Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- 1 (10.3.1926)
- Date
- 1926-03-10
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Vordergrund gestellt hörten. Wir wollen wieder aufbauen, wollen ein starkes, lebendiges, wirklich in uns pulsierendes Judentum. Sie wissen, Last die Konservative Fraktion nur «inen Teil der konservativen preußischen Judenheit vertritt. Es ist Ihnen bekannt — und in den Ausführungen -es HauptetatrednerS, Herrn Dr. Freund, weiterhin klargelegt worden — daß zahlreiche Gemeinden dem Halberstädter Bunde gesetzestreuer jüdischer Gemeinden amgehören, und ein sehr erheblicher, wohl der größte Teil dieser Gvmrinden, unserem Verbände nicht angehört. Wenn auch die Zahl derer, die außerhalb unseres Verbandes der preußischen Juden geblieben sind nicht sehr beträchtlich und groß ist, so müffen wir doch bekennen, daß jedenfalls die bisherige Struktur des Verbandes noch nicht alle Bedenken bei denen zerstreut hat, die an sich zu uns gehör.en. Ich weiß, daß es in den Reihen der Gesetzestreuen manche gibt, die unter keinen Umständen zu uns kommen, die selbst im Rahmen einer nur losen Berwaltungsgemeinschaft eine Einheit der Judenheit nicht bejahen. Aber bedenken wir, daß es Pflicht und Lebenssorge dieses Verbandes bleiben muß. den Weg allen zu öffnen, alle Bedenken, die irgend aus religiösen GesichtspnnktftsJxorgebracht werden könnten, zu berücksichtigen und dafür zu sorgen, daß nichts ungetan bleiben darf, sowohl in der Verfassung, wie in geistiger Beziehung um die noch Schwankenden bald zu ums zu führen. Wir, meine Freunde und ich, vertreten das. was man das historische, das traditionell-gcsetzestreu« Judentum nennt. Wir sehen im Gesetz, seinem Inhalt und seiner Verwirklichung die unverlierbare und unentbehrliche Grundlage unserer Existenz. Wir finden unsere Anschauungen bewahrheitet in allen historischen Ergebnissen. Denn da, wo die Judenheit sich rom Gesetz dauernd entfernt hat» ist sie von der Bildfläche verschwunden. Und selbst viele, viele derjenigen unter Ihnen, meine Damen und Herren, die heute weit vom Gesetze abgekommen sind, haben im elterlichen Hause noch den Segen der Erziehung im «besetze an sich erfahren. So glauben wir. daß dieses Gesetz, das uns durch Jahrtcuftende bis hierher erhalten hat, nicht allein als religiöse Verpflichtung und Bindung, als welches wir es üben und kennen, uns über die Fährnifle unseres Einzellebens und unseres Gemeinschaftslebens hinweggeführt hat und in jeder Zeit neu hinausführt,' wir sind auch überzeugt, daß es die notwendige reale Basis des Zusammenhalts und der Erhaltung unserer Gemeinschaft ist. Wir halten das Wort für wahr und maßgeblich, das geschrieben ist: I,au szauszifn al hadowor ascher onauchi m’zaweh es'chem w'lau szigr'u mimmenu. »Ihr sollt nichts hinzufügcn zu dem Wort, das ich Euch befohlen habe, und sollt nichts davon nehmen." Treu dem Gesetz und treu der Tradition und dem, was in unseren Adern rollt und in unserem Herzen schlägt, als Erbteil unserer Ahnen wollen wir dieses Gesetz, das die wertvollsten, auch individuellen Kräfte des einzelnen Juden bis heute herausgearbeitet hat, erhalten und üben, damit es uns weiterfiihre auf dem Wege, den unsere Gemeinschaft zum Segen des Ganzen zu gehen berufen ist. Meine Damen, und Herren, erfüllt von solchen Gedanken haben mir die Verfassung des Landesverbandes und den inneren und äußeren Aufbau unserer Zusammenfaffung in diesem Landesverband zu gestalten. Da