Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- 1 (10.3.1926)
- Date
- 1926-03-10
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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selbst kennen oder in der Kindheit erfahren haben. Wir alle wissen, welche Bedeutung es hat, daß Juden und Jüdinnen um -es Judentums willen gemeinsam zusammenstehen in allen Aufgaben, die uns gestellt sind. Die Großstadt mit ihren weiten Entfernungen gibt nur unvollständig die Möglichkeit, hiervon Gebrauch zu machen. Um so mehr ist eS notwendig, die kleinen Gemeinden zu erhalten, aus denen die Kraft des deutschen Judentums seit jeher geflossen ist. Durch den unglücklichen Frieden haben wir wesentliche Teile unserer östlichen und westlichen kleinen Gemeinden verloren, Teile, die heute nicht mehr zu unserem Vaterland gehören und in denen jüdisches Leben infolge der politischen Umwälzung so gut wie erstorben ist. Wir hoffen aber, daß die Männer und Frauen, die dort gewirkt haben, auch in ihren neuen Wirkungskreis diese heilige Flamme jüdischen Lebens verpflanzen werden (Beifall). Was dazu geschehen kann, um das geistige und seelische Leben in den kleinen Gemeinden aufrecht zu erhalten, können Sie von uns und unserer Liebe und Opferwilligkeit erwarten. Ich komme nunmehr zum entscheidenden Punkt. Alles das, was wir hier leister», wird nur Stückwerk sein, wenn wir uns nicht vor Augen halten, -aß wir nicht bestimmte Einzelzwecke verfolgen, sondern baß wir stehen im Dienste des großen von Geschlecht zu Geschlecht dauernden ewigen und unsterblichen Judentums (Beifall) und daß wir im Dienste dieser Idee einig sind. Wohl mag jeder nach seiner Gesinnung ein anderes Mlvom Judentum im Herzen tragen, Ader darin, daß wir ein einiges, weder durch örtliche noch zeitliche Schranken getrenntes Judentum unter uns kennen, unterscheiden wir Liberalen uns wohl von keinem im Saale. Auch wir wifieu, daß Gottes Wort zum gesamten Volke Israel gesprochen wurde, daß die Propheten zu allen Juden, ja zur ganzen Welt, geredet haben. Und wenn wir heute auf dem Standpunkt stehendaß wir in der Zerstreuung, die für uns ja der gottgewollte Zustand unseres Lebens, keine Verbannung, nicht in allen Einzeldingen gleicher Meinung sein können, in der Liebe zum Judentum, im Stolz auf feine Vergangenheit und in der Hoffnung auf seine ewige Zukunft sind wir einig (Beifall). Jüdische Arbeit kann nur dann wertvolle Arbeit sein, wenn sie jüdische Gemeinchaftsavbeit ist, wenn sie von dem Bewußtsein diktiert ist, daß jeder Einzelne nicht Selbstzweck ist, sondern daß wir alle im Dienste der großen gewaltigen religiösen Idee stehen^ um devetwillen unsere Väter den Scheiterhaufen bestiegen haben. Somit wires unsere Aufgabe fein, und das betrachten wir Liberale als wichtigstes Endziel, diejenigen Männer und Frauen, die dem Judentum dem Namen nach angehören, aber noch nicht mit dem ganzen Herzen dabei sind, mehr und mehr an uns heranzuziehen. Wir wollen diejenigen gewinnen, die zwar zum Judentum hivstreben, aber kraft ihrer Vorbildung und Erziehung nicht dazu gelangen können, also diejenigen, die man indifferent yennt, die es aber oft garnicht sind. Die Heranziehung dieser großen jüdischen Maff« ist eine der großen Aufgaben, die entscheidende Aufgabe des deutschen Judentums. Diese Aufgabe zu lösen, an ihr mitzuarbeiten, wird im wesentlichen die Aufgabe -er Verbandsorganisationen sein. Wir wollen keine leere Berwaltungsmaschine und