Lande»-» verband feine wichtigste Aufgabe zu erfüllen, und deshalb forder»» wir, er möge mit allen Mitteln dafür sorgen, daß die Besoldung der » Lehrer überall mindestens nach den für die christlichen, an öffentlichen» Schulen angestellten Lehrer und Lehrerinnen geltenden Grundsätze«» geregelt, daß ihnen ein Anspruch auf feste Anstellung, Pension und > Hinterbliebenenversorgung gewährt und diejenige Stellung inner- » halb der Gemeinde eingeräumt werde, die ihnen nach ihrer Bor-1 bildung und ihrer Bedeutung für das religiöse Leben in der Gemeinde 1 zukommt. In der Frage der Schule spreche ich zunächst nur für meiue 1 eigene Person, weil ein Beschluß der Fraktion hierüber noch nicht vor- I liegt. Aber in einem Punkte sind mir uns alle einig, und darin stehen I wir der Anschauung des Herrn Dr. Klee und seiner Freunde diametral gegenüber. Für uns gibt es auch in diesem Punkte nur ein Gesetz: ivaS der Staat sür die anderen Konfessionen fordert und gibt, verlangen auch wir für uns. Das heißt, für die unterrichtlich« Bersorgung der jüdischen Kinder hat der Staat in gleicher Weise zu sorge» wie sür di« der christlichen. Deshalb stellen wir unS grundsätzlich auf den Standpunkt — und darin stimme ich mit dem Beschluß deS Ber» bandes der jüdischen Lehreroereine im deutschen Reiche überein — datz ivir diejenige Schule, die alle Glieder Deutschlands mit gleichen Rechten und Pflichten umfaßt, die wahrhaft paritätische in i ch t die sogenannte Simultanschule) als di« ideal« Schule ansehen. Wir sind der Ansicht,, daß die religiöse Bildnis von dieser Schule absolut keine Gefährdung zu befürchten hat, weil jeder, der so wie ich, durch eine paritätische Volksschule ganz hi,»durchgegangen ist, weiß, datz! nicht so sehr dse Schule, als vielmehr das Haus die größere Bedeutung für die religiöse Erziehung hat. DaS kann ich Ihne» sage», meine Damen und Herren, der ich eine langjährige Erfahrung au einer konfessionellen Schule habe, es gibt gar kein Mittel, wodurch, wir einwandfrei die religiöse Erziehung unserer Kinder gewähr»! leiste». sZuruse: Doch, durch Lernen!) Rein, meine Damen und Herren, wenn Sie in der Praxis ständen wie ich, würden Sie datz nicht behaupten. Wir sehen weder in der paritätischen Schule eine Gefahr noch in der konfessionellen Schule das Allheilmittel für die religiöse Erziehung. Wenn nun auch die wahrhaft paritätische Schule tüf unser Ideal angesehen wird, so muß doch gefordert werden — ich spreche zunächst nur für mich und eine Reihe meiner Freunde, da ein Fraktionsbeschlutz hierüber noch nicht vorliegt —, daß soweit und überall da, wo der christlich-konfessionelle Charakter der öffentlichen Schule» gesetzlich festgelegt.ist oder tatsächlich besteht, den jüdbschen Erziehungsberechtigten der Anspruch auf öffentliche jüdische Schulen gewährleistet und erfüllt werde. Da nach dem Bolksschulunterhaltungsgesetz von 1906 die konfessionelle Volksschule als einzige gesetzmäßige Volksschule für Preußen besteht ldie hessische Simultanschule ist christlich,- die wenigen paritätischen Volksschulen in Wcitpreußen und. Posen sind aus nationalpolitischen Gründen eingerichtet, die wenigen weltliche» Schulen nach der Revolution sind belanglos), ergibt sich von selbst al» Aufgabe des Landesverbandes, die Gemeinden dahin zu beraten, »atz überall dort, wo die Voraussetzung zutrifft, von den zuständigen öffentlichen Behörden die Errichtung und Unterhaltung jüdisch-öffentlicher Schulen gefordert wird, wenn die Mehrzahl der jüdischen Erziehungsberechtigten sich dafür ausspricht. Eine andere Stellung ergibt sich bei den höheren Schulen. Die preußisch« höhere Schule ist gesetzmäßig und tatsächlich paritätisch, und deshalb lehnen wir es ab, für sie das Prinzip der Konfessionalität durchzuführen. Das hindert aber nicht, für ganz spezielle Dinge, wie für die Ausbildung von Religionslehrern, eine jüdische höhere Schule oder zwei rinzurichten. Hier kann der zukünftige Lehrer ein gröbere» Maß religiöser Bildung bekommen, als eS in den allgemeinen Schulen-) möglich ist. Denn das ist ja selbstverständlich, daß der jüdische Lehrers als Religionslehrer neben der allgemeinen Ausbildung eine ganz' besonders tiefe religiöse Ausbildung haben müffe. Die Ausführung, ist dadurch leicht zu ermöglichen, datz zwei der bisher vorhandene« > Seminare in höhere jüdische Schulen, am besten Ausbauschulen, die die. Kinder erst nach vollendetem Bolksschulbesuch aufnehmen, umge-r wandelt werden. Und nun zum SOutz noch ein Wort zum ReligionSunterricht. Unter Laien ist gewöhnlich die Ansicht verbreitet und wird - auch vielfach in Sehrerkreisen ausgesprochen, daß die jüdische Schule! die unbedingte Voraussetzung für die religiöse Erziehung sei, und daß: