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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1926-03-10 · 1 (10.3.1926) · p. Seite 13

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
4 (1926)
Issue
1 (10.3.1926)
Date
1926-03-10
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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gewohnt zu geben; der Gedanke, einmal nehmen zu müssen, hätte für sie etwa» Furchtbares bedeutet. . Und es kam die Stunde, — wir haben sie miterlebt — in der viele von ihnen die Heimat verloren, fortgehen mußtey und zu Nehmenden wurden. Trauriges Schicksal — Judenschtcksal. Wir wollen dankbar der Hilfe des „OstjudentnmS" gedenken. Ich entfinne mich der Zeit, als etwa im Jahre 1881, nach den Jgnatieffschen Matgesetzen dir auS Rutzland fliehenden Brüder hier durchzogen und unsere Väter sie stützten. Diese „Oftjuden" haben unsere Liebe mit Zinsen und Zinseszinsen in den Tagen der NachkriegSnot uns auS Amerika zurückerstattet. Denn die Geber in Amerika, die große Masse, der im Joint Distribution Comitee Organisierten, die sich unserer deutschen, jüdischen Not erbarmten, ohne die wir unsere Institute nicht hätten ausrecht erhalten können, unsere Kranken nicht Heilen, unsere Alten nicht pflegen, unsere Waisen nicht ernähren und unterrichten können, waren, vergefien wir daS nie, „Ostjuden". Darum bedeutet das Wort „Ostjude" für uns kein Problem, wir sind brüderlich mit ihnen verbunden. DaS ist unsere Grundausfassung. Welche Aufgaben Haben wir nun auS dieser unserer Grundeinstellung heraus im Landesverbände zunächst zu lösen? Ich habe nicht die Absicht, in eine Spezialdebatie einzutreten, nur einig« der Hauptlinien möchte ich ziehen. Eine der wichtigsten und bedeutungsvollsten Fragen ist für uns die Frage der Erziehung unserer Jugend. Es kommt darauf'an, dafür zu sorgen, daß ein Geschlecht uns folgt, hoffentlich noch einheitlicher, noch jüdischer als das abtretenüe Geschlecht. Deshalb bekennen sich meine Freunde uneingeschränkt zu der Forderung der jüdischen Schule (Beifall). Wir sind überzeugt, daß die jüdische Schule das wichtigste Mittel ist, den jüdischen Menschen zu entwickeln. Meine Damen und Herren! Zwei Stunden Religionsunterricht in der Woche oder selbst drei Stunden können nicht genügen. Das ist ein Surrogat, auö dem nun und nimmer das erwachsen kann, was wir wollen. Wir wünschen für unsere jüdischen Kinder eine jüdische Ausbildung, die sie zu Volljuden macht. Wir wünschen auch, daß unsere jüdischen Kinder von Jugend auf mehr von der Weihe des Sabbats und der jüdischen Festtage empfinden, als eS heute vielfach der Fall ist. Das ist aber nur möglich in der jüdischen Schule, wo das jüdische Kind, da am Sabbat und Festtag schulfrei ist, zusammen mit Vater und Mutter ins jüdisch« Gotteshaus gehen kann (Beifall). Damit hängt eine der dringendsten Aufgaben, die wir zu lösen haben, zusammen, die Lehrerfrage. Ich möchte betonen, daß wir die Forderungen der Lehrer, nein, so kann ich es nicht sagen, denn es sind unsere Forderungen, für in jeder Hinsicht berechtigt halten. Es muß nur von der Rede so schnell wie möglich zur Tat-Übergegangen werden. Wir haben im Etat eine Reihe von neuen Lehrerstellen vorgesehen. Hoffen wir, daß wir das Lehrermatertal haben, die Stellen zu besetzen. Wir haben dem Lehrer in den Gemeinden eine seiner Bedeutung entsprechende soziale Stellung zu geben und dafür zu sorgen, baß der Lehrer - wirtschaftlich so gestellt ist, daß er sorgenfrei vor die Klasse treten kann (Beifall). Wir haben aber auch rin Lehrergeschlecht heranzubilden, das die neue Zeit begreift, versteht, baß es heute