Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- 1 (10.3.1926)
- Date
- 1926-03-10
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 20 — auch bei der allgemeinen Beschickung -er WelthilfSkonferenz zeigte, so ist, -aS ein guter Anfang. Aber nun, meine Damen und Herren, soll ein entscheidender Schritt geschehen. Nun soll die Last des Aufbaues Palästinas nicht mehr auf die Schultern einer Partei im Judentum, sondern auf die -er gesamten Judenheit gelegt werden. lBeifall links.) Es ist die Frage, inwieweit sich das deutsche Judentum an der Jewish Agency beteiligen wird. Wir haben der jüdischen Gesamtheit eine Bün-nispolitik vorgeschlagen. Meine Damen und Herren. Zwar hatte einst -as deutsche Judentum eine führende Stellung in der Gesamtjudenheit, führend auch in der jüdischen Wissenschaft, aber wenn es nicht in dieser Stunde den Anschluß finden wird an die Gesamtheit, dann wirder Aufbau Palästinas dadurch nicht etwa aufgehalten werden, er wird auch nicht einmal um das geringste verzögert werden, aber das Rad der Geschichte wird hinweggehen über das deutsche Judentum, und -as deutsche Judentum wird ein absterbendes Glied am jüdischen Stamme sein. (Sehr richtig! links. — Widerspruch rechts.) Es ist tausendmal gesagt worden: es ist mit* dem deutschen Judentum wie mit einem Organ am Organismus. Der Organismus ist die Judenheit, das deutsche Judentum aber ist nicht ein Ding an sich, sondern ein Organ an diesem Organismus und kann nur blühen und gedeihen, wenn es mitgespeist wird von dem Blute deS Organismus, wenn eS eingeschaltet ist in den Kreislauf deS Blutes, aber es wird absterbcn, wenn es sich loslöst vom Stamme. Auch die amerikanische Judenheit hat jetzt endlich den Weg deS Anschlusses an die gesamte Judenheit zurückgefnnden, und sie steht heute sogar in vorderster Reihe. Sie dürfen es heute nicht mehr einer einzelnen Schicht in der Judenheit überlassen, diese schweren Lasten zu tragen. (Zustimmung links.) Meine Damen und Herren. Exzellenz Dernburg, -er ja einst kaiserlicher Kolonialministcr war, hat vor einigen Wochen zu uns gesagt, daß das, was di« Zionisten seit dem Kriege in. Palästina in kolonisatorischer Hinsicht geleistet haben, ganz erheblich mehr sei, als das, was das Deutsche Reich jemals in seiner gesamten Kolonialpolitik geleistet hat. (Hört, hört!) Er f»gte hinzu: Man klagt heute dauernd über die Zunahme des Antisemitismus. Dieser Zustand wird nicht dadurch überwunden werden, daß man die Argumente der Antisemiten widerlegt, oder dadurch, daß man ihm ein anderes Parteiprogramm entgegenhält, sondern dadurch, daß man die produktive Leistung -er Juden in Palästina aufzeigl. (Beifall links.) Meine Damen und Herren. Die jüdischen Geipeinden müssen aushören Kirchturmpolitik zu treiben, und sich mit der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse seiner Mitglieder und der soliden Verwaltung ihrer sozialen Anstalten zu begnügen. Sie müssen verstehen lernen,.daß sie ein Teil des großen Ganzen sind und sich ihrer Pflichten gegenüber der Gesamtheit bewußt werden. Und nun ein letztes, mein: Damen und Herren. Ich wende mich jetzt an Sie nicht als Vertreter der Gemeinden, sondern an Sie als Individualitäten, als Persönlichkeiten. Es ist meine persönliche Ueberzeugung, daß das Verständnis für die Pflicht zur Teilnahme an den Aufgaben der Gesamtheit bei Ihnen allen im Unterbewußtsein vorhanden sei. Und cs wird auch in Deutschland langsam in die Sphäre des Bewußtseins