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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1926-03-10 · 1 (10.3.1926) · p. Seite 19

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
4 (1926)
Issue
1 (10.3.1926)
Date
1926-03-10
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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— IS diese Idee »u gewissen Forderungen, die man auch mit anderen Begründungen vertreten kann, die wir aber durch daS Prisma dieser Idee betrachten. Wir sehen die Verwirklichung -er EinheitSidee durch die Praxis vor allem in den vier folgenden Punkten: Zunächst in der Idee der Demokratie. Für die demokratische Auffassung haben die Juden al» Minderheit überall daS nötige Verständnis und Interesse. Man kann außerdem die Demokratie von einer gewissen politischen Doktrin auS begründen. Eine wahre demokratische Gesinnung zwischen Juden kann aber nur aus dem Einheitsgedanken heraus stieben; nur dann werden solche Erscheinungen unmöglich sein, wie wir sie jahrzehntelang in Deutschland erlebt haben, daß Juden eingetreten sind für daS gleiche Wahlrecht zum Reichstage und zum Landtage — und daß sie in den Kommunen und jüdischen Gemeinden sür daS Klaffenwahlrecht eingetreten sind. Wir wiffen, -aß in der Zeit von ISO« btS 1924 in zehn großen Gemeinden Versuche gemacht worden sind, daS Ausländerwahlrecht zu schmälern oder abzuschaffen. Wenn wir die Autonomie der Gemeinden haben werden, dann wirb die Gefahr der Entrechtung der Ausländer, besonders in den westlichen Gemeinden, noch viel größer werden. Gegen diese Gefahr werden wir zu kämpfen haben, ausgehend nicht von einer bestimmten Parteidoktrin, sondern von dem Einheitsgedanken, den wir vertreten. Alle Juden sind nach unserer Auffaflung nerey mattoaj, ein Reis an unserem Stamme; und damit bin ich schon mitten im zweiten Punkte: der Behandlung der Ostjudenfrage. Diese Frage hat in der letzten Zeit in der Oesfentlichkeit, so bei der Beratung über das Judengesetz und im Wahlkampfe, eine so große Rolle gespielt, daß die Parteien hier zu der Frage Stellung nehmen müffen. Aber nicht mit allgemeinen liebenswürdigen Redensarten darf diese Stellungnahme erfolgen, sondern sie muß zu ganz bestimmten Forderungen führen. Sie erinnern sich, daß 1921 bei der Beratung über die Karenzzeit zum Wahlrecht zum Berbandstage damals diese Frage schon ausführlich behandelt wurde. Es sind damals Gedanken ausgesprochen worden, die ich nicht noch einmal skizzieren möchte. Wir möchten aber festgestellt wiffen, daß die Ostjudenfrage behandelt werden muß unter dem Gesichtspunkte, daß dieses Reservoir im Osten die wahre Kraftquelle ist, von der wir deutschen Juden leben. Sie wiffen, -aß etwa ein Drittel aller deutschen Juden nicht heiratet, ein zweitein Mischehen lebt, deren Kinder meist in der zweiten Generation dem Judentum verloren gehen, und nur ein Drittel der deutschen Inden heiratet und meistens in Zwei-Kinder-Ehe lebt. Das deutsche Judentum müßte demnach allmählich verschwinden, wenn es nicht den Zufluß aus dem Osten hätte. Ganz ebenso steht es mm die jüdische Wissenschaft. Auch sie muß immer wieder aus dem östlichen Reservoir gespeist werden, und es ist auch kein Geheimnis, daß die traditionell Treuesten und an der Gemeindeverwaltung besonders Interessierten fast durchweg auS dem Osten stammen. Der größte Teil der Berliner Gemeinde stammt auS dem Osten, und diese Ostjuden konnten sich nur deshalb zu deutschen Bürgern entwickeln, weil man ihren einwandernden Großeltern nicht jene Schwierigkeiten in den Weg legte, die die Enkel den heute einwandernden Ostjuden gern in den Weg legen