neue und größere Aufgaben zu lösen gibt. Wir haben in Berlin die von meinen zionistischen Freunden begründete hebräische Sprachlehranstalt einstimmig in die Verwaltung der jüdisch«« Gemeind« übernommen. Wie wir ein geeintes Judentum in der Welt haben wollen, fo ist auch die Pflege seiner Sprache, der hebräischen Sprache, die von tausenden und abertausende« Juden jetzt wieder gesprochen wird, für uns eine Frage des Lebens. Hebräisch muß wieder zum lebendigen Besitztum jedes einzelnen Juden werden. (Beifall). Wir lehnen ab, zu erwägen, ob man nicht etwa den Umfang deS Hebräischen im Gottesdienste einschränken soll, weil die Hebräischen Kenntnisse zu gering geworden seien. Die hebräische Sprache führt zu dem lebendigen Quell jüdischen Lebens und Erlebens im Gottesdienste und im Leben unseres Volkes überhaupt (Beifall). Das Ziel muß unter allen Umständen so gesteckt werden, daß es keinen jüdischen Menschen gibt, dem die hebräische Sprache nicht mindestens jo geläufig ist, als eine der auf unseren Höheren Schulen gelehrten Fremdsprachen (Unruhe und Widerspruch bei den Liberalen). Wenn unsere Kinder eS im Englischen und Französischen zu einer gewissen, manchmal recht anerkennenswerten Gewandtheit bringen, so ist eS wahrhafttg nicht zuviel verlangt, wenn ich fordere» daß zum mindesten die Stufe, die im Englischen und Fränzösischen erreicht wird, im hebräischen Unterricht erreicht werden muß (Beifall). Jüdische Schulen, jüdisch« Lehrer, die sich ihrer Aufgaben bewußt sind! Darüber hinaus wird die wichtigste Aufgabe d«S Landesverbandes auf dem Gebiete der sozialen Arbett liege«. Wenige Worte: wie wir jüdische soztale Arbeit verstehen, habe ich bereits angebeutet, als ich über daS Ostjudentum sprach, über die gogenseittge Hllfe, di« brüderliche Solidarität, bei der Geben eine Pflicht, Rehme» ein Recht ist, weil heute nimmt, wer gestern geben konnte, und morgen gibt, wer heute nehmen mußte. Wir werden dabet nicht vergessen, wa» auf 13 — -s 1 diesem Gebiete geleistet ist. Ich darf die Deutsche ZentralwohlfahrtS» stelle dankbar erwähnen, auch ganz besonders daS jüdische Arbeiterfürsorgeamt. Gegenseitige Hilfe von, Ost an West und West an Ost, diese Idee, die in der jüdischen Welthilfskonferenz vertreten ist, müsse» wir pflegen. Seiner von unS ist feines Schicksals sicher! Vergesse» ■ wir das nie. Unsere soziale Arbeit kann nur geleistet werden auf der; Grundlage jüdischer Solidarität (sehr richtig). Nur, wenn ich vom Bruder nehme, fällt daS mit dem Nehmen sonst verbundene drückende Gefühl fort. Das Wanderungsproblem, das jüdischste aller Probleme, bringt schwere Aufgaben. Auch innerhalb Deutschland» - haben wir daS erfahren; ich denke nicht nur an den Zuzug auS dem Osten, sondern auch aus dem Elsaß und aus dem polnisch gewordene» Posen und Westpreußen. Meine Damen und Herren! Was ich hier vorgetrage« habe, scheint mir im Rahmen unserer Arbeiten zu liegen. Es sind ja auch Pflichten, denen bisher die preußischen Synagogengemeinüen bet aller Kritik, die im einzelnen an chren Leistungen geübt werden muß, sich jedenfalls grundsätzlich nicht entzogen haben. Meine Freunde gliedern sich «in in die Arbeit des preußischen Landesverbandes, zu dessen Aufgaben auch der Kampf für unsere Rechte als Staatsbürger gehört. Wir diskutieren über unsere staatsbürgerliche Gesinnung nicht. Wir verlangen für uns das Recht, in j ü d i s ch e n Dingen hundertprozentig jüdisch zu sein (Beifall). In jüdischen Dingen sind wir jüdisch, in deutschen Dingen sind wir deutsch. Eine Vermischung dieser beiden Dinge lassen wir nicht zu, jode jüdische Arbeit ist nur unter dem Gesichtswinkel zu