etn-ringen, wie^es in Amerika bereits geschehen ist. Dieser Prozeß wird sich trotz Ihres eigenen Widerstrebens vollziehen: ja, wir Aerzte wissen, daß -er Widerstand gerade, kurz bevor die verdrängten Ideen die Schwell« des Bewußtseins überschreiten, besonders heftig wird. (Heiterkeit.) Wir wer-en diese Entwicklung abwarten und legen Ihnen heute keine Resolutionen vor und stellen keine Anträge. Wir warten die Eptwicklung ab, aber wir hoffen, daß die Auseinandersetzung, die sich im deutschen Judentum anbahnt, getragen sein möge von dem Geiste der Verantwortung gegenüber dem mehrtausendjährigen Erbe hoher Güter, die wir zu verwalten und zu entwickeln haben, und wir hoffen, daß das deutsche Judentum den Weg finde» wird, um sich einzuordnen in den Klal Jisroel. (Lebhafter Beifall) und Händeklatschen links.) Präsident Sonnen seid: Es ist eine Resolution zur Ausweisungsfrage eingebracht worden, die ich den Herrn Schriftführer z» verlesen bitte. Schriftführer Fleischer (verliest den Wortlaut): „Der Vcrbandstag stellt mit Bedauern fest, daß die Ausweisungspraxis der preußischen Verwaltungsbehörden gegenüber den Ostjuden immer stärker gehandhabt wird, und daß Anträgen auf Einbürgerung immer größere Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Der Berbandstag ist überzeugt, -aß der Minister des Innern diese Praxis nicht billigt, und bittet ihn daher, die Nachgeordneten Behörden mit entsprechenden Weisungen zu versehen, daß sic bei der Ausweisungstätigkeil den Geboten der Menschlichkeit mehr als bisher Rechnung tragen." Präsident Sonnenfeld: Das Wort hat der Abg. Dr. Kober. Abg. Dr. Kober: Meine Damen und Herren! Ich spreche namenS meiner Fraktion, aber auch unter dem Gesichtswinkel -es RabbiuerS. Wer sollte es dankbarer begrüßen als die Rabbiner, daß. wie -er Etat «S vorsieht, alle die Institutionen der jü-tschen Gemeinden, die Gemeinde, Schule, Wissenschaft und Wohlfahrt künstig eine derartig wirksame Förderung erfahren sollen. Und wer sollt«, meine Damen und Herren, mft aufrichtigerem Interesse wünschen als die Rabbiner, daß endlich mit -em Gesetz von 1847 gebrochen werden soll, in dem es bekanntlich heißt: Dem Statut einer je-en Synagogengemeinde bleibt die Bestimmung darüber Vorbehalten, ob Kultusbeamte angestellt werden usw. Wer könnte im Interesse d«S Judentums es dankbar begrüßen, -aß 80 Rabbinat« eingerichtet wer-en sollen? Allerdings, ich muß bekennen, -aß ich mich freuen werde, ivenn nur die Hälfte davon besetzt werden kann, und Herr Dr. Freund, der gestern auch zu dieser Frage Stellung genommen hat, hat ja wohl gesagt, daß im einzelnen noch die Erörterung darüber einsetzen und man sich mit den örtlichen Stellen benehmen muß. Gestatten Sie die Bemerkung: man wird nicht nur mit den örtlichen Stellen sich ins Benehme» setzen, man wird auch nach meinen Erfahrungen — ich habe lange Jahre hindurch mit kleinen Gemeinden zu tun gehabt — eilten leisen Truck ausüben müssen, -aß die Gemeinden überhaupt einen Rabbiner und einen Lehrer anstellen. Meine Damen und Herren! An der Wohlfahrtspflege haben wir ein außerordentliches Interesse, ebenso natürlich an der Wissenschaft des Judentums. Und der Haushaltsausschuß wird sicherlich Mittel und Wege finden, um allen denjenigen Anforderungen gerecht zu wer-en, die auch seitens der Fraktionen gestellt worden sind. Und nun einige Worte über den Rabbiner selbst vom Standpunkte des Rabbiners, ohne -aß dieser Gesichtswinkel eng zu sein braucht. Der Rabbiner