möchten. Dabet erfolgte jene alte Einwanderung nicht unter dem heftigen Druck, der heute die Juden aus ihrer östlichen Heimat verdrängt. Dabei denke ich nicht nur an die Schrecknisse des Krieges und der Pogrome, sondern ich erinnere Sie auch daran, daß heute in Polen gegen die Juden ein wirtschaftlicher Vernichtungskampf geführt wird, und daß Amerika seine Tore geschloffen hat. In diesem Jahre, in dem mau mit einer AuSwanderungSzahl von 250000 Seelen rechnen konnte, werden gegen 10000 eingelassen. Es ist wahrlich eine Verkennung psychologischer Tatsachen, wenn schwache Charaktere glauben, ihre eigene Stellung in Deutschland durch die Preisgabe der Ostjuden befestigen zu können. Wir verlangen nicht nur gleiche Rechtfür die Ostjuden in unseren Gemeinden, sondern wenn wir Ostjuden in den Dienst der Gemeinden stellen, daß sich dann der Staat in diese Dinge nicht einmengt. Wir wollen darin nicht schlechter gestellt sein als die christlichen Religionsgemeinschaften, die einen solchen EinmtschungSversuch mit Erfolg zurückgewiesen haben, und wir verlange« auch hierin das SelbstbestimmungSrecht, daS uns aus Grund des Art. 187 der RetchSverfaffung zugebilligt ist. Wir verlangen endlich auch, daß unsere Ostjuden von den Behörden anständig behandelt werden. (Gehr richtig!) Wir müffen Dank sagen dem Arbeiterfürsorgeamt, daS dafür gesorgt hat, daß durch die Preffe die Kenntnis der Vorgänge allgemein verbreitet wurde, durch die die Oftjuden zu unS kamen, wie sie durch Versprechungen getäuscht worden find, und wie sie sich hier nach übereinstimmendem Urteil der Arbeitgeber und der Gewerkschaften, auch in Landwirtschaft und Bergbau, bewährt haben. Weder diese Mitteilungen noch die Gebote der Menschlichkeit habe» aber verhindert» daß, besonders in der jüngsten Zeit, die Behörden gegenüber dem Ostjudentum eine AuSweisungöpraxiS eingeftzhrt haben, von der wir wünschten, daß der Minister des Innern dagegen oorgehe. Wir stellen mit Bedauern fest, daß die AuSweifuugS- \ Praxis besonders im letzten Monat immer schärfer dort gehaudhabt^ wurde, wo es sich um Ostjuden handelte. Die Betroffenen werden oft wegen unerlaubter Greuzüberschreitung hart bestraft und dann; mit sehr kurzer Frist ausgewiesen; auch Frauen und Kinder, und:• ohne Rücksicht darauf, ob für sie «ine Möglichkeit besteht, sich anders»; wohin zu wenden. Wir sind überzeugt, daß der Minister d?S Inner» als oberster Chef der Verwaltung diese Praxis nicht billigt, den» wir wiffen, daß er in vielen Fälle» eingegriffen hat, wo eS sich um i kleine Existenzen handelte, arme Bergarbeiter und kleine Angestellte, die keine mächtigen Fürsprecher hinter sich haben. Trotz der Gefahr, > daß die gegnerische Preffe den Minister alS Judenbeschützer hinstellea ' könnte, müffen wir ihm für diese seine Haltung unseren Dank auS- > sprechen, und wir bitten ihn, grundsätzlich anzuordnen, daß de» Geboten der Menschlichkeit in der Ausweisungspraxis mehr alS bis- - her Rechnung getragen wird. lLebhafte Zustimmung im ganzen Saale.) Ausweisungen von Schädlingen müffen natürlich bestätigt werden. Eine weitere Beschwerde richtet sich dagegen, baß unbescholtene Ostjuden, auch wenn sie bereits in Deutschland die Schul« besucht haben, nicht eingebürgert werden, selbst wenn sie^ich 17, 18 und noch mehr Jahre in Deutschland ausgehalten haben. Ich kenne Fällvon Leuten, die sich 80, ja 40 Jahre hier aufgehalten haben, und über denen noch heute dauernd das Damoklesschwert der Ausweisung schwebt. Wesentlich hierfür ist, daß, wenn ein Mensch in Preußen eingebürgert werden soll, alle Windei ihre Zustimmung geben müffen. ' Nif«, meine Damen und Herren, Preußen