betrachten, ob sie der Vertiefung und Entwicklung unserer, weiß Gott, berechtigten Eigenart dient (Beifall). diesem Standpunkt aus begrüßen wir die Mitarbeit aller Kreise, di^-iese Arbeit mit uns leisten wollen. So glauben wir dem Einheitsgedanken, von dem Herr Dr. B a e ck gesprochen hat, zu dienen. Nur eine Abgrenzung nehmen wir vor, ich muß das in aller Oeffent» lichkeit deutlich aussprechen: wo wir fühlen und sehen, -atz ln jüdische -• Arbeit unjüdische Gedanken hineingetragen werden, wo wir die Empfindung haben, daß aus irgend welchen äußeren Rücksichten Arbett nicht um des Judentums willen getan werden soll, finden wir keine Möglichkeit -er Zusammenarbeit. Ueber den Wahlkampf soll in dieser Stunde nicht gesprochen werden. Nur das eine sei gesagt: daß man jüdische Menschen, die ihr Leben jüdischer Arbeit gewidmet haben, an den Litfaßsäulen anprangert und denunziert, darf nicht wieder vorkommen. In Der Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde ist diese Methode des Verbandes national-deutscher Jude» erfreulicherweise einstimmig verurteilt worden. Ich habe Eugen Fuchs, der mir menschlich sehr ncche stand, so geschätzt, wie Sie ihn geschätzt haben. Wie Eugen Fuchs üLer gewiss« Dinge dachte, habe» wir dieser Tage in einer Reihe von jüdischen Zeitungen gelesen. Ich will nicht deutlicher werden. Mit den Kreisen, die Eugen Fuchs da gebührend charakterisiert hat, gibt es für uns keine jüdische Gemeinschaftsarbeit (Beifall). Brüderliche Hand jedem Juden, das Herz und die Hand offen zu gemeinsamer Arbett, aber keine, auch nicht die geringste Konzession an diejenigen Kreise, von denen ich soeben sprach. Weil wir unser Judentum, unser Volk und seine Aufgaben lieben über alles und weil wir in seiner Renaissance und in der Renaissance deS jüdischen Gedankens das Ziel unseres Lebens sehen, ist unS jeder, der uns helfen will, willkommen. Die, erfreulicherweise kleinen, ^Kreise aber, denen auch nicht daS geringste Verständnis von der Größe der jüdischen Idee geworden ist, die überhaupt noch nicht begreifen, worum eS sich handelt, können unsere Bundesgenossen nicht sein. Hier muß der Strich deutlich und klar gezogen werden. Wenn im Sinne meiner > Ausführungen die Zusammenarbeit zwischen uns dazu führen wird, ' daß ein immer größeres gegenseittgeS Verstehen Platz greift, wenn sie j gemeinsam mit unS arbeiten werden, an der Erfüllung der letzten und! höchsten Ideale unseres jüdischen Volkes, so werden wir glücklich sei» ] und die heutige Stunüe segnen (Lebhafter Beifall). Präsident Sonnenfeld: Das Wort hat der Abg. Horovitz. Abg. Horovitz: Meine Damen und Herren! Wenn ich hier für die Konservative Fraktion das Wort ergretfe, und wenn ich dem Beispiel meiner Herren Vorredner folge, so muß ich zunächst abgrenzen und klarlegen, was unsere Fraktion will und was sie vertritt. ■ Die Bemerkungen der beiden Hauptredner zur Debatte» die vor mir gesprochen haben, haben Widerhall in unserem Herzen gefunden^ und zu unserer Freude konnte ich sehen, daß in vielem Wesentlichen, von Teilpunkten ^gesehen, die ganze BersamMluug einmüttg Haupt-; gesichtSpiunktien zugefttumrtj hot, die Hie Redner entwickelt haben. Sprach doch aus dieseu Aeutzeruwgeu btxs Debatteredner der Wunsch, daß wirklich das Judentum nichts Totes bleiben soll, daß es lebendig in jedem einzelnen sich enitwickelm soll! War eS für uns doch wie ein« Offenbarung, daß wir, «ach allem, was in den letzte» Jechr zehnten . von nnseren liberalen Brüdern alS abschaffenSwert in den Vorder» jj grund gestellt wurde, hier heute ein klares großes Bekenntnis in den j

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