müsien wir wiederholt sagen, daß die Verfaffung alles unternehmen muß, um allen den Zugang zu den Reihen des Preußischen Landesverbandes zu ermöglichen. Es muß also dafür gesorgt werden, daß in allen Fragen des Kultus und Unterrichts rvo wir voneinander abmcichen, wo sich zwei Hauptrichtungen gebildet haben, überhaupt keine gemeinsame Arbeit zu leisten ist. Wir begrüßen es mit Freude, daß auch von dem Vertreter der Liberalen Partei heute gesagt morden ist: »Auch die Synagogen unserer Richtung müffen endlich eine gewiffe Vereinheitlichung erfahren, und es kann nicht weiter so gehen, daß jede Gemeinde tut, was ihr paßt." Auch wir wollen ja eine Einheit wieder schaffen, und wir hoffen, daß der Tag kommen wird, an dem die Einheit sich vollzieht, die wir verfolgen und wünschen. Wird all das in Praxis innegehalten, was schon in der Verfaffung steht, daß an die Selbstverwaltung der Gemeinden nicht angetastct wird, das: Kultus und Unterricht getrennt behandelt werden, — wenn auch der Verbandstag «inen gemeinsamen verwaltungsmäßigen Ausschuß behält —, wenn weiter auch einzelne der Gesichtspunkte berüctsichftgt werden, die in dem Entwurf« Freund und anderen Bor- ' lagen über die Revision des Judenrechts, über den Schutz der Miuo- ' ritäten enthalten sind, dann glauben wir, daß eine Möglichkeit gegeben ist, auch manche der uns noch Fernstehenden, für uns zu gewinnen. Ein« wesentliche Frage ist natürlich auch di« Regelung der Einzel- I arbeft im Beröandstage Die vorgelegte Geschäftsordnung scheint uns s für den Schutz der Minderheiten nicht vollkommen zu genügen. Auch 1 in dieser Beziehung erhoffen wir ein« Avnderung zu unserer völligen t Befriedigung. Meine Damen und Herren! Wir haben, was die einzelnen Fragen der Tätigkeit des Landesverbandes au laugt, ein« Reihe von Spezialwüwschen, die wir Vorbringen werben. Ich will die Zeit dieser Versammlung nicht allzu sehr in Anspruch nehmen und brauche nicht alles zu wiederholen, was die Herren Vorredner schon an Worten gesagt haben^ die wir unterschreiben. Wichtig scheint mir vor allem der Gesichtspunkt, baß nicht nur die jüdische Schule im allgemeinen erhalten wird, wo immer «S angeht, sondern daß wir unser« Blicke richten auf die zahlreichen jüdischen Schulen, die in den letzten Jahren bei der Ungunst der Zeilen vingegangen sind ober im Gingehen begriffen sind. Wir haben deshalb vorgesehen, daß im Etat auch der im Eingehen begriffenen kleinen Schulen, vor allem im Westen unseres Landes, gedacht werde und daß gesorgt wird, daß außerdem allüberall, wo es möglich ift jüdische Schulen entstehen. Es ist unmöglich, daß ein Geschlecht heranwächst, das stark im jüdischen Leben ist, wenn wir es beschränken im Unterricht aus bie allgemeinen Staatsschulen, denn mau weiß ja. daß gerade neuerdings z. B. tu den preußischen Schulen bewußt <urf starke Betonung des christlich-germanischen Charakters hingearbeitet wird. Wir wünschen also vor allem Erhaltung aller bestehenden und Neueinrichtung jüdischer Schulen. Auch möchten wir, und das brauche ich wohl von unserem Standpunkt aus nicht näher zu begründen und nicht besonders zu betonen, daß die hebräische Sprache als Sclbstwert anerkannt und mehr als bisher % gefördert werde (Beifall). Wir haben hier gehört, daß alle Vertreter ' der verschiedenen Richtungen, darunter auch der Redner der liberalen Fraktion fehlerlos einen Poffuk wiederholt haben. Ja, meine Damen und Herren, meinen Sie, es wird in der nächsten