stellt allein schon in dieser ' Beziehung außerordentlich hohe Anforderungen, aber es ist doch ein unmöglicher Zustand, daß nun die Einbürgerung an dem Widerstande von — sagen wir — Lübeck oder Thüringen scheitert. Jedenfalls müßte Preußen auf diese Länder dahin einwirken, daß sie ihren Einspruch zurücknehmen. Ich lege hiermit zwei entsprechende Resolutionen vor. Ich habe noch zwei Punkte zu erwähnen, die sich aus der EinheitSidee ergeben. ES ist hier nicht der Ort, und ich bedauere sehr,; daß die Zeit hierfür fehlt, den Eiuheitsgedanken des Judentums ga i begründen. Ich kann mich darauf beschränken, einige Kernsätze von Martin Buber wiederzugeben, die für uns Leitgedanken find. DaS; Streben des Juden nach Einheit ist es, was bas Judentum zu einem . Phänomen der Menschheit, die Juüenheit zu einer menschhettliche» . Frage macht. Ueberall ein Streben nach Einheit — nach Einheit im einzelnen Menschen, nach Einheit zwischen den Teilen des Volkes, zwischen den Völkern, -wischen der Menschheit und allem Lebendigen, zwischen Gott und der Welt. So entstand die Idee der Alliebe und : der Allgerechtigkeit, die messianische Idee. Das war die religiös« Synthese der Propheten, die gedankliche Synthese von Spinoza, die ' gesellschaftliche Synthese im Sozialismus, und wer weiß, zu welcher Synthese sich heute der Geist LeS Judentums bereitet. Meine Dame» und Herren, eine Gesellschaft bedient sich politischer Mittel, um ihre Ideen auszumünzen, und daraus ergeben sich politische Forderungen. Und wem es vielleicht als Blasphemie erscheinen sollte, wenn wir in einem Atemzuge von der Einheit GotteS and -er Einheit unseres Volkes sprechen, den erinnere ich an das sabbatliche Wort: „attoh echod ..." — Du bist einzig, und Dein Name ist einzig, und wer ist wie Dein Volk, das einzige, im Lande! Dieser zentralen Idee, -er wir bienen, entspringt auch letzten Endes der Grundgedanke unserer Organisation hier in Preußen und späterhin in Deutschland. Wir wiffen es, daß die deutschen Politiker, die uns die Gleichberechtigung, die Emanzipation geschenkt haben, damit das Ziel verfolgten, auf diesem Wege die Auflösung der jüdischen Gemeinschaft zu beschleunigen. Deshalb legten sie gesetzlich die Vereinzelung der Gemeinde» fest. UnS wenn wir nun umgekehrt eine Organisation jui Zusammenfassung der einzelnen Gemeinden schaffen, so soll diese Organisation ein Bollwerk gegen die Assimilation werden. Es muß der Sinn -er Organffation sein, diese Einheit wieder zurückzuführen zu ihren ein- - heitlichen Aufgaben, die an unS gestellt werden durch unsere Lehre, r durch unsere Geschichte und unsere Eigenart Und damtt komme ich , MM letzten, vielleicht wichtigsten Punkt. Gekrönt wird diese EinheitSj idee, die wir vertreten, durch die .Forderung der Schaffung eines % jüdischen Kraftzentrums, eines neuen Kraftzentrums im Lande üerk Väter, daS eine Heimat werden soll auch für den jüdischen Geist, daSZ unS bringen soll die von uns allen herbeigesehnt« Erneuerung d«S^ Judentums und daS seine Energien hinausstrahlen soll in die Galuth. Meine Damen und Herren. Niemand bezweffelt eS, daß gewtffe j Grundideen unserer Einstellung siegreich vorgedrungen find, daß' hauptsächlich auf unseren Einfluß zurückzuführen ist die Wieder» ' gewinnung der Jugend sür die Sach« des Judentums, die Hebung ‘ ihres SelbstbewußtseinS, die gesteigerte Beschäftigung mit jüdische» : Dingen, daS Jutereffe an unserer Sprache und unsere« Literaturschätzen, da« zunehmende BerstäadntS für die Aufgaben der jüdische»... Allgemeinheit. Wenn diese Ideen vorgedrungen find, wie sich Sa» i

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