kein Dekorationsstück, sondern eine Gemeinschaft jüdischer Männer und Jrauen, bi« Führer werden für ihre Schwestern und Brüder im Lande. Lassen Sie mich schließen mit einem Wort, das wir am letzten Sabbath in unserer Torah gelesen haben. Da ist die Rede von den Männern, die als 'Kundschafter in das unbekannte Land geschütt werden. Da sind zehn Kundschafter, die zweifelnd sprechen: ,^Air werden es nicht erreichen können" und da ist der eine Mann, welcher dem entgegenhält: «Wir werden es erreichen." Ja, wir werden es erreichen. Haben Sie Glauben an die Sache! Wir werden es erreichen, wir müssen es erreichen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Tr. Klee: Meine Damen und Herren! Unser Blick schweift heute zurück auf den Beginn unserer Arbeit. Wir erkennen an, daß wir einen bedeuteuden Schritt weitergekommen find, und ich danke im Namen meiner Freunde all den Männern, die für die Gründung dieses Landesverbandes eingetreten find. Ich glaube daS Verdienst konsequentester Mitarbeit auch für meine Freunde in Anspruch nehmen zu können. Wir sind vor Jahren schon für den Gedanken der Schaffung eines «JudentageS" eingetreten, haben den «Verband der deutschen Juden" unterstützt und stellen als eine der erfreulichsten Tatsachen fest, daß dieses preußische Judenparlament auf absolut demokratischer BasiS gewählt ist. (Sehr richtig.) Wir haben für diese demokratische Basis gekämpft, weil wir meinen, daß jeder Jude und jede Jüdin das Recht, aber auch die Pflicht der Mitarbeit haben, und daß es, wenn man der Gleichgültigkeit steuern will, kein besseres Mittel gibt, als jeden Einzelnen hineiuzustellen in den Kreis lebendiger Mitarbeit. Wir sind nicht einverstanden mtt der Wahl des Rates des LandeSverbandeS. Seine Zusammensetzung entspricht nicht unserer demokratischen Einstellung. Sie ist tm wesentlichen noch auf der Basis der alten Rotablen-Politik erfolgt und trägt einen ausgesprochenen plutokrattschen Lharakter; sie ist damit von wahrer Demokratie wett entfernt. (Zustimmung links.) Es ist auch keine genügende Rücksicht genommen auf die berechtigten Wünsche der Minoritäten. Wir erwarten eine baldige Aenderung der Verfassung, die auch bei den Ratswahlen die demokratische BasiS sichert. Wir sind ein preußischer Landesverband, aber «preußisches Judentum" ist für uns natürlich kein Begriff, mit dem wir arbeiten können. Preußisches Judentum ist, das haben wir alle erlebt, Ergebnis eines Zufalls oder, wenn Sie so 'wollen, eines Zufallsfchickfals. Die Grenzen sind gezogen ohne unser Hjnzutun. Aber auch «deutsches Judentum" ist für uns kein abschließender Begriff. Wir kennen nach unserer Weltanschauung nur eines: ein einheitliches Judentum auf der Welt, e i n einheitliches jüdisches Volk. Aus diesem jüdischen Volke lebt in Preußen ein Ausschnitt. Wenn wir in erster Linie im Landesverband mit den Angelegen, heiten der preußischen Juden zu tun haben, so erklärt sich das daraus, daß der Familienvater zuerst für sein eigenes Haus sorgt. Aber: Mit Vorbedacht ist der 8 3 der Verfassung, der sich über den Zweck der Organisation ausspricht, so gefaßt, daß der Verband darstellen soll die Zusammenfassung der preußischen Synagogengemeinden zur Pflege «aller ihrer" Interessen. Was heißt «aller ihrer" Interessen? Der Begriff ist klar, es kann für einen Juden keine einengende Interpretation geben. Nichts Jüdisches darf eipem Juden fremd sein, «alle ihre" Interessen bedeutet, alle diejenigen