Generation noch so gehen, wenn Sie nicht dafür sorgen, daß wirklich hebräisch gelernt wird? Wenn wir ein lebendiges Judentum wünschen, so ist der hebräischen, der heiligen Sprache ein starker und entscheidender Einfluß in der Erziehung unserer Jugend zuzuweisen (Beifall). Meine Damen und Herren! Wenn wir von der jüdischen Schul« sprechen, dann wollen wir auch limud-taurok. Gestern hat Herr Rabbiner Tr. Baeck davon gesprochen: Wir sollten ein jeder ein den taurok sein. Es gibt nicht mehr viel k'ne taurok in deutschen Landen. Wir wünschen, daß alle das Gesetz, seine Bedeutung und seinen Inhalt auf den Lippen und im Herzen tragen und daß dieses Gesetz, wie in der Lebensführung, auch in der Lebensauffassung entscheidend ist. Dazu bedarf es neben seiner gemütlichen auch seiner wissenschaftlichen Erfassung. Wir müffen alle darauf hinwirke», daß wirklich talmud taurok das Erbgut, das uns übergeben ist zu Hege und Pflege, bleibt. Wir wollen deshalb uns nicht fernhalten und abzwängen lassen von dem Strome der allgemeinen Kultur. Wir sind voll des hohen Wertes, insbesondere auch der deutschen Kultur und der deutschen Erziehungsideale sBeifall), die Mitwirken und mitgewirkt haben zum Ausbau unseres inneren Menschen, aber gerade mit Rücksicht auf die nivellierenden Einflüsse dcffen, was um uns lebt und dessen, was durch Umwelt und Miterloben in uns auferbaut wird, müssen wir mit besonderem Eifer und Ernst darauf wirlcn, daß solches Erleben und Erfassen der taurok solcher talmud taurok, überall getrieben und mit emsigem Fleiß erstrebt wird, daß es Anstalten gibt, wo die Menschen Tag und Nacht sitzen und sich mit dem Studium der Lehre befassen (Beifall rechtb). Wir verlangen, daß für talmud taurok auch von Verbairds wegen mit einem Etatsbetrage gesorgt wird, damit auch gerade im Kreise der Laten, — wie wir sie heute leider nennen müssen — wieder talmud taurok zu Ehren kommt. Ter wesentlichste Posten des Etats ist selbstverständlich der, der die materielle Fürsorge für alle die regelt, die dieses Lehrgut verwalten sollen. Da finden wir uns eins mit allen anderen Richtungen: Es muß dafür gesorgt werden, daß die Lehrpersonen im heiligen Amt« des Rabbiners, Lehrers und Vorbeters, auch die, die das heilige Schächtexamt versehen, sehen, daß für ihre Ausbildung und für ihr materielles Wohl gesorgt wird. Im Einzelnen müssen wir weiter darauf achten, und hier kommen wir auf einen Punkh den wir durch spezielle Anträge zu fördern suchen werden, daß das religionsgesetzliche Loben in unseren Reihen materiell erträglich und möglich gemacht wird. Wir gesetzestreuen Juden haben bei unseren beruflichen Reisen noch heute ein wesentliches Opfer zu bringen, denn wir haben nur in wenigen Gemeinden zuverlässige rituelle Verpflegung, und wir müssen uns damit abquälen daß wir uns auf unsere Reise mitnchmen, was wir bei kurzem Aufenthalt evtl, gebrauchen. Wir verlangen deshalb die Förderung ritueller Speisegelegenheiten in Stadt und Land. Es ist mindestens wohl ein Viertel der preußischen Juden, vielleicht auch weit mehr, die die Bewilligung dieser Forderung erhoffen. Hiernach werden wir einen Antra« «inbringen, wonach es den Gemeinden zur Pflicht gemacht wird, dafür zu sorgen, und zwar etwa durch restlose Uebernahme der Auffichtskoste« usw., daß die rituelle Lebensfühung nicht an den Einzelnen besonder« materielle Anforderungen stellt. Weiter müsse« für einzelne Gemeinden Subventionen für religiöse Einrichtungen