hat in dem Gesetz von 1847 überlmupt keine Erwähnung gefunden, oder doch nur insoweit, als bei Annahme ausländischer Juden als Rabbiner die Genehmigung des Ministers des Innern erforderlich ist. Wenn bei dieser gesetzlichen Ignorierung und sonstigen Schivierigkeiten sich der Rabbiner in den Gemeinden eine Stellung errungen hat, so ist dies vielfach trotz der Gemeinden und ihrer Organe geschehen. Nun stehe» wir zwar aus dem Standpunkte, daß die Bibel für uns maßgebenist, wenn sie sagt: „Ihr habt keine Gestalt gesehen am Sinai, nur eine Stimme gehört." Uns Rabbinern wäre c^ schon recht, wenn man wenigstens auf uns hörte. Aber dafür werden wohl alle zu haben sein, daß dem Rabbiner in dem Judengesetz, das durch den Landesverband vorbereitet werden soll, die Stellung werde, die er vermöge der Geschichte und der Bedeutung seines Amtes innehaben muß. Meine Damen und Herren! Soweit es sich um die materielle Stellung des Rabbiners handelt, soll darüber hier nicht gesprochen werden. Daß ihm abdr auch in ideeller Beziehung eine Stellung eingeräumt wird, die ihm bisher ohne weiteres nicht gewährt worden ist, das wird der Landesverband anerkennen müssen. Sie werden, wenn Sic einen arbeitsfreudigen Rabbiner haben wollen, der sich mit seiner ganzen Persönlichkeit in den Dienst der heiligen Sache stellt, von ihm vielleicht bei der Anstellung eine gewisse Probezeit fordern, aber Sie wer-en dann auch die Anstellung definitiv gestalten müssen. Sie werden dafür zu sorgen haben, daß der Rabbiner überall in -er Gemeinde die Stellung einnimmt, die ihm noch vielfach vorenthalten wird. Und dazu gehört meines Erachtens, und ich spreche das auch im Namen des Rabbinerverbandes, daß, wenn unsere Organisation die einer Religionsgemeinschaft und damit der Organisation anderer Bekenntnisse nachgebildet ist, daß dem Rabbiner auch im Borstande Sitz und Stimme eingcräumt werden muß. Oder wollen Sie dem Rabbiner weniger Intelligenz und Sachkenntnis zutrauen, als dem katholischen oder evangelischen Geistlichen, der über alle Gegenstände seiner Religions- und Kirchengemeinde an erster Stelle miträt und mitbeschließt. Meine Damen und Herren! Wir kommen jedoch nicht nur mit Forderungen, sondern wir gestehen gern ein, daß manches noch zu bessern ist, daß an den Anstalten, an denen der Rabbiner ausgebildet wird, noch manches geschehen muß, daß z. B. hinsichtlich seiner pädagogischen und sozialen Ausbildung noch manches anders gestaltet werden kann. Und damit wiederhole ich, was aus der letzten Rabbinerversammlung einstimmig angenommen wurde, was unser verehrter Kollege Horovitz mit aller Schärfe betont hat, daß wir auf sozialem Gebiete die Verantwortung ganz besonders fühlen und allen Schäden entgegenwirken wollen, an denen das Judentum der Gegenwart, aber nicht allein das Judentum, krankt, dem Schaden der Entsittlichung unserer Zeit, den Verheerungen, die die Mischehe in unseren Reihe» anrichtet. Darum ist zu wünschen, daß an den theologischen Bildungsanstalten soziale Kurse gehalten werden, die den angehenden Rabbiner befähigen, auch auf modern sozialem Gebiet seinen Mann zn stellen. Wir empfehlen -em Landesverband darauf hinzuwirken, daß wenigstens in unseren Grotzgemeinden künftig auf den verschiedenen sozialen Gebieten wie der Jugendpflege, Gefährdetenfürsorge und dergleichen, theologisch gebildete Männer im Hauptberuf beschäftigt werden, wie dies bereits in der evangelischen und katholischen Kirche zum Heil und Nutze»