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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1926-03-10 · 1 (10.3.1926) · p. Seite 18

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
4 (1926)
Issue
1 (10.3.1926)
Date
1926-03-10
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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Sie der «ater der Platten-Land-RaSbiner sind, ist aber nicht so wichtig. (Heiterkeit.) Aber, meine Herren und Damen, etwas ganz Ernstes liegt dabinter. Wozu wollen Sie denn diese viele« Rabbiner und Lehrer einstellen, wenn Sie keine Juden haben? Das^Wichtigste ist doch, daß Sie zuerst die Juden haben, diesen Willen haben, von Rabbinern und Lehrern geführt zu werden. Wenn Sie den berühmten Artikel in der „Frankfurter Zeitung" gelesen haben, in dem stand, bah eS in hundert Jabren keine deutschen Judenfraae mehr geben wird, weil eS keinen deutschen Juden mehr gibt, müssen Sie doch Sorge tragen, gegen eine solche Eventualität anzukämvsen. Und wie wir gegen diesen inneren und äusseren Verfall ankämvfen, das wollen wir Frauen miiberaten. Dafür fühlen wir unS besonders verantwortlich. (Beifall.) Aller Augen sind auf den Landesverband gerichtet. Wenn heute irgend etw'a'S schlecht in den Gemeinden ist. dann bat es setzt gebeissen: Es ist das letztemal. wartet nur. der Preußische Landesverband wird alles besser machen. Und nun kommt der Rrenssis'sse LandeSnerband! Nnd wir müssen sagen: Die Rede von Herrn Dr. Freund war wundervoll, unld wenn sie köstlich war, dann ist sie Msibc und Arbeit gewesen. (Heiterkeit.) Aber der Tenor dieser grossen Rede ist nickt: Wie halten mir k»n Verfall des deutschen Jndentnms ank. Der Tenor ist: Wie erhalten wir möalichst viel Mittel, um.möglichst viel Rabbiner und Lebrer einzustellen? Dieser Tenor ist stir uns nickt das Wichtigste. Und wenn ick Sie daran erinnern dort: Vor einiger Zeit war bier eine Gemeindeversammlung. in der ein verehrter Gegner von mir ganz besonders die Frauen anaegrissen undaesgat bat: Für den Verfall beS deutschen Judentums sind banntsäcklich *>ie Kranen verantwortlich. 'Dazu muss ich doch sagen: Rein nickt die Frauen stnb verantwortlich, sondern weil Sie die Frauen nickt beteiligt haben am Ausbau, llnd S i e verantwortlich. llnd darnm stnd wir dankbar und unendlich erfreut, dass wir endlich Mitarbeiten dürfen wo es lo dringend notwendig ist. Ich kann ans s^in'esberten nickt cinaeben. nur das eine oder andere beransbeb^n um zu verteidigen. wofür ich seit jeder einaetrcten bin, dass die Gemeinden nicht nur zur Verwaltung da stnd. sondern soziale Ausgaben »n lös-u. Ich bin darum dafür einaetreten. weil die Gemeinden oeniille Dinge einsgch N'ckt mebr mit anseben dürfen. Wenn Sie bö^en da-sdie G-burten-abl znrückaeaanaen ist. ist das eine Fnlae d-s ungeheuren Materialismus im Judentum dem mir nur. begegnen kön»en. wenn wir den Landesverband für solche Missstände und issre Veseitiaung interessteren. Wenn die unebelichen Geburten gediegen sind, so ist das eine Folae von Verbältnissen (Heiterkeit). für die wir alle verantwortlich stnd. Wie können wir aber arbeiten? Dock nur. wenn wir vosttive Massnahmen treffen. Die Frankfurter Gemeinde bat einen Antraa einaebrackt zur Einsi^nng eines AnH'chulles kür Vevölkerunasvolitik. der diesen starken Missständen abbelsen soll, sowohl dem Gebnrtenrückganq der ehelichen wie dem ssnieragna der unehelichen Kinder, die uns durch den Tod oder durch dse Tanke verkoren gehen, wenn wir uns nicht um ste kümmern. Lassen Sie mick eine aanz persönliche Bemerkung macken. Ick war bei der