Ausgaben, denen jüdische Menschen unserer Tage zu dienen haben. Von Fall zu Fall werden praktische Gesichtspunkte entscheidend sein. Wer alles im gleichen Augenblick will, wird nichts erreichen. Aber das Prinzip muß feststehen. Deshalb haben wir zunächst festzuhalten, daß die großen Gesamtausgaben der Jubenheit auf der Welt auch in den Rahmen unserer Tätigkeit hineinfallen. Ueber Einzelheiten mag man streiten, der Grundsatz muß unverrückbar festftehen. Meine Damen und Herren, das erste, das Wichtigste ist uns die Neubelebung des jüdischen Volkes, die Renaissance — die Wiedergeburt — unseres jüdischen Lebens. Daraus folgt, daß in der historischen Stunde der Wiederbelebung des alten Volkes auf dem althistorischen Boden auch in dieser Versammlung des neu entstehenden jüdischen Lebens in Palästina mit Liebe gedacht werden muß. (Beifall.) Ich denke, daß es uns allen in diesem Hause unmöglich ist, in der ersten Sitzung der preußischen Landesversammlüng jüdischer Gemeinden unausgesprochen zu lassen, was es uns bedeutet, daß der zweitausendjährige Traum unseres Volkes in unseren Tagen in Erfüllung geht. Wir begrüßen es mit Freuden, daß die Verpflichtung zur Mitarbeit am Wiederaufbau Palästinas heute, ich darf wohl sagen, von allen Juden der Welt anerkannt wird. (Beifall.) Es gibt keinen wirklichen Juden mehr, und ich spreche hier wohl mit Ihrer allxr^Zustimmung, der die Mitarbeit an dem Wiederaufbau Palästinas nicht als jüdische Pflicht empfindet. Wir haben die Palästina-Resolution des Rabbiner-Verbandes in Köln mtt aufrichtiger Freude gelesen, und hoffen auf treue Mitarbeit der Rabbiner in Deutschland für Palästtna. (Beifall.) Ist eS nicht ein Stück messianischer Erfüllung, das wir erleben? Von vierzig Universitäten der Welt haben die Vertreter, die geistige Elite der Menschheit, auf dem Oelberg gestanden und gesegnet, wo man bisher für Israel keinen Segen hatte. Es ist der Beginn der Erfüllung der alten Sehnsucht unseres Volkes. Welch fühlender Jude könnte gleichgültig beiseite stehen! (Beifall.) Wer aber nur ein Judentum auf der Welt kennt, der muß mir weiter folgen, wenn ich das Problem anschneide: Ostjudentum — Westjudentum. Ich habe öfters schon gesagt, ich Haffe das Wort Ostjudentum, wie ich auch daS Wort Westjudentum Haffe. Dieses Wort, ein unglückliches Ueberbleibsel des Sriegsjargons» fetzt eine künstliche Scheidung zwischen Juden und Juden auf der Wett voraus, die wir nicht anerkennen. Wir kennen kein Ostjudentum und kein Westjudentum. Wir kennen nur e t n Judentum auf der Welt, dem unsere heiße Liebe bis zum letzten Atemzuge und unsere dauernde Arbeit gilt. (Sehr richtig.) Wir begrüßen eS besonders, daß in dieser Landesversammlung bedeutende Vorkämpfer ostjüdischer Herkunft in unserer Mitte weilen. Wir deuffchen Juden, und ich bitte mir besonders zu gestatten, mir, der ich auS alter rheinischer Famitte stamme, es zu sagen, danken den Brüdern aus dem Osten. Wir wissen, daß durch den jüdischen Geist und die jüdische Kraft deS Ostens daS zurückgehende erschlaffende Judentum in unserer Mitte oft wirkungsvolle Auffrischung und Neubelebung erhalten hat. ES gibt eine jüdische Solidarität auf der Welt, die deS gegensetttgen Gebens und Nehmen», eine Brüderlichkeit, von der sich niemals jemand ausgeschlossen bat. der eS als eine Ehre empfand, Jude fein zu dürfen. Unser Schicksal ist nicht immer gesichert. Ich kannte Posener Juden, stolz«, edle und kluge Mensche«. Sie waren