Kölner indischen Ausstellung. Das erschütterndste Dokument ans dieser AnKsie^nna war die Verfallnnqsurknnd« des Kais-rS Konstantin, die beweist, dass es schon im Jabre 821 in Köln eine Jndenaemeinde gegeben bat. der diese Versassungsurknnde Reckte und Rslickt-p gibt. Diese Urkunde erzählt uns soviel von unserem vieltausandiähriaen Dasein, dass mir gar nicht genug tun können, um nack ibren Gestchtsonnkten unseren Bestand zu stchcrn. Meine Herren und Damen! Gestern Abend und auch mitunter heute ist so unendlich viel von der Einheit des Judentums und von der Bersöhnnna aelvrocken worden. Ich habe die feste Ueberzeuaung. die soziale Arbeit die dem Verkall des Judentums entgegentritt, ist der beste Boden für die Versöhnung aller Parteien und vielleicht der einziae. auf dem wir uns wahrhaft treffen können. Darum svreche ich gern saviel kür die soziale Arbeit. In diesem Sinne muss sch auch rin Wort der Erwiderung gegen Herrn Berger sagen. Herr Berger bat in einer wenig sinnvatbischen Weise von dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebund gesvrocken. Di« Verhältnisse der aesährdeten Jugend stnd uns über den Kops gewachsen. Wir haben nicht genug Anstalten, um die in der Kriegs- und Nachkriegszeit entnervte und verwahrloste Juaend zusammenzubalten. Hier können die beiden Anstalten de« Deutsch-Israelitischen GemeindevundeS nicht genügen. DeSbalb müssen wir ihn unterstützen, und Ich bitte Sie sehr, nehmen , Ste ihm nichts von den paar Psenniqen. die ihm bewilligt worden ssnd. Aber das Geld ist gar nicht das Wichtigste bet der sozialen Arbeit. DaS ganze Svstem muh geändert werben. Das System des Mitleids muss abqefchafst werden. Mitleid haben wir genug in der Welt, aber Gerechtigkeit brauchen wir. Mitleid ist sehr billig. Wenn wir dafür ss Ger '.chtigkeit haben werden, werden wir unS eher treffen, meine f Herren von den anderen Parteien. Aber dies GOühl der Gerechtigtz ke.t muh unS andere Wege gehen lassen. Man zeiüt Mitleid, gewiß. inbem man Almosen gibt. Almosen aber unterstützt ja die Armut, hält ste aufrecht und verhütet ste nicht. Und nun finden Sie Positionen im Etak^h. B. für den BaufonbS der Gemeinden. ES tst schwer, dabei nicht satirisch zu werden. Sie wollen Baufonds für Synagogen unterstützen, und Sie haben Hunderte und Tausende von Juden, die der Hort der Gemeinden und auch der Steuerzahlung wären, die ieyt keine Wohnung und keine Mittel haben und zugrunde gehen. Die Förderung der MittelstandSfürsorge, der WohnungSfürsorge und die Unterbringung der arm gewordenen Juden- sowie des jüdischen Proletariats muh eine erhebliche Stärkung erfahren, denn die psychischen und physischen Krankheiten unserer jüdischen Bevölkerung hängen aufs engste mit der Wohnungsnot zusammen. Tuberkulose und Prostitution sind WohnungSkrankhetten, und Latz sie in den jüdischen Gemeinden stärker hervorgetreten sind, dah wir in den Grotzstädten unter den Prostituierten eine verhältnismäßig große Zahl von Jüdinnen haben, hängt eng mit der Wohnungsnot zusammen. Das stnd Aufgaben, die die Frauen der Gemeinden übernehmen müssen, llnd da stimme ich auch mit Herrn Dr. Klee überein: Die Art der Hilfe, wie ste jetzt geübt wird, geht nicht mehr an. Auf der Karlsbader Hilfskonferenz war u. a. ein Mann, der mir außerordentlich sympathisch war. ein Ostjude, der hinausgcschrien hat: Gebt uns doch nicht immer Geld, lehrt uns, wie wir uns selbst helfen können. Das sollen wir. Sie haben heute von btr iübischen Scknle gesprochen. Es ist noch viel wichtiger, daß wir Aufgaben des täglichen. sittlichen jüdischen Lebens erfüllen. Die Reinheit des jüdischen Lebens ist verloren gegangen, aber auch die Reinlichkeit. Im jüdischen Proletariat im Kriege waren die Verhältnisse schlechter als im christlichen, und jüdische Frauen und Mädchen, die von der Schulbank an verdienen mussten, haben nicht zu wirtschaften verstanden, weil üe cs nicht gelernt haben. Dass die Gemeinden dafür sorgen, dass Ha»sbaltungsschulen entstehen für alle jüdischen Mädchen, ist nicht nur eine Frage der Schulung, sondern der jüdischen Reinheit, der Reinlichkeit, die der Anfang aller Reinheit ist. Und darum ist es notwendig, dass der Landesverband einige von diesen Hoffnungen aufuimmt. Wir wollen dabei nach Richtungen nicht fragen. Wir fragen nur, ob eS sich um jüdische Menschen handelt. Und das ist für uns genna. Wir hoffen, dabei helfen zu können, allmählich alle jüdischen Missstänbe zu beseitigen, das ist unsere grosse und wichtige Aufgabe. Tie Gemeinden stehen auch vor unerhört grossen Ausgaben und Ausgaben angesichts der neuen Rcichsgesetzvorlaqen. ES wird erforderlich werden. Heime zu schassen für jüdische asoziale Elemente. Wir haben neulich in unserem Ortsqefängnis elf jüdische Mädchen gehabt, die wegen gewerbsmässiger Unzucht verurteilt waren. Und der Direktor des Gefängnisses fragte sowohl Herrn Vogelstein wie mich, wo diese Mädchen hinkämen, wenn sie entlassen würden. Wir wussten eS nicht. Wir haben keine Heime. Wir haben für diese gefährdete und verwahrloste — durch unsere Schuld verwahrloste — Jugend bisher nichts getan. Solche Erziehungsaufaaben können nur konfessionell gelöst werden. Das stnd aber die Ausgaben, die uns gestellt stnd. Im Rate sitzt eine einzige Frau. Wir bitten Sie. lassen Sie uns wenigste»? da, wo wir bisher ausgeschaltet worden stnd, in den Gemeinden, Mitarbeiten. Weisen Sie nicht die Frauen zurück, denn die Kräfte, die wir Ihnen entgegenbringen, sollen dienen zur Erzielung eines glücklichen jüdischen Zukunftslcbens. sLebhafter Beifalt.j Präsident Sonnenfeld: Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Sandler. Abg. Dr. Sandler: Meine Dame» und Herren! Wenn sich unsere junge Organisation in dem Berbandstage eine Tribüne geschaffen hat, von der aus ste zu der Judenheit und auch zur' nichtjüdischen Oeffentlichkeit sprechen will, so kann das nicht den Sin» haben, dass wir hier vor dem Plenum unsere einzelnen Beratungsgegenftände erschöpfend behandeln. Wir haben z. B. das Judengesetz in Kommissionen und auch im Vorstände der Berliner Gemeinde Wochen- und monatelang behandelt und es ist uns sehr schwer gefallen, einige Leitsätze aufzustellen. Sie können daraus ersehen, daß eS zwecklos wäre, diese Frage im Plenum überhaupt zu behandeln, dazu noch in der Generaldebatte der ersten Tagung. Wir werden diese Dinge an die Kommissionen und an den Rat verweisen müssen. Diese Tribüne hier sollte dazu benutzt werben, um Grundsätzliches auSzusprcchen. Ster soll es zu einem Kampse der Meinungen kommen, der sonst in der Judenheit in der Presse, meist im Anschluß an Einzelvorgänge, ausgefochten zu werden pflegt. Auf dieser Tribüne sollte man, ohne allzu ängstlich die Redezeit zu beschränken, sich mit den Programmen der einzelnen Fraktionen auseinan-ersetzen. Hier sollten die großen Linien ausgezeigt werben. Meine Damen und Herren! Wenn ich hier einiges Grundsätzliches über unser« Anschauungen sagen soll, so könnte ich mich darauf beschränken, die EiuheitStdee zu vertreten, die'für uns die fundamentale Voraussetzung für jede wettere Entwicklung deS Judentums tst. Politisch gesehen, führt

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